Mittwoch, 28.10.2020
 

Zeitfragen | Beitrag vom 28.07.2020

Energiewende in GefahrDeutschland braucht mehr grünen Strom

Von Gerhard Schröder

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Windränder vor dramatischem Himmel mit Regenbogen entlang einer Autobahn (imago images/CTK Photo/Grzegorz Klatka )
Gegen den Bau von Windrädern gibt es immer wieder Widerstände von Anwohnern und Gemeinden. (imago images/CTK Photo/Grzegorz Klatka )

Deutschland war mal Vorreiter bei den Erneuerbaren Energien. Doch der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie ist ins Stocken geraten. Einzelne Projekte und Studien aber zeigen, wie die Energiewende wieder Fahrt aufnehmen könnte.

Pfaffenhofen an der Ilm, eine Kleinstadt in Oberbayern, beschaulich und prosperierend, zwischen Ingolstadt und München gelegen. 27.000 Einwohner leben hier. Hier wird Hopfen angebaut und Babynahrung der Marke Hipp hergestellt. Und inzwischen ist Pfaffenhofen auch Vorreiter in Sachen Energiewende.

Andreas Herschmann steht auf einem staubigen Parkplatz, 100 Meter vom Bahnhof entfernt. LKWs rauschen vorbei, im Hintergrund dröhnen Presslufthammer und Bulldozer von einer nahegelegenen Baustelle. Hier hat alles angefangen.

"Wir stehen hier an unserem ersten Projekt der Bürger-Energie-Genossenschaft, dem Solar-Carport in Pfaffenhofen. Hier hat ein 'P+R'-Parkplatz für die Bahn bestanden, und es war eine gute Idee der Genossenschaft, das Ganze zu überdachen und mit einer PV-Anlage auszustatten."

Andreas Herschmann ist Vorsitzender der Bürgerenergiegenossenschaft in Pfaffenhofen. 41 Jahre alt, ein freundlicher Mann mit sanften Gesichtszügen. Die lokale Presse nennt ihn den "Energiewendepapst". Sein Ziel: Pfaffenhofen soll klimaneutral werden, die Energie komplett aus erneuerbaren Quellen beziehen.

Das erste Projekt vor acht Jahren war der überdachte Parkplatz am Bahnhof, der mit Solarpaneelen ausgestattet wurde. 75 Haushalte werden davon mit grünem Strom versorgt. Finanziert wird das Ganze von Bürgern aus Pfaffenhofen, die sich an der Genossenschaft beteiligen, und für das eingezahlte Geld eine jährliche Verzinsung von vier Prozent bekommen.

Ein gutes Geschäft für alle sei das, sagt Andreas Herschmann, für die Bürger, die Stadt und die Umwelt. "Mit Photovoltaik haben wir angefangen – das ist schön, überschaubar zu rechnen – und haben uns dann zu Wind vorgearbeitet."

Widerstand gegen die Windräder

2016 wurde das erste Windkraftwerk in Pfaffenhofen gebaut, ein paar Kilometer vom Bahnhof entfernt im hügeligen Hinterland, mitten im Wald. Es versorgt 1500 Haushalte mit Ökostrom. Das lief noch vergleichsweise reibungslos.

Schwierig wurde es, als die Energiegenossenschaft drei weitere Windräder bauen wollte, um die Energiewende weiter voran zu treiben. Widerstand formierte sich, unter den Anwohnern und in den umliegenden Gemeinden. Aus ganz Bayern kamen Windkraftgegner nach Pfaffenhofen, um den Bau der über 200 Meter hohen Energieanlagen zu verhindern, sagt Herschmann. Der Ton wurde ruppig.

Andreas Herschmann, Vorsitzender der Bürgerenergiegenossenschaft Pfaffenhofen, vor dem Mast eines Windrades (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)Andreas Herschmann, Vorsitzender der Bürgerenergiegenossenschaft Pfaffenhofen: Die lokale Presse nennt ihn den "Energiewendepapst". (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)

"Naja, das wurde maximal intensiv im Sinne von Morddrohungen, die ausgesprochen wurden, aber auch Sachbeschädigungen, also ein Pflasterstein, der durchs Fenster geflogen ist, mit Morddrohungen verpackt oder auch gekreuzte Messer, die vor meiner Haustür beispielsweise gelegen haben. Also das alles zählt zu diesen Anfeindungen, die wir erlebt haben im Rahmen vor dem Bürgerentscheid, der dazu durchgeführt wurde. Das muss man aushalten können."

Herschmann und seine Energiegenossen hielten es aus. Gemeinsam mit dem Bürgermeister Thomas Herker, einem Sozialdemokraten, warben sie für den Bau der Windräder, stellten sich den Fragen und ließen am Ende die Bürger abstimmen. Und hatten Erfolg. Über 55 Prozent der Pfaffenhofener entschieden sich für den Bau der Windräder.

"In der Illusion zu leben, das würde irgendwo mit hundert Prozent Konsens und ohne den üblichen Widerstand geschehen, das ist naiv. Entscheidend ist, glaube ich, dass man die Bürger mitnimmt. Wir haben zwei große Diskussionsrunden, veranstaltet mit externen Fachleuten aus offiziellen Behörden, von Fachverbänden vom Bund Naturschutz über das Landesamt für Umwelt in Bayern und haben dort Bürgerfragen beantwortet, haben Dinge aufbereitet, haben unsere Grundlagen offengelegt und am Schluss war es eine deutliche Mehrheit."

"Die Bürger müssen von der Energiewende profitieren"

Thomas Herker ist ein Mann klarer Worte, einer, der die Auseinandersetzung nicht scheut. So ist er vor 12 Jahren ins Amt gekommen. Mit gerade mal 28 Jahren gewann der Sozialdemokrat gegen die in Bayern ansonsten übermächtige CSU. Mit einem klaren Programm für Klimaschutz und Energiewende.

"Der Anspruch war, Pfaffenhofen aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken und sich nicht weg zu ducken. Und eine der Herausforderungen ist eben der Klimawandel. Und es ist eine feste Überzeugung, die ich und viele mit uns teilen, dass, wenn sich dramatische Veränderungen auf dem Globus einstellen, auch eine Kleinstadt wie Pfaffenhofen einen Spielraum hat, den sie verantwortlich nutzen muss."

Die Bürger müssen von der Energiewende profitieren, sagt Herker, dann unterstützen sie auch den Bau von Windkrafträdern und Photovoltaikanlagen. Und am besten gelingt das, wenn sie direkt daran beteiligt sind, sagt Andreas Herschmann, der Chef der Bürgerenergiegenossenschaft.

"Pfaffenhofen zeigt, dass das Ganze funktionieren kann, dass das auch dann am Ende des Tages nicht nur ein Profit für den Klimaschutz ist, sondern auch sich für die Menschen vor Ort rechnet."

So kommt Pfaffenhofen seinem Ziel schon sehr nah: Wenn die drei geplanten Windräder im nächsten Jahr nach über sechs Jahren Planung ans Netz gehen, ist die Energiewende perfekt: Dann bezieht Pfaffenhofen seinen Strom komplett aus erneuerbaren Energien.

"Pfaffenhofen ist nicht die Blaupause für alle. Auch wir erfinden nicht alles neu. Aber wir versuchen, an vielen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen. Wir sind zumindest ein Beleg dafür, dass man es tun kann, wenn man es ernsthaft will."

Bundesweit schleppender Ausbau erneuerbarer Energien

Die Energiewende ist möglich, wenn man sie will. Das ist die Botschaft aus dem oberbayerischen Städtchen Pfaffenhofen. Und eigentlich will auch die Bundesregierung die Energiewende. Die letzten Atommeiler sollen 2022 vom Netz gehen, aus der Kohleenergie will Deutschland bis 2038 schrittweise aussteigen. Dann sollen vor allem Sonne und Wind die Lücken füllen.

Anders als in Pfaffenhofen kommt der Ausbau der erneuerbaren Energien bundesweit allerdings nur noch schleppend voran. Neue Windkraftanlagen werden kaum noch gebaut, auch weil es in der Bevölkerung erhebliche Widerstände dagegen gibt. Und auch Wasser- und Solarenergie verbuchen nur noch geringe Zuwächse.

Die Energiewende droht krachend zu scheitern, warnt Ingrid Nestle, die Energieexpertin der Grünen im Bundestag. "Also wenn das Ausbautempo auf dem heutigen Niveau bleibt. Ja, dann scheitert sie. Wir brauchen eine Beschleunigung, sonst scheitert sie. Das ist eindeutig."

Dramatisch ist vor allem der Einbruch bei der Windenergie an Land. Im vergangenen Jahr wurden nur noch Windräder mit einer Leistung von insgesamt 1078 Megawatt gebaut, 55 Prozent weniger als zwei Jahre zuvor. Das war der niedrigste Stand seit 20 Jahren.

Abstandsregeln für Windräder machen Neubau "praktisch unmöglich"

Verantwortlich dafür ist auch die Politik, sagt Volker Quaschning, Professor für Erneuerbare Energiesysteme an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin. Die Abstandsregelungen, die Bund und Länder für Windräder festgelegt haben, hätten den Neubau von Windrädern praktisch unmöglich gemacht.

"Auf der einen Seite verspricht man den Ausstieg aus der Kernenergie und Klimaschutz. Auf der anderen Seite definiert man von vornherein Abstände von Windrädern zu Gebäuden, die so groß sind, dass man gar keine Windräder mehr bauen kann. Und dann ist die Energiewende natürlich tot."

Auch der Ausbau der Solarenergie hat sich deutlich verlangsamt. Die Bundesregierung bremst die Energiewende aus, warnt Patrick Graichen, er ist Chef der Denkfabrik Agora Energiewende. Das könnte Deutschland teuer zu stehen kommen.

"Denn die Zeiten von Atomstrom sind definitiv Ende 22 vorbei. Und die Zeiten von Kohlestrom sind in den nächsten zehn, 15 Jahren vorbei. Das heißt, ein Industrieland kann nur dann überleben und seinen eigenen wirtschaftlichen Wohlstand halten, wenn wir jetzt massiv in Wind und Solar bauen. Und wer das sozusagen jetzt in Frage stellt, der stellt auch in Frage, dass wir tatsächlich heimische Industrieproduktion haben." 

Um die Lücken zu füllen, die der Ausstieg aus Atomkraft und Kohleverbrennung hinterlässt, brauchen wir mehr grünen Strom. Das weiß natürlich auch die Bundesregierung. Bis 2030 will sie den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung, der im vergangenen Jahr bei 42 Prozent lag, auf 65 Prozent erhöhen.

Dafür müsste die Ökostromproduktion um 70 Prozent erhöht werden, sagt Max Gierkink vom Energiewissenschaftlichen Institut an der Universität Köln. "Und das ist ein ambitionierter Ausbaupfad, muss man klar sagen. Und mit diesem Ausbaupfad würden wir bei konstanter Stromnachfrage, wie sie die Bundesregierung annimmt, eben die 65 Prozent erreichen." 

Mehr Strom für Elektroautos 

Das Problem ist nur: Der Strombedarf wird – anders als von der Bundesregierung angenommen - in den kommenden Jahren deutlich steigen, hat Gierkink berechnet. Der Grund ist einleuchtend: Weil wir auf Kohle und Öl verzichten, brauchen wir mehr Strom.

"Der stärkste Treiber ist sicherlich der Verkehrssektor. Die Elektrifizierung des Verkehrs spielt eine wesentliche Rolle. Heute sind wir bei etwa 250.000 Elektroautos, während wir in 2030 laut Klimaschutzprogramm der Bundesregierung 7 Millionen Elektroautos haben werden. Und da ist halt der deutlichste Anstieg zu erwarten." 

Mehr grünen Strom brauchen wir auch für die Umstellung der Heizungen, weg vom Öl hin zu strombetriebenen Wärmepumpen. Und auch die Industrie will loskommen von den fossilen Energieträgern und braucht deshalb mehr erneuerbare Energien. Das alles, so hat der Energiewissenschaftler Max Gierkink berechnet, wird dazu führen, dass der Stromverbrauch im kommenden Jahrzehnt um 26 Prozent steigen wird.

Die Bundesregierung dagegen geht davon aus, dass der Stromverbrauch in den kommenden zehn Jahren leicht sinken wird. Ein unrealistisches Szenario, meint auch Patrick Graichen von Agora Energiewende.

"Die Prognose der Bundesregierung basiert auf völlig veralteten Zahlen. Wenn man realistisch an die Sache herangeht und den zusätzlichen Strombedarf bei Verkehr nimmt, bei Wärme und eben in der Industrie durch die Wasserstoffstrategie, dann muss ich die Erneuerbaren-Ziele nach oben schrauben."

In zehn Jahren droht eine gewaltige Stromlücke 

Sonst droht eine gewaltige Stromlücke. Das macht mittlerweile auch der deutschen Industrie Sorgen. Gerade energieintensive Branchen wie Stahl und Chemie müssen sich grundlegend umstellen. Auf fossile Energien wie Kohle, Öl und Gas werden wir langfristig nicht mehr setzen können, sagt Jörg Rothermel vom Verband der Chemischen Industrie:

"Wenn wir von den weiteren politischen Entwicklungen ausgehen, dass wir unsere Treibhausgasneutralität in Deutschland und auch in Europa, was ja derzeit gesetzlich festgelegt wird, bis 2050 erreichen wollen, bleibt uns am Ende nichts Anderes übrig, als tatsächlich auch treibhausgasneutrale Produktion zu machen, um noch hier produzieren zu können."

Bis 2050 wäre das technisch möglich, sagt Rothermel, bis 2050 könnte die Chemieindustrie ihre CO2-Emmissionen auf Null reduzieren. Das hat der Chemieverband in einer Studie berechnen lassen. Allerdings müsste die Branche ihre Produktion bis dahin komplett umstellen, weg vom Rohstoff Öl hin zu Wasserstoff. Um den Wasserstoff zu produzieren, bräuchte sie aber viel grünen Strom. 

"Wir werden statt der eine Millionen Tonnen Wasserstoff, die wir heute einsetzen, etwa sieben Millionen Tonnen brauchen. Und um diese sieben Millionen Tonnen Wasserstoff herzustellen, werden wir dann in der Größenordnung von 600 Terrawattstunden Strom benötigen. 600 Terrawattstunden Strom, das ist ungefähr die Stromproduktion von heute in Gesamtdeutschland. Ja, das ist das, was wir dann in Zukunft, wenn der Weg so beschritten wird, dann alleine benötigen."

Deutschland müsste seine Stromproduktion bis 2050 also glatt verdoppeln, um den Energiebedarf allein der Chemieindustrie zu decken. Und natürlich müsste es grüner Strom sein, damit die Klimaziele erreicht werden. In ähnlichen Dimensionen dürfte sich der Bedarf von anderen energieintensiven Branchen, etwa der Stahlindustrie, bewegen. 

Größter Solarpark Deutschlands – ohne staatliche Förderung

"Also wir wollen ernsthaft diesen Weg beschreiten und wollen jetzt ermitteln: Wie kriegen wir das hin?" 

Und die entscheidende Frage dabei ist: Wo soll der grüne Strom herkommen?

Errichtung des Solarparks von EnBW in Werneuchen, Brandenburg (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)Auf einer Fläche von 135 Fußballfeldern entsteht in Werneuchen in Brandenburg der größte Solarpark Deutschlands. (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)

Die Gemeinde Werneuchen, 30 Kilometer nordöstlich von Berlin. Thorsten Jörß steht vor einem Baucontainer und blickt zufrieden auf den trockenen Acker, aus dem vereinzelt Blumen sprießen. Jörß ist Manager des badischen Energiekonzerns EnBW, der hier in Brandenburg, auf einer Fläche von 135 Fußballfeldern den größten Solarpark Deutschlands errichtet. 80 Arbeiter sind derzeit im Einsatz, rammen stählerne Stützpfeiler in den Boden, an denen später die Solarmodule befestigt werden, die 50.000 Haushalte mit Strom versorgen sollen. 

Knapp 100 Millionen Euro investiert der drittgrößte Energiekonzern Deutschlands in den Brandenburger Solarpark, der noch in diesem Jahr ans Netz gehen soll. Ein Meilenstein für den Ausbau der Solarenergie, sagt Strommanager Thorsten Jörß. Nicht nur, weil die Anlage so groß ist. Sondern weil sie komplett ohne staatliche Förderung auskommt.

"Wir zeigen mit diesem Projekt das erste Mal, dass ein Projekt in Europa völlig frei am Markt wettbewerbsfähig ist. Also Photovoltaik ist tatsächlich die erste Technologie, die diesen Punkt jetzt erreicht hat."

EnBW verzichtet auf staatliche Abnahmegarantien und Mindestpreise, den ganzen Katalog an Förderungen, die das Erneuerbare-Energien-Gesetz für Ökostrom vorsieht. Und vermarktet seinen Solarstrom selbst, auf eigenes Risiko, zu Marktpreisen.

Das geht, weil die Solarenergie so kostengünstig geworden ist, sagt Strommanager Jörß. "Die Kosten für Solarenergie sind in den letzten Jahren massiv gefallen. Also in den letzten zehn Jahren rund 90 Prozent. Und jetzt ist aus unserer Sicht der Zeitpunkt, dass diese Projekte sich wettbewerbsfähig völlig förderfrei rechnen."

Ausbau in dünnbesiedelten Flächenländern

Deshalb will EnBW viel Geld in die Photovoltaik stecken, will die Kapazitäten in den nächsten fünf Jahren verdoppeln. Und Thorsten Jörß ist sicher, dass andere Energiekonzerne nachziehen werden. 

"Wir errichten hier ein Meilensteinprojekt der Energiewende, das definitiv Signalwirkung haben wird. Es werden in den nächsten Jahren viele weitere Projekte errichtet."

Solarpark von EnBW mit Thorsten Jörß, Geschäftsführer des Solarparks und Leiter Projektentwicklung Photovoltaik bei EnBW (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)Thorsten Jörß im Solarpark in Werneuchen: In dünnbesiedelten Flächenländern wie Brandenburg ist Platz für solche Anlagen. (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)

Und zwar vorzugsweise in dünnbesiedelten Flächenländern wie Brandenburg. In anderen, dichter besiedelten Regionen fehlen dafür die Flächen, räumt EnBW-Manager Andreas Renner ein.

"In Süddeutschland haben wir einfach eine andere Topografie, und durch die Topografie in Süddeutschland haben wir nicht die Flächen zur Verfügung. Zehn Hektar sind dort einfach groß. Wir haben schlicht und ergreifend keine ebenen Flächen in dieser Größenordnung, weder in der Landwirtschaft noch für die erneuerbaren Energien."

Allein auf großflächige Photovoltaikanlagen wie in Brandenburg zu setzen, wird deshalb vermutlich nicht reichen. In Süddeutschland werden deshalb noch ganz andere, unkonventionelle Ideen ausprobiert. 

Die Hofgemeinschaft Heggelbach, ein kleiner Weiler in Baden-Württemberg, versteckt gelegen in der idyllischen Hügellandschaft zwischen Bodensee und Schwarzwald. Sechs Familien bewirtschaften hier 160 Hektar Ackerland, bauen Getreide und Gemüse an, halten Schweine und Kühe. Alles streng nach den Richtlinien des Bioverbandes Demeter. 

Auch der Strom kommt aus eigener Produktion, von einem kleinen Holzkraftwerk unterhalb des Kuhstalls und von Sonnenkollektoren, die die Biolandwirte auf die Häuser montiert haben. Überschüssiger Strom wird in einem Stromspeicher aufgefangen, damit nachts, wenn die Sonne nicht mehr scheint, die Lichter in Heggelbach nicht ausgehen.

Oben Strom produzieren und unten Weizen ernten

"Wir haben sehr früh angefangen, mit Photovoltaik auch zu experimentieren. Und das funktioniert eigentlich ganz gut. Wir haben einen 150 Kilowattstunden-Speicher auf dem Hof installiert und dann, wenn wir es nachts oder wenn nicht die Sonne scheint, brauchen, nutzbar machen", sagt Florian Reyer.

Der 38-Jährige ist auf dem Hof aufgewachsen, ein Biolandwirt aus Leidenschaft. Er steht jetzt oberhalb des Dorfes an einem Weizenfeld, das von einer massiven Stahlkonstruktion überspannt ist. Darauf sind in lockerem Abstand Sonnenkollektoren angebracht, in fünf Metern Höhe, sodass Biolandwirt Reyer noch bequem mit Traktor und Mähdrescher darunter herfahren kann. 

"Wir haben drei Versuchsjahre mit verschiedenen Kulturen gehabt. Da wurde Kleegras, Winterweizen, Sellerie und Kartoffeln in unterschiedlichen Konstellationen unter der Anlage angebaut, immer auch mit einer Referenzfläche, die dahinter ist, ohne Photovoltaik und dann die Erträge und Qualitäten verglichen." 

Oben Strom produzieren und unten Weizen ernten – geht das? Lohnt sich das für die Landwirte? Schließlich nehmen die Sonnenkollektoren den Pflanzen das Licht, und die Frage war: Gleichen die Erträge aus der Stromproduktion die Ernteeinbußen aus? In einem Modellprojekt, das vom Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg konzipiert wurde, haben die Biobauern in Heggelbach das erprobt.

Die Ergebnisse aus den ersten drei Jahren sind ermutigend, findet Landwirt Reyer. "Wir haben drei sehr unterschiedliche Jahre gehabt, und deshalb sind die Ergebnisse auch nicht einheitlich. Was man sagen kann, ist, dass in den heißen Sommern wie 2018 die Beschattung bei gewissen Kulturen wie Kartoffeln und Weizen Vorteile bringen kann, sogar gegenüber der Referenzfläche gleiche oder leicht höhere Erträge."

"Die Agrophotovoltaik hat großes Potenzial"

In weniger heißen Jahren fiel die Ernte unter dem Solardach – je nach Kultur – bis zu 20, 25 Prozent geringer aus, was durch die Erträge aus der Stromproduktion aber ausgeglichen wurde, sagt Max Trommsdorf. Er hat das Projekt bei der Fraunhofer Gesellschaft geleitet.

"Lohnenswert ist es vor allem dann, wenn man in Betracht zieht, dass Flächen bei uns in Deutschland, aber auch weltweit, immer knapper werden. Das heißt, wir müssen effizient mit denen umgehen." 

Die Agrophotovoltaik hat großes Potenzial, sagt Trommsdorf, sie kann einen wichtigen Beitrag leisten, damit Deutschland seinen Strombedarf in Zukunft decken kann.

"Also wir rechnen mit knapp vier Prozent der deutschen Agrarflächen, die ausreichen würden, auch heute schon, den gesamten Strombedarf Deutschlands zu decken. Das heißt, wir müssen gar nicht an große Flächenkulturen wie Mais oder Weizen rantreten, sondern, wenn bei Sonderkulturen wie Obstbau oder Beerenanbau diese Synergien wirklich nachweisbar sind, dann glaube ich, ist ein klarer Auftrag, auch an die Politik, zu schauen: Wie können wir dieses Potenzial heben?"

Florian Reyer, Biolandwirt, Hofgemeinschaft Heggelbach, Weizenfeld mit Agrophotovoltaikanlage (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)Florian Reyer, Biolandwirt auf der Hofgemeinschaft Heggelbach, macht gute Erfahrungen mit Agrophotovoltaik. (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)

Bislang allerdings tut der Staat alles, um Bauern davon abzuhalten, auf ihren Äckern auch Strom zu produzieren. Wer das nämlich tut, bekommt keine staatliche Förderung für den Ökostrom, keine Abnahmegarantie, keinen Mindestpreis. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sieht diese Stromproduktion schlicht nicht vor. Die Bauern müssten den Strom also auf eigene Faust über die Strombörse vermarkten. Das ist wenig lukrativ. Hinzu kommt: Sie bekommen keine Agrarsubventionen mehr für die Flächen, die sie dual nutzen. 

"Was natürlich ja schon so ein Schlag ins Gesicht ist. Das ist nicht nur der finanzielle Verlust, sondern auch die Anerkennung. Das heißt, hier sehen wir in Deutschland Nachbesserungsbedarf."

Deutschland schöpft sein Potenzial bei weitem nicht aus. Das gilt nicht nur für die Solarstromproduktion in der Landwirtschaft, sagt Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Wirtschaft und Technik in Berlin.

"Wir haben jüngst für unsere Hochschule eine Studie veröffentlicht. Hemmnisse und Hürden beim Photovoltaikzubau. Wir haben so um die 50 Hemmnisse identifiziert, die allesamt eins nach dem anderen den Photovoltaik-Zubau bremsen." 

Energiepolitischer Super-Gau gerade noch abgewendet

Immerhin: Den energiepolitischen Super-Gau hat die Große Koalition in letzter Sekunde noch abgewendet. Nach langwieriger Debatte haben Union und SPD vor der Sommerpause den sogenannten Solardeckel aufgehoben, der sah eine Obergrenze für den Ausbau der Photovoltaik vor, die vermutlich in diesem Sommer erreicht wird. Die Folge wäre ein kompletter Stillstand gewesen. 

"Wir haben nicht mehr den Deckel, der den Ausbau komplett abwürgt. Aber im nächsten Jahr sinken die Vergütungssätze so stark, dass Photovoltaikanlagen in vielen Bereichen nicht mehr wirtschaftlich sind. Auch das wird den Ausbau bremsen." 

Dabei ist Deutschland eigentlich ganz gut aufgestellt, hat in der Vergangenheit einiges richtig gemacht, sagt Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz, vor 20 Jahren eingeführt, habe einen verlässlichen Rahmen gegeben, mit langfristigen Abnahmegarantien und Mindestpreisen. Das habe den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verholfen. Jetzt aber müsse der Ausbau beschleunigt werden. 

"Ich muss im Erneuerbare-Energien-Gesetz die Schalter umlegen, dass wir jetzt bei den Solaranlagen in zweistellige Größenordnung kommen was die Gigawatt-Zubauzahlen angeht, dass wir bei Wind überhaupt wieder aus der Talsohle rauskommen, dass wir bei Wind Offshore jetzt die Ausbauziele verdoppeln. Das ist das, was jetzt ansteht und was leider fehlt."

Das vielleicht größte Problem: Die Planungsverfahren sind immer komplizierter und länger geworden. Das bremst vor allem den Ausbau der Windkraft, sagt Andreas Renner, Manager beim Energiekonzern EnBW.

"Wenn wir heute 60 Monate brauchen, um ein Windrad zu erstellen, ist es einfach unterirdisch. Im Gesetz steht, nach 20 Monaten soll es stehen, und es ist dreimal so viel bis wir eins gebaut haben."

Zu wenig Flächen für den Bau von Windrädern

Hinzu kommt: Es werden zu wenig Flächen für den Bau von Windrädern ausgeschrieben. Und auch die förderfähige Strommenge werde von der Bundesregierung knappgehalten, kritisiert Ingrid Nestle von den Grünen.

"Ja, ich glaube, es ist so simpel, wenn man einfach die Mengen erhöht für Wind an Land. Denn sind die Konditionen gut genug, da muss man nur noch dafür sorgen, dass es auch Genehmigungen geben kann. Und dann funktioniert das."

Doch es gibt Vorbehalte gegen einen schnelleren Ausbau der Windenergie, vor allem in der CDU. 

"Jetzt kann man immer sagen, ich baue noch mehr zu", sagt Eckhard Rehberg, der haushaltspolitische Sprecher von CDU-CSU im Bundestag. "Ich lade jeden ein, in meine eigene Heimat zu kommen, nach Mecklenburg-Vorpommern, zum Beispiel in die Gegend von Altentreptow, wo Windmühle an Windmühle steht. Also da gibt es Grenzen."

Rehberg kann die Widerstände in der Bevölkerung verstehen. Die betroffenen Anwohner und Gemeinden hätten meist nichts davon, wenn ihnen 200 Meter hohe Windräder vor die Nase gesetzt würden. Die Erlöse fließen ja meist woanders hin, in die Kassen der großen Energiekonzerne. Das müsse sich ändern, fordert auch der Energieexperte Patrick Graichen.

"Jede Kommune muss etwas davon haben, wenn auf ihrer Gemarkung ein Windpark gebaut wird. Das wird dann eine Art Abgabe sein, die der Windparkbetreiber zahlen muss, egal in welcher Hand der Windpark ist. Ob das eine GmbH, eine Genossenschaft ist oder ein großer Konzern."

Mehr Akzeptanz, wenn "es im Geldbeutel vor Ort klingelt"

Wenn die Erlöse aus der Stromproduktion in den Gemeinden landeten, wenn damit Straßen saniert oder Schulen und Kindergärten gebaut würden, dann könnte das die Haltung in der Bevölkerung verändern, meint auch der CDU-Mann Rehberg.

"Ich denke zumindest, dass die Akzeptanz sich dann vergrößert. Also wenn es im Geldbeutel vor Ort klingelt, dann ist es einfacher, Widerstände zu überwinden."

Auf eine Abgabe, die die Kommunen an den Erlösen der Stromproduktion beteiligt, konnten sich Bund und Länder bislang allerdings nicht einigen. Es gehe halt alles sehr schleppend zurzeit, räumt auch Mathias Miersch ein, er ist umweltpolitischer Sprecher der SPD. 

"Im internationalen Vergleich, glaube ich, kann sich Deutschland, was den Anteil an erneuerbaren Energien angeht, immer noch sehen lassen. Aber er ist auf keinen Fall zufriedenstellend." 

Mit den Beschlüssen vor der Sommerpause, dem großen Konjunkturpaket, habe die Große Koalition aber klare Impulse gesetzt. Für eine schnelle wirtschaftliche Erholung nach der Coronakrise, für einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien, meint Miersch.

"Da ist ganz viel im Fluss und ich bin auch nach diesem Konjunkturpaket jetzt sehr, sehr zuversichtlich, dass wir in Deutschland auch zum weiteren Vorreiter dieser Energiewende in Europa, aber auch international werden können."

Das Konjunkturpaket - verpasste Chancen für dem Klimaschutz

130 Milliarden Euro will der Bund bereitstellen, damit die Wirtschaft rasch aus der Krise kommt. Ein Paket, das auch dem Klimaschutz zugutekomme, sagt der Christdemokrat Rehberg.

"Wir werden allein in den Energie- und Klimafonds insgesamt 26 Milliarden Euro reinpacken. Dazu gehören solche Themen wie 9 Milliarden für Wasserstoff. Mobilitätswende 5,6 Milliarden, energetische Gebäudesanierung: nochmal 2 Milliarden. Also ich finde, das ist schon enorm und dazu kommt dann noch das Klimapaket aus dem vergangenen Jahr."

Umweltpolitiker wie Ingrid Nestle dagegen sind enttäuscht. Sie hätte sich mehr Geld für den Ausbau der erneuerbaren Energien gewünscht, mehr Geld für Bahn und öffentlichen Nahverkehr, mehr Geld für klimafreundliche Technologien.

"Ich glaube, das ist wirklich eine verpasste Chance. Wenn man 130 Milliarden Euro ausgibt, dann wäre das wirklich die Chance gewesen, wirklich Klimaschutz zu machen. Das, was einen als Klimaschützer wirklich gefreut hat an dem Paket, war ja, dass sie nichts Negatives damit gemacht haben, also dass sie zumindest diese Autokaufprämie nur reduziert aufgenommen haben. Aber die positiven Bereiche sind wirklich sehr dünn." 

Ähnlich sieht es Patrick Graichen von Agora Energiewende. Ein paar Trippelschritte in die richtige Richtung, mehr nicht. Und das sei einfach zu wenig.

"Wenn es so weiterginge wie derzeit, dann startet die Energiewende in die Zwanziger mit einer schweren Hypothek, dann sind die 2030er-Ziele nicht erreichbar."

Fehlt die politische Kraft für den großen Wurf?

Ob Union und SPD die Kraft haben zu einem großen Wurf in der Energiepolitik, ist ungewiss. Dabei würde ja schon ein Blick in die Provinz genügen, etwas ins oberbayerische Pfaffenhofen, um zu sehen, wie es gelingen könnte.

Wasserrad in Pfaffenhofen (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)Das Wasserrad in Pfaffenhofen wurde vor zwei Jahren wieder in Stand gesetzt. (Gerhard Schröder / Deutschlandradio)

Andreas Herschmann steht im Bürgerpark in Pfaffenhofen, lehnt sich an das Holzgeländer, schaut auf den langsam dahin plätschernden Bach, der das alte Wasserrad antreibt.

"Auch hier haben wir investiert und versucht, die alte Turbine durch eine noch effizientere Art der Energieerzeugung zu ersetzen."

Alle Potenziale ausschöpfen, das ist Devise in Pfaffenhofen. Und das ist dem oberbayerischen Städtchen ganz gut gelungen. Es bezieht seinen Strom komplett aus erneuerbaren Energien. Doch Andreas Herschmann weiß, dass das nicht reicht. Auch Pfaffenhofen braucht in Zukunft noch mehr grünen Strom, damit E-Autos aufgeladen und mehr Gebäude mit Wärmepumpen ausgerüstet werden können. 

"Und deshalb muss man natürlich die nächsten Projekte schon wieder angehen und mit planen. Damit wir langfristig 100 Prozent komplett saubere Energieversorgung haben."

Deshalb hat Pfaffenhofen beschlossen, dass alle Neubauten in Zukunft mit Photovoltaik-Anlagen ausgerüstet werden müssen. Es gibt Pläne, mit grünem Strom Gas zu produzieren, damit auch Energie da ist, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht. Am Ziel sei man noch nicht, sagt auch Bürgermeister Thomas Herker, aber man komme voran.

"Die Politik muss Rückgrat entwickeln oder bewahren und muss an der Stelle auch konzeptionell vorangehen und stark kommunizieren. Man darf nicht bei jedem kleinen Gegenwind dann einknicken, dann kann man auch Fortschritte machen."

Dann, so Herker, kann es klappen mit der Energiewende. Dann kann man auch die Bürger davon überzeugen. Ihm scheint das ganz gut zu gelingen. Nach zwölf Jahren im Amt ist der 41-Jährige im vergangenen Frühjahr wiedergewählt worden, mit 56 Prozent. Und das als Sozialdemokrat. In Bayern.

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