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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 19.07.2005

Er sucht sie - Sie sucht ihn

Vor 310 Jahren erschien die erste Heiratsannonce

Von Thomas Klug

Vor dem Hochzeitskuss kommt die Suche nach dem richtigen Partner. (AP)
Vor dem Hochzeitskuss kommt die Suche nach dem richtigen Partner. (AP)

"Er sucht sie", "Sie sucht ihn", "Er sucht ihn" und "Sie sucht sie". Die Kontaktanzeigen beweisen: gesucht wird immer. Das Finden kann offenbar ein Problem sein. Dennoch: Die Kontaktanzeige ist nicht so alt wie die Menschheit, ganz schön alt ist sie allerdings schon: Die erste erschien am 19. Juli 1695 in einem von dem Londoner Verleger John Houghton herausgegebenen Wochenblatt.

"Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,
Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang;
Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.
Glaub, Lieber, mir: es war die Nachtigall. "

Dieses ganze Theater, Romeo und Julia, Nachtigall hier, Lerche dort oder vielleicht umgekehrt, dieses ganze Theater machte das Liebesleben recht kompliziert: Wer mit wem, wer darf davon wissen, wer nicht. Die Liebesglut, deren Entfachen dem Zufall überlassen wird, löst eben auch mal verheerende Brände aus – oder kommt einfach nicht zustande. Auf den Zufall ist jedenfalls kein Verlass, wenn man mit ihm das Liebesleben planen will.

In der Menschheitsgeschichte fanden verschiedene Modelle zur Liebes- oder besser Eheanbahnung ihren Einsatz. Sie hatten eines gemeinsam: Der Zufall sollte umgangen werden. Die Varianten waren: Eltern, die einfach Braut oder Bräutigam bestimmten. Oder Väter, insbesondere Märchen-Könige, die verschiedene Wettbewerbe ausriefen, um den Siegern ihre Töchter aufzunötigen und als Trost dafür ein halbes Königreich. Die fremdbestimmte Ehe ist in unseren Kulturkreisen höchst umstritten. Und Königreiche möchte auch niemand mehr so einfach halbieren. Spätestens als auch die Raub-Ehe, bei der Frauen aus gutem Hause entführt und gegen ihren Willen verheiratet wurden, von Heinrich VII. verboten wurde, war Hilfe in Sachen Eheanbahnung nötig. Die bot ein englisches Wochenblatt mit dem Titel:

"Collection for improvement of husbandry and trade"

Schon im Jahr 1692 hatte diese…

"Sammlung für den Fortschritt in Landwirtschaft und Handel"

…Pressegeschichte geschrieben: Sie hatte als erste Zeitung überhaupt einen Wetterbericht veröffentlicht. 1695, am 19. Juli, wurden die Leser erneut Zeugen einer Innovation: Der ersten veröffentlichten Heiratsannonce der Welt:

"Ein Herr von etwa 30 Jahren mit ansehnlichem Besitz sucht eine junge Dame mit einem Vermögen von ca. 3000 Pfund."

Die Leser rieben sich verwundert die Augen. Nicht, weil jemand eine Frau mit Geld suchte, das war nicht ungewöhnlich und soll auch heute noch vorkommen, sondern weil die Suche mit Hilfe einer Zeitung geschah. Die Offenheit der ersten Heiratsannonce wurde nicht belohnt, der Herausgeber der Zeitung musste allenthalben erklären, dass es sich nicht um einen Scherz handele. Dabei war der Text der Anzeige nah an der Realität, was die materiellen Bedingungen betraf: der Begriff "Heiratsmarkt" kommt nicht von ungefähr.

Früher, als Söhne beziehungsweise Töchter einander noch versprochen wurden, wollten zwei Familien eine Verbindung herstellen. Vertreter beider Seiten traten als Verhandlungspartner auf, die über ein Geschäft sprachen – zum beidseitigem Nutzen, was heute als win-win-Situation beschrieben wird. Von Liebe war weniger die Rede.

Der Siegeszug der Heiratsannonce ließ noch ein Jahrhundert auf sich warten. Der "Herr mit dem ahnsehnlich Besitz" dürfte dann nichts mehr davon gehabt haben. Inzwischen aber ist es eher verpönt, materielle Erwartungen zu stellen, wo es doch nur um Glück, Geborgenheit und gemeinsames Älterwerden gehen soll – "spätere Heirat nicht ausgeschlossen".

Die Annonce aber muss man inzwischen nicht einmal mehr selbst schreiben. Volkshochschulen bieten Kurse dafür an, Agenturen locken damit, die harte Arbeit des Formulierens ganz abzunehmen. Und Heiratsinstitute – die bieten noch ganz andere Sachen an. Das Heiraten ist eben noch immer ein Markt. Inzwischen ist auch das Internet eine einzige riesige Kontaktbörse – zum Leidwesen der Zeitungen, die immer weniger Inserate veröffentlichen können – und immer weniger daran verdienen.

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