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Profil / Archiv | Beitrag vom 10.10.2011

Empöre Dich!

Björn Bicker, Autor und Dramaturg

Von Daniel Stender

Am Rande des Wohlstands (AP)
Am Rande des Wohlstands (AP)

Björn Bicker ist 39, stammt aus der Eifel und lebt seit zehn Jahren in München. Theater und Hörspiel nutzt er als Plattform für seine Empörung über gesellschaftliche Zu- und Missstände. Er bringt das Leben am Rande des Wohlstands auf die Bühne, das Leben von Sinti und Roma, das von illegalen Ausländern.

Ausschnitt aus dem Hörspiel "Illegal":

Wir arbeiten. Wir sind ordentlich. Wir sind fleißig. Wir haben einen Traum. Wir sind krank. Wir sind gesund. Wir sind müde. Wir schwitzen. Wir sind ruhig. Wir sind wach. Wir sind nervös. Wir wohnen. Wir wohnen in Zimmern. Schnee können wir nicht leiden.

Nicht bei rot über die Ampel gehen, nicht ohne Fahrschein U-Bahn fahren, nicht viel reden. Menschen, die illegal in Deutschland leben, müssen unauffällig sein, denn jede kleine Nachlässigkeit könnte dazu führen, dass sie entdeckt und abgeschoben werden. Allein in München sollen zwischen 30.000 und 50.000 Menschen ohne Papiere leben.

"Mein Name ist Björn Bicker. Ich bin Autor, Dramaturg, lebe in München, bin verheiratet und habe eine Tochter. Die ist ein Jahr und 8 Monate." (lacht) "Mich interessieren gesellschaftliche Zustände. Und: Wie kann man bestimmte Probleme, die es gibt, wie kann man da zu einer Lösung beitragen? Oder: Wie kann man das in Bewegung bringen?"

Illegalität und Abschiebung: Es ist die Realität jenseits der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, die der Dramaturg Björn Bicker in Theaterstücken und Hörspielen thematisiert. So auch im Stück "Deportation Cast": Die 16-jährige Elvira und ihre Familie wurden aus Deutschland in den Kosovo abgeschoben in ein für sie unbekanntes Land.

Tochter: Warum müssen wir hier sein? Ich kenn die Leute nicht, ich verstehe ihre Scheißsprache nicht. (...) Vater: Es gibt immer welche, die hierhin gehören und die da hin gehören, deshalb sind überall Grenzen. Und irgendein verschissener Gott hat Deine Vorfahren hierhin geschissen. Und Scheiße, die bringen sie immer wieder dahin, wo sie hingehört.

"Ist das denn jetzt noch Kunst? Oder ist das soziale Arbeit oder Politik? Was ist das denn jetzt überhaupt?"

Als Sozialarbeiter hat ihn die Süddeutsche Zeitung bezeichnet. Aber der 39-jährige Bicker ist kein Streetworker-Typ – mit Brille und schmächtiger Figur wirkt er eher nachdenklich und belesen.

"Und diese Verwirrung, die finde ich natürlich großartig, weil ich habe das Gefühl, dass es genau darum geht, bei vielem, was ich mache, ist der erste Impuls, mich überhaupt mit einem Thema zu beschäftigen, ein politischer."

Irgendwann, sagt Bicker, hat ihm die Realität im Theater gefehlt. Daher holt er Hauptschüler auf die Bühne und konfrontiert das Publikum mit soziologischen Vorträgen. "Theater der Teilhabe" nennt Björn Bicker diese Form. Anfang der 2000er Jahre hat er sie als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen mitentwickelt. Ein Theater mit gesellschaftlicher Vision.

"Was Theater kann, ist das Entstehen von Emphase von Einfühlung, von Mitgefühl, auch von Verständnis und gerade bei dem Thema Abschiebung, in diesem speziellen Fall der Roma, die hier in Deutschland leben und die von Abschiebung bedroht sind oder schon abgeschoben wurden, ist es einfach so, dass die Mehrheitsgesellschaft davon nix mitkriegt. Was die Leute daraus für Schlüsse ziehen, das ist ja ihnen überlassen."

Seit über zehn Jahren lebt Björn Bicker in München, aber eigentlich kommt er vom Land: Bis er 16 Jahre alt war, haben er und seine Familie in einem kleinen Dorf in der Eifel gewohnt.

"Mit 14 habe ich mir ein Ferienticket gekauft, womit man nach Trier fahren konnte, und mein größtes Vergnügen bestand dann darin, Rolltreppe zu fahren, weil ich es so aufregend und urban fand. Und aus diesem Staunmodus kommt, wenn man auf dem Dorf groß wird, nicht raus. Weil man die Dinge immer wie neu erlebt. Als ich das erste Mal in New York war, da habe noch mal ganz stark gespürt, was für ein Landei ich eigentlich bin. Das finde ich eigentlich ganz gut."

Björn Bickers Stücke entstehen durch langwierige Recherchen, so hospitierte er lange im Münchner Café 104 – einer Anlaufstelle für illegal in der Stadt lebende Menschen. Die Gespräche, die er hier mit den Betroffenen geführt hat, bildeten, fiktional verfremdet, die Grundlage für das spätere Stück:

Wir arbeiten, wir putzen, wir putzen Eure Wohnungen, wir hängen am Telefon, wir fragen, wo das Geld geblieben ist, wir lachen mit Euren Kindern, wir bauen Eure Häuser, wir putzen die Fenster vor Euren Büros, wir laden Eure LKWs ab – morgens um 4, wir spülen Eure Teller – nachts um 2, wir waren au-apir, wir waren Student, wir waren Tourist, wir waren Flüchtling, wir lächeln. Was wir euch nicht erzählen, wo wir herkommen, wer wir sind, wohin wir verschwinden, aus..., aus..., aus..., okay: Südamerika.

"Woher kommt eigentlich das eigene Interesse an diesen Themen? Und bei mir kommt das ganz extrem aus so einer familiären Prägung, weil ich sehr in einem christlichen Gedanken aufgewachsen bin, gar nicht in einem christlichen Umfeld, es war nicht fromm oder so. Aber in diesem Bewusstsein, dass eine Gesellschaft sich immer über ihre schwächsten Glieder definiert und wie gut geht es denen, über so etwas wie Nächstenliebe, über so etwas wie, achte auf das, was um Dich herum passiert, und das ist etwas, was ich von Anfang an so mitgekriegt habe."

Bis 2009 arbeitete Björn Bicker als Dramaturg bei den Münchner Kammerspielen – ein Job, den er aufgab, um sich seinen Projekten widmen zu können. Momentan schreibt er an einem Roman und denkt über den zunehmenden Anti-Islamismus nach. Björn Bicker ist ein Idealist – als "Randgruppenexperte" will er sich nicht verstehen. Im Grunde aber sind ihm derartige Zuschreibungen egal - es gibt Wichtigeres:

"Wenn mich was empört oder wenn ich finde, da muss man was zu machen. Und dann hat das diese Glaubwürdigkeit, hoffentlich."

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