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Tonart | Beitrag vom 12.07.2016

Emicida auf TourDer Philosoph aus den Favelas

Von Thorsten Bednarz

Der brasilianische Rapper Emicida auf der Bühne beim Rock in Rio Festival in Rio de Janeiro, aufgenommen am 21.9.2013 (AFP / Yasuyoshi Chiba)
Der brasilianische Rapper Emicida bei einem Auftritt in Rio de Janeiro (AFP / Yasuyoshi Chiba)

In Brasilien ist Emicida ein Superstar. Jetzt ist er erstmals auf einer kleinen Deutschlandtour zu erleben. Doch wer nur elektronisch gestylte Samba-Beats erwartet, dürfte überrascht sein: Denn Emicida gilt in seiner Heimat als der Philosoph unter den Rappern.

"Meine Musik kommt aus den Favelas. Dort höre ich den Funk von Sao Paulo. Das ist die populärste Musik in unseren Ghettos. Aber ich mische den Funk auch mit dem Samba, mit Fohó und mache daraus dann meine Musik, meine Sprache!"

Emicida stammt aus Sao Paulo, hat dort begonnen zu rappen und ist der Stadt bzw. ihren Favelas bis heute treu geblieben. Vor 15 Jahren ging er dort erstmals zu den Rap-Battles und trat mit seinen Reimen gegen andere an. Organisiert wurden die damals von Criolo, bis heute ein enger Freund von Emicida und der zweite große Name im brasilianischen Rap. Doch wo dieser immer wieder zum harten Rap der amerikanischen Art zurückkehrt, da bezieht Emicida immer wieder die Rhythmen der afrobrasilianischen Musik in seine mit Beats ein.

Mehr Samba als Hip-Hop

Die Musik auf seinen Konzerten hat oftmals mehr mit einem Samba wie man ihn früher auf den Straßen spielte gemein als mit Hip-Hop. Das ist keine musikalische Wahl, wie der Musiker betont, sondern eine kulturgeschichtliche:

"Heute haben wir die Möglichkeit, auf einhundert Jahre von brasilianischen Musikproduktionen zurückzugreifen. Mit 'Pelo telefone' wurde damals der erste Samba aufgenommen und der ist bis heute wichtig, weil darin unsere Wurzeln liegen, da wurde erstmals unsere Geschichte erzählt. Später dann kamen Donga, Cartola und Pischinguinja dazu. Siehst du, ich habe hier ein Tattoo von Pischinguinja, denn er war der erste Brasilianer, der im Ausland auf Tournee ging. Er ist sehr wichtig für mich, weil er als erster einen internationalen Blick auf die brasilianische Musik entwickelte und so die neuen kreativen Trends in der Welt mit denen in diesem neuen Land Brasilien verband. Das begann vor einhundert Jahren!"

Das neue Album Emicidas trägt den eigentlich eher unverfänglichen Namen "Von Kindern, Hüften, Albträumen und Heimarbeit". Darauf geht es aber nicht etwa nur um Hüften, die sich im Sambatakt wiegen und diesen schon den Kindern beibringen. Er fordert in seinen Songs zum Beispiel immer wieder dazu auf, dass sich die Eltern um ihre Kinder kümmern, dass sie dafür sorgen, dass die Kinder eine Schulbildung bekommen.

Immer wieder betont er, dass Bildung der erste Schritt aus dem Elend heraus ist. Und zu dieser Bildung gehört auch die Geschichte der Afrobrasilianer und ihrer Kultur.

Die Wurzeln liegen in Angola

Dafür setzt er nicht etwa auf den aktuellen Afrobeat, wie er inzwischen viel in Brasilien gespielt wird. Er ist direkt auf den afrikanischen Kontinent geflogen und hat dort mit den Aufnahmen für sein neues Album begonnen.

"Welches ist die populärste Musik Brasiliens? Der Samba ist die musikalische Postkarte des Landes! Aber der Samba ist eine Musik aus Angola, wo er Semba heißt. Als wir das neue Album aufnahmen sagte ich, wir müssen nach Angola fahren, zurück zu den Wurzeln! Dort liegen die Wurzeln, daher kommt der Rhythmus, die Poesie. Das gleiche gilt für die Kapverden und auch für Mozambique. Für unser heutiges Brasilien ist es sehr wichtig, bestimmte Länder Afrikas zu betrachten und diesen unsere Referenz zu erweisen. Ganz besonders diesen drei Ländern verdanken wir viel in unserer Kultur. Dort liegen die Grundlagen dafür!"

Aber als Emicida zum Beispiel in der Hauptstadt der Kapverden Praia ankam, war er doch selbst überrascht, wie tief diese innere Verbindung mit dieser Inselgruppe vor der westafrikanischen Küste ist. Damit hatte auch er als gewissermaßen Kunstaktivist nicht gerechnet:

"Als wir dort ankamen, da habe ich beinahe geheult. Die Eindrücke waren so überwältigend. Ich war in Praia, habe dort mit den Menschen Kreol gesprochen, diese Variation des Portugiesischen. Und die Leute erzählten mir die Geschichten ihrer Großeltern, wie sie in ihrer Heimat gefangen und nach Nordamerika oder nach Europa gebracht wurden. In den brasilianischen Geschichtsbüchern steht nichts davon. Ich selbst habe viel über die Geschichte meiner Familie nachgeforscht. Aber in den brasilianischen Filmen, Büchern oder auch im Fernsehen erfährst du nichts über den afrikanischen Beitrag zu unserer Kultur. Das liegt alles in den Händen einer kleinen weißen Oberschicht. Als ich dann selbst auf den Kapverden war, wurde mir klar: Ich muss diese Geschichte selbst erzählen – mit einer anderen nämlich meiner Perspektive!"

Auf eigenem Label veröffentlicht

Das neue Album "Von Kindern, Hüften, Albträumen und Heimarbeit" beschreitet in seiner musikalischen Mischung Neuland. So radikal widmet sich sonst kein Hip-Hop-Musiker der eigenen musikalischen Geschichte. Aber Emicida kann sich das leisten, hat er sich doch all seine kreativen Freiheiten bewahrt. Immerhin veröffentlichte er das Album auf seinem eigenen Label.

"Ich mache keine Musik um des Geldes willen. Ich bin nicht wie die amerikanischen Rapper, die immer mit ihrem Geld protzen. Darum geht es mir nicht. In meiner Musik geht es um die wirklich wichtigen Dinge. Und ich habe Geschichte geschrieben, denn es gibt keine großen Unternehmen in Brasilien, die von Schwarzen geleitet werden. Aber wir brauchen mehr Geld für unsere schwarze Community damit auch wir in politische Ämter kommen und über unsere Geschichte sprechen können. So habe ich mit Freunden eine unabhängige Plattenfirma geschaffen, Laboratorio Fantasma. Da produziere ich meine Musik, organisiere meine Karriere und erzähle der ganzen Welt von den Schwarzen in Brasilien, von den Favelas, dem täglichen Leben in Brasilien."

Ab heute ist Emicida erstmals auf einer kleinen Deutschlandtour zu erleben: am 12.7. in Köln, einen Tag später in Berlin und am Donnerstag in Hamburg.

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