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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.07.2010

Energie für alle

Im Nigerdelta wollen die Menschen ein Stück vom Kuchen

Von Alexander Göbel

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Explosion einer Treibstoff-Pipeline in Nigeria (AP)
Explosion einer Treibstoff-Pipeline in Nigeria (AP)

Nigeria hat in den letzten Jahrzehnten Milliarden mit Öl verdient. Doch statt Wohlstand kam Leid zu den Menschen im Nigerdelta, verseuchtes Land und eine petrolgeschwängerte Luft. Gewinn machten nur eine kleine Elite und internationale Konzerne. Nun reagiert die Politik mit einem neuen Ölgesetz.

Lucky Amobi steht auf seinem kleinen Acker in der Nähe von Port Harcourt und starrt ungläubig auf den gigantischen Flammenwerfer. Die Hitze und der Lärm sind kaum zu ertragen. Man hat ihm erzählt, in dem Riesenschornstein direkt neben seinem Feld werde Erdgas verbrannt – und das hänge irgendwie mit dem Erdöl zusammen.

"Das Abfackeln ist sehr schlecht für meine Ernte – seit hier dieses große Feuer brennt, will auf meinem Feld einfach nichts mehr richtig wachsen..."

Mehr als 120 solcher Mega-Gasfackeln stehen im Nigerdelta, und die meisten gehören Shell, dem größten Energie-Unternehmen der Welt. Hier wird das Gas verbrannt, das bei der Ölförderung aus der Tiefe an die Erdoberfläche kommt. Gas Flaring - eine billige Methode, um mit dem unerwünschten Nebenprodukt fertig zu werden. In den USA wird weniger als ein Prozent des Erdölgases verbrannt – und auch in den übrigen Industrieländern wird kaum abgefackelt – die Ölfirmen sind dort verpflichtet, in entsprechende Technologie zu investieren.

Nicht so in Nigeria. Dass Treibhausgase und saurer Regen entstehen, dass krebserregende Stoffe wie Benzol und giftige Schwermetalle freigesetzt werden, dass sich im Nigerdelta Krankheiten häufen - Nieren- und Herz-Kreislauf-Versagen, Leukämie, Unfruchtbarkeit - das alles sei den Ölkonzernen herzlich egal, so Umweltaktivist Philip Jakpur. Im Nigerdelta gelte nach wie vor nur eines: maximaler Gewinn bei minimalen Investitionen.

"Die Ölförderung im Delta ist mitschuld am Klimawandel, vor allem das Abfackeln. Das macht man im Delta schon seit über vierzig Jahren, und immer wieder wurden den Ölfirmen Fristen gesetzt, damit sie damit aufhören. Deadlines gab es schon 1984, aber bis heute wollen uns die Konzerne weismachen, dass sie sie aus technischen Gründen nicht einhalten können. Jetzt reden alle von 2013, aber daran glaubt schon keiner mehr. Da sieht man, wie doppelzüngig dieses Geschäft ist."

Aber das Abfackeln ist nur eine Begleiterscheinung der Ölpest im Delta. Ohne das Öl könnte es hier aussehen wie in den Everglades von Florida – ein verwunschenes Labyrinth von Wasseradern mit Mangrovensümpfen und einer reichen Tierwelt. Aber aus dem grünen Paradies ist längst eine Hölle geworden. Ein schokoladenbrauner Ölfilm liegt auf dem Wasser, Vögel sterben, Fische gibt es hier längst nicht mehr. Klebrige Ölklumpen schwappen auf die Felder, es stinkt nach Petroleum.

6000 Kilometer Ölpipelines durchkreuzen das Nigerdelta im Zickzack - einige sind seit dem Bau in den 50er Jahren nicht mehr erneuert worden. Wegen der vielen Lecks kommt es im Durchschnitt fünf Mal pro Woche zu einem massiven "Spill" – zu einer Öl-Havarie. Seit in Nigeria Öl gefördert wird, sind auf diese Weise viele Millionen Liter ins Wasser und in den Boden geflossen – ein Umweltdesaster, für das vor allem Royal Dutch Shell immer wieder Ärger bekommt, das mächtigste Energie-Unternehmen der Welt. Der Konzern fördert allein rund 40 Prozent des nigerianischen Öls: Ein mächtiger Staat im Staate, der sein Geld auf Kosten von Mensch und Umwelt verdiene, sagen die Kritiker. Pressesprecher Bobo Brown von Shell Nigeria wehrt sich.

"In Wahrheit sind wir doch nur eine Firma – und keine Parallel-Regierung. Shells Einfluss auf die Regierung Nigerias hat seine Grenzen. Und das ist auch gut so. Denn Shell versteht sich als sozial engagiertes Unternehmen, als 'corporate citizen'."

Tatsächlich hat Shell schon vor langer Zeit versprochen, sich an der Reinigung der Böden zu beteiligen und Sozialprojekte in den verseuchten Gebieten zu fördern. 600 Milliarden US-Dollar sollen in Nigeria seit Beginn der Öl-Förderung vor 50 Jahren erwirtschaftet worden sein. 13 Prozent der staatlichen Einnahmen aus dem Ölgeschäft sollen angeblich den Förderregionen zugute kommen – doch bei den Menschen kämen nur Almosen an, schimpft Nigerias Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka. Aus dem "Oil Boom" im Nigerdelta sei längst ein "Oil Doom" geworden: ein Fluch.

"Ich habe vor kurzem Oloibiri besucht – dort hat Shell Mitte der 50er Jahre die ersten Pipelines gelegt. Es hat mir das Herz gebrochen! Oloibiri ist ein völlig ölverseuchtes Dorf, das Grundwasser ist vergiftet, die Menschen sind bitterarm – gut, Shell hat hier und da ein Schulgebäude hingestellt und eine kleines Krankenhaus, aber das ist lächerlich. Es ist ein Skandal. Und wenn mir heute ein Ölmanager sagt, der Reichtum, den man dort entnommen habe, sei dorthin zurückgeflossen und man habe doch etwas für die Menschen getan – dann ist das so zynisch, dass ich es eigentlich nicht mehr ernst nehmen kann!"

Hilflos mussten die Menschen im Nigerdelta zusehen, wie ihr Land und ihr Wasser von einer Industrie verschmutzt wurden, die ihnen nicht gehörte, die sie nicht beeinflussen konnten und die ökonomisch kaum etwas für sie abwarf. Früh regte sich Widerstand, schon im Biafra-Krieg Ende der 60er Jahre ging es auch ums Öl. Der gewaltfreie Aufstand des Ogoni-Volkes Anfang der 90er Jahre wurde vom Militärregime des Diktators Sani Abacha blutig niedergeschlagen. Seitdem hat das Nigerdelta seinen Märtyrer: Den Schriftsteller Ken Saro-Wiwa. Er wurde 1995 gelyncht, weil er dem guten Geschäft der Militärs mit dem Ölkonzern Shell in die Quere kam.

Nun will Nigeria sein Öl endlich selbst kontrollieren. Das neue Ölgesetz, der Petroleum Bill, soll die Fremdherrschaft der Konzerne beenden. Und die Geister in ihre Schranken weisen, die Nigeria vor 50 Jahren selbst gerufen hat. Präsident Goodluck Jonathan, der Nachfolger des verstorbenen Umaru Yar’Adua, kommt selbst aus dem Nigerdelta – und hat das Gesetz zur Chefsache erklärt: Nigeria will von den ausländischen Ölmultis unter anderem höhere Steuern und Lizenzgebühren verlangen und auch die alten Förderverträge neu verhandeln. In Zukunft sollen es im Delta vor allem nigerianische Firmen sein, die das Öl fördern. Für Boniface Dumpe vom Zentrum für Sozial- und Unternehmensverantwortung in Port Harcourt, klingt das fast zu schön, um wahr zu sein.

"Bei dem Ölgesetz geht es letzten Endes darum, dass Nigerias Bevölkerung stärker vom Ölreichtum profitiert. Bisher hält Nigerias Regierung ja große Anteile an Shell Nigeria und anderen nigerianischen Tochterfirmen von Großkonzernen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sich dadurch auch für die lokale Bevölkerung im Nigerdelta etwas verbessert hätte. Bei diesen Joint Ventures sind nur wenige Leute reich geworden. Das Ölgesetz ist ein klares, ein mutiges Zeichen: Der nigerianische Staat tritt selbstbewusster auf, damit weniger Öl-Geld ins Ausland fließt."

Shell hat bereits Investitionen von 50 Milliarden US-Dollar in andere Projekte verlagert und streut die Nachricht, der Konzern wolle sogar einige seiner Ölfelder im Nigerdelta verkaufen. Wie Exxon Mobile, Chevron und Total droht auch Shell, sich aus Nigeria zurückzuziehen und sich künftig vor allem in Ghana, Angola und im Senegal zu engagieren.

"Dass Shell mit so einer Drohung reagiert, ist wirklich sehr bedauerlich. Dabei hieß es doch bei Shell immer, der Konzern würde es begrüßen, wenn nigerianische Firmen und vor allem die Menschen im Nigerdelta mehr vom Ölreichtum hätten. Aber das scheint alles nur Gerede zu sein. Denn mit diesem Investitionsstopp entpuppt sich Shell nun einmal mehr als gnadenloses Unternehmen, dem es nur um Profit geht. Shell scheint die Regierung erpressen zu wollen, um ein Gesetz zu vereiteln, das im Interesse der Bevölkerung Nigerias wäre."

Doch das Muskelspiel der Konzerne könnte tatsächlich Wirkung zeigen. Denn das Ölgesetz droht zerpflückt zu werden - durch den massiven Druck von Shell und Co. und durch den harten Streit im Parlament. Dabei könnte das Gesetz helfen, die Befreiungsbewegung für das Nigerdelta zurück an den Verhandlungstisch zu holen. Denn nach wie vor kämpfen die Rebellen der so genannten MEND für mehr Teilhabe am Ölreichtum, und nach wie vor sind die Fronten zwischen ihnen und der Regierung verhärtet. Bis heute kommt das Nigerdelta nicht zur Ruhe: Die MEND hat mit Entführungen, Gewalt und Sabotage dafür gesorgt, dass die Region zu einem der gefährlichsten Gebiete der Welt geworden ist, dass die Ölfördermenge im vergangenen Jahr um mehr als ein Drittel einbrach. Für ein Öl-Land wie Nigeria eine Katastrophe, vor allem in Zeiten der Finanzkrise. Klaus Pähler, Repräsentant der Konrad-Adenauer-Stiftung in Abuja:

"Das Nigerdelta ist seit Jahren ein schwelender Krisenherd, der potenziell sehr gefährlich ist. Von daher muss man jede kleine Entwicklung begrüßen. Und es sicher gut, was die Regierung unternommen hat, eine Amnestie anzubieten, es haben ja auch Führer der Widerstandskämpfer sich dazu bekannt, haben Waffen abgegeben, sind freigelassen worden. Aber wenn Sie mal die IRA anschauen, oder die ETA, dann sehen Sie, dass solche Konflikte lange Zeit schwelen. In Nigeria hoffe ich, dass es nicht so ist, sondern die Lösung sein kann - aber es ist zu früh, das heute schon so klar zu sagen."

Immerhin sollen inzwischen mehr als 15.000 Kämpfer auf das Amnestie-Angebot der Regierung eingegangen sein. Wenn auch mit viel Misstrauen. Immer wieder war der Prozess ins Stocken geraten, doch Klaus Pähler von der Konrad-Adenauer-Stiftung ist mittlerweile vorsichtig optimistisch:

"Das ist zumindest ein Hoffnungszeichen. Amerikanische Geheimdienste haben im Nigerdelta immer die Gefahr für ein Auseinanderbrechen ganz Nigerias gesehen, und entsprechend auch das Afrika-Kommando AFRICOM in Deutschland entsprechend aufgebaut, weil massivste Ölinteressen hier in Nigeria liegen."

Die Befreiungsbewegung für das Nigerdelta beobachtet das Ringen um das Ölgesetz jedenfalls genau. Auch von seinen Paragrafen wird es abhängen, ob die Amnestie gelingt. Ob noch mehr Milizen ihre Waffen abgeben. Oder ob es vielleicht sogar zu einem neuen Ölkrieg im Delta kommt – den hatte die MEND der Regierung Nigerias schon einmal erklärt. Make Una Dey Go - Die Konzerne, sie sollen endlich abhauen. Das ist das Motto der MEND, das wollen die Menschen im Delta, und die MEND schürt diese Wut. Das neue Ölgesetz komme da gerade recht, findet Boniface Dumpe vom Zentrum für Unternehmensverantwortung. Denn wenn der Staat endlich handle, besänftige er auch die Bevölkerung.

"Diese unheilige Allianz zwischen Shell und der nigerianischen Regierung hat den Menschen hier in all den Jahren nichts Gutes gebracht, ganz im Gegenteil. Korruption, Kriminalität, Umweltverschmutzung, alles das ist bis heute an der Tagesordnung, und die Großkonzerne sind dafür mit verantwortlich! Wir können nur hoffen, dass dieses Gesetz nun einen echten Wandel einleitet. Dass es nicht als Lippenbekenntnis der Politik untergeht, sondern ein echtes Symbol für Fortschritt sein wird."

Auch der US-amerikanische Journalist Peter Maass, der Nigerias Ölregion besucht und gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht hat, sieht Shell und die anderen Ölfirmen als Teil der Ursünde im Delta. Dennoch müsse man auch auf andere mit dem Finger zeigen.

"In Nigeria ist nicht nur Shell das Problem, Nigerias Regierung ist noch ein viel größeres. Wenn diese Regierung wollte, dann könnte sie die Firmen zwingen, bei der Ölförderung entsprechende Umweltstandards einzuhalten. Und wenn diese Regierung eine bessere wäre, dann wäre auch Schluss mit dieser furchtbaren Korruption, die Millionen und Abermillionen Dollar verschlingt."

"Die Sanftmütigen werden das Land erben, aber nicht die Ölrechte" – so zitiert Peter Maass den Ölmilliardär Jean Paul Getty. Und will damit für Nigeria sagen: Das geplante Ölgesetz mag zwar die Ölmultis aufscheuchen, Gerechtigkeit schaffe der Petroleum Bill noch lange nicht. So mancher Politiker verdient am grassierenden Öldiebstahl im Nigerdelta kräftig mit – dem Staat gehen bis zu 15 Prozent der Einnahmen verloren. Der Aktivist Boniface Dumpe will sich seinen Optimismus aber nicht nehmen lassen. Für ihn gehört das Öl-Gesetz zum Vermächtnis Ken Saro-Wiwas – des Mannes, der mit seinem friedlichen Protest für die Menschen des Nigerdeltas gestorben ist.

"Diese Entwicklung ist ein wichtiges Zeichen für echten Fortschritt. Das Nigerdelta ist seit so langer Zeit politisch marginalisiert, wirtschaftlich stranguliert und ökologisch verwüstet, dass dieses Gesetz uns hoffen lässt. Darauf, dass die Menschen in den Ölgebieten nun endlich ihr gutes Recht bekommen – und das Stück vom großen Kuchen, das ihnen zusteht. Und genau das war ja der Kern des politischen Kampfes von Ken Saro-Wiwa."

Doch diesen Kampf haben Ken Saro Wiwas Erben noch lange nicht gewonnen. Und so steht der Farmer Lucky Amobi weiter Tag für Tag barfuß in seinem Feld vor den Toren von Port Harcourt. Dort muss er den Ölschlamm wegschaufeln, der aus der alten rostigen Pipeline ausläuft – direkt auf sein Gemüse.

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