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Länderreport | Beitrag vom 15.04.2021

Eltern protestieren gegen SelbsttestsSind so kleine Nasen

Von Silke Hasselmann

Ein 10 jahre altes Mädchen steckt sich den Coronaselbsttest in die Nase. (picture alliance / Robin Utrecht)
Immer schön negativ bleiben: Ein Grundschülerin mit Corona-Schnelltest. (Symbolfoto) (picture alliance / Robin Utrecht)

Vielerorts sollen sich Grundschüler vor Ort auf Corona testen lassen. Wo kein medizinisches Personal zur Verfügung steht, sollen die Kleinen sich die Teststäbchen selbst in die Nase führen. Einige Eltern in Mecklenburg-Vorpommern sehen das kritisch.

Zu Gast in der "Vineta"-Grundschule Koserow im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Während eine Fernsehkamera mitläuft, übt Schulleiterin Kerstin Kamin mit einigen Jungen und Mädchen den Corona-Selbsttest, bei dem sich die Kinder ein Wattestäbchen nacheinander in beide Nasenlöcher schieben und es dort für jeweils mindestens 15 Sekunden bewegen müssen.

Die Vorbereitungen sind getroffen. Nun kommt der unangenehme Teil der Übung:

"Zieht euren Mundschutz runter. Und jetzt wird dieses Stäbchen in die Nase hier vorne reingeschoben. Schön gegen die Nasenwand drücken! Nicht zu weit reinstecken! Das darf nicht wehtun", erklärt sie.

Einige Kinder kichern etwas unsicher, doch alle machen mit. Nach einer Viertelstunde Wartezeit erweisen sich alle Befunde als negativ. Die Jungs und Mädchen dürfen an diesem Tag bedenkenlos miteinander spielen. Allerdings sitzen hier nur diejenigen Grundschüler, deren Eltern schriftlich ihr Einverständnis für den Selbsttest erklärt hatten. Und das war gerade mal ein knappes Viertel.

Dabei wurde den Kindern schon kurz vor den Osterferien von einer Ärztin erklärt, wie es richtig geht, so die Schulleiterin: "Die Angst ist ganz einfach da bei den Eltern. Die Eltern wissen ja auch nicht: Was passiert denn hier nun? Deswegen haben wir uns ja eine Kinderärztin geholt, die den Kindern das gezeigt hat. Wir sind unwahrscheinlich dankbar, dass sie das gemacht hat."

"Je mehr mitmachen, desto höher ist der Schutz"

Rund 64.000 freiwillige Tests wurden vor den Osterferien an den 563 allgemeinbildenden Schulen in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt. Das sei für den Start bei den insgesamt 152.000 Schülern und knapp 12.000 Lehrkräften im Land gar nicht mal so schlecht, findet Bildungsministerin Bettina Martin (SPD).

Doch da gehe deutlich mehr, denn mit dem flächendeckenden Testen wolle man symptomlose, aber möglicherweise infizierte Schüler und Lehrer noch vor einer Weitergabe der Viren herausfiltern und so allen anderen weiterhin einen Präsenzunterricht ermöglichen.

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"Ich glaube, das Ziel muss sein, dass möglichst alle mitmachen bei den Selbsttests", sagt Bettina Martin. "Denn je mehr mitmachen, desto höher ist der Schutz. Das ist völlig klar. Wir haben ganz tolle Rückmeldungen von den Schulen, gerade auch von Grundschulen, die sagen: 'Es ist viel einfacher, als wir uns das vorgestellt haben.' Und wo wir jetzt auch zweimal die Woche testen, muss das Ziel sein, mehr Lehrkräfte, aber auch mehr Schülerinnen und Schüler dazu zu bringen, sich selbst zu testen. Denn nur so kriegen wir auch mehr Sicherheit in die Klassen, in die Schulen."

Kindernasen sind kleiner als die der Erwachsen

Doch wie in anderen Teilen Deutschland bleiben auch in Mecklenburg-Vorpommern viele Eltern von Grundschülern skeptisch. Ihnen reicht ein Blick auf das lange Wattestäbchen und dann auf die Nase ihrer Kinder.

"Mein Name ist Liban Afrah. Ich bin 48 Jahre alt, wohne in Settin. Ich habe eine siebenjährige Tochter, die an der Grundschule in Crivitz zur Schule geht – in die zweite Klasse. Ich bin zweiter Schulsprecher dort."

Liban Afrah schrieb Ministerpräsidentin Schwesig, der Bildungsministerin und dem Landesgesundheitsminister kürzlich in einem Brief, welche Sorgen ihn umtreiben. Schlimm genug, dass auch die jüngsten Schüler im Unterricht und sogar auf dem Pausenhof Corona-Schutzmasken tragen sollen und stundenlang mit eingeschränkter Sauerstoffzufuhr auskommen müssen. Nun auch noch die Selbsttests, bei denen es sogar Erst- und Zweitklässlern überlassen werde, sich die Stäbchen in die Nase zu stecken.

Dabei, so der Vater: "Eine Kindernase ist kleiner als unsere Nase. Wenn die, sagen wir mal, eine Mutprobe machen und sagen: 'Guck mal, ich kann mir das auch fünf Zentimeter in die Nase stecken!' – dann können da erhebliche Verletzungen stattfinden. Und was mich vor allen Dingen stört: Keiner wird aufgeklärt über die Gefahren, die entstehen können. Die Eltern sollen – zum Glück freiwillig – unterschreiben, dass die Kinder einen Test machen dürfen, wo nicht geschrieben steht, dass die Kinder selber den Test machen können. Ich habe mit der Direktorin der Grundschule in Crivitz gesprochen. Die sagt: 'Nein, wir machen das nicht. Das soll medizinisches Personal machen.' Das steht aber auch nirgends. Und: Medizinisches Personal ist Stand heute nicht gefunden worden."

Der Selbsttest – nur ein "gering invasiver Vorgang"

Auch andere Eltern sagen sich in Anlehnung an das Lied "Sind so kleine Hände": Sind so kleine Nasen. "Also, wenn das Ärzte machen und betreuen würden, dann sehr gerne. Aber die Kinder selber? Ist, glaube ich, sehr schwierig."

Und ein anderer Vater: "Wir nehmen nicht teil, weil wir Angst haben, dass das was mit der Nase passiert."

Doch diese Angst sei unbegründet, denn es handele sich um einen "nur geringen invasiven Vorgang", erklärte der Kinderarzt Frank Richter kürzlich im NDR-Regionalfernsehen.

"Wenn wir kranken Kindern eine Blutentnahme machen müssen, dann ist das auch zumutbar", sagt er. "Ich denke, in der Zeit der Pandemiebekämpfung ist es auch zumutbar, einen Corona-Schnelltest bei den Kindern zu machen. Also, das bekommt ein Erstklässler hin, und ich bitte auch die Eltern, ihre Kinder dazu zu ermutigen und zu motivieren und positiv zu bestärken."

Die Haftungsfrage verunsichert Eltern

Liban Afrah bleibt skeptisch, und er ärgert sich vor allem über den Umgang von Politik, Gesundheits- und Schulverwaltung mit der Haftungsfrage. Dazu finde sich nichts in der Landesverordnung. Ob mögliche Folgeschäden durch die Maskenpflicht oder wegen eines zu tief in die Nase gesteckten Teststäbchens – die Verantwortung bleibe im Fall des Falles wohl an den Erziehungsberechtigten hängen. 

"Wenn etwas passiert – wer haftet denn dafür? Ganz zum Schluss heißt es nur: 'Wir Lehrer haben es nicht gemacht. Wir haben es den Kindern gezeigt.' Und wenn den Kindern was passiert, dann haften die Eltern, denn du warst ja einverstanden gewesen", sagt er. "Aber bei kleinen Kindern möchte ich das nicht. Und ob dieser Test überhaupt einen Sinn macht – diese Frage wurde mir bislang nicht beantwortet."

Sein Brief an die Landesregierung übrigens auch nicht, ergänzt der zweite Elternsprecher der Fritz-Reuter-Grundschule im mecklenburgischen Crivitz.

Immerhin sieht die Schweriner Bildungsministerin Bettina Martin weiterhin von einer Testpflicht ab. Es bleibt bei dem Appell, wobei es den Schulen in M-V seit dieser Woche frei steht zu entscheiden,  ob sie ihren Lehrkräften wie auch den Schülern die Selbsttestpäckchen mit nach Hause geben. Eine unabhängige Kontrolle  ist dabei allerdings nicht möglich, eine Bestätigung der Testergebnisse nicht erforderlich.

 "Der Regelfall soll aber sein, dass in der Schule getestet wird."

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