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Sein und Streit | Beitrag vom 12.02.2017

ElitenkritikFührungsschicht ohne Verantwortungsgefühl?

Michael Hartmann und Eike Bohlken im Gespräch mit Joachim Scholl

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Ein pinker Oldtimer rauscht im Abendlicht vor verwischtem Hintergrund an einer hellen Häuserzeile vorbei.  (imago / Christian Franz Tragni)
Ein pinker Oldtimer rauscht im Abendlicht vor verwischtem Hintergrund an einer hellen Häuserzeile vorbei. (imago / Christian Franz Tragni)

Korrupt, raffgierig, verlogen: Die Eliten stehen in der Kritik. Andererseits braucht eine Gesellschaft Vorbilder und Vordenker. Wie also steht es um die Rolle der Eliten in der Demokratie? Das fragen wir den Soziologen Michael Hartmann und den Philosophen Eike Bohlken.

Wie viel Elite verträgt eine Demokratie? Oder wie viel Elite ist sogar notwendig, etwa um die Demokratie vor dem Rechtspopulismus zu retten, für den sich immer mehr Menschen anfällig zeigen?

Für den Soziologen Michael Hartmann geht die Gleichung "Gute Eliten, weil pro Demokratie, und böse Massen, weil anfällig für Rechtspopulismus" allerdings nicht auf. Denn die Eliten der letzten 20, 30 Jahre trügen ein "gerüttelt Maß an Verantwortung" dafür, dass der Rechtspopulismus einen solchen Aufschwung genommen habe, sagte er im Deutschlandradio Kultur.

Selbstkritik der Eliten tut not

"Das Grundgefühl ist einfach: In den letzten 20, 30 Jahren ist die Öffnung der Märkte und alles, was man mit neoliberal und sonstigem, mit Globalisierung verbindet, für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung, dem hat es zum Vorteil gereicht, und für die große Masse ist es bestenfalls Stillstand gewesen, für das untere Drittel sogar eine Verschlechterung", so der Elitenforscher.

"Dann darf man sich nicht wundern, wenn man dann als Reaktion kriegt: Na ja, gut, euch, so wie ihr da seid, wollen wir da nicht mehr haben, sondern wir versuchen mal was anderes. Das heißt, die Eliten müssen schon erstmal ansetzen an einer Kritik ihrer eigenen Handlungen in den letzten zwei, drei Jahrzehnten."

"Responsivität" statt "Alternativlosigkeit"

Grundsätzlich seien Eliten für eine repräsentative Demokratie aber notwendig, meint der Philosoph Eike Bohlken. So hätten diese eine Vorbildfunktion, weil sie Modelle erfolgreichen gesellschaftlichen Handelns verkörperten. Außerdem könnten sie bestimmte Leistungen für das Gemeinwesen erbringen:

"Aber das tun sie nicht von sich aus, sondern darauf muss man sie festnageln. Deshalb würde ich unterscheiden zwischen Funktionseliten – ein Begriff, bei dem man davon ausgeht, dass Eliten dadurch segensreich wirken für die Gesellschaft, dass sie in ihrem Bereich das Jeweilige tun, was sie zu tun gelernt haben – vom Begriff einer Verantwortungselite, der eben eine bewusste Orientierung an einem Maßstab von Verantwortung meines Erachtens des Gemeinwohls voraussetzt."

Zu den Pflichten der Eliten gehört Bohlken zufolge auch "Responsivität": Das heißt, die im Volk herrschenden Meinungen zur Kenntnis zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Allerdings meinten Politiker immer mehr, bei komplizierten Fragen in Zusammenarbeit mit Experten als einzige den Durchblick zu haben: "Negativ scheint mir der Begriff der Alternativlosigkeit, alternativloser Politik, (...) oder auch der Expertokratie." 

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