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Studio 9 | Beitrag vom 27.01.2019

Enkel von NS-Opfern recherchieren"Wenn ich nicht ein Andenken schaffe, wer soll es sonst tun?"

Von Jens Rosbach

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Eine Hand zeigt beim Internationalen Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen auf laminierte Transportlisten aus dem Konzentrationslager Buchenwald (Foto vom 29.11.2012). (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
In der zentralen Namensdatei in Bad Arolsen befinden sich schockierende Belege der Judenverfolgung durch das NS-Regime. Der 27. Januar ist dem Gedenken an den Holocaust gewidmet. (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Bis heute suchen Angehörige von NS-Opfern nach Verschwundenen oder Ermordeten. Vor allem die Enkel sind aktiv und wenden sich an die Archive - wie Mimi K., die sogar den Nachnamen ihres ermordeten Großvaters annehmen möchte.

Sivan Rosenberg hat sich auf ein Abenteuer eingelassen: Die 35-jährige Berlinerin, die aus Israel kommt, sucht nach einer Verwandten, die im Holocaust verschollen ist. Alles begann mit ihrem Großvater, der im KZ Auschwitz war. Der polnische Jude hatte mit viel Glück Hunger, Krankheit und Folter überlebt – und war nach dem Krieg emigriert.

"Mein Opa, der hat ein schönes Leben gehabt danach. Er hatte zwei Söhne, er war in Israel, und er hatte ein ruhiges Leben. Aber der hat angefangen zu heulen und zu weinen, wenn jemand mit ihm über seine Familie geredet hat. Der hat halt alles verloren. Der war ein sehr trauriger Mann."

Sivan erinnert sich, dass ihr Opa eine tätowierte KZ-Nummer auf dem Arm trug. Er starb 1989 – allerdings ohne seiner Familie etwas über die Nazizeit zu erzählen. So wuchs die Enkelin mit der Vorstellung auf, dass fast alle Angehörigen des Großvaters umgebracht worden sind. Bis Sivan im vergangenen Frühjahr von ihrem Vater erfuhr, dass eine ihrer Tanten überlebt haben könnte. Die Tante hieß Chaya und wurde vielleicht, als Kleinkind, zur Adoption freigegeben, als die Deutschen in Polen einmarschierten.

"Weil, die Leute wussten schon, die werden vernichtet, sie werden getötet. Und sie haben alles versucht, vor allem wenn sie so kleine Kinder hatten, an irgendwelche Familien zu geben in der Region. Und daraufhin habe ich gedacht, okay, das kann wirklich sein, dass die Tante noch am Leben sein könnte!"

Suche mit dem Wunsch nach Happy End 

Sivan Rosenberg, die bereits 2007 für ein Medizinstudium nach Deutschland kam, machte sich auf Spurensuche. Sie fragte beim Roten Kreuz in Israel nach sowie und bei der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Doch dort wurde lediglich eine Opfer-Liste aus dem Heimatort des Großvaters gefunden, die nur wenige Angehörige aufführt. Nun will die Enkelin in polnischen Archiven weitersuchen nach ihrer Tante.

"Sie wäre jetzt 80, wenn sie am Leben ist. Gut, vielleicht hat sie Kinder und Enkelkinder. Ich mache das auch mehr für die Enkelkinder und Kinder halt. Vielleicht haben wir eine schöne Geschichte am Ende."

Auch die Jüdin Mimi K., 34 Jahre alt und in Berlin geboren, erforscht ihre Familiengeschichte. Ihr Großvater, Mojze Steininger, stammte aus der galizischen Stadt Stryj – und hatte als einziger die Shoah überlebt.

"Die ganze Familie Steininger aus Stryj ist ausgelöscht! Die wird noch nicht mal im Namen weitergetragen!"

Für die Enkelin wurde die Vergangenheit aktuell, als sie im vergangenen Jahr Unterlagen aus der Gedenkstätte Yad Vashem erhielt, in denen der Familienname des Großvaters plötzlich auftauchte. Mimi forschte nach dem Verbleib weiterer Verwandter, bis sie im Internet auf ein eingescanntes galizisches Geburtsbuch stieß, das neue Hinweise auf die Steiningers gibt.

"Die Seiten von dem Geburtsbuch waren vergilbt, aber noch in einem relativ guten Zustand, dafür, dass es schon 100 Jahre alt her ist."

Enkel weniger vorbelastet als Kinder der Opfer

Mimi K. ist von der Spurensuche so elektrisiert, dass sie bald nach Stryj fahren will, das heute in der Ukraine liegt. Und: Sie möchte den Nachnamen ihres Großvaters und seiner ermordeten Geschwister und Eltern annehmen.

"Wenn ich nicht ein Andenken schaffe, wer soll es denn sonst tun?"       

Ob in Deutschland, in Israel oder in den USA - mehr als 70 Jahre nach der Shoah läuft die Suche nach verschwundenen oder getöteten Opfern weiter. So gingen im vergangenen Jahr beim zentralen Suchdienst zur NS-Verfolgung, dem International Tracing Service im hessischen Bad Arolsen, rund 23.000 Personenanfragen aus aller Welt ein. Ramona Bräu von der Archivleitung berichtet, warum viele jüdische Familien heute noch einen Rechercheantrag stellen:

"Wenn wir Informationen über den letzten Ort haben, an dem der Angehörige noch gelebt hat oder eben umgebracht wurde, dann ist das auch so eine Gewissheit, und man kann damit vielleicht auch abschließen. Weil das Schicksal dann vielleicht auch nicht mehr ein offenes oder ungeklärtes ist, man kann diesen Ort besuchen, und man hat vielleicht eine Art von Ersatzgrab."

Der internationale Suchdienst ITS, der bereits 1946 gegründet wurde, verfügt über rund 30 Millionen Dokumente aus KZ-, Ghetto- und Zwangsarbeitslagern. Nach Angaben der Archivare zeigt die Enkelgeneration der Holocaust-Überlebenden heutzutage ein besonders starkes Interesse an einer Familienrecherche. Diese Generation sei nicht so vorbelastet wie die unmittelbaren Kinder der Holocaust-Opfer. Doch der Suchdienst warnt: Wer in Bad Arolsen um Auskunft bitte, der müsse mit schockierenden Belegen der NS-Verfolgung rechnen.

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