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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2005

Engagement statt Politikverdrossenheit

"Profil! Ansichten der Generation P"

Von Maximilian Preisler

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Jugendliche im Bundestag (AP)
Jugendliche im Bundestag (AP)

Der weit verbreiteten Meinung, die Jugendlichen von heute seien politikverdrossen und desinteressiert, will der Band "Profil! Ansichten der Generation P" entgegentreten. Von Journalistikstudenten werden junge Frauen und Männer porträtiert, die sich auf verschiedenen Feldern politisch engagieren.

Politikverdrossen, allgemein desinteressiert, ja resigniert, diese Vokabeln werden gerne benutzt, wenn die Mentalität der heutigen Jugendlichen in Deutschland beschrieben wird. Auch mit großen Netzen können die Parteien kaum noch junge Mitglieder einfangen, bei vielen Institutionen im Lande, seien es Gewerkschaften oder Kirchen, muss man die 14- bis 25-Jährigen mit der Lupe suchen.

Diese negative Sicht ist allgemein akzeptiert, so dass die 15 Porträts engagierter Jugendlicher, die in dem schmalen Band "Profil! Ansichten der Generation P" zu finden sind, wie ein Paukenschlag wirken. Sechs junge Frauen und neun junge Männer, deren sympathisch-offene Gesichter auf dem Umschlag abgebildet sind, erklären, warum für sie das Wort Engagement kein abstoßendes Wort ist, welche Aktivitäten sie sich gesucht haben und mit welchen Reaktionen sie zu rechnen haben.

Sven zog als 19-Jähriger in den Freiburger Stadtrad ein, er gründete mit anderen die Liste "Junges Freiburg", die auf Anhieb zwei Sitze im Stadtrat erhielt. Heute ist er "schon" 25, Lehramtsstudent in Berlin, und stellt im Nachhinein fest: Mit jedem erfolgreichen Projekt wächst das Selbstvertrauen. Allerdings stellte er auch eine Negativentwicklung bei sich selbst fest, in Gesprächen, auch in privaten Gesprächen, setzte er plötzlich ein neu erlerntes Pokerface ein.

Betrüblich ist: Fast alle der gesellschaftlich interessierten Jugendlichen sehen die Schule als Hemmnisfaktor, zumindest nicht als förderlich für ihre Aktivitäten an. Philip, er steht "zwischen Abitur und Leben", verbringt viele Stunden vor dem Computer, allerdings nicht, um bei "War Craft" die nächste Ebene zu erreichen, sondern um seine Online-Diskussionsplattform für politisch interessierte Jugendliche mit dem Namen "Zeitdenken" zu verbessern. Er drückt sein Verhältnis zur Schule so aus: "Ich wache auf, dusche, sitze dort meine Zeit ab, und dann erst beginnt der Tag".

Die Art der Projekte, die diese Jugendlichen entwickelt haben, ist weit gefächert. Erzählt wird von "youth Cultures e.V." in Neubrandenburg, ein Verein, der jugendliche Energien bündeln will und von Skatern bis zu Graffiti-Freaks möglichst viele erreichen will, eine junge Frau fährt seit über einem Jahr regelmäßig von Leipzig, dort studiert sie, nach Wurzen, um russischsprachigen Jugendlichen zu helfen, sich in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden. Sie erklärt den jungen Migranten Feinheiten der deutschen Grammatik, geht mit ihnen ins Kino, formuliert mit ihnen zusammen Bewerbungen. Das wichtigste aber ist ihrer Meinung nach etwas ganz anderes: "Diesen Jugendlichen fehlt einfach ein Stück Unterstützung. Und Anerkennung." In Wurzen, so sagt uns die Wahlstatistik, haben bei der letzten Landtagswahl ein Fünftel der 18-30-Jährigen NPD gewählt.

Für wen ist dieser Band nützlich? Ich denke für gleich zwei Generationen. Zuerst für die Jungen, denn die Porträts machen Mut, selbst tätig zu werden, dazu gibt es ganz praktische Tipps und Warnschilder werden ebenfalls aufgestellt, die vor Sackgassen warnen. Aber auch die Elterngeneration wird die "Profile" mit Gewinn lesen, einige werden vielleicht sogar aufgerüttelt, sich nicht länger mehr zu ducken, wenn Probleme vor der Haustür entstehen, oder nur noch auf die baldige Verrentung zu schielen.

Jedes der 15 Porträts wurde von einem Jung-Journalisten erstellt, mit Verve gehen die Studenten an die Sache, und zu spüren ist, wie begeistert sie wiederum von dem Schwung sind, den ihre Interviewpartner verbreiten. Im Nachwort bringt Professor Hurrelmann von der Uni Bielefeld diese profilierte Generation auf einen wissenschaftlichen Punkt: "Engagement der jungen Generation kommt nicht aus einem Gefühl der Verpflichtung, das aus traditionellen Gemeinschaftsbindungen folgt, sondern aus Freiwilligkeit, die durch Eigeninteresse gespeist ist."

Profil! Ansichten der Generation P
Hrsgb: Benjamin Gesing, Jochen Markett, Björn Richter
2005 Glück & Schiller Verlag, Hildesheim

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