Entstehungsgeschichte in atemberaubenden Bildern
Alles Leben auf der Erde hat einen gemeinsamen Ursprung und eine gemeinsame Entwicklungsgeschichte - so lautet die Kernaussage der Evolutionstheorie. Doch in der Regel haftet jeder Theorie etwas Sprödes an. Jean-Baptiste de Panafieu und Patrick Gries liefern mit ihrem Buch "Evolution" den Beweis dafür, dass das nicht so sein muss.
Meisterhaft gelingt es dem Bildband "Evolution", Sinnlichkeit und ästhetischen Hochgenuss in die Theorie von der Entstehung der Arten zu bringen. Das Konzept ist so schlicht wie überzeugend: Vor pechschwarzem Hintergrund präsentiert Fotograf Patrick Gries auf großem Format dreihundert Skelette. Nicht vitrinenhaft steif, sondern in lebendiger Aktion: Ein Reiter beugt sich über ein galoppierendes Pferd, ein Krokodil zeigt seine Zähne, ein Rotfuchs springt auf eine fliehende Feldmaus.
Jedem Bild sieht man die enge Verbindung des Fotografen zur Kunst an. Patrick Gries hat nicht nur Fotografie, sondern auch bildende Kunst studiert und sich in der Präsentation von Designobjekten und Skulpturen einen Namen gemacht. Der Schädel eines Mandrills: Bei Gries sieht er aus wie eine afrikanische Zeremonienmaske. Die Natter wird zu einem Spiel aus Licht und Schatten, der Flugdrache berührt mit seiner filigranen Ebenmäßigkeit. Einige Skelette leuchten auf dem schwarzen Grund schneeweiß, andere fliehen in Schatten oder Unschärfen, wieder andere bieten nur Ausschnitte dar: kunstvoll verschachtelte Fußknochen, Oberkiefer mit riesigen Hauern, sich in Spiralen windende Geweihe. Patrick Gries möchte nicht bebildern oder erläutern - er lockt den Kern hervor, das Wesentliche, das Prinzip.
Wunderschön, wie Text und Bilder zusammenpassen. Auch Jean-Baptiste de Panafieu, der für die Texte verantwortlich zeichnet - und davon gibt es auf den dreihundert Seiten des von ganz- und doppelseitigen Fotos überquellenden Buches erstaunlich viele - konzentriert sich auf evolutionäre Grundprinzipien. Wir finden keine Textkästen mit Details, keine kleingedruckten Erläuterungen, keine lexikalische Vollständigkeit. Panafieu führt uns in das Gedankengebäude der Evolutionswissenschaft - und dort leuchtet er wie mit einer Taschenlampe in verschiedene Räume.
Was brachte die Forschung des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt auf die Idee eines gemeinsamen Ursprungs der Arten? Es war die Erkenntnis, dass es Grundtypen von Lebewesen gibt und man Körper Bauplänen zuordnen kann. Damit befasst sich Panafieu im ersten Teil des Buches. Wie werden aus Grundtypen so viele verschiede Arten und welche Zwischen- und Übergangsformen gibt es? Hier im zweiten Teil wunderschön die Bilder von Patrick Gries, die sich der Individualität der Lebewesen widmen: Drei Igel - oder besser ihre Skelette - nebeneinander. Und tatsächlich, wer sie eine Weile betrachtet, sieht es genau: der eine Schädel etwas länger, die zweiten Schulterblätter etwas weiter hinten, die dritten Beine etwas länger. Im nächsten Teil des Buches stellt Panafieu die Frage nach den Mechanismen, die die Entwicklung des Lebens lenken. Viel Raum nimmt hier die Rolle der Sexualität ein, mit ihrem Hang zum Auswählen und Verführen. Im vierten Teil erfahren wir etwas über die "Basteleien der Evolution" - Meeresmutanten und sinnlos gewordene Körperglieder. Im fünften lernen wir die "Macht des Lebensraums" kennen. Die Fotografien zeigen es: wie der Himmel die Extremitäten seiner Eroberer schmal macht wie Sicheln, wie das Meer seinen Bewohnern Arme und Beine staucht. Im sechsten Teil geht es um die Zeiträume, in denen sich das evolutionäre Geschehen ereignet - Jahrmillionen für die Eroberung einer Wüste oder eines Meeresgrabens, Millisekunden für eine DNA-Mutation.
Die poetischen Kapitelüberschriften lauten: "Das Geschlecht der Knochen", "Liebe und Tod", "Die Rote Königin" oder "Gestalten der Vergangenheit". Eine Fülle an Wissen bringt der Autor hier unter, von der Fossilienkunde bis zur modernen Molekularbiologie. Und nebenbei werden auch Kinderfragen beantwortet. Wer weiß schon auf Anhieb, warum der Elefant einen Rüssel hat? Weil sein Kopf so schwer wurde, dass sich die Halswirbel abplatten mussten, um das Gewicht so nah wie möglich beim Körper zu halten, erklärt Panafieu. Damit der Dickhäuter noch genügend Nahrungsquellen erreichen kann, ohne allzu viel mit dem Kopf zu wackeln, wuchs ihm die lange Nase mit Greiffunktion. Glossar, Bibliografie, Index und ein gezeichneter Stammbaum der Tiere runden das Buch ab. Doch das ist nur als Beiwerk zu verstehen: "Evolution" - das ist kein Lehrbuch, sondern eine sinnliche Einladung ans Denken und Schauen.
Rezensiert von Susanne Billig
Jean-Baptiste de Panafieu, Patrick Gries: Evolution
Übersetzt von Marianne Glaßer
Frederking & Thaler Verlag
292 Seiten, 58 Euro
Jedem Bild sieht man die enge Verbindung des Fotografen zur Kunst an. Patrick Gries hat nicht nur Fotografie, sondern auch bildende Kunst studiert und sich in der Präsentation von Designobjekten und Skulpturen einen Namen gemacht. Der Schädel eines Mandrills: Bei Gries sieht er aus wie eine afrikanische Zeremonienmaske. Die Natter wird zu einem Spiel aus Licht und Schatten, der Flugdrache berührt mit seiner filigranen Ebenmäßigkeit. Einige Skelette leuchten auf dem schwarzen Grund schneeweiß, andere fliehen in Schatten oder Unschärfen, wieder andere bieten nur Ausschnitte dar: kunstvoll verschachtelte Fußknochen, Oberkiefer mit riesigen Hauern, sich in Spiralen windende Geweihe. Patrick Gries möchte nicht bebildern oder erläutern - er lockt den Kern hervor, das Wesentliche, das Prinzip.
Wunderschön, wie Text und Bilder zusammenpassen. Auch Jean-Baptiste de Panafieu, der für die Texte verantwortlich zeichnet - und davon gibt es auf den dreihundert Seiten des von ganz- und doppelseitigen Fotos überquellenden Buches erstaunlich viele - konzentriert sich auf evolutionäre Grundprinzipien. Wir finden keine Textkästen mit Details, keine kleingedruckten Erläuterungen, keine lexikalische Vollständigkeit. Panafieu führt uns in das Gedankengebäude der Evolutionswissenschaft - und dort leuchtet er wie mit einer Taschenlampe in verschiedene Räume.
Was brachte die Forschung des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt auf die Idee eines gemeinsamen Ursprungs der Arten? Es war die Erkenntnis, dass es Grundtypen von Lebewesen gibt und man Körper Bauplänen zuordnen kann. Damit befasst sich Panafieu im ersten Teil des Buches. Wie werden aus Grundtypen so viele verschiede Arten und welche Zwischen- und Übergangsformen gibt es? Hier im zweiten Teil wunderschön die Bilder von Patrick Gries, die sich der Individualität der Lebewesen widmen: Drei Igel - oder besser ihre Skelette - nebeneinander. Und tatsächlich, wer sie eine Weile betrachtet, sieht es genau: der eine Schädel etwas länger, die zweiten Schulterblätter etwas weiter hinten, die dritten Beine etwas länger. Im nächsten Teil des Buches stellt Panafieu die Frage nach den Mechanismen, die die Entwicklung des Lebens lenken. Viel Raum nimmt hier die Rolle der Sexualität ein, mit ihrem Hang zum Auswählen und Verführen. Im vierten Teil erfahren wir etwas über die "Basteleien der Evolution" - Meeresmutanten und sinnlos gewordene Körperglieder. Im fünften lernen wir die "Macht des Lebensraums" kennen. Die Fotografien zeigen es: wie der Himmel die Extremitäten seiner Eroberer schmal macht wie Sicheln, wie das Meer seinen Bewohnern Arme und Beine staucht. Im sechsten Teil geht es um die Zeiträume, in denen sich das evolutionäre Geschehen ereignet - Jahrmillionen für die Eroberung einer Wüste oder eines Meeresgrabens, Millisekunden für eine DNA-Mutation.
Die poetischen Kapitelüberschriften lauten: "Das Geschlecht der Knochen", "Liebe und Tod", "Die Rote Königin" oder "Gestalten der Vergangenheit". Eine Fülle an Wissen bringt der Autor hier unter, von der Fossilienkunde bis zur modernen Molekularbiologie. Und nebenbei werden auch Kinderfragen beantwortet. Wer weiß schon auf Anhieb, warum der Elefant einen Rüssel hat? Weil sein Kopf so schwer wurde, dass sich die Halswirbel abplatten mussten, um das Gewicht so nah wie möglich beim Körper zu halten, erklärt Panafieu. Damit der Dickhäuter noch genügend Nahrungsquellen erreichen kann, ohne allzu viel mit dem Kopf zu wackeln, wuchs ihm die lange Nase mit Greiffunktion. Glossar, Bibliografie, Index und ein gezeichneter Stammbaum der Tiere runden das Buch ab. Doch das ist nur als Beiwerk zu verstehen: "Evolution" - das ist kein Lehrbuch, sondern eine sinnliche Einladung ans Denken und Schauen.
Rezensiert von Susanne Billig
Jean-Baptiste de Panafieu, Patrick Gries: Evolution
Übersetzt von Marianne Glaßer
Frederking & Thaler Verlag
292 Seiten, 58 Euro
