Mittwoch, 20.11.2019
 

Studio 9 | Beitrag vom 16.10.2019

El-Greco-Werkschau in ParisVom Ikonenmaler zum Individualisten

Von Jürgen König

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Gemälde "Die Öffnung des fünften Siegels" von El Greco (Grand Palais / Juan Trujillo)
"Die Öffnung des fünften Siegels" ist nur als Fragment erhalten. Das Gemälde von El Greco ist zwischen 1608 und 1614 entstanden. (Grand Palais / Juan Trujillo)

Der Renaissance-Künstler El Greco schuf Heiligenbilder und Porträts. Damit inspirierte er auch Jahrhunderte später andere Maler. Nun widmet der Pariser Grand Palais ihm eine große Ausstellung: Sie zeigt, wie modern der Blick des alten Meisters war.

Was als erstes auffällt: Die Wände aller Ausstellungsräume sind nicht in dunklen Rot- oder Grüntönen gehalten, wie man es sonst bei Werkschauen gerade von Renaissance-Künstlern oft erleben kann. Nein: El Grecos Auftritt vollzieht sich in strahlendem Weiß. 

"Wir wollten dieses Weiß ausdrücklich haben!" erklärt die Kuratorin Charlotte Chastel-Rousseau. "Zunächst, um dadurch die unglaublichen Farben El Grecos besonders herauszustellen. Sie sind kräftig und doch subtil dabei. Dann sind die spanischen Kirchen, für die El Greco gemalt hat, in der Regel auch weiß. Man sieht die Bilder so, wie er sie gesehen hat. Und: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts empfand ihn die künstlerische Avantgarde als artverwandt. Und wir dachten: dieser moderne Blick! Man kann ein Bild von El Greco ansehen, wie man auf eines von Bacon oder Picasso oder Miró schaut, wenn man es vor weißem Hintergrund sieht."

Vorbild für die frühe Moderne

Tatsächlich macht die Art der Präsentation diesen "modernen Blick" für den Besucher möglich: Die Gemälde wurden großzügig gehängt, haben Platz. Die Atmosphäre ist hell und sachlich, nichts "Anheimelndes" hat die Ausstellung. Vor dem Weiß der Wände fallen die fein abgestuften, teilweise extrem gegeneinandergesetzten Farben El Grecos umso mehr auf, ebenso die verschrägten Perspektiven, die gestreckten Proportionen seiner Figuren. All dies macht nachvollziehbar, warum so viele Maler der frühen Moderne sich von El Greco inspirieren ließen, ihn als Vorbild ansahen.

Der Ausstellungsrundgang verläuft chronologisch. Er beginnt mit einer auf Holz gemalten Ikone, auf Kreta entstanden um 1560, und zeichnet dann den Weg El Grecos über Venedig und Rom ins spanische Toledo nach. 66 Gemälde werden gezeigt, Heiligen-Darstellungen, Bildnisse Christi, Kreuzigungs-, Grablegungs- und Auferstehungsszenen.

Ein subtiler Beobachter

Einen Schwerpunkt bilden die Porträts, darunter auch, als Leihgabe vom Metropolitan Museum in New York, das großformatige "Bildnis des Kardinals Nino de Guevara": im Kardinalsornat sitzt der Großinquisitor von Spanien auf einem ausladenden Sessel.

Das "Bildnis des Großinquisitors Kardinal Fernando Nino de Gueva" von El Greco  (picture alliance / dpa / akg / Havemeyer Collection, New York, Metropolitan Museum of Art)Die Brille weist den Abgebildeten als belesenen Mann aus: das "Bildnis des Kardinal Fernando Nino de Gueva". (picture alliance / dpa / akg / Havemeyer Collection, New York, Metropolitan Museum of Art)

"Das Monumentale des Bildes und auch diese große, schwarze Brille lassen ihn grausam erscheinen, und die Inquisition war ja auch grausam", erklärt Charlotte Chastel-Rousseau. Aber El Greco male auch etwas anderes hinein. "Die Brille war seinerzeit auch ein Symbol für einen belesenen Mann der Wissenschaft und das war dieser Kardinal. El Greco gibt seinem Blick deshalb etwas Intelligentes, auch Vergeistigtes. Eine Hand des Kardinals ist steif, verknöchert, wie sie die Armlehne umfasst, das hat etwas sehr Autoritäres. Die andere Hand des Kardinals aber hängt lässig herab, ist sehr elegant. El Greco war immer ein subtiler Beobachter, auch in diesem Bild gibt es viel zu entdecken."

Amerikanische Sammler erkannten seine Bedeutung

Eine Retrospektive des Werks von El Greco gab es in Frankreich noch nie – was erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass er vor allem in Frankreich wiederentdeckt wurde: zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer ganzen Generation junger Künstler, wie Kuratorin Charlotte Chastel-Rousseau erzählt. "Vor allem in Paris, was wiederum ein Zentrum des weltweiten Kunsthandels war. Bald darauf begannen spanische Klöster und Kirchen, Werke von El Greco zu verkaufen, und es waren vor allem amerikanische Sammler, die kamen, nicht nur mit viel Geld, sondern auch mit großem Kunstverstand: Anders als viele europäische Museen erkannten sie sofort die historische Bedeutung dieser Werke El Grecos. Viele Namen dieser Sammler tauchen in unserer Ausstellung wieder auf."

Manche Leihgaben aus den USA werden zum ersten Mal in Europa gezeigt. Auch das macht die Ausstellung so sehenswert. Am Ende des Rundgangs hat der Besucher miterlebt, wie aus dem traditionellen Ikonenmaler ein Individualist wurde, El Greco, der, etwa im Porträt eines Jungen, der eine Kerze anzündet, mit Lichteffekten experimentierte, dass es auch 2019 noch die reine Freude ist.

Die El-Greco-Ausstellung ist vom 16.10.2019 bis 10.2.2020 im Pariser Grand Palais zu sehen, danach im Art Institute of Chicago, 5.3.2020 bis 21.6.2020.

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