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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 25.03.2018

Energie CottbusEin Fußballverein und sein rechtes Image

Von Sylvia Belka-Lorenz

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Choreografie der Cottbuser Fans beim Spiel in der Regionalliga Nordost gegen den SV Babelsberg  (imago sportfotodienst)
Choreografie der Cottbuser Fans beim Spiel in der Regionalliga Nordost gegen den SV Babelsberg (imago sportfotodienst)

Seit Monaten sammeln sich Rechtspopulisten und Rechtsextreme in Cottbus. Auch der Fußballverein Energie macht Negativschlagzeilen: Das DFB-Gericht verhängte jetzt eine Strafe, weil dessen Fans vor einem Jahr mit rechtsradikalen Parolen und Hitlergruß auffielen.

Claus-Dieter Wollitz ist sauer. Sauer, vor allem auf die Presse. Die bundesweiten Schlagzeilen über die Stadt hätten ihn kalt erwischt. Von außerhalb zu hören, dass Cottbus eine heruntergekommene Nazistadt sein soll, das nervt ihn:

"Den einen Samstag hab ich früh um 5:46 Uhr eine WhatsApp bekommen, 'Was ist los bei euch? Muss ich mir Sorgen machen?' Ich wusste gar nicht, um was es geht. Hab dann die Boulevardzeitung gelesen mit den vier Buchstaben. Auf Seite drei, bundesweit, in einer Dramatik, die ich hier noch nie festgestellt habe. Da hab ich gesagt, das darf nicht passieren, dass man das Gefühl vermittelt, hier kann man nicht mehr Fußball spielen, hier kann man nicht arbeiten."

Der Fußballtrainer von Energie Cottbus Klaus-Dieter Wollitz, aufgenommen beim Spiel gegen den FSV Luckenwalde am 25.05.2017 im Stadion der Freundschaft in Cottbus (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)Trainer Klaus-Dieter Wollitz ist von den bundesweiten Schlagzeilen genervt. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Rechtsextreme unter den Demonstranten

Wollitz fürchtet um den Ruf der Stadt und des Vereins. Doch nicht Journalisten haben Cottbus ein negatives Image verpasst. Ein Bündnis unter dem Namen Zukunft Heimat schart seit Monaten Kräfte des rechten Spektrums um sich. "Besorgte Bürger" Seite an Seite mit Neonazis. Rassistische Hetze, immer mehr Übergriffe. Ein erkennbarer Teil der Demonstranten sind Rechtsextremisten aus dem Fußballmilieu.

Das ist die Einschätzung des Rechtsextremismus-Experten Gideon Botsch vom Potsdamer Moses-Mendelssohn-Institut:

"Wir sehen hier als Teilnehmer einen wesentlichen Teil aus dem Ultra- und Hooligan-Spektrum von Energie Cottbus, die hier seit Jahren für diesen Verein für Unruhe sorgen und diesen Verein leider in negative Schlagzeilen bringen, Stichwort Inferno."

"Inferno Cottbus", eine zumindest offiziell inzwischen aufgelöste Hooligan-Gruppe, die vom Verfassungsschutz ebenso wie ihre Nachwuchstruppe "Unbequeme Jugend" als Neonazi-Strukturen eingestuft werden.

Kein Interview mit Energie-Geschäftsführer Kothe

Der Geschäftsführer des FC Energie, Norman Kothe, will davon nichts wissen. Und steht weder für Interviews noch für ein Gespräch zur Verfügung. Per Mail lässt er durch seinen Pressesprecher mitteilen, man könne diese Einschätzung nicht kommentieren:

"Zum einen bewegen wir uns nicht im Spektrum solcher Demonstrationen und Veranstaltungen und zum anderen haben politische Veranstaltungen im öffentlichen Raum der Stadt Cottbus, der Region Spree-Neiße oder andernorts per se nichts mit dem FC Energie Cottbus zu tun.

Positioniert sich der Verein tatsächlich klar genug? Dass Energie Cottbus Probleme mit rechten Fans im Stadion hat, ist nicht neu. Brandenburgs SPD-Innenminister Schröter hatte die Vereinsführung des FC Energie Cottbus in den vergangenen Jahren für ihr zu zögerliches Vorgehen gegen die Neonazis kritisiert.

Die von Experten so beobachtete Verquickung von Kickboxer-Szene, Rockern, Rechtsextremisten und Gewalttätern in der Fanszene: Das ist ein Problem, dass der Energie-Coach als so dramatisch nicht bewertet:

"Es gab mal Unruhe, Fanausschreitungen. Aber auch das habe ich nicht so wahrgenommen. Ich habe damals in Babelsberg nach dem Spiel gesagt, um aus dieser Nummer rauszukommen, dass während des Spiels in Fankulturen was passiert, was man gar nicht so meint. Damit meine ich aber nicht, dass jemand den Hitlergruß macht."

Beim Spiel SV Babelsberg 03 gegen Energie Cottbus am 28.04.2017 im Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg (Brandenburg) stürmen Cottbusser Fans den Platz.  (dpa/Jan Kuppert)Ausschreitungen beim Spiel SV Babelsberg - Energie Cottbus im April 2017 (dpa/Jan Kuppert)

Rechtsradikale Parolen und Hitlergruß im Energie-Fanblock

Gemeint ist das sogenannte Skandalspiel der Regionalligisten Babelsberg 03 und Energie Cottbus im April 2017- bei dem die Ausschreitungen im Energie-Fanblock über Unruhen deutlich hinausgingen. Rechtsradikale Parolen, Hitlergruß, Pyrotechnik. Das Spiel stand kurz vor dem Abbruch. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um zu verhindern, dass Cottbus-Fans den Platz stürmen. Vereinssprecher Stefan Scharfenberg:

"Da steuern wir gegen auch in Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt. Wer Hass gut findet und Gewalt, Gewalt gegen jeden, der hat im Stadion nichts zu suchen."

Das Team spüre von der angespannten Stimmung in der Stadt bislang nichts, sagt der Coach. Der sportliche Erfolg scheint das zu belegen: Energie ist unangefochtener Tabellenführer in der Regionalliga Nordost. Keiner der Spieler habe hier selber je Fremdenfeindlichkeit erlebt, bestätigt FCE-Stürmer Streli Mamba. Ein farbiger Spieler mit Wurzeln in Stuttgart und im Kongo. "Es gibt vielleicht zwei ältere Damen oder Herren, die vielleicht mal ein bisschen rumfunkeln. Das ist nicht so gemeint."

Fanforscher spricht von gewalttätigen kriminellen Milieus

Der Fanforscher Robert Claus beurteilt die Situation deutlich anders: In der Cottbuser Fanszene seien trainierte Kampfsportler aktiv, gewalttätige kriminelle Milieus. Prävention und Partizipation hätten auf diese Gruppierungen keinen Effekt mehr. Hier seien inzwischen Strafverfolgungs- und Justizbehörden gefordert. Immerhin aber zeigt der Verein deutlicher als früher Flagge - mit Stadionverboten und Jugendprojekten.

Vor wenigen Wochen beteiligte sich der Club an einem internationalen Freundschaftsspiel mit Studierenden der Cottbuser Uni. Energie-Trainer Wollitz stellt sich zumindest der Diskussion: "Ich finde, Rassismus hat nirgendwo was zu suchen. Weder hier noch woanders."

Am deutlichsten werden die Fans des Clubs selbst, die sich im vergangenen Jahr im Netz organisiert haben. Energie-Fans gegen Nazis: Sie setzen sich so vehement gegen die pauschale Stigmatisierung der Anhängerschaft ein wie sie rechtsextreme Ausfälle im Stadion und in der Stadt klar benennen. Die Seite hat aktuell fast 1100 Abonnenten.

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