Elizabeth Wetmore: "Wir sind dieser Staub"

Barfuß durch die Wüste

03:42 Minuten
Buchcover "Wir sind dieser Staub" von Elizabeth Wetmore
© Eichborn Verlag

Elizabeth Wetmore

Übersetzt von Eva Bonné

Wir sind dieser StaubEichborn, Köln 2021

320 Seiten

22 Euro

Von Katrin Doerksen · 26.11.2021
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Unter Klapperschlangen und Psychopathen: Elizabeth Wetmore erzählt in ihrem Krimi "Wir sind dieser Staub" von einem Verbrechen zur Zeit des Ölbooms in West Texas und von einem Landstrich, dessen Geschichte durch männliche Gewalt geprägt ist.
Bis zur nächsten Stadt sind es mindestens zwei Autostunden, hier gibt es nichts als blassen Wüstensand und Öl. Willkommen in Odessa, West Texas. Wenn Elizabeth Wetmore recht hat, dann zieht der Ölboom hier vor allem die ganz schlimmen Psychopathen an.
Es ist der Valentinstag des Jahres 1973 und Gloria - bald 15 Jahre alt, Halbmexikanerin - wacht auf einem Ölfeld auf. Die Schuhe verloren, die Milz gerissen. Ihr Vergewaltiger schläft nur Meter von ihr entfernt in seinem Truck. Es bleibt wenig Zeit, bis er aus seinem Rausch erwacht und sie höchstwahrscheinlich umbringt. Gloria bleibt nur ein Weg: barfuß durch die Wüste.

Frust der Männer, Gefahr für die Frauen

In ihrem Romandebüt „Wir sind dieser Staub“ erzählt Wetmore von den Folgen dieses Verbrechens aus der Sicht verschiedener Einwohnerinnen von Odessa. Da ist die junge Mutter Mary Rose, die sich als Erste um die übel zugerichtete Gloria kümmert und sich um der Gerechtigkeit Willen durch einen schleppenden Gerichtsprozess quält.
Daneben ein Mädchen kurz vor der Pubertät, das mehr von den Geschehnissen in Odessa mitbekommt, als die Erwachsenen sich ausmalen. Oder die verwitwete Nachbarin, die alles durch einen Schleier aus Trauer und Alkohol beobachtet.
Wie eigenständige Kurzgeschichten lesen sich die wechselnden Perspektiven dieser Kapitel. Entlang der Erinnerungen der Frauen führen sie zurück in die Nachkriegszeit, zur Great Depression der 1930er-Jahre, den ersten texanischen Ölfunden um die Jahrhundertwende.

Ganze Folterzimmer aus Worten

Gloria und ihre Zeitgenossinnen, das wird schnell klar, sind nur das jüngste Glied einer Generationen zurückreichenden Kette von Frauen, für die es in Odessa nur schwer auszuhalten ist. Die größte Gefahr sind für sie nicht einmal die Klapperschlangen oder die alles verzehrenden Sandstürme, sondern schlicht der Frust der Männer.

Warum ist das kleine Jesuskind nicht in Texas zur Welt gekommen? Weil es hier keine drei Weisen und keine Jungfrau gab.

Aus "Wir sind dieser Staub"

Solche dreckigen kleinen Witze streut Wetmore oft in ihren Text. Sie darf das - sie stammt selbst gebürtig aus West Texas.
Außerdem ist sie eine Meisterin darin, solche schwer zu ertragenden Sätze zu konstruieren und mit diesen Worten ganze Folterzimmer zu errichten, die einem dann lebendig vor Augen stehen: die Gerichtsverhandlung gegen Glorias Vergewaltiger zum Beispiel, dessen Anwalt auf eine scheußlich vertraute Weise argumentiert. Nach dem Motto: Warum das Leben dieses vielversprechenden jungen Mannes für eine frühreife Mexikanerin zerstören, die freiwillig in sein Auto gestiegen ist?
Dass Wetmore dieses Land und seine Leute so gut kennt, bedeutet aber auch, dass sie das Potenzial von Texas versteht, das Freiheitsversprechen der unendlichen Weite. So erzählt sie von ihren Figuren mit bemerkenswerter Empathie und deutet am Ende vorsichtig optimistisch auf eine neue Generation von Frauen, die sich längst nicht mehr alles gefallen lässt.

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