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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 14.05.2019

Elektroauto mit SolarantriebEin Auto nach dem Baukastenprinzip

Von Tobias Krone

Ein Elektroauto vom Typ "Sion" des Herstellers "Sono Motors" bei der Vorstellung des Prototyps in Hamburg (Daniel Bockwoldt/dpa)
Ein Elektroauto vom Typ "Sion" - Noch gibt es nur Prototypen, schon bald soll der Kleinwagen in Serie gehen (Daniel Bockwoldt/dpa)

Gerade einmal 24 Jahre alt ist Laurin Hahn, der Chef von "Sono Motors". Aber sein Münchner Start-up will die Autoindustrie das Fürchten lehren: mit einem in Schweden produzierten Elektroauto, das mit Solarenergie zusätzliche Reichweite erzielt.

Der Autofahrer der Zukunft klingt gegenwärtig so:

"Ich sag mal so, ich bin die Generation, die wahrscheinlich kein Auto mehr besitzen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, ein eigenes Auto zu besitzen. Ich finde es wesentlich einfacher, Carsharing zu betreiben, die Bahn zu nutzen oder sogar Bikesharing zu betreiben, also ein Fahrrad zu leihen, wenn ich es brauche. Weil ich damit Freiheit verbinde."

Für einen 24-Jährigen klingt Laurin Hahn ziemlich normal – für den Chef einer Autofirma eher nicht. Doch vieles läuft hier anders als etwa beim bayerischen Weltkonzern BMW, dessen Zylinderhochhaus in Sichtweite steht. Laurin Hahns Start-up Sono Motors im Münchner Norden zählt etwa 100  Beschäftigte. In einer alten Fabrikhalle, etwas eingequetscht zwischen Vorgärten und Plattenbauten, feilen sie am Sion, dem Elektroauto der Zukunft:

"Der Sion ist ein Elektrofahrzeug, 25.000 Euro, familienfreundlich, fünf Sitze – ein ganz normales Familienfahrzeug. Aber mit Solarzellen in die Karosserie integriert." 

Die Komponenten werden im Internet bestellt

An einem sonnigen Tag schafft der Sion zusätzlich 34 Kilometer ganz ohne Steckdose. Ansonsten wirkt der Wagen äußerlich wie ein typischer Kleinwagen. Probefahren kann man ihn gerade nicht, denn der Prototyp ist im schwedischen Werk Trollhättan, wo früher Saab seine Autos baute. Und wo demnächst der Sion in Serie gehen soll:

"Höchstgeschwindigkeit sind 140 Km/h – und PS, also KW – beim Elektroauto rechnet man immer mit KW – sind 120 KW, also 168 PS – der hat richtig Power."

Das Geheimnis, wie Sono Motors mit 100 Beschäftigten fast 10.000 bestellte Kleinwagen bauen will, nennt sich "Carry-over-Prinzip". Das heißt, der Sion besteht aus Einzelteilen, die schon auf dem Markt sind: Der Motor kommt von Continental, die Batterie liefert ein deutscher Mittelständler. Bestellt wird nicht beim Vertragshändler, sondern im Internet. Mit diesem Minimalismus glaubt Hahn, den Großen voraus zu sein, die sich mit dem Abschied vom Verbrennungsmotor schwer täten:

"Weil einfach dieser Wasserkopf, der da mitschwingt, nicht von heute auf morgen gelöst werden kann. Und den haben wir nicht, wir können von einem weißen Blatt Papier anfangen. Und das ist auch unser großer Vorteil, warum wir so schnell sind und warum wir es schaffen, ein Fahrzeug innerhalb von drei Jahren auf die Straße zu bringen."

Es geht auch um ein neues Mobilitätskonzept

Das klingt selbstbewusst. Und ist eine ambitionierte Ansage. Denn selbst die großen Autobauer haben meist Verzögerungen bei der Serienreife neuer Modelle. Doch um das Elektroauto allein geht es Laurin Hahn gar nicht.

"Elektromobilität ist nicht die Lösung fürs komplette Problem, sondern wir müssen eigentlich Mobilität grundsätzlich neu denken und sagen: Hey, wie sieht denn Mobilität zukünftig aus?", sagt er. "Und die ist sicherlich multimodal. Der Nahverkehr spielt eine wichtige Rolle, das Fahrrad spielt eine wichtige Rolle. Aber auch der private PKW, der wird aus unserer Sicht auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Weil Menschen gerne ihr eigenes Fahrzeug besitzen und sich auch gerne privat fortbewegen, aber wir glauben eben, dass diese Fahrzeuge nicht 23 Stunden am Tag ungenutzt rumstehen müssen."

Eine Mobilitäts-App soll künftig den Sono-Usern den schnellsten Weg empfehlen – und wenn das im morgendlichen Berufsverkehr die S-Bahn ist, dann kann man das Auto auch gleich online weitervermieten – etwa an die Oma nebenan, die mal kurz zum Supermarkt muss.

"Ich meine, für Leute, die ihre Gummibärchen immer rechts vorne an derselben Stelle haben wollen in ihrem Privatwagen, da ist das nichts", sagt Lothar Kuhn, der für die Onlineplattform des Handelsblatts Edison die Innovationen in der Elektromobilitätsbranche beobachtet. "Aber wenn man so ein bisschen dazu kommt, dass das Auto eher ein Fortbewegungsmittel ist, dann kann das auch für jemanden eine gute Lösung sein."

Lothar Kuhn ist überzeugt: Carsharing funktioniert nicht nur mit Mietautos, sondern auch mit privaten Fahrzeugen.

"Eine spannende Marktlücke"

Innovative Mobilitätskonzepte könnten für neue Hersteller wie Sono Motors nicht nur Spielerei sein, glaubt Kuhn, sondern ein entscheidender Faktor, um im Konkurrenzkampf mit den großen Autokonzernen zu bestehen:

"Das wird ein harter Kampf, gar keine Frage. Weil ja jetzt eben auch die etablierten, großen Autokonzerne in den Markt hineinwollen. Auf der anderen Seite sind sie auch eher Nischenanbieter, sind ein sympathisches Fahrzeug, da ist eine tolle Idee dahinter mit den Gründern, die das auf die Beine gestellt haben. Sie wollen ja auch Power Sharing machen. Dass man aus seinem Akku anderen Leuten auch Energie abgeben kann, auch ein bisschen Geld dafür kriegt. All das sind sehr smarte Ideen, die sicherlich eine Chance haben. Aber sie werden sicherlich nicht in fünf Jahren so groß sein wie Volkswagen. Sie werden vielleicht ein kleiner Nischenanbieter sein, der sich vielleicht eine spannende Marktlücke erobern kann."

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