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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 23.01.2020

ElitenforschungWie Kosmopoliten von Grenzen profitieren

Ein Hinweis von Michael Hartmann

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Ein Wellblechzaun mit Graffito vor einem Wolkenhimmel. Der Zaun ist oben zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. (imago/Hans Lucas/Hugo Clarence Janody)
Zäune und Stacheldraht sind nichts für aufgeklärte Kosmopoliten. Dabei sind gerade sie Nutznießer nationaler Grenzen, die sie von der globalen Konkurrenz abschotten. (imago/Hans Lucas/Hugo Clarence Janody)

Für Kosmopoliten gehört die Idee offener Grenzen zur Grundüberzeugung. Dabei sind gerade sie Nutznießer nationaler Grenzen, die sie von der globalen Konkurrenz abschotten. Auf diesen Widerspruch macht der Elitenforscher Michael Hartmann aufmerksam.

Offene Gesellschaft versus geschlossene Gesellschaft, Weltbürger versus Provinzler, Kosmopoliten versus Kommunitaristen. Diese Konfliktstellung, mal polemisch zugespitzt, mal analytisch vorgetragen, findet man in der Debatte über den Rechtspopulismus immer wieder.

Als zentral gilt dabei die Haltung zu nationalen Grenzen. Kommunitaristen sind für geschlossene, Kosmopoliten für offene Grenzen, so die Argumentation. Letztere Einstellung finde man ganz überwiegend bei den Gewinnern der Globalisierung. Dank hoher Bildungsabschlüsse, hoher Einkommen und transnationaler Mobilität profitierten sie von offenen Grenzen und stünden ihnen dementsprechend positiv gegenüber.

Kosmopoliten profitieren von nationalen Grenzen

So plausibel das auch ist, bei dieser Betrachtungsweise wird ein wesentlicher Punkt völlig übersehen. Die Kosmopoliten profitieren auch von der Existenz nationaler Grenzen und Institutionen.

Das gilt vor allem für den Arbeitsmarkt, wie ein näherer Blick auf die Hochschulabsolventen hierzulande zeigt. Sie entsprechen, was Bildungsabschlüsse, Einkommen und politische Einstellungen angeht, überwiegend dem Typus des Kosmopoliten.

Nichtsdestotrotz werden sie durch Mechanismen, die auf nationalen Grenzen beruhen, spürbar vor der Konkurrenz durch gleich qualifizierte Ausländer geschützt. Unter den knapp 150.000 niedergelassenen Anwälten findet man gerade einmal tausend mit ausländischer Staatsbürgerschaft, unter den fast 160.000 niedergelassenen Ärzten knapp 6.000. Bei den Krankenhausärzten sind es zwar wie in der Gesamtbevölkerung gut zwölf Prozent, aber fast durchweg auf den unteren Hierarchiestufen. An den Hochschulen wird wenigstens jede sechzehnte Professur von einem Ausländer besetzt, allerdings auch nur ein halb so hoher Prozentsatz wie bei den Wissenschaftlern dort insgesamt. Im Journalismus sind Ausländer mit einem Anteil von maximal zwei Prozent generell sehr schwach vertreten.

Ausländer bilden keine Konkurrenz

Nimmt man alle in Deutschland lebenden Hochschulabsolventen in den Blick, so üben knapp 60% der Deutschen unter ihnen hochqualifizierte Tätigkeiten aus. Bei den Ausländern sind es dagegen nur gut 30%. Sechseinhalb Millionen Deutschen stehen gerade einmal 460.000 Ausländer gegenüber. Umgekehrt hat jeder vierte Ausländer mit Hochschulabschluss keinen Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden und ein weiteres Viertel ist als Arbeiter oder einfacher Angestellter tätig.Unter den Deutschen mit gleicher Qualifikation gilt das nur für jeweils sechseinhalb Prozent. Ausländer bilden für die deutschen Hochschulabsolventen keine ernsthafte Konkurrenz.

Dafür sorgen zahlreiche Mechanismen, die letztlich auf der Existenz des Nationalstaats und seiner Grenzen beruhen. Bei den klassischen Professionen sind es speziell die Berufskammern, die für den Zugang zum Arbeitsmarkt und vor allem für die Niederlassung immer noch eine zentrale Rolle spielen.

Eine ähnliche Wirkung haben die gesetzlichen Regelungen für den Zugang zur Beamtenlaufbahn. Dazu kommen hier wie in allen anderen Bereichen stark national geprägte Karrieremodelle und die zentrale Bedeutung der deutschen Sprache. Sie ist in den meisten staatlichen Institutionen gesetzlich verpflichtend und auch sonst ein entscheidender Vorteil für die Deutschen. Das gilt vor allem für den Journalismus. Gegen Muttersprachler hat man als Ausländer kaum eine Chance.

Wer für offene Grenzen ist – und wer nicht

Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Prinzip offener Grenzen unter den Menschen ohne Hochschulabschluss weit weniger Anhänger findet als unter denen mit. Erstere sind der Konkurrenz durch Ausländer deutlich stärker ausgesetzt, vor allem auf dem Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte. Dort ist jeder vierte Beschäftigte Ausländer. Auch bei den deutschen Hochschulabsolventen sind die Sorgen vor Zuwanderung viel ausgeprägter, wenn die eigene Arbeitsmarktposition relativ schwach ist, man als Arbeiter oder einfacher Angestellter tätig ist. Das belegen die Daten des sozio-ökonomischen Panels.

Wenn man ein Urteil über die Einstellung von Menschen zu offenen Grenzen fällt, sollte man deren unterschiedliche materielle Lage deshalb immer berücksichtigen. Es ist eben leichter, für offene Grenzen zu plädieren, wenn man von den negativen Folgen auch dank nationaler Grenzen weitgehend verschont bleibt.

Michael Hartmann (privat)Der Autor (privat)Michael Hartmann, geboren 1952 in Paderborn, Professor i.R. für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im internationalen Vergleich. Zuletzt erschien: "Die Abgehobenen: Wie die Eliten die Demokratie gefährden" Campus Verlag, 2018. Die detaillierten Ergebnisse der Kosmopoliten-Studie werden in der Zeitschrift Leviathan 1/2020 veröffentlicht.

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