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Tonart | Beitrag vom 12.10.2018

Elvis Costello: "Look Now"Der Rücktritt vom Rücktritt

Von Marcel Anders

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Der Musiker Elvis Costello, am 28.4.2016 bei einem Konzert in New Orleans Louisiana. (imago stock&people/Zuma)
Elvis Costello: "Man kann immer noch Alben machen, die von Herzen kommen." (imago stock&people/Zuma)

Nach 30 Alben hatte Elvis Costello seine Karriere als Studiokünstler beendet. Doch jetzt, nach seinem 64. Geburtstag und seiner Krebsdiagnose, liefert er mit "Look Now" ein Album mit starken Songs. Statt lauter Gitarren erklingen Soul und Balladen.

Elvis Costello: "Es war ein Erlebnis, wieder Musik auf der Bühne zu spielen. Und das hat bei mir den Wunsch ausgelöst, erneut ins Studio zu gehen. Ich verdanke meine Rückkehr also den Auftritten mit den Imposters vom letzten Sommer, die bei mir einen Sinneswandel ausgelöst haben. Einfach, weil wir besser waren als je zuvor. Weil unser Zusammenspiel so inspirierend und auf so hohem Niveau war. Es wäre dumm gewesen, mit der Band aufzuhören."

Ein überraschender Rücktritt vom Rücktritt. Denn eigentlich hatte Elvis Costello seine Karriere als Studiokünstler schon beendet. 2010 – nach 30 Alben – hatte er genug vom Musikgeschäft. Vom Status als ewiger Kritikerliebling und kreativer Tausendsassa, der zwar viele Preise abräumt, aber keinen kommerziellen Erfolg hat. Vielleicht, weil seine Kunst nichts mit der Welt der Charts zu tun hat und weder Mainstream- noch Indie-Rock ist. Das gilt auch für sein neues Werk "Look Now" mit Keyboarder Steve Nieve und Drummer Pete Thomas, alias The Imposters.

"Egal, wie man es nennt – es ist einfach tolle Musik. Und vor allem menschliche. Die Rhythmen, die wir auf dem Album verwenden, kommen nicht aus dem Rock´n´Roll, sondern aus dem R&B und Soul. Deswegen sind da keine lauten Gitarren zu hören. Es ist kein Rock´n´Roll-Combo-Ding."

Von Soul bis Bossa Nova

Traditionelle Rockmusik findet Costello langweilig. Er versucht sich lieber an Balladen, Soul, Vaudeville oder Bossa Nova – und setzt auf Klavier, Orchester oder Vibrafon. Eine Vielfalt, die für regelrechte Klangkunst sorgt und Songwriter-Ikonen wie Brian Wilson und Randy Newman folgt. Diesen Anspruch untermauern auch Stücke mit Carole King und Gastauftritte von Burt Bacharach. Echten Perfektionisten, so Costello, aber im positiven Sinne.

"Es gibt ja auch Perfektionismus, der hemmend ist. Aber wenn ich mit Burt arbeite, sagt er Sachen wie: 'Du singst die Melodie nicht richtig.' Und das merke ich gar nicht, weil ich denke, es müsste genauso sein. Aber natürlich hat er Recht! Das Wunderbare an seiner Zusammenarbeit mit den Imposters besteht darin, dass sie vor 20 Jahren noch unmöglich gewesen wäre. Dass wir uns von ihm und seiner Dynamik früher nie so hätten anstecken lassen." 

Leidenschaft und Nerdtum

Wenn es um Musik geht – vor allem seine eigene – gerät Elvis Costello ins Schwelgen. Dann erzählt er jede noch so kleine Nuance, analysiert jedes Arrangement und jeden Text. Eine Leidenschaft und ein Nerdtum, die ihresgleichen suchen. Die in der Welt der Streams und des musikalischen Fastfoods gar nicht mehr zu existieren scheinen. Weshalb er im Hier und Jetzt fast ein bisschen deplatziert wirkt. Doch Costello winkt ab.

"Man muss akzeptieren, dass sich die Zeiten geändert haben und es nie wieder so sein wird, wie es mal war. Der große Fehler, den die Industrie begangen hat, war die MP3 zum Standard zu machen – weil sie eine minderwertige Qualität hat und leicht zu kopieren ist. Von daher haben die Leute den Sinn für den Wert der Musik verloren. Das lässt sich zwar nicht mehr korrigieren, aber man kann immer noch Alben machen, die von Herzen kommen – und schauen, was die Menschen damit anstellen."

Das klingt fast altersmilde. Als hätte Costello die lange Pause nicht nur genutzt, um ein Dutzend richtig starker Songs zu schreiben, sondern auch, um Frieden mit einer Zeit zu schließen, in der er wie ein Fremdkörper wirkt. Ein durch Chemotherapie und Medikamente leicht aufgedunsener Idealist, Künstler und Rebell. Möge er uns noch lange erhalten bleiben.

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