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Länderreport | Beitrag vom 05.12.2018

Enttäuschte Bio-Bauern im Ländle"Die große Lobby hat einfach die CDU"

Von Uschi Götz

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Walter und Friedemann Alber bei der Arbeit vor dem Kuhstall. Im Hintergrund Kühe hinter einem Gitterzaun. (Uschi Götz)
Die Landwirte Walter und Friedemann Alber sind enttäuscht von der Arbeit der Grünen-Politiker. (Uschi Götz)

Die Wahl von Winfried Kretschmann zum ersten grünen Ministerpräsidenten eines Bundeslandes erlebten viele Landwirte in Baden-Württemberg als Befreiung. Sieben Jahre später aber ist von der Hoffnung auf Veränderungen wenig übrig.

Ein kalter, sonniger Wintermorgen. Die Schweine stehen in der Sonne und schnüffeln neugierig. 40 sind es insgesamt, es werden immer weniger: "Zu Gunsten vom Geflügel. Was neu ist: Seit zwei Jahren machen wir auch Lämmer, viel Grünlandpflege mit Schafen."

Der Baiersbachhof liegt mitten im Aichtal, eine Oase vor den Toren Stuttgarts. Mit seinem Sohn Friedemann managt Walter Alber die Landwirtschaft. Beide sind aus fester Überzeugung Ökobauern. Schweine, Schafe, Rinder, Gänse, vor allem Hühner, gibt es auf dem Biolandhof:

"Wir haben insgesamt fünf Ställe, mit mehreren Hundert Hühnern jeweils. Mittlerweile das Hauptstandbein der Landwirtschaft." Im Hofladen herrscht Hochbetrieb. Bis aus Stuttgart kommen sie hierher.

Freude über Landtagswahl 2011

"An der Theke eigenes Fleisch, selbsthergestellte Wurst, hier hinten rechts eigene Nudeln, eigenes Mehl." Friedemann Alber führt durch den rund 130 Quadratmeter großen Laden, der von seiner Mutter und den vier Schwestern betrieben wird. Sogar eigene Backwaren gibt es zu kaufen.

Frau Alber vor den Backwaren des Hofes. Hinter ihr Walter ALber, dahinter Regale mit Broten. (Uschi Götz)Familie Alber betreibt ein eigenes Hofgeschäft mit Backwaren. (Uschi Götz)

Walter Alber freute sich besonders über den Ausgang der Landtagswahl 2011. Es kam zu einem historischen Regierungswechsel in Baden-Württemberg. Zwar war die CDU noch stärkste Fraktion, aber Grüne und SPD kamen gemeinsam auf mehr Sitze.

Winfried Kretschmann wurde in der Folge zum ersten grünen Ministerpräsidenten in einem Bundesland gewählt: "Und dann habe ich gedacht: ‚Jetzt tut es einen Schlag, jetzt sind Grüne mit dabei!‘. Baden-Württemberg, das Musterländle, da zeigt sich was. Aber ich bin echt enttäuscht."

CDU-Seilschaften halten sich hartnäckig

"Ich kenne Kretschmann persönlich und schätze ihn sehr", betont der humorvolle Ökolandwirt. Enttäuscht sei er heute nicht von Kretschmann, sondern davon, dass der Ökolandbau in Baden-Württemberg nicht gezielt gefördert werde. Die alten CDU-Seilschaften hielten sich einfach hartnäckig.

"Die große Lobby hat einfach in Baden-Württemberg noch die CDU in der Landwirtschaft. Und das spürst du auf den Versammlungen, wenn du mal was sagst, was wegweisend wäre… der Bodenbearbeitung und einfach mit dem Wasser haushalten, ach was, die lachen dich aus. Die kaufen ihr Wasser in Filderstadt und blasen die ganze Nacht auf den Salat drauf. Da haben die halt Vorteile."

Bei der nächsten Wahl 2016 kam es noch besser für die Grünen: Erstmals in der Geschichte wurden die Grünen bei einer Landtagswahl stärkste Kraft auf Landesebene. Der CDU blieb die Rolle als Juniorpartner. Doch das Landwirtschaftsressort ging ausgerechnet an die Christdemokraten.

Nach einem ersten gemeinsamen Regierungsjahr forderte die Grünen-Landeschefin Sandra Detzer mehr Engagement für den ökologischen Landbau vom Koalitionspartner. CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk warf daraufhin Detzer vor, schlecht informiert zu sein.

Fehlender Schwung für Ökologisierung

2016 habe Baden-Württemberg als eines der ersten Bundesländer die Zehn-Prozent-Hürde der Betriebsflächen überschritten, auf denen Bio produziert werde. Bis zum Jahr 2030 soll der Ökolandbau gar einen Anteil von 30 Prozent in Baden-Württemberg haben. Das hat sich die Landesregierung vorgenommen.

Christian Eichert, Landesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau, begrüßt das Vorhaben. Der Landesregierung fehle allerdings der Schwung in Richtung Ökologisierung, bemängelt der promovierte Agrarwissenschaftler. Deutlich zeige sich das an einem Öko-Aktionsplan:

"Der wurde 2013 ins Leben gerufen, mit einigen wenigen Maßnahmen... wir hatten in diesem Frühjahr einen großen Kongress mit 180 Akteuren aus unserem Sektor, die ihre Wünsche und Erwartungen artikuliert haben, das Ganze wurde jetzt zusammengeschrieben und befindet sich genau jetzt im politischen Raum."

Zu sehen ist Christian Eichert, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (picture alliance / dpa)Christian Eichert vertritt die Interessen von 2.500 Biobauern. (picture alliance / dpa)

Mit anderen Worten: Fünf Jahre lang ist gar nichts passiert. Und sollte nun etwas passieren, fehle das Geld: "Ein Öko-Aktionsplan sollte mit jährlich fünf Millionen Euro unterfüttert sein, das ist eine Mindestforderung, auf zehn Jahre angelegt sein. Aktionspläne ohne finanzielle Unterfütterung sind Papiertiger und helfen dem Sektor auch nicht wirklich weiter."

Ökolandbau fühlt sich alleingelassen

Eichert vertritt die Interessen von 2.500 Biobauern in Baden-Württemberg. Bayern habe Bio längst als etwas Zukunftsfähiges erkannt: "Die Landesregierung in Bayern hat vor einigen Jahren, man kann es auch als Aktionsplan sehen, ein Programm aufgestellt, Bioregio 2020, indem eben der Ökolandbau als Zukunftschance erkannt wird, und mit einem breiten Maßnahmenbündel in die Zukunft entwickelt wird."  

Der Ökolandbau fühle sich gerade von den Grünen in Baden-Württemberg alleingelassen. Das sagte Eichert in einem Zeitungsinterview und kurz darauf landete das Thema im Landtag: "Der Ökolandbau in Baden-Württemberg ist spitze!", stellte CDU-Landwirtschaftsminister Peter Hauk zunächst einmal klar.

Das sei nicht erst seit gestern so, sondern der Ökolandbau habe bereits seit Jahren stetig zugelegt. Wichtigster Grund dafür sei die gestiegene Nachfrage nach Bio-Produkten in den vergangenen Jahren. Hauk betonte, der Biolandbau profitiere überproportional vom Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl. An die Adresse seiner Kritiker aus dem grünen Lager gerichtet, betonte der Diplom-Forstwirt:

"Es gab entgegen aller Befürchtungen der biologischen Landbauverbände keinen Bruch in der Politik, keinen! Sondern wir haben die Landwirtschaftspolitik zugunsten aller Landwirte fortgesetzt. Und das werden wir auch in der Zukunft tun, da lege ich mein Augenmerk drauf. Auch auf das Thema Gleichbehandlung und da gehören die Bios natürlich genauso dazu und haben denselben Anspruch."

Änderung des Naturschutzes

Mit Blick auf den grünen Koalitionspartner kritisierte der CDU-Minister auch die einseitige Fixierung auf Naturschutzziele im Land. Dafür würden ständig Landwirtschaftsflächen aufgegeben statt diese als Produktionsfläche zu erhalten.

"Auch da muss sich der Naturschutz ändern. Der Entzug landwirtschaftlicher Produktionsflächen ist kein verantwortungsvoller Umgang mit dem Gesamtsystem der Umwelt. Das ist eine Scheuklappensicht."

Der Biolandbau könne ein Ausgleich für den Naturschutzausgleich sein, sagte Hauk und kündigte an, er werde das Thema noch in dieser Legislaturperiode mit dem zuständigen grünen Umweltministerium besprechen.

Akuter Flächenmangel

Zurück auf dem Baiersbachhof: Vater und Sohn Alber sitzen am Küchentisch. Die Frage nach den Flächen sei natürlich ein großes Thema, betont Friedemann Alber: "Die Schwierigkeit in Baden-Württemberg ist ähnlich wie in Bayern: Es ist alles kleinstrukturiert und das ist vor allem ein ganz großer Faktor in der Landwirtschaft, was Wirtschaftlichkeit anbelangt."

Friedemann und Walter Alber im Bio-Hofladen der Familie. Hinter ihnen Regale. (Uschi Götz)Friedemann und Walter Alber: "Wir sind die Dienstleister für Naherholungsgebiete." (Uschi Götz)

Es fehle an Fläche, auch Vater Alber bestätigt das: "Und da müsste das Land eigentlich etwas von der Kirche lernen. Wir haben die Erfahrungen gemacht, vielleicht liegt es auch an uns oder unserer Kirchengemeinde, hat uns Land verpachtet, weil wir es ökologisch bewirtschaften. Und da hatten wir den Vorrang."

Bei der Flächenvergabe würden im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg die Biobauern keinesfalls bevorzugt. Der Naturschutz habe im Südwesten einen ungleich höheren Stellenwert als der Ökolandbau, das bestätigen auch Kollegen der Albers. "Dabei sind wir doch die Pfleger der Natur", sagt Walter Alber energisch.

Bayern macht es vor

Der Biolandwirt zeigt nach draußen. Vom Aichtal bis zum Schönbuch, eine über zehn Kilometer lange Strecke, nahezu alles werde ökologisch bewirtschaftet, erklärt der Biobauer: "Flächendeckend fast. Das sind wir! Wir sind die Dienstleister für Naherholungsgebiete und machen es fast zum Nulltarif."

Für diese Arbeit bekämen die Ökobauern landesweit keinen Cent mehr als die Kollegen aus dem konventionellen Bereich. Und daran haben die Grünen seit sie regieren nichts geändert. Das sei schon sehr enttäuschend. Fazit des Ökolandwirts Alber: "Und da hätte ich mir vorgestellt, dass es in Baden-Württemberg einfacher ging, so wie in Bayern, da sind viele Sachen ein bisschen mehr Öko ausgerichtet."

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