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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.01.2012

Energie-Effizienz "geht natürlich nicht mit einer Erziehungsdiktatur"

Umwelt- und Techniksoziologe über die künftige Steuerung des Stromverbrauchs

Ortwin Renn im Gespräch mit Susanne Führer

Künftig werden sich die Verbraucher mehr Gedanken um Strompreise und Energieverschwendung machen (AP)
Künftig werden sich die Verbraucher mehr Gedanken um Strompreise und Energieverschwendung machen (AP)

Strom sparen funktioniere über Anreize, interessante Tarife und die Einbeziehung des Konsumenten - dann könnten auch die Verbraucher überzeugt werden, ihren Teil zum Ressourcenschutz zu leisten, meint der Stuttgarter Soziologe Ortwin Renn.

Susanne Führer: "Werden wir die Erde retten?" Das ist der Titel einer Veranstaltungsreihe der Kulturstiftung des Bundes, Deutschlandradio Kultur ist Medienpartner. Heute Abend geht es im Dortmunder U-Zentrum für Kunst und Kreativität um die Zukunft der Energie, um den – so der Titel – "Einstieg ins postfossile Zeitalter". Einer der Diskutanten wird Ortwin Renn sein, er ist Professor für Umwelt und Techniksoziologie an der Uni Stuttgart sowie Mitglied der Ethikkommission sichere Energieversorgung. Guten Tag, Herr Renn!

Ortwin Renn: Ja, guten Tag, Frau Führer!

Führer: Um die Erde zu retten – also so habe ich es verstanden –, müssen wir uns von den fossilen Energieträgern verabschieden – also von Erdöl, Erdgas und Kohle –, und Atomenergie gilt ja zumindest in Deutschland nicht als Alternative. Bleiben also Sonne und Wind, Wasserkraft und Erdwärme – das ist bekannt. Aber das wird schwierig, sagen Sie, weil zum einen niemand das Windrad ja in seinem Garten stehen haben will, zum anderen auch, weil sich das Energienetz ändern muss. Wie denn?

Renn: Na ja, es ist ja so, dass die meisten dieser regenerativen Energieträger – also vor allem Sonne und Wind, auf die wir uns ja besonders verlassen müssen – eben nicht zu allen Tageszeiten Energie liefern. Nachts kann die Sonne natürlich nichts liefern, und wenn der Wind nicht weht, dann gibt es auch keinen Strom. Da wir ja nicht wollen, dass wir mitten beim Rasieren plötzlich – sozusagen die eine Hälfte rasiert und die andere Hälfte noch stoppelig haben, weil der Strom ausfällt, muss also in gewissem Sinne der Strom entweder gespeichert oder so gepuffert werden, dass man dann, wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, doch über Strom verfügen kann.

Und das setzt natürlich ganz neue Voraussetzungen, auch neue Bedingungen, für das Stromnetz. Also zum einen brauchen wir sogenannte Back-up-Anlagen – das sind Anlagen, die dann eintreten, wenn eben der Wind und die Sonne nicht Strom liefern, das sind im wesentlichen Gasanlagen –, und zum Zweiten brauchen wir eben Speicher und Puffer, und das Ganze wird dann zusammengefügt in etwas, was wir Smart Net nennen, also ein intelligentes Netz, das eben sehr schnell erkennt, wenn es überall Überproduktion gibt, oder wo es Unterproduktion gibt, um das dann ganz schnell auszugleichen.

Führer: Dafür braucht es auch neue Stromtrassen, und so weiter. Aber lassen Sie uns mal von diesem technischen Aspekt absehen, denn Sie sind ja Soziologe. Welche – ja, weiß ich nicht – gesellschaftlichen Folgen hat denn das? Das klingt ja jetzt erst mal relativ harmlos, was Sie da sagen.

Renn: Ja, also es ist so, natürlich ist es klar, zunächst einmal auf der Angebotsseite, da muss halt ein Stück weit die Technik vorangetrieben werden, es müssen auch neue Netzwerktechniken hier eingebunden werden. Auf der Nachfrageseite aber werden wir wahrscheinlich neue Modelle haben. Also ein Modell könnte beispielsweise sein, dass ein Haushalt sagt: Ich bin bereit, sozusagen für den Strom etwas weniger zu zahlen, dafür aber bin ich auch bereit, dass das Stromversorgungsunternehmen beispielsweise meine Tiefkühltruhe steuert und meine Waschmaschine steuert oder zumindest mir sagt, wann es gerade gut ist, viel Strom zu verbrauchen, wann es schlecht ist, ganz wenig Strom zu verbrauchen, eben weil das Angebot da ist oder nicht da ist.

Das heißt, der Konsument kann dann mitentscheiden, ob er an diesem billigen Strom partizipieren will oder den teuren Strom vermeiden will, und damit er das nicht jeden Tag neu tun muss, kann man damit auch einen Vertrag, beispielsweise mit der Elektrizitäts-Gesellschaft schließen, die das für einen automatisch mehr oder weniger macht. Und diese Kombination der sogenannten Nachfragesteuerung, das setzt natürlich ein ganz anderes Verhältnis zwischen Anbietern und Nachfragern voraus. Wir sprechen zum Teil dann auch von Prokonsumenten, also einer Mischung von Produzent und Konsument beziehungsweise auch von Ko-Steuerung, also dass beide, der Produzent wie der Konsument an Energiebedarf steuerungsmäßig beteiligt sind.

Führer: So kann man es ausdrücken. Man kann aber auch sagen, man gibt da natürlich einen Teil der Verantwortung ab, und es klingt ein bisschen nach einem – tja, wie soll ich sagen – Überwachungselektrizitätsstaat.

Renn: Richtig. Es ist klar, ich denke, das wird sicherlich ganz große Probleme machen, wenn das nicht auf Freiwilligkeitsbasis dann auch erfolgt. Also wenn das Elektrizitätswerk sagt, wir werden deine Elektrogeräte steuern, ob du willst oder nicht, dann, denke ich, gibt es Riesenprobleme – und auch zu Recht, das wird sich keiner gefallen lassen. Aber man kann sich natürlich vorstellen, so wie wir auch eben Zeiten haben beim Telefonieren, wo wir sagen, da ist es besonders preiswert, dann zu telefonieren, oder jetzt ist es besonders teuer, oder ich habe bestimmte Einwählnummern, die ich vorher eingeben muss – so etwas wäre jetzt auch im Stromnetz denkbar, ohne dass wir jetzt dann gleich, ich sage mal, den Überwachungsstaat haben.

Führer: Na ja, gut, aber ich suche mir ja selbst aus, wann ich telefoniere, aber in dem Fall würde ja dann der Stromkonzern mir vorschreiben, wann ich was mache.

Renn: Ja, aber ich kann es natürlich auch so regeln, dass ich beispielsweise in der Küche oder Wohnzimmer, da habe ich einen Lichtschalter, der sagt grün, jetzt ist Strom besonders preiswert, also laufe ich runter und mache meine Wäsche, und wenn der Schalter auf rot geht, dann mache ich die Waschmaschine mal wieder aus. Ich kann es auch so regeln, das heißt also, da hat der Stromkonzern überhaupt keine Möglichkeit, einzugreifen, er gibt einfach nur Vorgaben. Wenn ich das aber automatisieren will, dann muss ich natürlich dem Stromkonzern die Möglichkeit und auch das Recht einräumen, dass er von sich aus die Sache steuert.

Das hat eine Reihe von Problemen, die damit verbunden sind, denken Sie doch nur mal an terroristische Eingriffe: Ein Terrorist würde natürlich Riesenfreude haben, alle Waschmaschinen in Deutschland an einem Punkt einzuschalten, damit das Stromnetz zusammenbricht. Auch das muss man im Blick haben, aber im Prinzip wären solche intelligenten Steuerungsmöglichkeiten vorstellbar, und jetzt ist ja immer die Frage: Wie stark wird das zentral gesteuert, und wie stark wird es vom Einzelnen selbst gesteuert? Das ist dann ein interessanter sozialer Aushandlungsprozess, auf den ich dann auch gespannt bin.

Führer: Der Umwelt- und Techniksoziologe Ortwin Renn im Deutschlandradio Kultur. Herr Renn, das ist ja auch ein bisschen ein Beispiel für die andere wichtige Energiequelle, nämlich die Energieeffizienz – also weniger Verbrauch durch zum einen sparsame Technik, das kennen wir jetzt alle durch die modernen Kühlschränke, aber eben auch durch ein sparsames Verhalten: Also Fahrrad fahren statt Auto, duschen statt baden, da stellt sich ja immer wieder die Frage, wie soll das gehen? Durch finanzielle Anreize, oder soll das ganze Land ein einziges Umerziehungslager werden, ein ökologisches?

Renn: Nein, das hat noch nie funktioniert. Alle Umerziehungslager sozusagen von der Antike in Sparta bis zum Kommunismus haben letztendlich ihre Ziele nie erreichen können. Ich glaube, es sind zwei Dinge, die doch zusammenkommen könnten: Das eine ist tatsächlich das Geld, also dass man eben Anreize schafft. Und wenn Energie teurer wird, wird es auch lohnenswerter, in Energieeffizienz zu investieren und da auch ein bisschen mehr drauf zu achten. Das Zweite ist natürlich auch Einsicht, dass man sagt, warum soll ich eigentlich Energie verschwenden, das ist nicht gut für die Umwelt, das ist nicht gut für die gesamte Volkswirtschaft, da kann ich mich auch ein Stück weit ändern. Aber das geht natürlich nicht mit einer Erziehungsdiktatur, sondern wirklich nur durch eigene Einsicht. Und da, denke ich, wird das erste der Anreiz, der finanzielle Anreiz wahrscheinlich der wirksamere sein, und da muss etwas auch passieren.

Ich meine, wir haben ja jetzt schon eine ganze Reihe auch von Möglichkeiten, beispielsweise die Isolierung von Häusern zu subventionieren, da preiswert Kredite zu bekommen, das kann man noch weiter ausdehnen. Ein Punkt ist natürlich, der uns Sorgen macht – wir nennen das den Rebound-Effekt –, das ist, je effizienter wir Energie haben, desto preiswerter ist sie ja dann letztendlich auch, und desto mehr wird dann auch wieder nachgefragt. Um da vielleicht nur eine Zahl zu geben, die uns vielleicht ein bisschen bestürzen kann: Von 1985 bis ungefähr heute, also bis 2008, da haben wir die Zahlen noch, ist die Energieeffizienz im Haushalt bei stromfressenden Geräten um ungefähr 37 Prozent zurückgegangen, aber nicht der Stromverbrauch. Der ist um 22 Prozent gestiegen insgesamt …

Führer: … weil wir viel mehr Geräte haben.

Renn: … Genau, ja? Also die Lust dann auf mehr Geräte wächst natürlich, je effizienter sie werden, und das müssten wir natürlich mit einkalkulieren, beziehungsweise muss ich dann fragen, wie kann man das so auch von den Anreizen her regeln, dass nicht die höhere Energieeffizienz dann dazu führt, dass man sagt, na, dann kann ich mir auch den dritten Eierkocher noch holen.

Führer: Ja, aber der Autoverkehr ist doch auch ein Beispiel dafür, dass finanzielle Anreize allein nicht reichen. Wir können wesentlich sparsamere Motoren bauen heutzutage als vor 30 Jahren, aber die Autos sind trotzdem alle viel größer und viel schwerer geworden und verbrauchen deswegen auch nicht weniger.

Renn: Ja, gut, also der Verbrauch ist schon durchschnittlich zurückgegangen, das muss man sagen, nur nicht so, wie es theoretisch möglich wäre. Und da ist ganz klar, ich meine, das Auto ist eben nicht nur …

Führer: Die Leute kaufen und fahren dann eben nicht Polo, sondern dann trotzdem einen Geländewagen, wenn sie das Geld haben.

Renn: Richtig.

Führer: Da kommen sie mit finanziellem Anreiz nicht weit.

Renn: Ja, nun gut, ich würde das jetzt nicht ganz ausschließen. Ich meine, auch selbst sozusagen die großen Premium-Fahrzeuge fangen jetzt schon mit Blue Efficiency und anderen Dingen an, die sich fast nicht rechnen, aber ein Stück weit dann schon, und die auch durchaus ihre Nachfrage finden. Also ich würde sagen, es ist nicht so, dass es nichts bringt, aber es bringt noch nicht genug. Und da ist natürlich schon die Frage, ob man da zusätzlich noch ordnungsrechtliche Maßnahmen braucht. Das muss man dann tun, wenn es nicht anders geht, ist sicherlich die letzte Chance, denn sie stößt dann auch wenig auf Akzeptanz.

Führer: Also ordnungsrechtliche Maßnahmen heißt Verbote, Gesetze, und so weiter?

Renn: Ja, man kann da zum Beispiel – ich meine, Kalifornien macht das teilweise vor und sagt einfach, so und so viel Prozent der Autos müssen Hybridautos sein, der Durchschnittsverbrauch darf nicht höher sein als XY, und das wird jedes Jahr sozusagen weiter erhöht. Also mit solchen Vorschriften kann man natürlich einiges tun. Und unterhalb der Vorschriften kann der Wettbewerb dann auch stattfinden, und das passiert hier auch teilweise, das kann man sicherlich auch noch mal ein Stück weit verstärken. Man muss eben sehen, klar, auch Politik ist auf Akzeptanz angewiesen, und wenn man da natürlich zu stark dann dreht, kann man natürlich auch bei der nächsten Wahl entsprechend das blaue Wunder erleben.

Führer: der Umwelt- und Techniksoziologe Ortwin Renn. Er spricht heute Abend auf der Veranstaltung "Die Zukunft der Energie" im Dortmunder U-Zentrum für Kunst und Kreativität. Danke Ihnen fürs Gespräch, Herr Renn!

Renn: Gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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