Eiskunstlaufpaar Hase/Seegert

"Wenn du jetzt positiv bist, schaffst du es zu Olympia nicht mehr"

06:17 Minuten
Fabienne Hase und Nolan Seegert beim Rostelecom Cup ISU Grand Prix in der Megasport Arena in Moskau
Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert erreichten in mehreren Wettkämpfen in diesem Winter persönliche Bestnoten. © dpa / picture alliance / Sputnik / Nina Zatina
Von Wolf-Sören Treusch · 23.01.2022
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Für Minerva-Fabienne Hase und Nolan Seegert erfüllt sich ein Traum: Das beste deutsche Eiskunstlaufpaar startet bei den Winterspielen in Peking. Ihre größte Sorge: sich nicht noch auf den letzten Metern eine Corona-Infektion einfangen.
Die beiden verstehen sich gut: Minerva-Fabienne Hase, 22, und Nolan Seegert, 29 Jahre alt, Deutschlands Nummer eins im Paarlauf. Eigentlich sind wir zum Interview im Berliner Eislaufzentrum verabredet. Gern wollten sie noch einmal trainieren. Weil aber auch dort Corona grassiert, haben wir uns per Video zusammengeschaltet.
„Wir wären auch nur einmal aufs Eis gegangen, und da haben wir gesagt: ‚Lassen wir heute die Stunde weg'", sagt Hase.
Denn: "Wenn du jetzt positiv bist, schaffst du es zu den Olympischen Spielen nicht mehr."
Die Angst vor einer Infektion ist groß. Kurz vor ihrem Olympiastart in Peking wollen sie nichts mehr riskieren. Auch im Flugzeug passen die beiden peinlichst genau auf.

Wir fliegen zum Beispiel mit doppelter FFP2-Maske, bekommen gefühlt gar keine Luft mehr. Es ist nicht gerade das angenehmste Reisen, aber wir versuchen halt, so wenig die Masken runterzunehmen oder so wenig anzufassen, wie es nur irgendwie geht.

Minerva Hase

„Und sehr viel Abstand halten", ergänzt Seegert. "So viel, wie geht.“

Training an der russischen Schwarzmeerküste

Die beiden fliegen viel. Pendeln ständig hin und her zwischen Berlin, ihrer Heimat, und Sotschi, ihrem Trainingsort an der russischen Schwarzmeerküste, gut 2000 Kilometer entfernt. Vor einem Jahr hatte sich Minerva Hase schwer verletzt, danach drohten die beiden den Anschluss an die Weltspitze zu verlieren. Neue Impulse mussten her.

Es ging ja immerhin um die Olympia-Qualifikation, und wir haben dann relativ schnell entschieden, dass wir aus unserer Komfortzone Berlin rausmüssen, um unser Ziel Olympia zu erreichen.

Minerva Hase

Die Deutsche Eislauf-Union war einverstanden mit ihrem Wechsel nach Sotschi, übernahm sogar einen Teil der Kosten. Dadurch verlor der Stützpunkt Berlin, der erst 2018 zum Paarlaufzentrum aufgewertet worden war, zwar an Bedeutung, aber alle Beteiligten wissen: Die russische Eiskunstlaufschule genießt einen glänzenden Ruf. Wer in die Weltspitze will, muss dorthin – gerade im Paarlauf.
„Man merkt einfach: Das ist technisch gesehen viel detaillierter, da steckt richtig Planung und Organisation hinter", sagt Hase.
"Wir können gewissermaßen unseren Kopf abschalten und wissen, okay, wir kommen am Ende an, weil die Trainer genau wissen, wie sie uns da hinbringen müssen.“

Dritter deutscher Meistertitel in Folge

Für Hase und Seegert hat sich der Ortswechsel bereits ausgezahlt. In mehreren Wettkämpfen dieses Winters erreichen sie persönliche Höchstpunktzahlen, sie gewinnen den dritten deutschen Meistertitel in Folge und qualifizieren sich souverän für Olympia. Dann Mitte Januar der Rückschlag:

Bei der Eiskunstlauf-EM in Tallinn schaffen sie es nicht, den neuen Schliff, den sie sich an der Schwarzmeerküste geholt haben, aufs Eis zu bringen. Sie werden nur Achte.

Vielleicht war es auch ein bisschen, dass wir uns zu viel Druck gemacht haben, da vorne mit reinlaufen zu wollen, unbedingt, weil es auch ein Stück weit von uns erwartet wurde. Wir haben es auch irgendwie selber von uns erwartet, weil die ganze Saison so lief, dass wir da reinlaufen ‚müssen‘ …

„Wahrscheinlich waren wir in dem Moment doch ein Stück zu menschlich", sagt Seegert. "Und die Maschine Mensch hat in dem Moment einfach nicht funktioniert.“

Zugeschaltet bei der Fernseh-Übertragung: Olympiasiegerin Aljona Savchenko.

„Es ist besser, wenn alle Fehler hier passieren, damit sie sich wieder sammeln und sagen okay, vergessen und weiterarbeiten und versuchen, nur auf die Elemente konzentrieren und nicht auf die Platzierungen.“
Der Schatten von Fabienne Hase and Nolan Seegert bei den Europäischen Eiskunstlauf-Europameisterschaften 2020 in der Nähe von Graz
Für Minerva Hase und Nolan Seegert geht mit Olympia ein Traum in Erfüllung.© picture alliance/dpa/Sputnik / Alexander Vilf
Mit ihrem Eislaufpartner Bruno Massot gewann Savchenko vor vier Jahren Gold in Pyeongchang. Ein grandioser Erfolg, der das aktuell beste deutsche Eislaufpaar gehörig unter Druck setzt.

Paar will Olympia-Premiere genießen

„Der Druck ist da", so Seegert. "Die Leute wollen den Erfolg im Prinzip wiedersehen, und alles, was nicht Gold ist, ist gerade nicht ausreichend. Und wir müssen uns der Realität stellen, dass wir eigentlich gar nicht um die Medaillen mitlaufen. Das ist nicht immer ganz so leicht.“

"Wir sind halt keine Aljona Savchenko und Bruno Massot, wir werden es wahrscheinlich auch niemals sein", sagt Hase. "Unser bestes Ergebnis war ja Platz fünf bei einer EM, und ich finde, auch das ist ein sehr gutes Ergebnis.“

Die Debatte um die Menschenrechtsverletzungen in China oder das streng reglementierte Leben in der olympischen Blase, das die beiden wegen der Null-Covid-Strategie erwartet, beschäftigt sie kaum. Minerva Hase und Nolan Seegert wollen ihre Olympia-Premiere genießen.

Wir als Sportler haben uns weder Corona ausgesucht noch haben wir uns ausgesucht, dass die Olympischen Spiele in China sind, sondern wir müssen es nehmen, wie es kommt. Sich über etwas Gedanken zu machen, was wir sowieso nicht ändern können, was sowieso nicht in unserer Hand liegt, macht das Sinn?

Nolan Seegert

„Wir lassen einfach alles auf uns zukommen und versuchen es halt so zu genießen, als wären es ganz normale Spiele", sagt Hase. "Denn wir kennen ja keine anderen Spiele.“

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