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Zeitfragen | Beitrag vom 22.10.2020

EmotionsforschungWie Farben unsere Gefühle bestimmen

Von Simon Schomäcker

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Rückenansicht eines kleinen Mädchens, das an einem Sommertag ins leuchtend gelbe Rapsfeld läuft. (Getty Images / iStock /  Zaikina)
Die Farbe Gelb nehmen wir optisch als hell, leuchtend und entspannt wahr. (Getty Images / iStock / Zaikina)

Gelb macht gute Laune, Grün stimmt uns hoffungsvoll und Schwarz trübt eher die Stimmung. Weltweit lösen Farben trotz verschiedener Kulturen ähnliche Gefühle aus. Am Äquator und bei Trockenheit ist allerdings einiges anders.

Der Anfang der Serie "Wir Kinder aus Bullerbü" zeigt die drei Höfe des Dorfes – alle in kräftigem Ochsenblut-Rot. Die satte Farbe ist typisch für schwedische Häuser, sagt Kilian Stauss, Professor für Design an der Technischen Hochschule Rosenheim:

"Die Natur kann ich nicht beeinflussen, meine Gebäude aber schon, wenn hier plötzlich starke Primärfarben auftauchen." Die zu sehen sei im Land der Mitternachtssonne positiv. Im Mittelmeerraum mit starkem Sonnenlicht liegt der Fall anders: "Da können voll gesättigte Farben fast schon aggressiv wirken."

Die Wetterlage ist also ein wichtiger Faktor dafür, wie Farben von Gebäuden, Möbeln oder Kleidung auf uns wirken. Das konnten Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Lausanne und Mainz belegen. Sie verglichen, welche Emotionen Farben in über 50 Ländern auslösen.

Das unglückliche Gelb

Kräftiges Gelb zum Beispiel wird in unseren Breitengraden mit Freude und sonnigem Wetter assoziiert. Aber nicht unbedingt in anderen Teilen der Welt, weiß Christine Mohr. "Je näher am Äquator und je weniger Regen, desto weniger mögen die Leute diese Assoziation mit Freude", so die Psychologie-Professorin in Lausanne. In diesen Regionen habe zu viel Sonne eher etwas Bedrohliches.

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Auch kulturelle und religiöse Hintergründe spielen eine Rolle. In der christlich geprägten Welt etwa symbolisiert Schwarz die Nacht und den Tod. Das zeigt sich auch in der Trauerkleidung. In China gilt bei Beerdigungen hingegen ein weißer Dresscode, erläutert Martina Becker von der Düsseldorfer Mediadesign-Hochschule. Im Buddhismus und Hinduismus symbolisiere die Farbe Weiß, dass etwas fehle: "Es ist weiß, es ist durchsichtig und es ist eigentlich gar nicht da."

Dass Farben so gegensätzlich wahrgenommen werden, ist aber die Ausnahme: Mehr als 4000 Menschen haben die Forschenden aus Lausanne und Mainz im Internet befragt – allerdings ohne ihnen Farben zu zeigen, erklärt Christine Mohr: "Farben auf einem Bildschirm zu zeigen ist nicht trivial." Oft verändere sich die Farbe je nach Einstellungen – eine Unsicherheit, die das Forschungsergebnis beeinflussen könnte.

Das trauernde Weiß

Die Versuchspersonen bekamen deshalb Farbworte zu lesen. Diese mussten sie mit Gefühlen wie Liebe, Trauer oder Angst verbinden. Das Ergebnis: Nur in zwölf Prozent gab es bei derselben Farbe gänzlich unterschiedliche Assoziationen. Beim Großteil sind sich die Menschen einig, was Farben bedeuten.

Der Mainzer Psychologe Daniel Oberfeld-Twistel zeigt eine Ähnlichkeitsmatrix, die aus den Datensätzen errechnet wurde. Darauf ist zu erkennen, dass sich Großbritannien, die USA und Neuseeland sehr ähnlich sind. Die Länder liegen zwar weit auseinander, "aber sie teilen die gleiche Sprache", so der Forscher.

Außerdem wanderten nach Neuseeland und in die USA einst viele Menschen aus Großbritannien aus. Sie brachten ihre farblichen Vorlieben mit – und gaben sie an die nächsten Generationen weiter. Emotionale Reaktionen auf Farben beruhen also auch stark auf gelernten Verhaltensweisen.

Das farbenblinde Rot

Dafür müssen Gelb, Rot, Blau und Co. übrigens nicht zwingend sichtbar sein – wie schon bei der Studie, sagt Christine Mohr. Menschen mit einer Rot-Grün-Blindheit lernten zu sagen, etwas sei rot. "Aber wie er tatsächlich ein gesättigtes Rot sieht, ist eher Braun-Grün", so die Psychologin. Dennoch zeige ein Farbblinder die gleichen Assoziationen.

Die Globalisierung bringt auch immer mehr Vermischungseffekte in der Farbpsychologie mit sich. Zum Beispiel beim Kleidungsdesign, weiß Martina Becker. Auch in China gebe es inzwischen weiße Brautkleider, auch wenn das im Land eigentlich die Trauerfarbe sei und traditionell in China in rot geheiratet werde. "Das ist die Farbe des Glücks." Aber Einflüsse durch westliche Mode führten dazu, dass das weiße Brautkleid wichtiger werde.

Bei der farblichen Gestaltung von Möbeln oder Gebäuden sind Kultur und Religion meistens weniger ausschlaggebend. Design-Professor Kilian Stauss beobachtet, dass auch in chinesischen Haushalten weiße Möbel stehen – oder dass schwarze Tischgestelle und Stühle nicht traurig, sondern eher elegant wirken.

Da uns Möbel oder Wand-Anstriche aber viel länger begleiten als Kleidungsstücke, bekommen wir hier nach etwa 15 Jahren oft den Wunsch nach Änderung. Hier seien Gewöhnungseffekte verantwortlich und der Wunsch nach Abwechslung. "Das tun wir zum Teil auch mit Farbe und das scheint uns gutzutun."

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