Seit 09:00 Uhr Nachrichten
Montag, 14.06.2021
 
Seit 09:00 Uhr Nachrichten

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.04.2012

Entfremden des eigenen Körpers

Gerbrand Bakker: "Der Umweg", Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 230 Seiten

In seinem Roman hat sich Bakker einem Tabuthema zugewandt: dem Prozess des Sterbens.  (AP)
In seinem Roman hat sich Bakker einem Tabuthema zugewandt: dem Prozess des Sterbens. (AP)

In "Der Umweg" beschreibt Gerbrand Bakker den Prozess des Sterbens: Der niederländische Schriftsteller porträtiert eine Frau, die in einer ausweglosen Situation Stärke zeigt. Die Geschichte ist eine Hommage an Emily Dickinson - Zitate aus ihrem Werk bilden eine Achse des Romans.

Die Romane des Niederländers Gerbrand Bakker ("Oben ist es still", "Juni") basieren stets auf einer klaren Struktur. Zwischen Haupt- und Nebenachsen gibt es narrative Inseln, die dem Erzählraum geheimnisvolle Tiefe verleihen. Dabei umkreist die Sprache das angeschlagene Thema in Andeutungen. Die Feder des diplomierten Gärtners agiert mit zarter Bestimmtheit und lässt das Unausweichliche zum Prinzip werden.

In seinem jüngsten Roman hat sich Bakker einem Tabuthema zugewandt: dem Prozess des Sterbens. Doch handelt es sich bei seiner Protagonistin nicht um einen Menschen am Ende seines Lebens. Gevatter Tod beabsichtigt Agnes weit vor der Zeit zu holen. Die Unheil verkündende Diagnose hat sich rein zufällig bei einer Fruchtbarkeitsuntersuchung ergeben, was den Schicksalsschlag fast zynisch erscheinen lässt. Die Hoffnung, Leben geben zu können, wird vom Tod jäh durchkreuzt. Bakker setzt mit dem Erzählen ein, als Agnes versucht, dem kalten Griff des Sensenmannes noch einmal zu entkommen.

Sie flieht aus ihrer Heimatstadt Amsterdam und hinterlässt selbst ihrem Mann keine Nachricht. In ihrem Gepäck befinden sich die "Collected Poems" von Emily Dickinson, dem Spezialgebiet der Literaturdozentin, sowie die Kopie einer umstrittenen Daguerreotypie der großen amerikanischen Dichterin, die erst im Jahr 2000 entdeckt wurde. Zitate aus ihrem Werk durchziehen den Roman wie ein roter Faden und bilden eine Hauptachse des Erzählens. Das überzeugt, denn Dickinsons großes Thema war der Tod. Stellvertretend für die Protagonistin scheint die bereits tote Dichterin auszusprechen, wofür die noch Lebende keine Sprache hat.

In der Kargheit der walisischen Landschaft mietet die Holländerin ein altes Farmhaus, das nur von einigen Gänsen und Dachsen bewohnt wird. Agnes, die in der Fremde den Namen ihrer literarischen Seelenverwandten Emily angenommen hat, hofft das allmähliche Entfremden des eigenen Körpers mit Würde bestehen zu können. Gemeinsam mit dem jungen Bradwen, der eines Tages auf ihrem Grundstück auftaucht und ein Gestrandeter, wie sie ist, pflanzt sie im Dezember Rosenstöcke und versucht, dem verwilderten Garten seinen ursprünglichen Charakter wiederzugeben.

In vorsichtig ausgeführten Sprachbewegungen kreist Bakker nicht nur die Geschichte der sterbenden Agnes/Emily ein. Er skizziert die Hommage an eine Poetin, die 1862 an den späteren Herausgeber ihrer Gedichte Thomas Wentworth Higginson schrieb: "My Business is Circumference". Bakker nimmt dieses Prinzip des Umkreisens nicht nur in seiner Erzählweise auf. Dem Roman ist ein Gedicht von Dickinson in englischer Sprache vorangestellt, das die Funktion eines Prologs hat. Als Epilog taucht es erneut auf, nun aber in einer Übersetzung, an der auch Agnes mitgeschrieben hat.

Ein Siegeszug der Literatur in doppelter Hinsicht.

Besprochen von Carola Wiemers

Gerbrand Bakker: Der Umweg
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012
230 Seiten, 19,95 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Die Literaturkritik in der KritikWer bespricht wen?
Eine schwarze Brille liegt auf einem Stapel aufgeschlagener Bücher. (Unsplash / Tamara Gak)

Literaturkritik gibt es im Feuilleton und im Netz. Grün sind sich ihre Exponenten nicht immer. „Elektronisches Stammtischgeschnatter“ nannte Sigrid Löffler die Konkurrenz, die sich als moderner und aufgeschlossener begreift. Eine Debatte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur