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Kommentar | Beitrag vom 16.01.2020

Entscheidung zu OrganspendeDas Gut der Lebensrettung wiegt schwerer

Ein Kommentar von Philipp Gessler

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Ein Chirurg steht vor einem Patienten. (Getty Images / Christopher Furlong)
Keine Angst vor einer möglichen Organentnahme: Für Philipp Gessler wäre eine "doppelte Widerspruchslösung" eine gute Entscheidung gewesen. (Getty Images / Christopher Furlong)

Der Bundestag hat heute gegen die "doppelte Widerspruchslösung" für Organspenden gestimmt. Der Journalist Philipp Gessler hätte sich ein anderes Ergebnis gewünscht - nicht nur, weil er selbst einen Spenderausweise besitzt.

Man kann die heutige Entscheidung des Bundestags zur Organspende ganz objektiv kommentieren oder es zumindest versuchen – aber das wäre wahrscheinlich nicht ehrlich. Deshalb hier ganz subjektiv, so wie viele Abgeordnete es heute Morgen auch getan haben.

Ich war dabei, als mein Vater viel zu früh an einer Herzkrankheit gestorben ist. Vielleicht hätte ihm eine Herztransplantation geholfen. Aber wäre überhaupt ein Spenderherz für ihn verfügbar gewesen, so wenige, wie es gibt? Hätte er es bekommen? Immerhin war er schon 76 Jahre alt. Jüngere Patientinnen und Patienten hätten ob des Mangels an Spenderherzen vielleicht eher ein Recht darauf gehabt. Aber was heißt das schon, Recht?

Seit etwa 30 Jahren mit Spenderausweis

Ich habe einen Organspendeausweis, schon seit etwa 30 Jahren, also schon lange vor dem Tod meines Vaters. Aber sein Tod hat mich darin bestärkt, stets einen mit mir zu tragen. Ich weiß nicht, ob die Organe meines Körpers nach meinem Ableben noch anderen von Nutzen sein werden. Je älter ich werde, desto weniger, nehme ich an.

Aber die Vorstellung, dass ich selbst im Tod noch anderen helfen könnte, finde ich ein wenig tröstlich. Das habe ich mir auch gedacht: Sollte ich je als hirntot diagnostiziert werden, dürfte eine Rückkehr ins Leben, so sie denn glückte, nicht sehr vielversprechend sein. Wahrscheinlich wäre es eher ein Vegetieren. Auch deshalb habe ich keine Angst vor einer möglichen Organentnahme, also dem endgültigen Aus. Aber ist das die richtige Entscheidung?

Gute Erfahrungen in Spanien

Der Bundestag hat heute in der Frage der Organspende den Vorschlag einer weitergehenden "doppelten Widerspruchslösung" verworfen. Das bedeutet, dass es voraussichtlich in den kommenden Jahren im besten Fall nur langsam mehr Organspenden geben wird. In anderen Ländern, etwa in Spanien, hat man mit einer Art Widerspruchslösung seit Jahren gute Erfahrungen gemacht, auch wenn die hohe Zahl von Transplantationen dort nicht nur an dieser gesetzlichen Regelung liegt.

Ich hätte mir gewünscht, dass sich der Bundestag heute für die "doppelte Widerspruchslösung" ausgesprochen hätte. Ich weiß, der Staat hätte dadurch tendenziell Grundrechte angetastet. Aber das höhere Gut der viel leichteren und häufigeren Lebensrettung und einer nötigen Solidarität innerhalb der Gesellschaft wiegen für mich schwerer.

Ich würde gern meinen Vater fragen, was er von der Entscheidung des Bundestages hält. Ich kann ihn nicht mehr fragen.

Philipp Gessler ist Redakteur der evangelischen Monatszeitschrift "Zeitzeichen".

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