Seit 15:00 Uhr Nachrichten
Mittwoch, 20.01.2021
 
Seit 15:00 Uhr Nachrichten

Interview / Archiv | Beitrag vom 07.10.2014

EnergiewendeOhne Netzausbau droht Spaltung des Strommarkts

"50 Hertz" prophezeit zwei Preiszonen

Boris Schucht im Gespräch mit Nana Brink

Podcast abonnieren
Ein Hochspannungsmast in Bayern (dpa / picture-alliance / Sven Hoppe)
Ohne entsprechenden Netzausbau droht eine Aufteilung Deutschlands in zwei Preiszonen. (dpa / picture-alliance / Sven Hoppe)

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) sperrt sich gegen den Bau von Stromtrassen durch sein Bundesland. Wenn der billige Windstrom nicht in den Süden geleitet werden kann, werde dort die Energie teurer, warnt Boris Schucht, Chef des Netzbetreibers "50 Hertz".

Nana Brink: Um deutliche Worte ist Horst Seehofer ja selten verlegen. "Mit mir gibt es das nicht", sagt er da schon mal, und gerade nervt er wieder die Kollegen in der Koalition beim Thema Ausbau der Stromtrassen, denn der bayerische Ministerpräsident will partout keine "Monstertrassen" durch seine bayerischen grünen Wiesen und Wälder sehen. Und jetzt droht ein Zweistromland.

Heute Abend trifft sich der Koalitionsausschuss zum Thema Energiepolitik, und da wird es eben genau um den Ausbau der Trassen gehen und auch um den Streit darum. Boris Schucht ist Chef des ostdeutschen Netzbetreibers "50-Hertz" – guten Morgen, Herr Schucht!

Boris Schucht: Guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Es geht ja ganz konkret um die 800 Kilometer lange Nord-Süd-Leitung und auch um die Süd-Ost-Leitung von Sachsen-Anhalt nach Augsburg. Gerade für Letztere ist ja auch "50-Hertz" im Rennen. Wie ernst nehmen Sie denn den Streit?

Schucht: Ja, den Streit nehmen wir natürlich sehr ernst, aber lassen Sie mich vielleicht einmal ganz kurz ausholen: Wofür brauchen wir eigentlich diese Leitungen? Es geht ja darum, dass wir mit der Energiewende erneuerbare Energien, insbesondere Windenergie im Norden Deutschlands ausbauen und diese zu den Verbraucherzentren, die in der Regel im Westen und Süden des Landes liegen, transportieren müssen. Das heißt, wir müssen die erneuerbaren Energien über lange Strecken zu den Verbraucherzentren transportieren. Und dafür ist die notwendige Infrastruktur im Moment nicht vorhanden und muss errichtet werden.

Das ist Teil der Energiewende, und dafür werden auch mehrere Leitungen benötigt, es sind drei an der Zahl, die in sogenannter Gleichstromtechnologie gebaut werden sollen. Diese werden benötigt, damit man die Energiewende am Ende des Tages erfolgreich umsetzen kann.

Brink: Also nehmen Sie den Streit ernst, der für Sie auch fatale Konsequenzen haben kann?

Stromversorgung in Deutschland könnte teurer werden

Schucht: Ja, den Streit nehmen wir sehr ernst. Konsequenzen hat es im Wesentlichen mal fürs Land. Was passiert denn, wenn diese Leitungen nicht kommen? Dann können wir günstigen Strom, der in Norddeutschland transportiert wird, nicht, wenn der Wind weht, zu Kunden in Süddeutschland transportieren, sondern die werden dann durch relativ teure Öl- und Gaskraftwerke im Süden und sogar in Italien dann versorgt. Das heißt, in Summe wird dadurch die Stromversorgung in Deutschland sehr viel teurer, weil wir dann innerhalb von Deutschland Engpässe haben und den Strom nicht mehr in Richtung Süden transportiert bekommen.

Brink: Also haben wir es dann wirklich mit einer faktischen Spaltung des Strommarktes zu tun?

Schucht: Das ist eine der großen Gefahren, die da drohen. Es gibt schon seit Längerem Untersuchungen der Europäischen Kommission, wie eigentlich der Strommarkt genau gestaltet sein soll. Derzeit haben wir eine Preiszone, so nennt sich das, ein Preisgebiet, wo Strom überall dasselbe kostet, in Deutschland und in Österreich.

Es gibt aber sehr wohl die Befürchtung, dass mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien Engpässe in Deutschland entstehen, wo dieses Marktdesign so nicht mehr gerechtfertigt ist, wo man eigentlich Deutschland in zwei Preiszonen aufteilen müsste, in einen Norden und einen Süden: in einen Norden, wo es dann ein Überangebot an Erzeugung gibt, wo der Strom dann sehr günstig ist, und im Süden, wo es ein Unterangebot gibt, und wo dann Strom dementsprechend teurer ist. Das kann man auch ausrechnen, und das würde bedeuten, dass, ich sage mal, rund zehn Prozent der Strom zumindest in Süddeutschland teurer als im Norden werden würde.

Brink: Was würde das jetzt mal bedeuten, in Euro übersetzt, pro Haushalt?

Schucht: Das hängt natürlich von jedem Kunden sehr stark ab. Die Haushaltskunden, das ist die eine Sache – eine viel größere Bedeutung hat es natürlich für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, wenn dort solche Schwankungen in den Strompreisen einträten.

Brink: Aber ich würde das merken an meinem Geldbeutel, wenn ich jetzt in Bayern leben würde?

Schucht: Sie würden das merken an Ihrem Geldbeutel, ja.

Spaltung des Strommarkts droht

Brink: So. Also Sie sagen, die faktische Spaltung des Strommarktes steht bevor, wenn diese Leitungen nicht gebaut werden?

Schucht: Es droht zumindest die Gefahr. Wir haben derzeit schon diese Diskussion relativ lange. Es gibt aber ein großes Leitungsbauprojekt, was gerade umgesetzt wird, das ist die sogenannte Südwest-Kuppelleitung von Thüringen nach Bayern, die dann, wenn Grafenrheinfeld, das Kernkraftwerk, stillgelegt werden soll, in Betrieb sein soll. Damit haben wir dann erst mal den Engpass, der zwischen Nord und Süd derzeit de facto eigentlich besteht, wieder beseitigt.

Brink: Also ist es gar nicht so brennend?

Schucht: Aber mit dem Ausbau, mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien – und da gibt es ja jetzt einen sehr klaren Korridor durch die Bundesregierung – wird dann dieser Engpass sehr schnell wieder entstehen, wenn wir nicht in der Lage sind, weiter diese Netzausbauprojekte auch glaubhaft voranzubringen. Dann würde zumindest diese Diskussion relativ schnell wieder da stehen: Muss man Deutschland eigentlich in zwei Preiszonen teilen oder nicht?

Gegner einer geplanten Stromautobahn protestieren in Nürnberg am Rande einer Info-Veranstaltung des Betreibers Amprion. (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)Gegner einer geplanten Stromautobahn protestieren in Nürnberg am Rande einer Info-Veranstaltung des Betreibers Amprion. (picture-alliance / dpa / Daniel Karmann)

Brink: Nun argumentiert ja Horst Seehofer dergestalt, dass er sagt, na ja, es gibt erheblichen Widerstand eben auch aus der Bevölkerung gegen diese Stromtrassen. Nun reisen Sie ja durchs Land, weil Sie werben, Sie wollen ja irgendwie eine dieser Trassen bauen, das ist ja Ihr Ziel. Warum ist denn der Widerstand so vehement?

Schucht: Im Moment werden jetzt die Konsequenzen der Energiewende sichtbar. Es geht ja nicht nur um das Herunterfahren von Kernkraftwerken, sondern es geht auch um den Ausbau von erneuerbaren Energien. Und ein Teil davon, insbesondere Windanlagen, sind relativ sichtbar. Und es geht auch um den Ausbau der Netzinfrastruktur, um im Endeffekt die Energieversorgung zu sichern.

Das sind Projekte, die sieht man. Die greifen natürlich in das Landschaftsbild ein, und vor dem Hintergrund halten wir eigentlich diese Diskussion, die im Moment stattfindet, für ganz gesund, weil es muss natürlich eine große Zustimmung in der Bevölkerung, in der Gesellschaft da sein, will man die  Energiewende mit all ihren Konsequenzen.

Aber am Ende wird die Energiewende nicht umsetzbar sein, wenn man diese Infrastrukturprojekte nicht in Kauf nimmt. Das ist sozusagen die Nebenwirkung, die wir da leider mit hinnehmen müssen. Wir selber als Netzbetreiber, die diese Projekte umsetzen müssen, müssen natürlich lernen, wie können wir noch stärker in den Dialog gehen, wie können wir eigentlich den Menschen vor Ort erklären, warum werden diese Projekte benötigt. Das ist extrem wichtig, dass wir wirklich alles gemeinsam mit der Politik, gemeinsam mit den regionalen Politikern tun, damit die Menschen vor Ort verstehen, wozu wird das eigentlich gemacht.

Brink: Apropos gemeinsam mit der Politik. Was erwarten Sie denn vom Koalitionsausschuss heute Abend?

"Eines der größten industriepolitischen Umbauprojekte seit der Wiedervereinigung"

Schucht: Ich hoffe, dass es zumindest wieder Ansätze gibt, wie man wieder näher zueinander rückt. Die Energiewende wird am Ende des Tages nur umsetzbar sein, wenn alle am selben Strang ziehen. Das ist eines der größten industriepolitischen Umbauprojekte seit der Wiedervereinigung, in einer ähnlichen Dimension. Das wird nur gelingen, wenn alle Parteien, wenn alle politischen Strömungen und alle Länder an einem Strang ziehen. Vor dem Hintergrund hoffe ich, dass die Bundesregierung und auch das Land Bayern etwas näher zusammenrücken und wir damit auch etwas klarere Vorgaben für unsere Aktivitäten bekommen.

Brink: Na, da sind wir ja mal gespannt, ob das Horst Seehofer auch so sieht. Herzlichen Dank, Boris Schucht, Chef des ostdeutschen Netzbetreibers "50-Hertz". Danke für das Gespräch und Ihre Zeit!

Schucht: Auf Wiederhören, Frau Brink!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

Energiewende - Stabile Netze bei wachsendem Anteil der Windenergie
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 24.09.2014)

Deutschland und die Energiewende - Vom Vorreiter zum Bremser?
(Deutschlandradio Kultur, Im Gespräch, 20.09.2014)

Reihe: Nach der EEG-Reform - Die Baustellen der Energiewende
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 01.08.2014)

Investitionen - Gleiche Lebensbedingungen für alle
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 01.04.2014)

Hessen, Bayern, Schleswig-Holstein - Energiewende ja, Stromtrassen nein
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 26.03.2014)

Strom - Energiewende: Ja Bitte - Trasse: Nein Danke?
(Deutschlandradio Kultur, Wortwechsel, 07.03.2014)

Energiewende ja, neue Strommasten nein
(Deutschlandfunk, DLF-Magazin, 11.10.2012)

Energiewende ja, aber bitte nicht vor der Haustür
(Deutschlandradio, Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts, 03.05.2012)

Windkraftanlage - Bau-Boom vor EEG-Reform
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 29.07.2014)

Ökostrom - Bundestag beschließt EEG-Reform
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 27.06.2014)

Interview

PandemiemüdigkeitWarum uns zu Hause die Puste ausgeht
Durch die Beine einer Katze hindurch sieht man, wie ein Mädchen gelangweilt auf einen Laptop schaut. (Picture Alliance / Robin Utrecht)

Viele sind frustriert: Das liegt aber nicht nur am Coronavirus, sondern auch an den widersprüchlichen Botschaften zur Lage der Pandemie, meint der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Politik und Wissenschaft sollten stärker an einem Strang ziehen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur