Endlich hört der Computer aufs Wort
Die Sprache rückt bei der Bedienung technischer Geräte immer mehr in den Vordergrund. Auf der Computermesse Cebit in Hannover zeigen mehrere Unternehmen ein Spracherkennungssysteme auch für den PC daheim. Solche Systeme könnten in nicht allzu ferner Zukunft sogar die Tastatur völlig überflüssig machen, denn mit Sprachbefehlen können Programme gestartet werden, auch surfen im Internet ist ohne Tastatur möglich. Sogar Briefe, Manuskripte und ganze Bücher lassen sich auf diese Weise schreiben.
Nur für die erste Aktion braucht es keine Sprache. Wenn nämlich die Installations-CD in das Laufwerk gelegt wird. Doch bald schon verlangt "Dragon Naturally Speaking" eine Sprachprobe. Sechs Minuten lang müssen vorgegebene Texte ins mitgelieferte Mikrofon gesprochen werden, damit das Programm weiß, wie der Nutzer überhaupt klingt. Und los geht’s. Der erste Brief ganz ohne Tastatur:
Jürgen Platt: "Öffne Microsoft Word. Briefkopf bitte. An Herrn Stuhlmann bitte. Neue Zeile. Sehr geehrte Damen und Herren, Komma, neuer Absatz. Wir möchten Ihnen heute das neue Spracherkennungssystem für Windows 98 bis einschließlich Windows 2000 vorstellen. Punkt. "
Die "Erkennungsgenauigkeit", so Jürgen Platt von Scansoft stolz, liegt bei 99 Prozent. Doch was heißt das schon. "Siddartha", "Glasperlenspiel" oder "Zauberberg" –große Titel der Weltliteratur – bleiben unverstanden. Juristisch ausgefeilte Sprechblasen hingegen wie "Kostenfestsetzungsbescheid" oder "Pfändungsüberweisungsbeschluss" bewältigen die digitalen Helfer problemlos. Björn Schiffers bei einer Leistungsshow mit dem Programm "DictaPlus Premium" speziell für Anwaltskanzleien.
Björn Schiffers: "In der vorbezeichneten Angelegenheit zeigen wir die anwaltliche Vertretung unseres Mandanten an. Punkt. Absatz. Wir machen Schadenersatzansprüche aus dem Verkehrsunfallgeschehen vom 10.03.2005 gegen Sie geltend. Punkt Absatz. Beginn Tabelle. Absatz. Gutachterkosten Euro 3000. Ende Tabelle Absatz. Absatz. "
Und wegtreten! Gemeint ist natürlich nicht Björn Schiffers, sondern vielmehr die "gute alte Sekretärin", die jetzt um ihren Job fürchten muss. Stenographie, Fremdsprachenkenntnisse, charmante Erscheinung – das alles nützt nichts mehr – der Büroroboter ist attraktiver. Jedenfalls finanziell gesehen!
Global operierende Manager können ihre Korrespondenz jetzt sogar unterwegs erledigen: Per Handy in die Mailbox diktiert. Fertig ist das Schreiben. Auch in den eigenen vier Wänden warten ungeahnte Möglichkeiten: Staubsauger, Waschmaschine, Elektroherd – sie saugen, schleudern und kochen auf Zuruf. Eine völlig neue Dimension der Mensch-Maschine-Kommunikation nimmt ihren Lauf, wenn es nach den Herstellern ginge....
Jürgen Platt: "Ich habe mal eine Präsentation vor 250 Übersetzern gemacht, in Bergisch Gladbach war das, und auch Übersetzer, gut die haben nicht die Kreativität, aber die müssen aus einer Sprache in die andere Sprache etwas umsetzen, und dabei brauchen sie auch Gehirnschmalz. Aber ich habe beispielsweise auch Autoren als Kunden, die ihre Bücher wirklich per Spracherkennung selber diktieren und schreiben. "
Günter Grass zählt allerdings nicht dazu, und überhaupt sind viele Schriftsteller bekannt dafür, ihre Werke ganz zünftig mit Tastatur oder bisweilen sogar mit Federhalter zu Papier zu bringen. Dabei sehen Literatur- und Sprachwissenschaftler in der elektronischen Spracherkennung durchaus ein lohnendes Betätigungsfeld für ambitionierte Autoren. Prof. Hans Bickes vom Germanistischen Seminar der Universität Hannover gehört dazu:
Prof. Hans Bickes: "Natürlich kann es zu sehr spontaner Literatur führen. Es kann zu einer sehr emotionalen und auch unverstellten Literatur führen. Es können Themen dadurch wahrscheinlich zur Sprache gebracht werden, die zuvor durch den Filter der Schrift immer nur noch abgeschwächt dann für den Leser zugänglich waren. "
Literarische Verdichtungen, komplizierte Schachtelsätze - diese Art von Literatur wird es mit Spracheingabe-Programmen wohl niemals geben. Gesprochenes Wort - geschriebener Text: Dazwischen können Welten liegen.
Prof. Hans Bickes: "Gleichzeitig wird sich aber auch ein noch so perfektes Verschriftlichungssystem bald vor Grenzen gesetzt sehen, wenn bestimmte Elemente der mündlichen Sprache nun schriftlich plötzlich wieder gegeben werden sollen, seien das Pausen, seien das Betonungselemente, die spielen beim Diktieren eine Rolle. Man glaubt damit Bedeutung zu transportieren, aber in der abgespeckten Form der Schrift bleibt davon nichts übrig. Die Betonung geht verloren.
Die emotionale Nuancierung, die auch den Schriftsteller dann wahrscheinlich packt, wenn er diktiert, die wird verloren gehen, und er muss es dann doch wieder überarbeiten. Und dann ist die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, nicht gleich beim Medium der Schrift zu verbleiben und von Anfang an zu schreiben. "
Und was ändert sich für Otto-Normal-Verbraucher? Nach Ansicht des Germanisten mutieren E-Mail-Botschaften zur unendlichen Geschichte. Jeder schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und auch die Chat-Szene dürfte die sprachliche Herausforderung annehmen. Experten prophezeien: Noch nie in der Geschichte wird es soviel Text geben wie im Zeitalter der Spracherkennung. Wer nicht hören will, muss lesen!
Jürgen Platt: "Öffne Microsoft Word. Briefkopf bitte. An Herrn Stuhlmann bitte. Neue Zeile. Sehr geehrte Damen und Herren, Komma, neuer Absatz. Wir möchten Ihnen heute das neue Spracherkennungssystem für Windows 98 bis einschließlich Windows 2000 vorstellen. Punkt. "
Die "Erkennungsgenauigkeit", so Jürgen Platt von Scansoft stolz, liegt bei 99 Prozent. Doch was heißt das schon. "Siddartha", "Glasperlenspiel" oder "Zauberberg" –große Titel der Weltliteratur – bleiben unverstanden. Juristisch ausgefeilte Sprechblasen hingegen wie "Kostenfestsetzungsbescheid" oder "Pfändungsüberweisungsbeschluss" bewältigen die digitalen Helfer problemlos. Björn Schiffers bei einer Leistungsshow mit dem Programm "DictaPlus Premium" speziell für Anwaltskanzleien.
Björn Schiffers: "In der vorbezeichneten Angelegenheit zeigen wir die anwaltliche Vertretung unseres Mandanten an. Punkt. Absatz. Wir machen Schadenersatzansprüche aus dem Verkehrsunfallgeschehen vom 10.03.2005 gegen Sie geltend. Punkt Absatz. Beginn Tabelle. Absatz. Gutachterkosten Euro 3000. Ende Tabelle Absatz. Absatz. "
Und wegtreten! Gemeint ist natürlich nicht Björn Schiffers, sondern vielmehr die "gute alte Sekretärin", die jetzt um ihren Job fürchten muss. Stenographie, Fremdsprachenkenntnisse, charmante Erscheinung – das alles nützt nichts mehr – der Büroroboter ist attraktiver. Jedenfalls finanziell gesehen!
Global operierende Manager können ihre Korrespondenz jetzt sogar unterwegs erledigen: Per Handy in die Mailbox diktiert. Fertig ist das Schreiben. Auch in den eigenen vier Wänden warten ungeahnte Möglichkeiten: Staubsauger, Waschmaschine, Elektroherd – sie saugen, schleudern und kochen auf Zuruf. Eine völlig neue Dimension der Mensch-Maschine-Kommunikation nimmt ihren Lauf, wenn es nach den Herstellern ginge....
Jürgen Platt: "Ich habe mal eine Präsentation vor 250 Übersetzern gemacht, in Bergisch Gladbach war das, und auch Übersetzer, gut die haben nicht die Kreativität, aber die müssen aus einer Sprache in die andere Sprache etwas umsetzen, und dabei brauchen sie auch Gehirnschmalz. Aber ich habe beispielsweise auch Autoren als Kunden, die ihre Bücher wirklich per Spracherkennung selber diktieren und schreiben. "
Günter Grass zählt allerdings nicht dazu, und überhaupt sind viele Schriftsteller bekannt dafür, ihre Werke ganz zünftig mit Tastatur oder bisweilen sogar mit Federhalter zu Papier zu bringen. Dabei sehen Literatur- und Sprachwissenschaftler in der elektronischen Spracherkennung durchaus ein lohnendes Betätigungsfeld für ambitionierte Autoren. Prof. Hans Bickes vom Germanistischen Seminar der Universität Hannover gehört dazu:
Prof. Hans Bickes: "Natürlich kann es zu sehr spontaner Literatur führen. Es kann zu einer sehr emotionalen und auch unverstellten Literatur führen. Es können Themen dadurch wahrscheinlich zur Sprache gebracht werden, die zuvor durch den Filter der Schrift immer nur noch abgeschwächt dann für den Leser zugänglich waren. "
Literarische Verdichtungen, komplizierte Schachtelsätze - diese Art von Literatur wird es mit Spracheingabe-Programmen wohl niemals geben. Gesprochenes Wort - geschriebener Text: Dazwischen können Welten liegen.
Prof. Hans Bickes: "Gleichzeitig wird sich aber auch ein noch so perfektes Verschriftlichungssystem bald vor Grenzen gesetzt sehen, wenn bestimmte Elemente der mündlichen Sprache nun schriftlich plötzlich wieder gegeben werden sollen, seien das Pausen, seien das Betonungselemente, die spielen beim Diktieren eine Rolle. Man glaubt damit Bedeutung zu transportieren, aber in der abgespeckten Form der Schrift bleibt davon nichts übrig. Die Betonung geht verloren.
Die emotionale Nuancierung, die auch den Schriftsteller dann wahrscheinlich packt, wenn er diktiert, die wird verloren gehen, und er muss es dann doch wieder überarbeiten. Und dann ist die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, nicht gleich beim Medium der Schrift zu verbleiben und von Anfang an zu schreiben. "
Und was ändert sich für Otto-Normal-Verbraucher? Nach Ansicht des Germanisten mutieren E-Mail-Botschaften zur unendlichen Geschichte. Jeder schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und auch die Chat-Szene dürfte die sprachliche Herausforderung annehmen. Experten prophezeien: Noch nie in der Geschichte wird es soviel Text geben wie im Zeitalter der Spracherkennung. Wer nicht hören will, muss lesen!