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Buchkritik | Beitrag vom 11.07.2020

Elizabeth Gilbert: "City of Girls"Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung

Von Andrea Gerk

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Auf dem Buchcover zu Elizabeth Gilberts "City of Girls" ist eine historische schwarweiss Fotografie von zwei jungen Frauen auf einer Schaukel zu sehen. (Fischerverlage / Deutschlandradio)
Elizabeth Gilbert "City of Girls" (Fischerverlage / Deutschlandradio)

Sex, Selbstbestimmung und Show-Business: In "City of Girls" erzählt Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert eine funkelnde Geschichte im New York der 1940er-Jahre und zeigt Frauen, die ihren Drang nach Freiheit und sexueller Selbstbestimmung voll ausleben.

Mit ihrem Roman "Eat Pray Love", der mit Julia Roberts prominent verfilmt wurde, landete Elizabeth Gilbert einen Weltbestseller. Auch ihr neuer Roman stand wochenlang auf der "New York Times"-Bestenliste und wurde als betörender Mix aus Charme und Witz gefeiert. Die "Washington Post" jubelte, "City of Girls" sei funkelnd wie "Diamanten in Champagner".

Tatsächlich prickelt es auf diesen fast 500 Seiten, die eine glamouröse, freiheitssüchtige und verrückte Welt heraufbeschwören: die Welt der Bars, Musicals und abenteuerlustigen "Girls" im New York der 1940er-Jahre.

Reihenweise erotische Erfahrungen

Die Hauptfigur ist die 19-jährige Vivian, die nach dem Rausschmiss aus dem College von einem Tag auf den anderen aus der Provinz ins wilde Leben Manhattans gestürzt wird: Ihre eigenwillige Tante Peg betreibt hier ein heruntergekommenes Theater, das "Lily Playhouse", in dem Revuegirls und drittklassige Schauspieler für die einfachen Leute in der Nachbarschaft auftreten.

Vivian, die ein großes Talent fürs Nähen hat, ist bald für die Kostüme zuständig. Gemeinsam mit dem schillernd-schönen Revuegirl Celia stürzt sie sich ins Nachtleben und sammelt reihenweise erotische Erfahrungen, die Elizabeth Gilbert ziemlich explizit und souverän beschreibt.

Als sich eine dieser Affären zum öffentlichen Skandal auswächst, bricht die funkelnde Welt des jungen Mädchens erst einmal zusammen; sie braucht Jahre, um zu verstehen, was eigentlich geschehen ist. Erzählt wird die Geschichte von Vivian selbst, die als hochbetagte Frau der jüngeren Angela – von der man erst gegen Ende erfährt, um wen es sich handelt – ihr Leben schildert.

Packender Unterhaltungsroman

Sie habe über weibliche Sexualität schreiben wollen, sagte Gilbert bei Erscheinen ihres Romans. Es gehe ihr um Frauen, deren Freiheitsliebe sie nicht ruiniert, wie es bei den großen Heroinnen der Weltliteratur – Anna Kareninia, Emma Bovary oder Hedda Gabler – der Fall sei. Gilberts Heldin findet ihren eigenen Weg, und liebt, wie die Autorin selbst, mit großer Selbstverständlichkeit Männer und Frauen. 

"City of Girls" ist ein Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit. Gilbert erzählt auf mitreißende Weise von faszinierenden und zugleich fehlbaren Frauen, die sich nehmen, was sie wollen, und ihr Leben auf ihre Weise meistern. Dabei gelingt ihr der leichte, pointenreiche Tonfall einer jener Screwball-Comedies, die in den 1940er-Jahren – man denke an George Cukors Kultfilm "The women" - so beliebt und erfolgreich waren. Obwohl diese Zeit lang vergangen ist, hat dieser packende Unterhaltungsroman überhaupt nichts Nostalgisches, sondern macht Lust und Mut, es zu allen Zeiten so krachen zu lassen wie diese famosen Girls.

Elizabeth Gilbert: "City of Girls". Roman
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Britt Somann-Jung
S. Fischer Verlag, Berlin 2020, 496 Seiten, 16,99 Euro.

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