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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.11.2011

Einstieg in die Geschichte des Designs

Ewa Solarz: "Farbe Form Orangensaft", Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2011, 163 Seiten

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Auch ein besonderes Design: "La Chaise" der Amerikaner Ray und Charles Eames. (AP Archiv)
Auch ein besonderes Design: "La Chaise" der Amerikaner Ray und Charles Eames. (AP Archiv)

In dem Buch "Farbe Form Orangensaft" erzählt Ewa Solarz, warum Frank Gehry einen Sessel "Powerplay" nannte und wie ein Faltenrock zu einer dehnbaren Lampe inspirierte. Ein Buch, das Kinder auf neue Gedanken zu bringen vermag und den Blick schärft für Design, das ihnen Tag für Tag begegnet.

Kann eine Affenherde in der Küche helfen und eine Rettungslampe unter der Bettdecke zum Einsatz kommen? Kann man auf Müll gut sitzen und seine Klamotten an einem Hirschgeweih aufhängen? Ja, klar, sagen die Autoren des originellen Buches "Farbe Form Orangensaft" und zeigen auf über 160 knallbunten Seiten "verrücktes Design aus aller Welt". Ihr Überblick versammelt die originellsten Möbel, Leuchten, Küchengeräte und Einrichtungsgegenstände der letzten 150 Jahre, beginnend mit Thonets Caféhausstuhl von 1859 und endend mit den zeitgenössischen illusionistischen Sofas der schwedischen Entwerferinnen-Gruppe Front.

Das Buch zeigt nicht nur Design; es ist selbst ein herausragendes Beispiel für die Kunst der Gestaltung. Tatsächlich kommt es ohne ein einziges Foto aus und präsentiert sämtliche Designobjekte auf je einer Doppelseite als kleine illustrierte Bildergeschichte. So wird etwa die "Mayday"-Lampe von Konstantin Grcic, die ohne Sockel, Fuß und Halterung auskommt, in all ihren nur denkbaren Nutzungsvarianten in einer kleinen Familienstory dargestellt.

Der Tochter dient sie, um die Katze in ihrem Versteck aufzuspüren, dem Vater spendet sie Licht bei der Autoreparatur, der Sohn nutzt sie als Leselampe unter der Bettdecke. Und auf der linken Buchseite steht der Designer höchstpersönlich im Lichtkegel seines berühmten Leuchtmittels, das eine quasi göttliche Hand von oben ins Bild hält. Welchen Gegenstand die beiden Grafiker Aleksandra und Daniel Mizielinski auch präsentieren, ihre Bildsprache scheint unerschöpflich.

Das hatten sie bereits 2010 unter Beweis gestellt mit ihrem herausragenden
(Kinder-) Architekturführer "Treppe Fenster Klo", in dem sie die ungewöhnlichsten Häuser der Welt illustrativ in Szene setzen. Von Peter Vetschs Erdhaussiedlung (inklusive Blümchen und Tiere), über Matti Suuronens Futuro House (inklusive Mars-Männchenszenario) bis hin zur Casa Poli an Chiles Meeresküste (inklusive Quallen und Fische). Ihre kurzen Begleittexte vermitteln dabei das Wesentliche: die Eigenschaften, Materialität und Besonderheiten der jeweiligen Häuser. Dafür hatten sie den Kinder- und Jugendbuchpreis "Luchs" gewonnen.

Für "Farbe Form Orangensaft" haben sie sich mit Ewa Solarz eine gewandte Texterin als Verstärkung geholt. Sie versteht meisterhaft in wenigen Sätzen Funktion und Entstehungsgeschichte des jeweiligen Objektes zu erzählen. So erfährt man beispielsweise, dass Marcel Breuer beim Fahrradfahren seinen Stahlrohrstuhl erfunden hatte, dass Eileen Gray ihren Beistelltisch E 1027 für ihre Schwester entworfen hatte, weil diese gerne im Bett frühstückte, oder dass man mit Jean-Marie Massauds Wasserfall-Armatur tatsächlich weniger Wasser verbraucht.

Kleine gezeichnete Piktogramme an den Seitenrändern, die schon in "Treppe Fenster Klo" zum Einsatz kamen, komplettieren das Buch, indem sie auf das Entstehungsjahr, die verwendeten Materialien, Anwendungsmöglichkeiten und die Nationalität des Designers verweisen. Damit ist "Farbe Form Orangensaft" nicht nur ein farbenfroher, quietsch vergnügter Einstieg in die Geschichte des Designs, sondern beweist obendrein echte Handbuchqualitäten. Mehr davon!'

Besprochen von Eva Hepper

Ewa Solarz: Farbe Form Orangensaft. Verrücktes Design aus aller Welt
Aus dem Polnischen von Dorota Stroinska
Moritz Verlag, Frankfurt am Main 201!
163 Seiten, 18,00 Euro

und

Aleksandra Machowiak: Treppe Fenster Klo: Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt
Aus dem Polnischen von Dorota Stroinska
Moritz Verlag, Frankfurt am Main 2010
150 Seiten, 18,00 Euro

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