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Frühkritik | Beitrag vom 05.06.2020

Emma Viskic: "No Sound - Die Stille des Todes"Möchtegern-Superheld mit starker Einschränkung

Von Kolja Mensing

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Cover: "Emma Viskic: No Sound - Die Stille des Todes" (Deutschlandradio / Piper)
Emma Viskic hat sich einen besonderen Ermittler ausgedacht - und will weitere Bücher über ihn schreiben. (Deutschlandradio / Piper)

Als sein Freund ermordet wird, schwört Caleb Zelic, den Täter aufzuspüren. Dabei hat er allerdings einen echten Nachteil - er ist taub. Der Privatdetektiv muss nicht nur ein Verbrechen aufklären, sondern sich auch mit sich selbst auseinandersetzen.

Caleb Zelic arbeitet als Privatdetektiv in Melbourne. Er ist mit einem Routinefall beschäftigt - einem Einbruch in eine Lagerhalle - als ihn eine Notruf-SMS von seinem Freund Gary erreicht. Zelic kommt zu spät. Gary liegt in einer Blutlache in seinem Haus, Blaulicht, die "schwach summende Stimme" einer Sanitäterin und ein Polizist, den Caleb nur mit Mühe versteht: Exekution.

Ein leiser und intensiver Thriller

"Ein Wort, das so fröhlich aussah: ein kleines Lächeln bei der ersten Silbe, ein leichtes Lippenkräuseln bei der dritten." Richtig: Caleb Zelic ist taub - und das macht Emma Viskics Debüt "No Sound - Die Stille des Todes" von Anfang an zu einem sehr leisen und zugleich sehr intensiven Thriller.

Gehandicapte Protagonisten hat es in der Geschichte der Kriminalliteratur schon immer gegeben. Allerdings handelt es sich meist um blinde Ermittler.

Einer der ersten war der Detektiv Max Carrados, eine Erfindung des englischen Schriftstellers Ernest Bramah und ein Zeitgenosse Sherlock Holmes, und von ihm zieht sich eine lange Linie bis in die Gegenwart, zu Friedrich Anis blindem Hauptkommissar Jonas Vogel zum Beispiel oder zu Andreas Pflügers Elite-Polizistin Jenny Aaron.

All diesen Figuren ist gemeinsam, dass sie massiv überkompensieren - also gerade wegen ihrer Sehbehinderung besonders hellsichtig sind und sich mit großer Sicherheit im Dunkel des Verbrechens bewegen.

Recherchen, die ins Leere laufen

An diesem Punkt gibt Emma Viskic der Genretradition einen interessanten Dreh. Dass Caleb Zelic nicht hören kann, ist nämlich tatsächlich ein Problem. Er hat erst mit neun Jahren sein Gehör verloren, kann also sprechen, und vor allem hat er Lippenlesen gelernt. Läuft es gut, kann er anderen verheimlichen, dass er taub ist.

Wenn jemand aber nuschelt oder ein Schatten das Gesicht seines Gegenübers verdeckt, fliegt er sofort auf - und seine Nummer als professioneller Privatermittler nimmt ihm dann niemand mehr ab. Zelic ist also kein Ausnahme-Detektiv mit Inselbegabung, sondern ein Möchtegern-Superheld mit starker Einschränkung.

Seine Recherchen rund um den Mord an seinem Freund Gary laufen darum immer wieder ins Leere. Und Caleb ist darüber hinaus so damit beschäftigt, seine Gehörlosigkeit gegenüber seiner Umwelt zu verdecken, dass er nicht merkt, dass Gary - der als Polizist gearbeitet hat - nicht der war, für den er ihn gehalten hat, und dass auch seine Partnerin Frankie schon vor langer Zeit die Seiten gewechselt hat.

Caleb will sich seine Behinderung nicht eingestehen

Das größte Problem ist allerdings, dass Caleb Zelic sich nicht eingestehen will, wer er selbst ist: ein Mann mit Behinderung. Und - das findet man im Krimi-Regal immer noch ganz schön selten - er ist Mann, der seine Selbstzweifel und Minderwertigkeitskomplexe nicht einfach nur in viel zu zu viel Arbeit, Alkohol und Selbstmitleid ertränkt, sondern am Ende gezwungen wird, sich auch mal konstruktiv mit sich und seinen Gefühlen zu beschäftigen.

Das ist natürlich ein ganz schön weiter Weg - und "Die Stille des Todes" ist darum auch nur der Anfang einer ganzen Reihe mit dem Privatdetektiv Caleb Zelic.

Emma Viskic: "No Sound - Die Stille des Todes"
Aus dem australischen Englisch von Ulrike Brauns
Piper, München 2020
282 Seiten, 15 Euro

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