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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.01.2011

Energetische Massen

Sebastian Nüblings Antikenprojekt in Zürich

Von Christian Gampert

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Wenn Nübling den Chor auftreten lässt, entfaltet das Stück Dynamik.  (Stock.XCHNG)
Wenn Nübling den Chor auftreten lässt, entfaltet das Stück Dynamik. (Stock.XCHNG)

Der Regisseur Sebastian Nübling hat vier Stücke aus der Antike zusammengespannt, von Aischylos, Sophokles und Euripides. Nübling erzählt die Familiensaga des Ödipus-Clans – und will dabei die Grenzen menschlicher Verantwortung ausloten.

Seine Eltern kann man sich nicht aussuchen. Man wird irgendwo hineingeboren, und dann muss man mit dem Schlamassel zurechtkommen.

Ödipus zum Beispiel hatte keine guten Prognosen: Die soziale Schicht stimmte zwar halbwegs (Vater immerhin König von Theben), auch der genetische Code schien in Ordnung, aber die Entscheidung seiner Eltern Laios und Iokaste für ein Kind war merkwürdig zaudernd und schwankend: erst ja, dann, als der Junge auf der Welt war, doch lieber nein, er könnte ja missraten – mit den bekannten Folgen. Ein Kind nach der Geburt umbringen oder aussetzen wollen, das dann, nach mitleidiger Intervention einer Mittelsperson, bei Pflegeeltern landet – das ist für den Säugling nah an der Höchststrafe.

Im Züricher Schiffbau steht der alt gewordene Hippie Ödipus, der Schauspieler Tim Porath, als blinder Clochard mit strähnigen Haaren auf seinen Kothurnen, die sinnigerweise aus Styropor sind, und schlägt mit seinen Krücken verzweifelt auf den dumpf nachhallenden Boden. Da hat er Vatermord und Inzest schon hinter sich und muss in Kolonos um Asyl betteln.

Nicht geboren zu sein, sei weitaus das Beste, kommentiert ein Chor aus lauter Anzugträgern, früh zu sterben das Zweitbeste. Das kann man so sehen – aber die Geschichte geht ja weiter: Ödipus' Söhne Eteokles und Polyneikes konkurrieren um die Macht in Theben, der Vater verflucht die ganze unselige, unvernünftige Brut, und Schwager Kreon tut das, was alle Politmanager dieser Welt tun: Er hält die Ordnung aufrecht, auch wenn die Begründungen dafür dubios und die Opfer hoch sind.

Der Regisseur Sebastian Nübling interessiert sich schon seit geraumer Zeit für Familiengeschichten – so sehr, dass er (in Freiburg) auch schon mal den eigenen innersten Zirkel auf die Bühne brachte. Die konservative Formel, nach der die Familie die Keimzelle des Staates ist, wird bei ihm progressiv gewendet. Er will Weltgeschichte aus der Familiensituation heraus erklären. Dort fängt alles an: Zärtlichkeit, Begehren, Konkurrenz, Sex, Ökonomie, Politik. Und der griechische Mythos liefert die Folie dazu.

Da die trianguläre Struktur Vater-Mutter-Kind, die Doktor Freud einst in der Wiener Berggasse untersuchte, hinreichend abgegrast scheint, geht es Nübling weniger um Sexualität als vielmehr um den Fluch, um die psychotische Struktur, die über manchen Familien zu liegen scheint und die sich von Generation zu Generation fortschreibt.

Nübling hat im Züricher Schiffbau deshalb vier (!) Stücke antiker Autoren hintereinandergeschaltet: "Ödipus auf Kolonos" (Sophokles), "Die Phönizierinnen" (Euripides), "Sieben gegen Theben" (Aischylos) und die "Antigone" des Sophokles. Bei fast vier Stunden Spielzeit, mit einem radikal eingekürzten Schluss, ist dieses generationenübergreifende Konzept einleuchtend, aber theatralisch zunächst wenig ergiebig. Der Ödipus des Tim Porath steht zwar wie ein gefallener Engel in Frauenkleidern vor uns, seine Tochter Antigone, die anfangs doch sehr manirierte Lilith Stangenberg, kriecht ihm unter die Wäsche, die Iokaste der Friederike Wagner erzählt noch mal das inzestuöse Drama, aber über pathetisches, dunkles, raunendes Deklamieren kommt dieser ganze erste Teil nicht hinaus.

Muriel Gerstner hat ein grandioses Bühnenbild gebaut: die geschwungene Form eines offenen Kaufhauses mit vielen Schaufenstern, so wie es der Bauhaus-Architekt Erich Mendelssohn Ende der zwanziger Jahre entwarf. Die ausgiebig herumtransportierten Schaufensterpuppen stehen jedoch nicht nur für die vorgegebenen politischen Zwänge und familiären Muster, sondern leider auch für die Starrheit der Inszenierung.

Das ändert sich erst, als Nübling das böse Fatum mal beiseite lässt und den Machtkampf der Brüder Eteokles und Polyneikes ganz psychologisch angeht: als unauflösliches Ineinanderverhakt-Sein. Der Eteokles des Nicola Fritzen ist ein Bock, ein Faun, ein mephistophelischer Satyr; der Polyneikes des Patrick Güldenberg eher der athletische Soldatentypus.

Nübling erinnert sich nun auch an "I Furiosi", jene brachialen Fußball-Fan-Chöre, die er vor zehn Jahren in Stuttgart auf die Bühne brachte. Auch das Heer des Polyneikes erscheint jetzt als chorische Subkultur, und auf einmal stehen da brüllende, klatschende, stampfende, dampfende Körper, virtuos arrangiert von dem Musiker Lars Wittershagen, der zudem den ganzen Schlussteil mit Ry-Cooder-artigen Western-Sounds unterlegt.

Die wollen wirklich rein nach Theben, die sieben Tore der Stadt stürmen, und die Aischylos-Übersetzung von Durs Grünbein liefert die Parolen, mit denen diese skandierende vielköpfige Masse gegen den Gegner anschreit und dann auch die Rolle der Verteidiger der Stadt einnimmt.

Auf einmal ist Gewalt im Spiel, und mit dieser Energiezufuhr sieht das vorher nur saftlos-feierliche Aufsagetheater auf einmal ganz anders aus – zumal mit der "Antigone" des Sophokles das differenzierteste Stück ja noch aussteht: Da entschließt sich tatsächlich jemand zum Widerstand, statt nur zu klagen. Aber auch Antigone wird sterben, ganz bewusst; denn die Kinder des Ödipus sind mit einer seltsamen Todes- und Opfersehnsucht geschlagen.

Die sieht man auch an Kreons Sohn Menoikos (in den "Phönizierinnen"), der mit seinem Freitod Theben vom Übel erlösen soll (übrigens eine sehr christliche Vorstellung ...). Jirka Zett macht aus dieser Figur einen nervösen Salon-Punker, der immer schon mit einem halben Bein im Jenseits steht. Sein Vater Kreon ist bei Markus Scheumann ein Kanzler wider Willen, ein intellektueller Machtmensch, der die Kollateralschäden seiner Entscheidungen durchaus abwägt – und aus seinem Denksystem nicht heraus kann. Und der Seher Teiresias, den der Ödipus-Darsteller Tim Porath als zynischen Variété-Zauberer gibt, greint und hustet uns seine globalen Untergangs-Prophezeiungen entgegen.

Oben die Polit-Chargen im Business-Anzug, unten Ödipus, der Elende, der Gescheiterte, klagend in der Gosse. Sebastian Nübling verzichtet diesmal auf die bei ihm üblichen grellen Aktualisierungen: es ist durchaus der Mythos, die Gründungstexte der Zivilisation, die ihn umtreiben. Und doch wünschte man sich bei ihm EINMAL den Atem für einen ganzen Abend – und nicht nur diese immer wieder aufflackernden, großartigen Chor-Sequenzen, denen bleierne Ödnis vorausgeht und bisweilen auch folgt.

Das Entstehen der Gewalt aus der Masse, aus einer Jugend- und Demonstrationskultur, die plötzlich zum politisch bedeutsamen Faktor wird; die feindliche Brüder, die sich gegenseitig erwürgen: Das kann er erzählen. Die wilde Antigone, die sich für die Selbstbestimmung entscheidet und den Bruder bestattet: das ist sein Metier. Vom starren Deklamieren, von der antikischen Feierlichkeit sollte er besser Abstand nehmen.

Ödipus und seine Kinder
Tragödie nach Sophokles, Aischylos und Euripides
Regie: Sebastian Nübling

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Externe Links:

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