Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 24.11.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview / Archiv | Beitrag vom 30.06.2016

Eklat bei den Bayreuther Festspielen"Thielemann glaubt Wagners Reinkarnation zu sein"

Jürgen Liebing im Gespräch mit Vladimir Balzer und Axel Rahmlow

Podcast abonnieren
Chefdirigent Christian Thielemann  (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Hiekel)
Hat der Musikdirektor der Bayreuther Festspiele, Christian Thielemann, mangelnde menschliche Qualitäten? (picture alliance / dpa / Foto: Matthias Hiekel)

Der diesjährige Parsifal-Dirigent bei den Bayreuther Festspielen, Andris Nelsons, hat hingeworfen - vier Wochen vor der Premiere. Grund dafür ist offenbar ein heftiger Krach mit Musikdirektor Christian Thielemann. Kritiker Jürgen Liebing attestiert Thielemann mangelnde menschliche Qualitäten.

"Leider haben die Umstände bei den diesjährigen Bayreuther Festspielen Andris Nelsons nicht die Atmosphäre ermöglicht, die er für seine künstlerische Arbeit benötigt." So kommentierte das Management Andris Nelsons' die Abreise des Dirigenten vom Grünen Hügel.

Irgendeinen Skandal oder irgendein Skandälchen gibt es alljährlich aus Bayreuth zu vermelden, "aber dieses Jahr hat das wirklich eine ganz andere Qualität, und um es etwas flapsig zu sagen: das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht", kommentiert Musikkritiker Jürgen Liebing den Zoff in Bayreuth im Deutschlandradio Kultur.

"Andris Nelsons ist keine Diva", betont Liebing. Er habe bereits 2010 den "Lohengrin" in Bayreuth "wirklich ganz ganz exzellent dirigiert."

Der Dirigent Andris Nelsons (dpa / picture alliance / Stanislav Zbynek)Der Dirigent Andris Nelsons (dpa / picture alliance / Stanislav Zbynek)

Eine Mitschuld der umstrittenen künstlerischen Leiterin Katharina Wagner sieht Jürgen Liebing hier nicht. Andris Nelsons habe bereits den Vertrag für den "Ring des Nibelungen" im Jahr 2020 unterschrieben. Sein Weggang könne ihr also überhaupt nicht zupasskommen. In Journalistenkreise würde vielmehr der Musikdirektor verantwortlich für den Eklat gemacht.

"Es bleibt nur, dass Thielemann den 'Parsifal' übernimmt"

"Christian Thielemann soll ihm, so heißt es, wirklich vorgeschrieben haben, wie er dirigieren soll. … Christian Thielemann hat sogar Marek Janowksi, der dieses Mal den Ring übernimmt, … das ist wirklich ein Altmeister, könnte sein Vater sein, hat ihm quasi auch versucht Vorschriften zu machen – und das geht überhaupt nicht. Also Christian Thielemann glaubt die Reinkarnation von Richard Wagner zu sein."

Dennoch müsse man sich um die Eröffnung der Festspiele mit der Oper "Parsifal" am 25. Juli keine Sorgen machen. Allerdings werde sich die erste Dirigentengarde kaum als Ersatz hergeben und die zweite komme dafür nicht infrage.

"Es bleibt eigentlich nur, dass Christian Thielemann auch den Parsival übernimmt. Er kann das, und das Problem für Bayreuth und auch für Katharina Wagner ist ja, dass Christian Thielemann DER Wagner-Dirigent neben Daniel Barenboim ist. Und wenn man den hat in Bayreuth, das ist schon was Besonderes – und musikalische Qualitäten gehen leider nicht immer konform mit menschlichen."

Kalkül vermute er allerdings nicht dahinter, so Liebing. Nach dem Rausschmiss Jonathan Meeses als Regisseur sei dies nun schon die zweite "Notlösung", die der "Parsifal" zu verkraften habe.

Mehr zum Thema

Andris Nelsons - Weltklassedirigent am Leipziger Gewandhaus
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 09.09.2015)

Neubesetzung in Bayreuth - "Das ist halt das Geschäft"
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 21.11.2014)

Skandal-Künstler - Bayreuther Festspiele trennen sich von Jonathan Meese
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 14.11.2014)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur