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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.08.2007

Eltern, ihr seid auch nur Menschen!

Jesper Juul: "Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung", Kösel Verlag, München 2007, 176 Seiten

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Sonntagspaziergang im Park (dradio.de)
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Für Eltern ist nichts mehr so wie früher, wo sie klare Respektspersonen waren, deren Wünschen sich Kinder widerstandslos unterzuordnen hatten. Heute sieht das anders aus: Kinder haben Rechte, vor allem auf gewaltlose Erziehung. Doch wie gelingt das? Indem Eltern authentisch sind, sagt Jesper Juul in seinem neuen Buch "Die kompetente Familie". Und indem Eltern aufhören, perfekt sein zu wollen.

Was sollen Eltern machen, wenn sie ihren 14-jährigen Sohn beim Biertrinken auf dem Marktplatz erwischen? Wie sollen sie reagieren, wenn ihre Tochter jeden Tag stundenlang vor dem Computer sitzt? Oder was können Eltern tun, wenn sie meinen, dass zwei Partys die Woche zu viel sind? Sollen sie Verbote aussprechen? Rumschreien? Ein Auge zudrücken? Ja. Nein. Ja. Patentlösungen gibt es nicht. Denn jede Familie ist anders.

Wer also nur praktische Tipps erwartet, der ist bei Jesper Juul und seinem Buch "Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung" nicht richtig. Der dänische Familientherapeut setzt nicht auf schlichte Lösungsvorschläge à la Supernanny, nach denen Kindern nicht selten zu Objekten reduziert werden, die wie Automaten funktionieren sollen.

Jesper Juul setzt vielmehr auf die Individualität jeder Familie, auf ihre eigenen Werte und Ziele im Zusammenleben und auf die Gleichwertigkeit der Kinder in diesem Verbund. Denn die Zeit, als noch jeder vermeintlich wusste, was sich gehört und was nicht, ist endgültig vorbei, so Juul. Jede Familie muss daher ihre eigenen Werte in der Familie und der Erziehung finden. Werte, die für den wertvollen Umgang miteinander stehen und die Kindern helfen, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

Am besten gelingt das, wenn Eltern authentisch sind, sich als Menschen aus Fleisch und Blut geben, die nicht immer gleich funktionieren, sondern die mal gut und mal schlecht gelaunt sind. Eltern müssen aufhören eine Rolle zu spielen: Immer verständnisvoll zu sein, ist unecht und verunsichert letztendlich nur den Nachwuchs.

Auch Eltern, die ständig Verbote aussprechen und disziplinieren, benehmen sich unecht. Eltern, so schreibt Juul, müssen lernen, ihre eigenen Grenzen zu äußern, statt immer nur Grenzen für ihre Kinder zu finden. Nur dann sind sie authentisch. Und nur dann können Kinder lernen.

Entscheidend ist deshalb auch, dass die Eltern als Partner agieren und sich gegenseitig respektieren. Gelingt dies nicht, so der Familientherapeut, entstehen Fehler in der Erziehung. Wie kleine Seismographen erspüren Kinder diesen Misstand und reagieren entsprechend.

Kleine Monster sind also immer das Produkt elterlichen Fehlverhaltens. Um das zu vermeiden, müssen Eltern miteinander im liebevollen Gespräch und Kontakt bleiben. Sie müssen sich Zeit für einander nehmen, kinderfreie Zeit, damit die Kraft bleibt, Kindern ein gutes Beispiel zu geben. Denn um nichts anderes geht es.

Wie ein Sparringspartner im Boxtraining sollen Eltern mit ihren Kindern trainieren. Was nichts anders heißt als maximalen Widerstand zu leisten, also Grenzen zu setzten, ohne Schaden zu zufügen und dabei die Gleichwürdigkeit der Kinder zu achten. Wobei Gleichwürdigkeit nicht heißt, dass Eltern aufhören zu entscheiden.

Gemeint ist vielmehr, dass jedes Familienmitglied seine Wünsche und Bedürfnisse ausdrücken darf, ohne gedemütigt, kritisiert oder lächerlich gemacht zu werden. Allein dadurch dass Kinder sagen dürfen, was sie wollen, werden sie ernstgenommen. Nur so können sie zu gefestigten Persönlichkeiten heranreifen. Sie lernen, dass sie mitreden dürfen, selbst dann, wenn nicht jeder ihrer Wünsche erfüllt wird.

Dabei ist das wichtigste, jedes Kind so zu sehen wie es ist. Neigen Eltern doch oft dazu, Wunschvorstellungen in ihre Kinder zu projizieren und damit über die Kinder hinweg zu entscheiden. Ein sträfliches Verfahren, wenngleich das oft mit den besten Absichten geschieht, wie die vielen im Buch aufgezeigten Beispiele eindrucksvoll belegen.

Nur wenn es gelingt, in einen Dialog zu treten, mit einander im Gespräch zu bleiben und nicht bloß Macht auszuüben und Missverhalten abzustrafen, schafft jede Familie es, die eigenen Werte zu finden und glaubhaft zu vertreten. Jesper Juul bietet mit seinem anregenden Buch hervorragende Ideen dazu, wie dieses lohneswerte Projekt gelingen kann.


Rezensiert von Kim Kindermann

Jesper Juul: Die kompetente Familie. Neue Wege in der Erziehung
Übersetzt von Knut Krüger
Kösel Verlag, München 2007, 176 Seiten, 14,95 Euro

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