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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.09.2015

Entweihte GotteshäuserBuchhandel in gotischen Kirchengemäuern

Von Michael Niehaus

Regale eines Buchgeschäftes stehen in Maastricht (Niederlande) in einer ehemaligen Kirche (aufgenommen 2013). (picture alliance / Oliver Berg)
Regale eines Buchgeschäftes stehen in Maastricht (Niederlande) in einer ehemaligen Kirche. (picture alliance / Oliver Berg)

In der Niederlande werden durchschnittlich zwei Kirchen pro Woche geschlossen. Der Erhalt ist zu teuer, da bleibt nur Abreißen oder Umnutzen. Fitnesscenter, Buchhandlungen, Discos - nicht immer sorgt das für Begeisterung bei den verbleibenden Kirchgängern.

Hochmesse mit Gregorianischen Gesängen an einem Sonntagmorgen in der Maastrichter Liebfrauenbasilika. Die uralte Kirche, der Westteil stammt aus dem 11. Jahrhundert, ist eine Attraktion für Touristen und auch für Gläubige. Daher ist die Liebfrauenbasilika an diesem Sonntag gut besucht. An anderen Tagen ist es hier wie in anderen Gemeinden: Nur wenige Gläubige nehmen an den Gottesdiensten teil.

"Es gibt viel mehr Glauben denn wir denken. Es sind auch Leute, die glauben, die sind aber nicht mehr verbunden mit einer Kirche und die Kirche ist für sie auch oft zu organisiert. Unsere Leute und unsere heutige Generation, die haben Angst sich zu verbinden; verbinden mit einer Heirat, verbinden mit einer Kirche, verbinden mit einer Profession, einem Beruf. Sie finden den Islam auch interessant. Wenn Sie die Leute fragen: Warum bist Du katholisch? Sie wissen es nicht."

Und daher ist auch kein Ende der Kirchenschließungen abzusehen, davon ist Régis de la Haye, Diakon in der Gemeinde und Dozent für Kirchengeschichte überzeugt.

"Ich denke, dass in 10 Jahren oder 20 Jahren alle Kirchen in den Niederlanden, also die katholische Kirche und die protestantische Kirche dem Staat der Niederlande sagen müssen: Hier haben Sie die Gebäude, wir können es nicht mehr unterhalten. Das ist meine Vision für 10, 20 Jahre. Ich höre auch von Leuten, die im Kirchenvorstand in den kleinen Dörfern hier arbeiten, die auch sagen, wir können es eigentlich nicht mehr bezahlen."

Das Problem, was mit den nicht mehr religiös genutzten Kirchengebäuden geschehen soll, ist groß. Wie anderswo gibt es auch in Maastricht die unterschiedlichsten Lösungen.

Etwa 500 Meter von der Liebfrauenkirche entfernt, zwischen einem modernen Einkaufszentrum und den kleinen lebendigen Straßen der Maastrichter Altstadt liegt die ehemalige Dominikanerkirche aus dem 13. Jahrhundert. Sie ist die älteste gotische Kirche in den Niederlanden – mit einer wechselvollen Geschichte. Schon ab 1805 wird sie mit einer kurzen Unterbrechung Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr als Kirche genutzt. Die Stadtverwaltung von Maastricht machte aus ihr zunächst eine Lagerhalle. Die älteste gotische Kirche in den Niederlanden wurde dann als Boxkampfarena, als Halle für Karnevalsveranstaltungen, als Autohaus und als Fahrradgarage genutzt.

Nach umfangreichen Umbauten zog hier eine Buchhandlung ein, die, wie CNN, BBC und die britische Zeitung "The Guardian" meinen, heute die schönste Buchhandlung der Welt ist.

"Sie sehen hier eine Wandschilderung aus ungefähr 1350, das das Leben von Thomas von Aquino erzählt. Thomas von Aquino ist der Moraltheologie der katholischen Kirche. Ohne Thomas keine Moraltheologie. Seine Leben ist hier geschildert in Bildern und die erste Ansatz von Perspektiv kann man in die Wandschilderung sehen."

Cafeteria im Altarraum

Mit großer Begeisterung spricht Tom Harmes über seine Buchhandlung in der Dominikanerkirche. Bis vor kurzem gehörte sie zu einer großen Buchhandelskette und sollte geschlossen werden. Tom Harmes, damals Geschäftsführer, wollte nicht aufgeben, sammelte in der Bevölkerung Geld und bekam genug zusammen, um weiterzumachen.

Man betritt die Buchhandlung durch eine große Stahlkonstruktion, in die in 25 Sprachen das Wort "Buch" eingearbeitet ist. Ein ganz bewusster Hinweis darauf, dass man eben keine Kirche mehr betritt. Und dann geschieht, so Tom Harmes, etwas Besonderes:

"Erstens, Ihr Blick geht hoch, Sie müssen hoch gucken, zweitens von das, was Sie sehen, nämlich diese große Bücherschrank, werde ich sagen, in der Kirche. Es ist nicht so wichtig, ob Sie es schön finden oder nicht, wichtig ist, dass Sie was finden, Sie müssen also nachdenken. Ihr Blick wird einfach geleitet den Regal entlang in Richtung des Altars, was an sich schon immer so war. Also, da wollen Sie sowieso hin."

Dort, wo früher der Altar stand, befindet sich heute eine in Kreuzform eingerichtete Cafeteria, das "Coffeelovers", betrieben von einem Maastrichter Kaffeeröster.

"Was man auf dem Altar immer tat: Menschen begegnen sich und Menschen essen zusammen. Das ist an und für sich der wichtigste Moment des Tages, kann man sagen, wenn die Familie oder man ist mit Freunden zusammen und man genießt die Mahlzeit oder den Kaffee und man erzählt, tauscht aus, was passiert ist, wie der Tag vergangen ist, und das ist an und für sich hier auch so."

Am Stadtrand von Maastricht – die ehemalige Kirche St.Hubertus, erbaut in den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Heute befindet sich in dem Backsteinbau das Fitnesscenter "Basic fit". Für zurzeit 15,99 Euro pro Monat kann man hier etwas für seine Gesundheit tun.

"No, No, Never, Never."

Nein, noch niemand hat sich beschwert, dass in dieser Kirche nun ein Fitnesscenter ist, sagt die junge Frau an der Kasse. An diesem Montagmorgen sind nur wenige junge Leute hier. Die meisten, die an vielleicht zwei Dutzend Laufmaschinen trainieren, sind 40 Jahre und älter.

"It was empty for a few years,”

das Gebäude stand einige Jahre leer, erzählt die junge Frau,

"I guess, they got a good offer.”

Ein Nachtklub sorgte für Ärger

Ich nehme an, dass es ein gutes Angebot gegeben hat. Es kämen, so sagt sie weiter, schon einige hierhin, die zum Beispiel in dieser Kirche geheiratet haben und die gucken sich das dann an und finden es sehr schön.

"They come here and they check it, oh nice, but nobody says anything negative about it.”

In Maastricht, wie in den gesamten Niederlanden, hat man sich damit abgefunden, dass Kirchen geschlossen und zum Teil neu genutzt werden. Für Aufsehen und Ärger sorgte vor einiger Zeit ein Nachtklub in einer ehemaligen Kirche. Doch das Problem ist gelöst. Der Nachtklub hat geschlossen. Vor allem unter den Kirchenbesuchern wird diskutiert, was geht und was nicht geht:

"Buchhandel, ok; Fitnesscenter, weiß ich nicht; Disco? Nee."

"Was soll man machen mit den Kirchen, muss doch eine Zukunft haben. Kann man doch nicht abbrechen, kaputt machen. In 20 Jahren sind noch fünf Kirchen hier. Was kann man da machen?"

"Es geht gut, wenn man eine gute Benutzung findet. Oder wenn man die Kirche abreißt. Das ist auch eine Möglichkeit, es gibt auch in unserer Diözese, dass man sagt, wir haben lieber, dass die Kirche abgerissen wird, denn dass man etwas macht, was uns nicht gefällt, das nicht gut ist. Und ja, ein Sporthalle, ja, hm, das Gebäude ist und bleibt eine Kirche, es gibt einen Turm, es gibt Heiligenbilder, es gibt Rahmen mit Heiligen. Es ist eine Kirche."

"Im Jahre 2050 wird das letzte Mitglied der Protestantischen Kirche der Niederlande die letzte Kirchentür schließen. Bei den Katholiken kann das noch etwas länger dauern", so eine Prognose des niederländischen Religionssoziologen Joep de Hart in einem Interview mit einem niederländischen Radiosender. Allerdings spricht er in einer Studie aus dem Jahre 2011 von "schwebenden Gläubigen", die zwar mit der Kirche als Institution und ihren Glaubenspraktiken nichts anfangen könnten, deswegen aber nicht areligiös seien. Denn nur 14 Prozent der Niederländer bezeichneten sich als Atheisten. Dem Diakon und Kirchenhistoriker Régis de la Haye machen solche Prognosen aber keine Angst.

"Ich bin gar nicht pessimistisch. Ich bin Kirchenhistoriker. Ich weiß, die Kirche hat auch ganz schwere Krisen mitgemacht. Wir müssen eine ganz neue Kirche machen. Eine ganz andere Kirche, also nicht eine große Volkskirche mit großen Gebäuden, eine kleine Kirche mit Leuten, die motiviert sind."

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Wohnen auf dem Kirchturm
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 13.04.2013)

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