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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 22.03.2007

"Er wollte eine neuere Art der Oper einführen"

Sänger Fischer-Dieskau zur wenig bekannten Seite Goethes als Intendant

Moderation: Nana Brink

Dietrich Fischer-Dieskau (AP Archiv)
Dietrich Fischer-Dieskau (AP Archiv)

Der Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau hat Johann Wolfgang von Goethe als Theater-Intendanten gewürdigt. "Was ihn modern macht, das ist zum Beispiel die psychologische Regie", sagte Fischer-Dieskau anlässlich des 175. Todestages des Dichters. Trotz vieler Kritiker sei der Intendant Goethe nie engstirnig gewesen.

Nana Brink: Es fällt ja schwer zu glauben, dass es noch eine Seite an diesem Dichter gibt, die nicht tausendfach beschrieben worden ist. Doch Goethe, die alte Fundgrube, ist eben ein unerschöpfliches Genie. als Dichterfürst und Staatsdiener, als Naturwissenschaftler und Kunsttheoretiker. Nur als Theatermann ist wenig über ihn geforscht worden. Dabei war er 26 Jahre Leiter des Weimarer Hoftheaters. Kein geringerer als der der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, eine der einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit, entdeckt den Theatermann Goethe. Sein Buch "Goethe als Intendant – Theaterleidenschaften in Weimar" ist nun erschienen. Schönen guten Morgen Herr Fischer-Diskau!

Dietrich Fischer-Dieskau: Guten Morgen!

Brink: Als Sänger, unter anderem auch als Goethe-Interpret, haben Sie Ihre Karriere 1993 beendet, um als Regisseur und Buchautor weiter tätig zu sein. Hatten Sie dann endlich Zeit, sich dem Theatermann Goethe zu widmen? War das Vorsatz oder Zufall?

Fischer-Dieskau: Das war nicht Zufall, denn ich hatte ja ein Leben lang eigentlich mit Goethe zu tun. Ich habe unendlich viele Lieder, auch Texte von ihm gesungen, und das hat ja zugleich dann auch zu einer gewissen Erkenntnis der Sprachtechnik geführt, die er angewandt hat und die seine eigenen Libretti zu Singspielen und Opern ganz stark beeinflusst haben. Die Technik, wie man Konsonanten, wie man Vokale anbringt, so dass der Text sozusagen nach Musik schreit.

Brink: Es ist doch erstaunlich, dass das nie bearbeitet worden ist. Und gerade heute jetzt anlässlich des 175. Todestages von Goethe lässt sich da wirklich noch was Neues entdecken? Es legt ja ihr Buch nahe.

Fischer-Dieskau: Ich glaube, dass man das ruhig sagen darf. Natürlich hat sich jeder der Goethe-Forscher mal am Rande unter Umständen mit einer halben Seite in einem dicken Wälzer damit befasst, aber doch nicht wirklich durchgreifend, so dass man ein Bild sich machen kann von dem Leben damals in Weimar und an der Bühne, welche Schwierigkeiten zu bewältigen waren, welche finanziellen Nöte – ganz wie heute – Goethe verfolgt haben. Und die Auseinandersetzungen mit dem Vorgesetzten, mit dem Großherzog, und die Intrigen, die innerhalb des Theaters gesponnen wurden. All das ist wert, mal dargestellt zu werden.

Brink: Der Untertitel ihres Buches "Goethe als Intendant" heißt "Theaterleidenschaften in Weimar". Was hat Sie denn an Goethe als Intendant gereizt: dass er ein leidenschaftlicher Theatermann war, genauso wie Sie ein leidenschaftlicher Sänger?

Fischer-Dieskau: Er hat sich selbst dazu entwickelt. Er hat ja fast zehn Jahre im Liebhabertheater in Weimar mitgewirkt, sowohl als Darsteller als auch als Regisseur, und hat sich ganz planmäßig vorbereitet eigentlich auf diesen Beruf und wurde immer professioneller, auch Schauspieler. Sodass er später in der Lage war, eine richtige Schauspielschule aufzumachen und sehr viele Schüler zu haben und den Schülern alles ganz genau mitgeteilt hat, was er sich so dachte.

Das ist dann später leider ein bisschen irrtümlich gedruckt worden, indem man Einzelanweisungen für einzelne Individuen allgemein formuliert hat. Das hätte er wahrscheinlich in dieser Form so nicht zugelassen. Macht aber nichts. Wir können ruhig ein bisschen schmunzeln, wenn da Anweisungen drinstehen, die heute ein bisschen komisch wirken. Es ist noch genug übrig an wichtigen Tatsachen.

Brink: Wo haben Sie Ihr Material gefunden, das neue Material?

Fischer-Dieskau: Ich glaube, das ist eine Arbeit von, ich weiß nicht, 100 Forschungsbänden und natürlich auch originale Materialien in Weimar et cetera.

Brink: Das heißt, Sie sind wirklich in die Archive gestiegen?

Fischer-Dieskau: Ja natürlich. Ohne das lässt sich so etwas nicht machen.

Brink: Goethe sagte einmal, durch eine Aufführung lernt man sein eigenes Stück erst richtig kennen, es ist besser, als ich es schrieb. Wie wichtig waren denn Goethe die Inszenierungen der eigenen Stücke?

Fischer-Dieskau: Die waren ihm insofern nicht ganz so wichtig wie die anderer Stücke, als er seinen eigenen Anteil an Dichtungen im Repertoire auf einer Niedrigsthöhe gehalten hat, ich würde denken, etwa fünf Prozent, mehr nicht. Also er war nicht Theaterdichter im praktischen Sinne, dass er von heute auf morgen immerzu Stoff für die Bühne geliefert hätte, wie seine Konkurrenten Iffland oder Kotzebue.

Brink: Und welchen Einfluss hatte dann das Theater auf sein Schreiben?

Fischer-Dieskau: Sie müssen sich nicht vorstellen, dass es mit der Dichtung nun so reibungslos weiterging, nachdem er eine weitere neue Beschäftigung zu bereits vorhandenen, vielen, vielen Aufgaben bewältigte. Da hatte er nicht mehr viel Zeit eigentlich zu schreiben. Er hat wissenschaftlich weitergearbeitet, und er hat auf Schillers Anregung den Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" endlich zu Ende geschrieben, und auch "Die Wanderjahre" dann. Sonst an Bühnendichtungen hat es nichts mehr gegeben.

Brink: In einer Kritik der Allgemeinen Zeitung, Rhein-Main-Zeitung, steht, Fischer-Dieskau schreibt zu Goethes Qualifikation als Intendant, dass er die deutsche und die europäische Theatersituation schon längst voneinander unterschieden sieht, macht ihn erst fähig für die verantwortliche Leitung eines Berufstheaters. Und jetzt kommentiert die Zeitung: Wortgeklingel. Nur die unbeirrbare Liebe zum Gegenstand kann den Leser da noch bei der Stange halten. Ehrlich gesagt, ich habe diesen Satz auch nicht ganz verstanden. Was zeichnet denn dann Goethe so richtig als Intendanten aus?

Fischer-Dieskau: Es ist so, dass er von Anfang an nicht engstirnig dachte, nicht in den Grenzen des deutschsprachigen Raumes handelte, sondern dass er Abgesandte schickte, wie zum Beispiel den Bruder seiner späteren Frau, Herrn Vulpius, der ein Libretto nach dem anderen, es ging ihn ja hauptsächlich zunächst einmal um Oper und Singspiel, ins Deutsche übersetzte, und ein anderer Mensch, ein Musikmeister Kranz, hat dann dazu beigetragen, die Sachen singbarer zu machen. Darauf kam es ihn an. Natürlich waren Italiener … dabei, natürlich waren Franzosen dabei und so fort.

Brink: Und hat er das deutsche Theater dann höher eingeschätzt?

Fischer-Dieskau: Das würde ich nicht denken. Er wollte eine neuere Art der Oper, nämlich eine deutschsprachige Oper einführen, ist ihm aber nicht gelungen. Das ist erst späteren Generationen vorbehalten gewesen.

Brink: Sie haben es anfangs schon angedeutet, dass er eigentlich es auch mit sehr modernen Verhältnissen zu tun hatte als Intendant. Kommt er denn Ihrer Vorstellung von einem idealen Intendanten, wie Sie ihn vielleicht auch mal gerne gehabt hätten, nahe?

Fischer-Dieskau: Kommt er – zumindest in den ersten zehn Jahren. Später gibt es dann doch Verdruss. Es gibt ja ein altes Sprichwort, das sagt, länger als zehn Jahre sollte kein Intendant auf seinen Posten beharren. Er hat immerhin 26 Jahre ausgehalten und entsprechend vieles zu bekämpfen und zu überwinden gehabt.

Brink: Was macht ihn denn so modern?

Fischer-Dieskau: Was ihn modern macht, das ist zum Beispiel die psychologische Regie. Der Regisseur galt damals mehr oder weniger als Inspizient. Er sagte, wo man auf die Bühne geht und wo man wieder von der Bühne abgeht. Vielmehr war es nicht. Und er hat nun in einzelnen Proben sich die Schauspieler vorgenommen und wirklich die Rollen tief ausgelotet und unterrichtet.

Brink: Er war ja auch Politiker. Er war sozusagen tätig in seinem Land. Konnte er denn auch mit Finanzen umgehen?

Fischer-Dieskau: Er konnte damit zwar umgehen, aber er tat es nicht. Er überließ das dem Herrn Kirnz, der für die Kasse und alles andere zuständig war.

Brink: Und hat er schwarze Zahlen geschrieben?

Fischer-Dieskau: Ja, eine gewisse Zeitlang, als nämlich zum Beispiel Iffland als Gast auf seiner Bühne auftrat und unglaubliche Massen von Menschen anzog.

Brink: Jetzt kann ich es mir aber nicht nehmen lassen, noch mal den Sänger und Musiker Fischer-Dieskau natürlich anzusprechen: Für Goethe war das Theater ja die vollkommenste Kunstform überhaupt. Der hat einmal über Theater geschrieben, da ist Poesie, da ist Malerei, das ist Gesang und Musik, da ist Schauspielkunst und was nicht noch alles. Kommt Ihnen da die Musik nicht ein wenig zu kurz?

Fischer-Dieskau: Nein, das ist nicht so. Sie wäre wenige kurz gekommen in Ihren Worten, wenn er einen wirklich anständigen und passenden Komponisten gefunden hätte, der ihm zur Seite gestanden hätte. Das war aber leider nicht der Fall. Der einzige, an dem er sich wirklich hätte wenden müssen, war Mozart, und er starb dann sehr bald.

Brink: Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, unter den meisten Schriftstellern also auch auf dem musikalischen Gebiet ist Goethe eine absolute Ausnahme. Das heißt, er konnte Noten lesen?

Fischer-Dieskau: Er konnte Noten lesen. Er konnte Partituren lesen. Er hatte mehrere Instrumente als Kind schon gelernt. Seine Eltern haben beide viel musiziert. Also er ist von allen Seiten musikalisch eigentlich angeregt gewesen. Er hatte einen Komponistenfreund schon in jungen Jahren, der sich später dann allerdings als allzu effektiv im Anfertigen von Libretti und Kompositionen zeigte.

Brink: Sie haben 13 Bücher verfasst, darunter mehrere Biografien. Wer interessiert Sie noch? Über wen würden Sie noch gerne eine Biografie schreiben?

Fischer-Dieskau: Ich glaube nicht, dass ich noch eine Biografie schreiben werde. Ich bin jetzt 82.

Brink: Vielen Dank für das Gespräch.

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