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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.04.2006

Emotionalisierte Wirtschaft

Eva Illouz: "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus"

Rezensiert von Georg Gruber

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Wird die Wirtschaft immer stärker von Gefühlern bestimmt? (AP)
Wird die Wirtschaft immer stärker von Gefühlern bestimmt? (AP)

Wenn ein Buch "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" heißt, würden viele Leser wohl folgende These erwarten: Der moderne Kapitalismus hat zu einer Welt geführt, die von kalt berechnenden Egoisten dominiert wird - menschliche Wärme, Emotionen findet man nur noch in der Familie, im Privaten. Eva Illouz kommt zu einem anderen Ergebnis: Es gibt diese Trennung nicht, im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der private Bereich immer stärker ökonomisiert, und die Wirtschaft immer mehr emotionalisiert.

Liebe in Zeiten des Internets: Partnersuchportale boomen, der Markt wird immer größer. Wer sich ins Netz begibt, konkurriert mit anderen, die auch auf der Suche sind. Wir wohnen einer wesentlichen Wandlung der romantischen Sensibilität bei, schreibt Eva Illouz in ihrem neuesten Buch "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus". Das Internet, in dem ein Geist der Fülle und Auswechselbarkeit herrsche, mache die Suche nach einem Partner zu einer "ökonomischen Transaktion".

Entscheidungen über mögliche Partner würden nur noch rational getroffen, nach Kriterien wie Alter, Bildungsstand, Einkommen, eine reine Kosten-Nutzen-Analyse - und ein Beispiel für die schon seit längerem immer weiter fortschreitende Ökonomisierung des Privaten. Der private Bereich und der ökonomische seien nicht mehr voneinander getrennt, wie noch im 19. Jahrhundert, die Sphären verschmelzen immer mehr - ein Prozess, der in beide Richtungen wirkt. Aber, so warnt die Soziologin, die in Jerusalem lehrt, das Vokabular der Emotionen werde inzwischen fast allein vom Markt diktiert.

Eva Illouz hat sich auf die Suche gemacht nach dem Ursprung dessen, was sie "emotionaler Kapitalismus" nennt, das System, in dem wir in der westlichen Welt heute leben – Emotionen sind dabei nicht unbedingt ein positiv besetzter Begriff. Und sie ist fündig geworden: Sigmund Freud ist schuld. Er hat die Psychoanalyse in die Welt gesetzt und damit unser Denken und unser Sprechen über uns selbst verändert. Die Psychoanalyse hat also die Probleme erst geschaffen, um sie dann zu bearbeiten: "Das therapeutische Narrativ versucht dem gewöhnlichen Leben als Ausdruck von Leiden einen Sinn abzugewinnen." Daher auch der Glaube, man könne seine Emotionen ergründen, von sich selbst trennen, begutachten und kontrollieren. Die Folge: Eine Rationalisierung des Privaten, eine Intellektualisierung des Alltagslebens. Auch Beziehungen werden zu Objekten, quantifizierbar, die Partner austauschbar. Eva Illouz nennt auch ein Datum, an dem in den USA diese Umwälzung einsetzte: 1909 – in diesem Jahr reiste Freud nach Amerika, um in fünf übersichtsartigen Vorlesungen einem gemischten Publikum die Hauptideen der Psychoanalyse vorzustellen, darunter auch die Idee, dass in der Familie die tiefste Ursache unserer Pathologien liegt.

Der Siegeszug der Psychologie, der sich in ständig wachsender Ratgeberliteratur niederschlug, veränderte auch die Arbeitswelt. Wo früher Kontrolle und Druck vorherrschten, sei ein neuer Umgangston eingezogen: Soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz entwickelten sich zu Schlüsselqualifikationen für Führungskräfte, aber letztlich auch nur, weil sich mit einem besseren Betriebsklima der Gewinn steigern lässt. "Der emotionale Kapitalismus hat die emotionalen Kulturen neu geordnet, in dem er das ökonomische Selbst emotionaler und die Emotionen instrumenteller machte."

Eva Illouz Buch, das auf einer Vorlesungsreihe an der Frankfurter Goethe-Universität beruht, enthält viele anregende Gedankengänge, ist aber nicht der leichteste Lesestoff, sondern über weite Strecken eine abstrakte soziologische Analyse aus dem Elfenbeinturm, die sich nicht an ein großes Publikum zu wenden scheint. Dafür ist ihre Sprache zu abgehoben. Ein bisschen schade, denn ihre Thesen gehen ja alle an, etwa die, dass das Internet zwar "ungeahnte Möglichkeiten der Kontaktaufnahme und Beziehungsbildung schafft", dass ihm dabei aber gleichzeitig die "emotionalen und körperlichen Ressourcen" fehlen, die bisher zur Aufrechterhaltung solcher Kontakte und Beziehungen gedient haben. Ob allerdings allein die Untersuchung von Partnersuchbörsen aussagekräftig genug ist, um weitergehende Einsichten über Beziehungen im 21. Jahrhundert zu erhalten, ist fraglich. Denn im Internet etablieren sich auch neue Gemeinschaften und Angebote, die nicht dem Marktmechanismus unterliegen, wie zum Beispiel Wikipedia - doch das liegt außerhalb ihres Fokus.

Auch an den Auswüchsen der Mediengesellschaft sei letztlich die Psychoanalyse schuld, an der öffentlichen Zurschaustellung in Talkshows, die wie Therapiesitzungen funktionieren. Das Internet stellt für die Autorin nur den letzten Schritt in dieser Entwicklung dar. Das Netz bietet neuen Raum zur Inszenierung des Privaten – wobei das Private immer stärker von strategischem Verhalten dominiert werde. Wenn wir aber Entscheidungen letztlich völlig unter Ausschluss von Emotionen und Intuitionen fällen, bedeute das nicht, dass wir intelligenter werden – es könnte sein, dass wir am Ende nichts anderes sind als "hyperrationale Idioten".

Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus
Suhrkamp Verlag
170 Seiten, 14,80 Euro

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