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Fazit | Beitrag vom 06.12.2019

Entführter Hongkonger Buchhändler in TaiwanSicherheit ist wichtiger als Protest

Von Andre Zantow

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Buchhändler Lam Wing-kee vor einem Bücher-Café in seiner neuen Heimat Taiwan. Er raucht und spricht mit Journalisten. (Andre Zantow)
Buchhändler Lam Wing-kee vor einem Bücher-Café in seiner neuen Heimat Taiwan. (Andre Zantow)

2015 wurde Lam Wing-kee von Spezialkräften der Pekinger Regierung entführt - wie vier weitere Beschäftigte des Hongkonger Buchladens "Causeway Bay Bookstore". Nun lebt er in Taiwan und rät den Studierenden in Hongkong, sich in Sicherheit zu bringen.

In einer Seitenstraße von Taipeh – gleich hinter dem Parlamentsgebäude von Taiwan, liegt ein kleines Café mit großen Bücherwänden. Hier scheint sich Lam Wing-kee wohl zu fühlen. Noch schnell eine Zigarette, dann setzt sich der 64-Jährige hinein, bedankt sich für das Interesse an Hongkong und fängt an zu erzählen, was ihm wiederfahren ist – 2015 – als er noch Buchhändler in Hongkong war und seine Freundin auf dem Festland besuchen wollte:

"Ich wurde festgehalten am 24. Oktober 2015, im Transitbereich von Shenzhen. Von zwei Leuten. Einen kannte ich. Der hat mich schon 2012 einmal für acht Stunden festgehalten, als ich Bücher aus Hongkong aufs Festland gebracht habe. Sie nannten sich selbst Spezialeinheit der Zentralregierung."

Die Einheit der Kommunistischen Partei kidnappt den schmalen Buchhändler in dieser Nacht. Die Männer fesseln seine Hände, verbinden die Augen und fahren mit ihm 14 Stunden per Zug in die Küstenstadt Ningbo.

"Ich fragte: Was habe ich getan? Aber keine Antwort. Ich konnte selbst nicht richtig denken. Ich hatte solche Angst, weil ich nicht wusste, was passieren würde."

Waren Kundendaten der Grund für Entführung?

Seine Kidnapper bringen ihn in einen kleinen Raum, erklärt Lam Wing-kee. Fesseln den älteren Mann an einen Stuhl. Auch nachts. Er bekommt orangefarbene Gefängniskleidung. Und am nächsten Tag beginnen die Verhöre. Fünf Monate lang. Ohne, dass seine Freundin, Familie oder sonst jemand weiß, wo er ist.

"Ich musste ein Formular unterschreiben, dass ich niemand aus der Familie kontaktieren möchte und keinen Anwalt beauftrage. Und dann begannen die Monate der Unterdrückung."

Warum der Buchhändler eigentlich inhaftiert wurde, dazu gibt es mehrere Theorien. Offiziell wurde ihm vorgeworfen, verbotene Bücher auf dem Festland verkauft zu haben. Dann gab es noch Vermutungen, es liege an einem Buch über eine angebliche Affäre von Staats- und Partei-Chef Xi Jinping. Das kursierte offenbar im "Causeway Bay Bookstore". Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass die Kommunistische Partei schlichtweg die Kundenliste mit potentiellen Kritikern wollte.

"Sie zeigten mir eine Liste mit 500 bis 600 Namen. Buchkäufer aus Hongkong und vom Festland. Sie wollten, dass ich die Namen bestätige und sage, warum sie diese Bücher kaufen."

Ein entführter Schwede noch in Haft

Acht Monate später – im Juni 2016 - wird der Buchhändler freigelassen – mit einem Auftrag: Er soll zurück nach Hongkong und mehr Informationen besorgen.

Er überlegt lange, und entscheidet sich anders. Er gibt eine Pressekonferenz und erzählt den Medien, was ihm passiert ist. Als erster von insgesamt fünf entführten Beschäftigten des Buchladens. Bis heute sitzt noch der Verleger Gui Minhai in Haft, der aus Thailand verschleppt wurde und schwedischer Staatsbürger ist. Aber der Arm Pekings ist lang. Deshalb ist der Rat des 64-jährigen Lam an die protestierenden Studenten in Hongkong auch sehr ernüchternd:

"Die jungen Leute sollten Hongkong verlassen. Sie sollten sich selbst schützen und nicht das Land. Das ist wie bei den Juden, die Deutschland verlassen mussten, um zu überleben. Wir müssen realistisch bleiben. Die Hongkonger haben keine Armee und keine Waffen. Also muss man erstmal weg. Ohne die Menschen gibt es kein Land. Von außerhalb kann man kämpfen. Aber man muss erst den Feind verstehen - die chinesische Kultur und Geschichte – und dann gibt es vielleicht eine Chance auf Veränderung."

Früher war er auf der Straße, jetzt hält Lam Wing-kee ein Buch über China in die Höhe – von ihm geschrieben. Was lässt sich noch tun, außer Bücher lesen? Politischer Druck aus dem Ausland? Solidaritätsbekundungen von Staatschefs aus dem Westen? Er wirkt resigniert.

Wirtschaft ist dem Westen wichtiger als Menschenrechte

"Jedes Land ist natürlich unterschiedlich. Aber ihr seid ziemlich konservativ - aus wirtschaftlichen Gründen. Eure deutsche Regierung sagt nicht wirklich, dass sie Hongkong unterstützt. Der Westen überhaupt sollte überlegen, ob er wirklich die Wirtschaft wichtiger nimmt als die Menschenrechte."

Lam selbst hat seine erwachsenen Kinder in Hongkong zurückgelassen, es läge an ihnen, ob sie nachkommen und er sie wieder sieht. Er ist nun in Taiwan. Vor ein paar Monaten flüchtete er aus Angst vor dem geplanten Auslieferungsgesetz. Das hätte die  Verschleppungen aufs Festland legalisiert, meint er. Andere sind geblieben und hunderttausendfach auf die Straße gegangen. Ihr Protest dauert an und stoppte das Auslieferungsgesetz. Ein Erfolg ohne bleibenden Wert für den Buchhändler, der jetzt sehr verbittert klingt, auch wenn er froh scheint über seine neue Heimat:

"Taiwan ist anders als Hongkong. Hongkong ist jetzt unter der Kontrolle von China. In Taiwan wurde ich noch nie bedroht. Es ist sehr sicher."

Per Crowdfunding hat Lam Geld gesammelt und will hier im nächsten Jahr seinen neuen Buchladen eröffnen. Lesen und Wissen, das sind jetzt seine stoischen Mittel, um für Hongkong zu kämpfen.

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