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Nachspiel | Beitrag vom 28.01.2018

Eiskunstlauf in RusslandKünstler auf Kufen

Von Gesine Dornblüth

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Die russische Eiskunstläuferin Julia Lipnizkaja beim Frauen-Kurz-Programm während der Olympischen Spiele in Sotschi im Februar 2014. (Christian Charisius / dpa )
Bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi sorgte Julia Lipnizkaja für Aufsehen, als die erst 15-Jährige Mannschaftsgold errang. (Christian Charisius / dpa )

An Eis mangelt es in Russland nicht, nicht an Eiskunstläufern - und schon gar nicht an Siegern. Russland hat viel in gute Trainingsbedingungen investiert. Das zahlt sich aus: Und so werden die Spitzenläuferinnen nicht nur immer zahlreicher, sondern auch immer jünger.

Ein Wochentag im Eisstadion Krylatskoje in Moskau: Die weite Eisfläche glänzt im Scheinwerferlicht. Auf der Außenbahn ziehen Eisschnellläufer ihre Trainingsrunden. In der Mitte ist ein Teil der Fläche mit Banden abgetrennt. Dort findet ein Eiskunstlaufturnier statt. Die ersten vier Starterinnen laufen sich gerade warm.

Julia flitzt über das Eis. Ihr Trachtenkleidchen wippt. Noch wenige Minuten bis zum Start. "Komm hier her, schnell", ruft ihre Trainerin, schaut über die Bande, in Pelzmantel und hohen Stiefeln: "Du schlackerst wieder mit geradem Bein... Das Knie muss Richtung Gesicht! Das Knie! Noch mal. Das war schlecht so."

Maria Butyrskaja ist nicht irgendeine Trainerin. 1999 holte sie den ersten Weltmeistertitel im Damen-Einzel für das unabhängige Russland. Sie ist auch die Namensgeberin des Turniers im Stadion Krylatskoje. Und sie trainiert nur besondere Talente.

"Julia, los, den Lutz, und noch mal den doppelten Axel, das schaffst du noch", weist sie die junge Sportlerin an. Julia steht beide Sprünge. Schnell noch eine Pirouette, dann ruft die Sprecherin sie zum Start auf. Kaum jemand schaut zu. Die Tribünen sind leer. Im Winter gibt es in Moskau fast täglich solche Wettkämpfe.

Julia ist mit zehn Jahren die Jüngste in ihrer Leistungsstufe. Sie wirkt zerbrechlich, schmale Taille, lange Arme und Finger, ein Lächeln im Gesicht. Wie die meisten Läuferinnen hat sie die Haare zu einem strengen Knoten hochgesteckt.

"Wenn du gewinnen willst, musst du auch verlieren können"

"Prima, mein Mädchen!", ruft Maria Butyrskaja – sie verfolgt jede Bewegungen Julias. Zunächst läuft alles wie am Schnürchen.

"Ich betreue sie noch nicht lange. Ich mag an Julia, dass sie sehr gern arbeitet", sagt die Trainerin. "Mit zehn Jahren ist sie noch klein, aber wenn sie trainiert, dann brennen ihre Augen. Solche Kinder gibt es nur sehr wenige."

Dann stürzt Julia ein erstes Mal, dann ein zweites Mal, stolpert schließlich sogar bei einem ganz normalen Anlauf und fällt ein drittes Mal hin. Die Chance auf eine Platzierung ist dahin. Schweigend zieht sie Schoner über die Kufen. Tränen kullern.

"Bisher hast du eine Medaille nach der anderen gewonnen. Irgendwann musste ein Einbruch kommen. Das ist psychologisch nötig", tröstet Butyrskaja, beugt sich zu dem Mädchen hinab. "Wenn du weiter gewinnen willst, musst du auch verlieren können. Und du musst dir erlauben, manchmal so zu laufen. Manchmal. Lass gut sein. Das ist das Leben. Morgen beim Training sagst du dir: Jetzt erst recht!"

"Den Mädchen sieht man den Siegeswillen an"

Konstantin Jablotzkij ist selbst viele Jahre erfolgreich bei den Amateuren gestartet. Parallel hat er eine Ausbildung zum Kampfrichter gemacht.

Nun sitzt der 34-Jährige fast jedes Wochenende auf der Richterbank. Er glaubt, russische Eiskunstläufer seien besonders ehrgeizig. Vor allem den Mädchen sehe man den Siegeswillen sofort an.

"Sie haben auch nicht dieses kindliche Glücksgefühl, bei einem Wettkampf dabei zu sein. In ihren Augen steht nur eins: der Wille, das gesamte Programm von Anfang bis Ende perfekt umzusetzen und zu gewinnen."

"Die Deutschen waren wie eine Lokomotive"

Jablotzkij sitzt in der Küche seiner Ein-Zimmer-Wohnung und serviert Tee. Dazu gibt es Trockenobst, Kekse, selbstgemachte Marmelade. Breits am Laufstil sehe man, aus welchem Land ein Eiskunstläufer kommt, doziert er. Die Amerikaner zum Beispiel hätten eine erstaunliche Fähigkeit, sich zu präsentieren.

"Sie treten auf, als würden sie das jeden Tag machen – so offen und so gut ist ihre Verbindung mit den Zuschauern. Trauer oder Depression fehlen ihnen total, selbst wenn sie stürzen, stehen sie auf, als sei nichts passiert."

Die Kanadier würden dagegen ungezwungen, manchmal abstrakt laufen. "Ohne ein vorgegebenes Thema, aber so schön und frei, dass sie das Publikum schon damit für sich einnehmen."

Aber die russischen Eiskunstläufer, meint Jablotzkij, das sei noch mal etwas ganz anderes. "All diese Carmens, Schwanenseen, klassische Inszenierungen - darin sind wir mächtiger als alle anderen, denn das russisch-sowjetische Ballett ist ein untrennbarer Teil des Eiskunstlaufs."

Jablotzkijs Tee wird kalt. Seine Augen leuchten.

"Die Russen kombinieren höchste technische Schwierigkeit und Seele. Und die Seele nicht auf dem Präsentierteller wie die Amerikaner und nicht ungezwungen wie die Kanadier, sondern auf ihre eigene russische Art, manchmal sehr traurig, manchmal will man geradezu weinen. Höchstes technisches Niveau ist dabei selbstverständlich. Wenn du nicht alle Dreifach- und Vierfachsprünge beherrscht, dann brauchst du dich gar nicht blicken zu lassen, das wird vorausgesetzt, erst dann beginnt die richtige Arbeit. Ja, die Unterschiede sind groß.

Die Deutschen – früher waren sie geradezu wie eine Lokomotive, die, wenn sie erst mal in Gang ist, alles niederwalzt. Eine unglaubliche Kraft ist darin. Katarina Witt, die war ja ein Panzer, keine Eiskunstläuferin, die hat mit ihrer Energie schon beim Warmlaufen alle anderen weggefegt. Aber die Deutschen haben ein bisschen zu wenig Seele, würde ich sagen."

"Die Bedingungen für Eiskunstläufer sind wunderbar"

Jablotzkij lächelt. Er hat seine Liebe zum Eiskunstlauf erst spät entdeckt.

"Ich war noch Schüler in Archangelsk, ging in die zehnte Klasse, da hatten wir sehr starken Frost, und die Schule fiel aus. Ich erinnere mich, dass ich gerade die Physikaufgaben löste, als ich einen Stuhl vor den Fernseher stellte und das Gerät anschaltete. Dort wurde damals die Eiskunstlauf-EM gezeigt.

Ich sitze also da und sehe: So viele Russen am Start! Und sie laufen so gut! Nur erste Plätze. Das war das berühmte Jahr 1999, als unsere Mannschaft alle Goldmedaillen bei der Europa-Meisterschaft und zwei Monate später alle Goldmedaillen bei der Weltmeisterschaft gewann. In allen vier Disziplinen.

Butyrskaja, Jagudin, Bereschnaja/Sicharulidse, Krylowa i Owsjannikow. Mich hat das so inspiriert, dass ich ein aktiver Fan wurde."

Es vergingen noch zwei weitere Jahre, bis Freunde ihn überredeten, doch einmal selbst Schlittschuhe anzuziehen. Da war Jablotzkij schon Student.

"Das war magisch. Es traf mich wie ein Blitz. Ich lief los und dachte nur: Gott, was habe ich all die Jahre gemacht. Es hat mir so gefallen!"

Jablotzkij sprang alle Sprünge einfach, den Salchow sogar doppelt. Mittlerweile hat er das Eislaufen aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben.

"Die Bedingungen für Eiskunstläufer sind bei uns wunderbar geworden. In den 90er-Jahren, als das Land am Boden lag, waren unsere großen Trainer gezwungen, mit ihren Schützlingen nach Amerika zu fahren und sie dort auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Seitdem wurden nicht nur in Moskau, St. Petersburg und anderen großen Städten viele Eisstadien gebaut, sondern auch in den Regionen. Ich habe in den elf Jahren als Richter ganz Russland bereist, ich war in Sibirien, in Jakutien, und nicht in den Provinzhauptstädten, sondern in Kleinstädten, im Fernen Osten, in Zentralrussland – überall gibt es Eiskunstlaufwettbewerbe!"

Und schon bei den russischen Regionalwettbewerben sei das sportliche Niveau in der Regel so hoch wie bei Russischen Meisterschaften, erzählt Jablotzkij.

"Und jetzt ernten wir die Früchte. Da sind ja nicht nur Medwedewa, Zagitowa, Sotskowa, hinter ihnen sitzt noch eine ganze Bank mit Reserveläuferinnen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele das sind. Sehr viele. Sehr viele."

Eiskunstlaufstars werden immer jünger

Jewgenija Medwedewa holte 2016 mit erst 16 Jahren den Weltmeister-Titel und erzielt Bewertungen, von denen andere Läuferinnen nur träumen, so schwierig sind ihre Küren und so perfekt ist ihre Umsetzung.

Übertroffen wird Medwedewa derzeit nur von der erst 15-jährigen Alina Zagitova. Sie gewann im Dezember 2017 das Grand-Prix-Finale, im Januar 2018 die Europameisterschaft in Moskau.

Maria Sotskowa, gleichfalls erst 17 Jahre alt, schaffte es beim Grand Prix auf den zweiten, bei der Europa-Meisterschaft auf den vierten Platz. Die Siegerinnen werden immer jünger. Die Russin Julia Lipnizkaja holte bei den Winterspielen in Sotschi mit erst 15 Jahren Mannschaftsgold. Mittlerweile hat sie ihre sportliche Karriere allerdings aufgegeben. Sie bekam ihre Magersucht nicht mehr in den Griff.

Training in der staatlichen Eiskunstlaufschule

Im Eisstadion Krylatskoje hat Nastja ihren Auftritt. Sie läuft zur Musik aus dem "Wandelnden Schloss", einem japanischen Zeichentrickfilm. Nastja steht mehrere Kombinationen aus Zweifachsprüngen, ihre Darbietung wirkt leicht und elegant. Lächelnd geht sie in die Umkleidekabine.

"Ich habe alles geschafft, meine Aufgabe erfüllt", sagt sie. Auch Nastja ist gerade mal zehn Jahre alt. Es ist ihr erster Wettkampf in Moskau. Sie stammt aus Jekaterinburg hinter dem Ural, bei den dortigen Regionalmeisterschaften war sie mehrfach vorn.

Letztes Jahr verletzte sie sich am Oberschenkel. Ihre Mutter machte den Trainer dafür verantwortlich. Beide suchten eine neue Trainerin, die zog nach Moskau, Nastja und ihre Mutter zogen hinterher – alles des Eiskunstlaufens wegen. Der Vater blieb berufsbedingt in Jekaterinburg.

Doch die Mühen hätten sich gelohnt, erzählt Nastjas Mutter, Julia Wolkowa: "Wir trainieren hier in Moskau in einer staatlichen Eiskunstlaufschule." Sie begleitet ihre Tochter Tag für Tag.

"Wir müssen die Hallenzeiten nicht bezahlen und auch sonst nichts. In Jekaterinburg war das anders, da gab es nur drei mal 45 Minuten in der Woche kostenlos auf dem Eis. So viel brauchen wir am Tag! In Jekaterinburg haben wir Eltern deshalb Geld gesammelt und Hallenzeiten dazu gebucht, in der ganzen Stadt und sogar im Umland, überall, wo gerade etwas frei war. Und so waren wir ständig unterwegs. Hier dagegen haben wir jeden Tag zwei Stunden auf dem Eis. Und dazu gibt es noch Konditions- und Fitnesstraining."

Nastja besucht vormittags eine normale Schule. Nachmittags von drei bis abends um neun ist sie beim Training. Sechs Tage die Woche. Ihr Fleiß zahlt sich aus. Beim Turnier in Krylatskoje schafft sie es auf Platz sieben von 32. Mutter und Tochter sind zufrieden.

"Wir haben gar nicht damit gerechnet, unter die ersten zehn zu kommen. Wir sehen die Konkurrentinnen ja auch zum ersten Mal. Es sind starke Mädchen dabei, viele haben schon Dreifachsprünge drauf. Wir fangen damit erst an. Wegen der Verletzung haben wir Zeit verloren. Aber ich denke, es liegt noch alles vor uns. Die Saison beginnt erst, Nastja hat sich Ziele gesetzt, was sie bis zum Ende der Saison lernen will, und Schritt für Schritt wird sie das schaffen."

Auf dem Eis geht es nicht immer so ehrgeizig zu. Schlittschuhlaufen ist in Russland Volkssport, beliebt wie in Deutschland Fußball. Und schon die Kleinsten fangen damit an.

Eislaufen ist Breitensport

Vormittags im Gorki-Park in Moskau: Kunsteis auf den Wegen, zwischen den Bäumen hängen bunte Lampions. Am Abend tauchen Leuchtdioden das Eis im Takt der Musik in wechselnde Farben. Dann schieben sich die Erwachsenen in Massen über die Eisflächen. Am Morgen hingegen ziehen nur einige Rentner ihre Bahnen. Und am Rand, auf einer abgetrennten Eisfläche, gibt Natalja Moltschanowa ihren täglichen Eiskunstlaufunterricht für Kinder.

"Wir machen vor allem Spiele und tanzen. Sie lieben Kinderlieder. Dabei lernen sie das Schlittschuhlaufen ganz von selbst."

Moltschanowa klatscht in die Fausthandschuhe, marschiert in Walenki, russischen Filzstiefeln, im Kreis vorweg, stoppt, schwingt die Hüften, geht in die Knie, marschiert wieder los, dies Mal in die andere Richtung. Die Kleinen machen es nach. Nur eine hält sich beharrlich an den Griffen eines Plastikpinguins fest.

"Wir gehen sofort allein los, nicht an der Hand, das ist das Wichtigste. Und dann schreiten wir. Zeig mal, Mascha, wie wir schon bis zu der Tanne dort gehen können. Und wir heben die Füße hoch an. Die Arme zur Seite. Das können alle schon. Hoch die Füße!"

Die Kleinen trappeln los. Heute sind fast nur Mädchen da, die meisten fünf Jahre alt und erst zum zweiten oder dritten Mal auf dem Eis. Natalja Moltschanowa erkennt sofort, wer Talent hat.

"An der Mimik, am Lächeln, an den glänzenden Augen. Und die, die sportlich sind, gehen gar nicht erst übers Eis, sondern laufen sofort los als trügen sie Hausschuhe."

Dann verrät sie, worauf es ihrer Meinung nach beim Schlittschuhlaufen ankommt.

"Die Anlagen müssen stimmen. Wer krumme Beine hat, den schicke ich gleich nach wieder Hause, es hat keinen Sinn, so ein Kind zu quälen. Und der Rücken muss gerade sein, nicht gekrümmt. Dazu nach vorn gucken. Das ist alles."

Die Qualität der Schlittschuhe spielt allerdings auch eine Rolle. Moltschanowa blickt sich unter ihren Schützlingen um. Fast alle tragen weiße Schnürschuhe aus dem Verleih, und fast alle knicken bei Laufen nach innen.

"Die Füße müssen gerade stehen, sie dürfen nicht nach innen knicken."

Sie beugt sich zu einem Mädchen hinunter.

"Deine Schuhe sind aber ganz schlimm. Sind die ausgeliehen? Da haben sie dir den letzten Mist gegeben. Das Mädchen strengt sich an. Wenn sie die richtigen Schuhe hätte, könnte sie schon springen."

Und was macht die richtigen Schuhe aus?

"Verstärktes echtes Leder und englische Kufen. Damit läuft man wie geölt. Das erfordert kaum Kraft. Die anderen Schlittschuhe kratzen wie eine Raspel."

Kleine Kinder auf den Kufen

Natalja Moltschanowa unterrichtet seit mehr als 25 Jahren im Gorki-Park. Die Kinder zahlen nur den Eintritt, umgerechnet rund 3,50 Euro. Die Erwachsenen sitzen derweil im Warmen, trinken Kaffee und fotografieren ihre Kleinen.

Moltschanowa selbst hat das Schlittschuhlaufen von ihrer Mutter gelernt, auf den Patriarchenteichen im Zentrum Moskaus, in deren Nähe ist sie aufwuchs. Einige Jahre hat sie sich im Damen-Einzel versucht, dann wechselte sie zum Eistanz. Das war in den 70er-Jahren.

"Ich habe zehn Tänze erlernt, das ist ein unglaubliches Vergnügen. Quickstepp, Venskij Valz, Argentinskoje Tango… Das ist eine Medizin, die ist besser als Liebe und alles andere auf der Welt."

"Alle zu mir!", ruft sie die Kinder. "Was können wir noch? Wir haben der Tante gezeigt, wie wir gehen. Jetzt müssen wir ihr zeigen, wir wie gleiten. Das machen wir entlang dieser Linie. Erst mal gehen. Dann in Schlangenlinien. Das Gleiten kommt dann ganz von selbst. "

Eifrig stellen sich die Kinder in eine Reihe, setzen sich in Bewegung. Hier im Gorki-Park geht es vor allem darum, dass sich die Kinder an der frischen Luft bewegen, sagt Moltschanowa fast entschuldigend. Wenn mal echte Talente darunter sind, dann schickt sie sie weiter in die Sportschulen.

"Ich kann solche Kinder nicht professionell trainieren, wir haben hier nicht die Möglichkeiten. Das ist hier keine Schule. Wir bilden keine Olympiasieger aus."

Wenig Doping im russischen Eiskunstlaufen

Dafür war und ist Tatjana Tarasowa zuständig. Sie ist eine der erfolgreichsten Eiskunstlauftrainerinnen aller Zeiten. Ihr Schützlinge haben mindestens ein Dutzend Olympische Goldmedaillen geholt.

"Ich zähle sie nicht", meint sie. Das müsse man nicht. Tarasowa hat nicht nur Russen trainiert. Zu ihr kamen die Amerikanerin Sasha Cohen, die Japanerinnen Shizuka Arakawa, Olympiasiegerin von Turin, und Mao Asada, mehrfache Weltmeisterin.

Mittlerweile ist Tarasowa 70 Jahre alt und berät die russische Nationalmannschaft. Sie sitzt in einem Café, blonde Locken, rosa Lippenstift, pinkfarben getigertes Halstuch, trinkt Apfel-Sellerie-Saft und gibt ein Interview nach dem anderen.

Meist wird sie nach Doping in Russland gefragt. Ihre Antwort fällt knapp aus:

"Wir arbeiten so viel, dass wir nichts dergleichen brauchen. Nichts."

Tatsächlich: Das russische Eiskunstlaufen ist vergleichsweise sauber. Der letzte aufsehenerregende Fall liegt zwei Jahre zurück. Da wurde – neben Russlands Tennisspielerin Maria Scharapowa – auch die Eistänzerin Jekaterina Bobrowa, mit Dmitrij Solowjew Europameister von 2013, positiv auf das verbotene Meldonium getestet. Das Paar wurde daraufhin von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen.

Dass die Welt-Anti-Doping-Agentur Meldonium 2016 auf die Liste unerlaubter Substanzen setzte, war und ist in Russland stark umstritten.

Was sie sich da mit dem Meldonium ausgedacht haben, das ist kompletter Quatsch, das zu verbieten", meint auch Tarasowa. "Bei uns nimmt das ganze Land Meldonium als Herzmittel. Vielleicht, weil wir keine hochwertigeren Medikamente haben. Ich werde das nie als Doping betrachten."

Das Internationale Olympische Komitee ermittelt gegen diverse russische Olympiasieger von Sotschi wegen des Verdachts auf Doping. Darunter war ursprünglich auch Adelina Sotnikowa, die Goldmedaillengewinnerin im Damen-Einzel. Die Vorwürfe gegen sie wurden fallengelassen, der Verdacht hatte sich nicht erhärtet.

Tatsache ist, im Eiskunstlauf zählen nicht nur Kraft und Ausdauer, sondern auch Qualitäten, die mit Doping-Mitteln nicht zu beeinflussen sind, wie Ausdruck und Ästhetik. Das betont auch Tatjana Tarasowa.

"Unsere Choreografen arbeiten am Bild, am Gesicht, an den Händen. Wir laufen doch zu Musik. Die Sportler drücken Musik aus. Das ist kein Sprungwettbewerb. Es heißt Eiskunstlauf. Und Sprünge sind nur ein, wenn auch der wichtigste, Bestandteil."

Dass die Russen dabei international so erfolgreich sind, liegt für Tarasowa schlichtweg an den hervorragenden Trainingsbedingungen und an der Nachwuchsarbeit.

"Mit den Kindern wird ab dem Alter von vier Jahren gearbeitet, und zwar professionell: Mit Choreografie, allgemeiner körperlicher Fitness und allem, was dazu gehört. Die Eltern zahlen fast nichts."

"Ich kann ohne Eiskunstlauf nicht leben"

Im Eisstadion Krylatskoje in Moskau hat Anna Kuzmenko ihren großen Auftritt. Die 14-Jährige hat sich eine schwierige Kür ausgesucht: eine Dreifachkombination aus Flip und Toeloop, dazu noch ein dreifacher Lutz. Sie hat einen guten Tag. Alle Sprünge sitzen.

"Ich bin zufrieden. Ich habe kürzlich eine neue Choreografie bekommen mit neuen Schritten, und ich übe die eigentlich noch ein."

Sie lächelt. Ihre Brackets blitzen im Scheinwerferlicht. Auch Anna hat mit vier Jahren angefangen, Schlittschuh zu laufen.

"Ich hatte als kleines Kind sehr viel Energie und habe meine Mutter ständig genervt. Dann haben mich meine Eltern zum Eiskunstlauf geschickt, und mir hat das sehr gefallen."

Das Training steht seither im Vordergrund. Zum Schulunterricht geht Anna nur, wenn das Training es erlaubt, den Unterrichtsstoff holt sie zu Hause nach. Anna kann sich ein Leben ohne Eiskunstlauf nicht vorstellen.

"Einen Plan B habe ich nicht. Ich will bekannt werden, und später will ich Trainerin oder Choreografin werden, denn ich kann ohne Eiskunstlauf nicht leben, es gefällt mir einfach sehr."

Und dem Publikum gefällt das russische Eiskunstlaufen auch.

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