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Buchkritik | Beitrag vom 29.08.2020

Elena Ferrante: "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen"Kampf zwischen Angst und Neugier

Von Anne Kohlick

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Cover des neuen Romans von Elena Ferrante: "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen". (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Der neue Roman von Elena Ferrante kommt nicht ganz an seine Vorgänger heran - weil die Einordnung in den Zeitkontext fehlt. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

Fans von "Meine geniale Freundin" haben lange darauf gewartet: Der neue Roman der Bestseller-Autorin Elena Ferrante erscheint nun auf Deutsch. Nicht nur der Schauplatz Neapel verbindet "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" mit der Saga um Lila und Lenu.

Schon im ersten Satz dieses Romans steckt ein ganzes Drama: "Zwei Jahre bevor mein Vater von zu Hause wegging, sagte er zu meiner Mutter, ich sei sehr hässlich."

Eigentlich sind es sogar zwei Dramen, die Elena Ferrante, die unter einem Pseudonym schreibende Bestseller-Autorin aus Italien, am Anfang ihres neuen Buches anklingen lässt: das Auseinanderbrechen einer Familie und den Hass eines pubertierenden Mädchens auf ihren sich verändernden Körper.

Beide prägen das Buch "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen", das jetzt auf Deutsch erscheint: der erste neue Roman von Elena Ferrante, seit ihre vierbändige Neapel-Saga um die Freundinnen Lila und Lenu zum - mittlerweile verfilmten - Welterfolg geworden ist.

In Italien ist "La vita bugiarda degli adulti", so der Originaltitel, im November vergangenen Jahres erschienen - und schon jetzt hat Netflix angekündigt, dass auch aus diesem Buch eine Serie wird.

Aufstieg ins Bildungsbürgertum

Die ersten zwölf Zeilen des Romans hat der Verlag E/O Edizioni - als Auftakt einer geschickten Marketing-Kampagne - zwei Monate vor dem Erscheinungstermin auf Twitter veröffentlicht. Sofort begannen international Spekulationen, worum sich der neue Ferrante-Roman drehen könnte und was er mit der "Meine geniale Freundin"-Tetralogie gemein haben würde.

Die Antwort lautet: vieles, aber nicht genug.

Wieder begegnen wir einer Icherzählerin, die offenbar als reife Frau auf ihre Jugend in Neapel zurückschaut. Wieder spielt die Familie eine entscheidende Rolle. Wieder geht es um den Aufstieg vom Proletariat ins Bildungsbürgertum, der in Neapel auch geografisch greifbar wird: Unten am Meer liegt das Industriegebiet, in dem Vittoria wohnt, die sich als Putzfrau über Wasser hält - die Tante der Hauptfigur Giovanna. Die anfangs zwölfjährige Icherzählerin selbst lebt mit ihren Eltern, beide Lehrer am Gymnasium, oben auf den Hügeln des Vomero.

Die verhasste Schwester

Wieder erzählt Ferrante mit psychologischer Tiefe von dieser Familie, durch die ein tiefer Riss geht. Denn eigentlich hat Giovannas Vater nie gesagt, sie sei hässlich - wörtlich sagte er über seine Tochter: "Sie kommt nun ganz nach Vittoria."

Dieser Vergleich trifft Giovanna umso schlimmer, denn ihr Vater hasst seine Schwester Vittoria. Auf alten Familienfotos hat er ihr Gesicht weggekratzt, bemerkt Giovanna, als sie beginnt, nach den Spuren dieser geheimnisvollen Tante zu suchen, der sie anscheinend immer ähnlicher wird.

Hier zeigt sich eine in Ferrantes Romanen wiederkehrende Grundfrage: Sind wir verdammt, so zu werden wie unsere Familie?

In "Meine geniale Freundin" fürchtete die Icherzählerin Elena, als Erwachsene zu enden wie ihre hinkende, unglückliche Mutter. Jetzt ist es Giovanna, die Angst hat, einer Frau zu gleichen, die für ihren geliebten Vater der Inbegriff alles Unwürdigen und Schmutzigen ist.

Gleichzeitig erwacht in der Icherzählerin die Neugier, die geheimnisvolle Tante, zu der ihr Vater den Kontakt abgebrochen hat, kennenzulernen.

Fehlender Zeitgeist

Vittoria wird die brave, atheistische Bildungsbürgerin Giovanna einführen in ein anderes Neapel: eine Welt, in der sie Religion und Erotik begegnet, hochkochenden Emotionen, dem vermeintlich Niedrigem wie dem Hohen.

Man folgt der Erzählung gebannt in diese andere Stadt unterhalb des geordneten Vomero. Aber die Meisterschaft ihrer Tetralogie erreicht Ferrante in "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" nicht.

Das liegt auch daran, dass sich ihr neues Buch aufs Private beschränkt: War die Lila-Lenu-Saga durchzogen vom politisch-gesellschaftlichen Panorama des Italiens der 1950er bis 1970er Jahre, fehlt diese Ebene hier. Vom Zeitgeist der 1990er, in denen sich Giovannas Jugend abspielt, ist im Roman nichts zu spüren: keine Walkmen, keine Plakate von Boybands im Mädchenzimmer, keine Spur vom Tangentopoli-Skandal oder Berlusconi. So bleibt Giovannas Geschichte seltsam zeitlos und unverortet.

Der Schluss lässt die spannende Frage offen, die der Anfang des Romans aufwirft: Warum blickt Giovanna als erwachsene Frau schreibend auf ihre Jugend zurück?

Vielleicht erfahren wir es in einer Fortsetzung. Dafür bietet das offene Ende von "Das lügenhafte Leben der Erwachsenen" viel Potenzial.

Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen
Aus dem Italienischen von Karin Krieger
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
415 Seiten, 24 Euro

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