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Länderreport | Beitrag vom 06.05.2019

Einst grau - heute bunt Wittenberge in Brandenburg erfindet sich neu

Von Vanja Budde

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Das 1846 erbaute Empfangsgebäude des Bahnhofs in Wittenberge im brandenburgischen Landkreis Prignitz. (imago images / Hohlfeld)
Das 1846 erbaute Empfangsgebäude des Bahnhofs in Wittenberge im brandenburgischen Landkreis Prignitz. (imago images / Hohlfeld)

Wegen des Braunkohle-Ausstiegs unterstützt das Land Brandenburg die Lausitz mit viel Geld. Die Menschen in der ebenfalls strukturschwachen Prignitz befürchten, nun noch weiter abgehängt zu werden. In Wittenberge stemmt man sich gegen den Trend.

Im kleinen Hafen von Wittenberge gleich neben dem Industriegebiet Süd wird ein Container umgeladen. Zwölf Millionen Euro hat die Stadt in den "Elbeport" investiert. Wittenberge liegt an der Elbe. 160 Kilometer von Berlin entfernt fließt sie in sanften Schleifen durch den nordwestlichsten Zipfel Brandenburgs. Die Prignitz ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands.

"Auch zwischen Hamburg und Berlin gibt’s Leben und das Leben hier ist nicht schlecht. Fakt ist: Wir müssen es schaffen, hier junges Leben in die Stadt zu kriegen."

Frank Wenzel röstet die Bohnen für sein gemütliches Kaffee- und Teehaus in der Altstadt von Wittenberge selbst. Früher war die Stadt ein bedeutender Industriestandort, erzählt er: 1820 legte hier das erste Dampfschiff der Berlin-Hamburg Passagierlinie an. Eisenbahnreparatur- und große Nähmaschinenwerke siedelten sich hier an. Denn Wittenberge liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen den beiden Metropolen Hamburg und Berlin. Doch seit der Wiedervereinigung hat sich die Einwohnerzahl von rund 30.000 auf nur noch 17.000 fast halbiert: Tausende Industriearbeitsplätze waren Anfang der neunziger Jahre weggefallen, die jungen Leute in den Westen abgewandert.

"Aber ich denke, wir sind aus diesem Tal der Tränen raus, zumindest sind wir auf dem Weg, dass wir da rausfinden. Das haben wir Doktor Hermann zu verdanken, auch der Arbeit der Stadtverwaltung zu verdanken, die mit der Wirtschaftsförderung so rührig sind, dass sie es wirklich geschafft haben, auch mal unser Gewerbegebiet zu füllen, ohne dass nur Autohäuser da sind. Sondern dass wir produzierendes Gewerbe da haben, und dass die Leute in der Stadt dann auch sehen: Ja, es tut sich was."

Bahn und Wasser als Standortvorteil nutzen

Der so gelobte Oliver Hermann ist seit 2008 Bürgermeister von Wittenberge, parteilos. Hermann hat den Treffpunkt im Kaffeehaus vorgeschlagen. Er ist Historiker, früher hat er mal das Stadtmuseum geleitet. Heute versucht er, mit dem Pfund von Wittenberge zu wuchern, das schon einmal zum wirtschaftlichen Aufschwung führte: Die Lage.

"Damals war eben Bahn und Wasser, das waren die Hauptverkehrswege. Und da liegt, wenn Wittenberge gut angeschlossen ist, Wittenberge gar nicht so schlecht. Weil, hier kann ich eben nicht nur eine Metropole beliefern, hier kann ich gleich zwei beliefern und eigentlich noch Nord, Süd, Magdeburg, Rostock auch noch mit dazu."

Wenn Wittenberge gut angeschlossen ist: Der Elbeport ist derzeit nur ein Umschlagplatz für Güter von der Straße auf die Bahn. Seit Jahren hat an den beiden Terminals kein Schiff mehr angelegt. Denn die Elbe ist ein Sandfluss, führt hier oft Niedrigwasser. Sie müsste als Bundeswasserstraße ausgebaggert werden, was aber auf sich warten lässt. Genauso kämpft die Stadt seit Jahren um einen Autobahnanschluss. Nach schier endloser Planung von Seiten des Bundes ist der Ausbau der A 14 bei Wittenberge endlich im Gange.

"Ohne dieses Kommen der Autobahn wären Austrotherm und auch andere, Minimax zum Beispiel oder Francotyp-Postalia, nicht hier. Da machen wir uns keine Illusion. Unsere Forderung ist, dass die Planungsprozesse eben wirklich prioritär behandelt werden. Und wir haben immer das Gefühl, dass die Landesregierung doch noch dem Berliner Umland und dem Kern Berlin eine größere Aufmerksamkeit schenkt als dem ländlichen Raum."

Und nun steht auch noch der Strukturwandel in der Lausitz an, wo der Kohleausstieg tausende Arbeitsplätze kosten wird. Oliver Hermann warnt davor, darüber Prignitz und Uckermark zu vergessen.

"Bei allem Verständnis für die Situation der Lausitz, wer kann sie besser verstehen als wir, wir haben ja ähnliche Situationen nach der Wende erlebt, aber das Land Brandenburg ist halt größer als die Lausitz und dass man eben die anderen Regionen – und das ist immerhin noch der größere Teil des Landes – dabei nicht vergisst und man nicht über diese Fokussierung Lausitz das andere aus dem Blick verliert."

Über tausend neue Jobs sind schon entstanden

Um den Bevölkerungsschwund zu stoppen und junge Leute anzulocken, braucht es Arbeitsplätze. Wittenberge ist da auf einem guten Weg, weil die Stadtverordnetenversammlung mit dem Unternehmerverband an einem Strang zieht: Etwa 1400 neue Jobs sind in den vergangenen Jahren entstanden. Die Pflegebranche boomt. Und auch der Tourismus zeigt erste zarte Ansätze, dank des nahen UNESCO-Biosphärenreservates Flusslandschaft-Elbe und der Brandenburgischen Elbtalaue, durch die man schön Fahrrad fahren kann.

Die einst graue DDR-Industriestadt Wittenberge hat sich neu erfunden - und dabei auch die einst von Abwässern verdreckte Elbe als Naherholungsziel neu entdeckt, sagt Siw Foge.

"Zur Zeit der Wende war ich 14 und ich bin dann fürs Studium natürlich weggegangen, hab zehn Jahre im Ruhrgebiet gelebt und bin als der klassische Rückkehrer in die Region, die sich wirklich gewandelt hat und verändert hat, zurückgekommen."

Wir haben uns am Bahnhof verabredet, denn auch wenn der ICE Berlin-Hamburg eben vorbei gerauscht ist: Ein paar Mal am Tag hält er hier auch. Ein ICE-Halt: Das hat nicht mal die Landeshauptstadt Potsdam! Ein großes Plus nicht nur für Pendler, erklärt Siw Foge vom Technologie- und Gewerbezentrum.

"Die Bahn spielt auch heute noch eine riesige Rolle. Das Bahnwerk ist der größte Arbeitgeber der Region mit 800 Mitarbeitern, und natürlich, was ganz wichtig ist, Infrastruktur, die Verbindung zu Hamburg und Berlin. Wir sind hier der einzige ICE-Halt im Land Brandenburg und wir sind innerhalb von 50 Minuten auf dem Berliner Hauptbahnhof, und nach Hamburg ist es etwa eine Stunde. Das ist natürlich für die Leute, die hier leben, sehr, sehr wichtig."

Aufbruchstimmung mit Wir-Gefühl

Dank des ICEs haben Unternehmen aus dem Hamburger Raum hier ihre Produktion angesiedelt oder Zweigstätten eröffnet, erzählt Foge stolz. Trotz aller Herausforderungen in dieser abgelegenen Gegend: In Wittenberge herrscht Aufbruchsstimmung.

"Ich weiß nicht, wie weit die Lausitzer sind, aber ich weiß, dass der Zusammenhalt hier in der Region, dieses Wir-Gefühl sehr ausgeprägt ist. Es gibt den regionalen Wachstumskern als Verbund von den Kommunen Wittenberge, Perleberg und Karstädt. Die Bürgermeister vom regionalen Wachstumskern, die Lenkungsgruppe, die trifft sich jede zweite Woche."

Siw Foge ist in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, weil sie eine Familie gegründet hat. Dafür sei Wittenberge der richtige Ort, schwärmt sie.

"Meine Eltern sind hier, die Betreuung, Kita, Tagesstätten sind da, die Schulen sind da, die Gegend, die Natur, der Platz, die Möglichkeit, hier günstig zu wohnen und zu leben – das hat die Entscheidung natürlich befördert."

Der Kaffeeröster Frank Wenzel, Bürgermeister Oliver Hermann, Siw Foge von der Wirtschaftsförderung: Sie alle hoffen, dass noch mehr junge Familien die Ruhe und den weiten Himmel hier schätzen lernen, den vielen Platz, den man in der Prignitz hat.

"Ich glaube, dass wir hier in der Region interessanter werden noch für junge Familien aus Berlin und Hamburg, die für sich und für ihre Kinder ein anderes Lebensumfeld wollen als das einer Großstadt. Also eine dünn besiedelte Region zu sein, hat nicht nur Nachteile, es hat auch viele Vorteile."

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