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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.10.2020

Elsa Dorlin: „Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt“ Jiu Jitsu für die Unterdrückten

Von Andrea Roedig

Das Cover zeigt eine Aktivistin der Black Panthers im Rebel Chic mit einer Schusswaffe, Sonnenbrille und Lederjacke. (Cover: Suhrkamp)
Wer verteidigt sich gegen wen? Elsa Dorlins neues Buch führt durch die Geschichte der Selbstverteidigung. (Cover: Suhrkamp)

Elsa Dorlin schreibt eine Geschichte der Kampftechniken der Sklaven, der Feministinnen, der Black Panther und der Homosexuellen. Offen bleibt dabei, ob Gewalt ein richtiges Leben im falschen schaffen kann.

Diese Techniken setzten die britischen Suffragetten zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, um sich bei Demonstrationen gegen die Staatsgewalt zu wehren: Durchschneiden der Hosenträger von Polizisten, Blendung des Gegners durch Öffnung einer Armee von Regenschirmen, Angreifen der Pferde genau in dem Moment, in dem die Polizei aufsitzen will. Die Women’s Social and Political Union (WSPU) richtete sogar einen Selbstverteidigungsclub ein, in dem die Kampftechnik des Bartitsu unterrichtet wurde.

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Sich selbst verteidigen zu lernen, verändere das eigene Körperschema und sei zugleich "ein mächtiger Hebel der politischen Bewusstseinsbildung", schreibt Elsa Dorlin. Mit ihrem Buch will sie die Geschichte verschiedener "Selbstverteidigungskonstellationen" schreiben, wobei sie von einer klaren Trennung ausgeht: Es gebe in der Welt jene Subjekte, die vom Gesetz her geschützt und in der Lage sind, sich zu verteidigen und die anderen – die Subalternen, die rassisch oder sexuell Diskriminierten –, deren Selbstschutz immer schon als Angriff auf die bestehende Ordnung gedeutet und gefürchtet werde. Diese Subjekte seien im Grunde "verteidigungslos".

Gebrauch und Missbrauch der Notwehr

Wer darf überhaupt Waffen tragen? Dorlin untersucht den historischen Wandel hin zum Gewaltmonopol des Staates. Thema sind auch die Entwaffnungen von Indigenen in Kolonialverwaltungen und die rituellen Tänze der Sklaven, die nicht ganz zu Unrecht von den Kolonisatoren als geheime Übung für den Aufstand gedeutet wurden. Ein Kapitel des Buches beschreibt, wie Jiu-Jitsu nach Europa kam, ein anderes beschäftigt sich mit der "Ethik des Aufstands" im Warschauer Ghetto und ein weiteres mit militanten Kampfstrategien der Black Panther Party und der Gay-Liberation-Bewegung in den USA.

Immer hat die Autorin dabei die Ambivalenz der Notwehr im Blick. Denn je nachdem, wer sie mit welchen Gründen für sich in Anspruch nimmt, wird Selbstverteidigung zur blanken Selbstjustiz, meist mit rassistischem Hintergrund. Lynchmorde stellen sich selbst unter die Flagge der Notwehr.

Der Zirkel der Gewalt

All die Beispiele sind spannend zu lesen. Das Versprechen des Buches, eine "Philosophie der Gewalt" zu liefern, ist jedoch zu hoch gegriffen. Elsa Dorlin steht in der Tradition und will die Entwicklung einer Herrschaftsstruktur nachzeichnen, die dominante und subalterne Körper produziert, Jäger und Beute.

Ein klares Bild ergibt sich jedoch nicht, was zum einen daran liegt, dass die Autorin jede These mit einem wilden Theoriejargon zukleistert. Von "Dispositiven der Entwaffnung" oder "Semiologie militanter Körper" ist da die Rede.

Zum anderen bleibt Dorlins Position selbst ambivalent. Sie sympathisiert mit den gewaltsamen Kämpfen der Unterdrückten, zeigt aber auch, dass jede Selbstverteidigung im Zirkel der Gewalt gefangen bleibt. Abrupt und pessimistisch endet das Buch mit der Beschreibung eines rassistischen Mordes – und wir bleiben zurück mit einem anregenden Lektürestoff, der viele Fragen offen lässt.

Elsa Dorlin: "Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt"
Aus dem Französischen von Andrea Hemminger
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
315 Seiten, 32 Euro

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