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Thema / Archiv | Beitrag vom 21.07.2011

"Er galt immer als Pop-Philosoph"

Der Medienforscher Lorenz Engell über Marshall McLuhan

Moderation: Dieter Kassel

Der Medientheoretiker Marshall McLuhan im Jahr 1968 (AP Archiv)
Der Medientheoretiker Marshall McLuhan im Jahr 1968 (AP Archiv)

Ein großer Essayist, der sich aus dem akademischen Elfenbeinturm getraut hat: Vor 100 Jahren wurde der Medienphilosoph Marshall McLuhan geboren. Lorenz Engell von der Bauhaus-Universität in Weimar erklärt, was uns McLuhans Schriften heute noch zu sagen haben.

Dieter Kassel: Am 21. Juli 1911 wurde Herbert Marshall McLuhan in Edmonton in Kanada geboren. Sein Vater war Immobilienmakler, seine Mutter war zuerst Lehrerin und später Schauspielerin, und er selbst studierte Literaturwissenschaft und machte in diesem Fach dann auch seinen Abschluss. Es dauerte auch Jahrzehnte, bis McLuhan berühmt wurde mit etwas, was es damals auch noch gar nicht gab, nämlich Medienphilosophie. Berühmt und von Anfang an auch umstritten war er wegen seiner knackigen Formulierungen – von ihm stammen die These von der Welt als globalem Dorf und natürlich der berühmte Satz "Das Medium ist die Botschaft". McLuhan starb in der Silvesternacht 1980, heute wäre er 100 Jahre alt geworden, und deshalb will ich über ihn reden, mit Lorenz Engell. Er ist Professor für Medienphilosophie an der Bauhaus-Universität in Weimar und außerdem auch einer der beiden Direktoren des Internationalen Kollegs für Kulturforschung und Medienphilosophie. Schönen guten Tag an Sie!

Lorenz Engell: Guten Tag!

Kassel: Dieser Satz "Das Medium ist die Botschaft" ist so bekannt, dass er natürlich regelmäßig auch fehlinterpretiert wird. Wir müssen uns in die Zeit hineinversetzen, als McLuhan diesen Satz geprägt hat, das ist fast ein halbes Jahrhundert her. Medien, so wie wir sie heute kennen, gab es im Wesentlichen zwei, elektronische zumindest, Radio und Fernsehen, aber wie hat McLuhan für sich selber denn den Begriff Medium überhaupt definiert?

Engell: Für McLuhan sind Medien zunächst mal alle Werkzeuge, unterschiedslos. Alles, was der Mensch ... das ist ja eine anthropologische These, der Mensch ist das Werkzeug gebrauchende und Werkzeuge machende Wesen, und alle diese Werkzeuge sind für ihn zunächst mal Medien. Deshalb findet man in seinem vielleicht berühmtesten Buch, das auch dieses Zitat über das Medium und die Botschaft enthält, deutsch "Die magischen Kanäle", damals im Original "Understanding Media", deshalb findet man in diesem Buch auch Kapitel über die Uhr, über das Auto, über allerlei andere Werkzeuge und technische Geräte, die zunächst mal von Medien in unserem heutigen Sinne gar nicht unterschieden werden.

Diese Medien sind für McLuhan alle Erweiterungen des menschlichen Körpers. Mithilfe seiner Werkzeuge erweitert der Mensch seinen Wirkungskreis. Er kann weiter greifen, er kann schneller sich bewegen, er kann entferntere Ziele ins Auge fassen, er kann mit der Zeit anders, also nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit, zum Beispiel beim Film, sich anders bewegen. Das sind alles für ihn Medien. Und je weiter der Mensch nun sich ausweitet, mithilfe dieser Werkzeuge, in die Welt hinein, desto schwieriger wird es für ihn, das alles zusammenzuhalten.

Und um das alles zusammenzuhalten, kommen nun besondere Erfindungen oder besondere Geräte rein, die schon das meinen, was wir auch unter Medien verstehen: Das sind für McLuhan die Ausweitungen des Nervensystems oder des Zentralnervensystems sogar, also die Apparaturen der Wahrnehmung, der Koordination, der Steuerung, des Abwägens und so weiter. Darüber spricht er auch. Und für ihn und seine Zeit ist das Avancierteste dieser Medien natürlich das Fernsehen. Das Fernsehen war ein relativ neues, jedenfalls sehr stark expandierendes, die Kultur sehr stark beunruhigendes Medium, das unsere Wahrnehmung eben völlig verändert und mit dessen Hilfe wir die ganze Welt, die wir so weit gemacht haben durch diese Werkzeuge, zusammenhalten und beobachten können.

Kassel: Er hat die Medien – Sie haben die gerade auch schon genannt – die Medien, die wir heute auch noch unter diesem Begriff nennen würden, die hat er auch noch einmal unterteilt, und das ist damals so umstritten gewesen wie, ich glaube, auch heute noch, in heiße Medien und kalte Medien. Wo lag denn für ihn da der Unterschied?

Engell: Das ist eigentlich sehr instruktiv und einfach. Es gibt Medien, die liefern uns sehr viele Sinnesdaten, und zwar bis zu dem Grenzwert, wo sie uns mehr Sinnendaten liefern, als wir überhaupt verarbeiten können. Dann sind sie dicht. Das sind für ihn heiße Medien. Und einem heißen Medium gegenüber sind wir sozusagen abgeschottet, das liefert uns mehr, als wir überhaupt verarbeiten können – wir müssen nur filtern. Wir sind sozusagen klein gegenüber dem Medium, und das Medium schmeißt uns deshalb auch zu einem gewissen Grad raus. Das kalte Medium ist armselig, das liefert wenig Sinnesdaten, und dadurch zwingt es uns, dass wir uns ganz auf das Medium einlassen müssen. Wir müssen ergänzen, was das Medium nicht liefert – das ist ein kaltes Medium.

Das Fernsehen für McLuhan ist ein kaltes Medium. Man muss auch denken an das amerikanische Fernsehbild der frühen 60er-Jahre, das unsauber ist – das heißt, ich bin ständig dabei, das zu ergänzen, zu ersetzen, aufzufüllen. Ich bin als Zuschauer total involviert, auch wenn das Bild noch so klein ist. Das ist so ein bisschen eine Falle sozusagen, wenn man das Leuten erklärt, diesen Gegensatz. Sagen wir, ich sitze in Breitwand, Farbe und Dolby Surround im Kino, dann denke ich immer, na, das involviert mich doch – McLuhan würde sagen, nein, das beteiligt dich nicht wirklich, das zieht dich nicht rein, sondern es präsentiert dir etwas völlig Fertiges, einen Riesensatz an Sinnesdaten.

Das armselige kleine Fernsehen hingegen, das zieht mich rein, das zieht mich so sehr rein, dass das Fernsehen ja für McLuhan gar kein visuelles Medium war, sondern, wie er das nennen würde, ein taktiles. Ein taktiles Medium ist ein Nahmedium, eins, das einen ganz nah heranzieht. Das ist natürlich eine schöne Metapher, weil ja auch dieses Röhrenbild auf einem elektronischen Abtastverfahren beruht, und dieses Abtasten, das Scannen des Bildes, das ist unsere Haltung zum Fernsehen. Das Fernsehen rückt uns auf den Leib, es ist eigentlich taktil.

Kassel: Ist für Sie diese Unterscheidung schlüssig? Ich meine, ich könnte jetzt ganz banal sagen, was ist, wenn im Fernsehen, ohne Werbeunterbrechung, in guter Qualität ein Kinofilm läuft.

Engell: Ja. Dieses Argument ist interessanterweise bei McLuhan, ohne dass er es schon kannte, mit eingebaut, denn er verwendet auf zwei weitere Dinge große Sorgfalt in der Argumentation. Das eine ist, er sagt, diese beiden Bestimmungen sind immer relativ zueinander. Ein Medium kann kalt sein im Vergleich zu einem, und warm oder heiß im Vergleich zu einem anderen, das ist immer eine Frage der Konstellation. Zweitens, Medien können abkühlen und aufheizen. Wenn ich zum Beispiel das Fernsehen umstelle auf HD, auf High-definition, also ganz hoch auflösendes Fernsehen, das komplett dichte Bilder liefert, dann passiert so eine Umschaltung, dann heizt sich das Medium auf und liefert auch diesen dichten Datensatz. Wenn die Fernsehschirme jetzt so groß werden und so brillant, dann geht diese Qualität zurück. Das hat er schon als eine Dynamik der Medienentwicklung mit vorhergesehen. Und als Drittes käme noch hinzu sowieso, was er die Hybridisierung nennt, das heißt, Medien beeinflussen einander, gehen miteinander Verbindungen ein, zeugen Bastarde, wie er das nennt, in gefährlichen Liebschaften – das ist McLuhans Formulierung ...

Kassel: Gibt es dafür ein Beispiel, wo hat er so gefährliche Liebschaften damals schon gesehen?

Engell: Zum Beispiel Radio und Fernsehen oder auch Zeitung und Fernsehen beeinflussen einander. Der ganze Stil, in dem Radio gemacht wird, und der Stil, in dem Zeitung gemacht wird, sind im Zeitalter des Fernsehens eben veränderte gewesen, zum Beispiel Zeitungsseiten, Zeitungs-Layout sieht im Zeitalter des Fernsehens ganz anders aus. Man könnte es heute auch sagen, das Fernseh-Layout, also wenn ich die Bildschirmoberfläche des Fernsehens als Layout sehe, als Display sehe, sieht das heute ganz anders aus als vor 15 Jahren, weil natürlich die Computeroberfläche, der Umgang mit Fenstertechnologie, mit Anklicken, mit Unterfenstern und so weiter die Bildsprache des Fernsehens sehr stark beeinflusst und verändert hat. Das ist im Grunde auch schon ... das Fernsehen ist heute selbst nur noch in Bastardform zu haben, weil es von dem Internet natürlich und von der Computerästhetik und Computertechnologie durchwirkt wird, ohne dass es aufhört, Fernsehen zu sein. Es ist eben ein Bastard.

Kassel: Und andererseits versuchen natürlich immer mehr Zeitungen, mit ihrem Layout auch so ein bisschen das Layout von Webseiten nachzumachen ...

Engell: Ganz genau.

Kassel: ... um damit Leute zu erreichen. Und damit sind wir ja eigentlich schon relativ elegant bei diesem anderen relativ berühmten Satz von McLuhan, nämlich dieser Rede von der Welt als globalem Dorf. Ich glaube, da gibt es einige Leute, die das überrascht und die gedacht hätten, das ist vielleicht in den frühen 90er-Jahren von einem ganz anderen Wissenschaftler erfunden worden, weil wir diesen Satz, wenn wir ihn heute zitieren, so selbstverständlich aufs Internet beziehen. Hat da McLuhan quasi das World Wide Web vorausgeahnt?

Engell: Das konnte er wohl schlecht. Er hat bei allem immer an das Fernsehen und zum Teil an das, was für ihn Automation ist, gedacht, also Automation als wirklich kybernetische Maschinen, die Maschinen steuern in Fabriken, Automation von Fertigungsprozessen, aber vor allem hat er an das Fernsehen gedacht. Aber das Entscheidende für ihn ist diese Taktilität des Mediums. Taktilität bedeutet, es wird uns etwas auf den Leib gerückt. Das Fernsehen rückt uns mit seinen Bildern auf den Leib, es ist im Grunde nicht visuell. Traditionell ist der Gesichtssinn, der Sinn des Ausgucks auf dem Mast, des Türmers auf dem Turm, derjenige, der von weither den Feind herannahen sieht oder das Wetter heraufziehen sieht, das ist der visuelle Blick.

Und mit dem Fernsehen haben wir eigentlich gar nicht diesen Blick. Das Fernsehen taucht ja in diese Weltlandschaft wirklich auf dem Boden ganz nah zu nah ein und bringt mir diese Bilder auch nahe zu mir. Und das ist dieses Vorrücken zum globalen Dorf für ihn. Es gibt gar nicht mehr diese Distanz, sondern die Distanz wird verringert, und wir verhalten uns zum Globalen so, wie Dorfkulturen sich eigentlich zu ihren Dörfern verhalten. Dass das heute eine interessante, ich würde nicht sagen, es ist vielleicht keine wirklich überzeugende Theorie des Internets, aber man kann es zu einer solchen ausbauen, es ist immer noch ein essayistischer Gedanke, aber eine interessante Grundlage natürlich, um bestimmte Prozesse, jedenfalls im Internet, vielleicht zu verstehen.

McLuhan war ja im Grunde gar kein Theoretiker – Sie haben es richtig gesagt –, eigentlich eher ein Philosoph, aber auch ein Philosoph besonderen Schlages, weil er natürlich ein großer Essayist war, der Metaphern gefunden hat, der mit zwei Sätzen vielleicht mehr erreicht hat als andere mit 200 Seiten wissenschaftlich überprüfter Argumentation, der also auch damals natürlich irrsinnig gewirkt hat, weil alles, was ich mit Medien – alle Medien waren Massenmedien, Radio und Fernsehen und Zeitung, und die waren fest in der Hand der Kommunikationswissenschaft, die also quantifiziert war, die Sender, Kanal, Empfänger, Erfolg messen, Einschaltquoten und so weiter – konnte und immer noch kann, hat sich seither ja nicht sehr verändert ...

Und McLuhan kam an und hat völlig anders über das Medium gedacht. Das war ihm völlig egal, ob das ein Kanal ist oder ob das Sender und Empfänger sind, sondern ihm war ganz wichtig, dass ein Medium so eine Art, wir würden vielleicht heute sagen eine Ökosphäre aufbaut. Ein Medium ist ein Lebensraum, darin bewegen wir uns, ob wir wollen oder nicht, es setzt uns unter seine Bedingungen. Und diese Idee, die macht McLuhan natürlich zu den großen – neben vielleicht zwei, drei anderen wie Walter Benjamin oder Vilém Flusser –, ganz großen Gründungsfiguren dessen, was wir vielleicht versuchen heute unter Medienphilosophie zu betrachten.

Kassel: Wir sprechen hier im Deutschlandradio Kultur am heutigen 100. Geburtstag – den er natürlich nicht mehr erlebt hat, ich hab's erwähnt, vor rund 30 Jahren ist er gestorben, aber vom 100. Geburtstag – von Marshall McLuhan über diesen einen der Grundväter der Medienphilosophie. War er denn damals wirklich – das Wort gab es, glaube ich, sogar schon – so ein bunter Vogel der Wissenschaft?

Engell: Absolut. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man den Begriff schon Anfang der 60er-Jahre hatte ...

Kassel: Frage ich mich gerade auch, ja.

Engell: ... er galt immer als Pop-Philosoph, also einer, der keinen Tiefgang hat, also bei der konservativen Akademia, der keinen Tiefgang hat, der sicher auch sehr für die aufziehende Beatnik-, Hippie- und Protestkultur interessierte, der bis heute in bestimmten Segmenten der Medienkunst vielleicht sogar mehr Aufmerksamkeit genießt als in der konventionellen Medienwissenschaft und der schon eine Ausnahmeerscheinung war, der sich eben auch mit Medienpraxis eingelassen hat. Das war niemand, der vor irgendeiner Art von Wirklichkeit Angst hatte, anders als wir alle anderen in der Akademia, die wir ja doch mehr oder weniger Elfenbeintürmer sind.

Kassel: Sagt Professor Lorenz Engell, Medienphilosoph an der Bauhaus-Universität Weimar. Ein Gespräch mit ihm zum heutigen 100. Geburtstag des Medientheoretikers und Philosophen Marshall McLuhan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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"Das Medium ist die Botschaft"

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