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Profil / Archiv | Beitrag vom 30.03.2010

Einsichten in ein fremdes Land

Finnland-Kenner Eilenberger im Porträt

Von Bettina Ritter

Kathedrale im finnischen Helsinki (Stock.XCHNG / Nick Yee)
Kathedrale im finnischen Helsinki (Stock.XCHNG / Nick Yee)

Die Finnen sind für ihre Kuriositäten bekannt. Weltmeisterschaften im Dauer-Saunen, Handy-Weitwurf oder Luftgitarren-Solo-Spielen kommen aus dem Land. Mit dem Buch "Finnen von Sinnen" ist der Autor Wolfram Eilenberger tief eingedrungen in ein uns Deutschen recht fremdes Land.

Eilenberger: "Das schönste Wort der finnischen Sprache, das Wort 'Ichminnen', bedeutet auf Finnisch "Mensch", und dieses Wort leitet sich von dem Verb 'Ichmirteller' ab, und das bedeutet Staunen. Das heißt, der Finne sieht den Mensch als ein Wesen, das staunen kann. Und das ist der Anfang aller Philosophie."

Philosophisch, ja das sind sie, die Finnen. Oder vielmehr ihre Sprache, meint Wolfram Eilenberger. Der Autor kam das erste Mal vor 14 Jahren nach Finnland. Warum? Natürlich der Liebe wegen. Durch seine Frau Pia hat er seitdem viel gelernt über das Volk im europäischen Norden. Zum Beispiel, dass bei Familienfesten kollektiv geschwiegen wird oder dass selbst frisch Verliebte den Satz "Ich liebe dich" nur sehr selten über die Lippen bringen.

Eilenberger: "Auf Finnisch heißt das 'Minä rakastan sinua', und man muss dann lernen - und das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, was die finnische Kultur angeht - dass die Finnen nicht dadurch sprechen, dass sie etwas sagen, sondern in dem, wie sie handeln. Das Handeln ist das Entscheidende. Und die Worte kommen dann entweder spät oder auch gar nicht."

Wolfram Eilenberger sitzt in der Wohnung eines Freundes in Berlin-Friedrichshain. Er fährt sich durch die dunklen, welligen Haare, seine schmale Brille liegt auf dem hölzernen Esstisch. Vor Jahren hat er hier selbst gelebt, an der Türklingel stehen noch sein eigener und der Name seiner Frau, einer Professorin für finnische Sprache und Literatur.

Zusammen mit den sieben Jahre alten Töchtern – Zwillinge - sind sie bereits viel durch die Welt gezogen. Lehraufträge führten das Paar für zwei Jahre in die USA, seit einem Jahr wohnt die Familie im kanadischen Toronto, wo Eilenberger an der Universität Philosophie unterrichtet.

Eilenberger: "Ich bin an allem interessiert, was ich nicht verstehe, und was mich in die Fremde führt und mir meinen eigenen Alltag auf neue Weise sichtbar werden lässt. Die Philosophie kann genau das erreichen, dass all das, was uns verständlich und wohlgeordnet und natürlich erscheint, durch Neubeschreibung auf wundersame Weise neu sichtbar wird. Das ist so was wie eine Reise am Schreibtisch."

Eilenberger reist also auch in Gedanken viel. Unter anderem als sogenannter "philosophischer Korrespondent" für das politische Magazin "Cicero" oder als Mitglied im Ethikrat der Wochenzeitung "Die Zeit".

Die wichtigste Tätigkeit für den 37-Jährigen ist aber die des Autors. Fünf Bücher hat er bereits veröffentlicht, darunter den Band "Lob des Tores – 40 Flanken in Fußballphilosophie".

Laut dem Motto "Grau ist jede Theorie" steht Eilenberger regelmäßig selbst auf dem Platz. Zwar sieht der etwa 1,70 Meter große Mann mit seinem weiten, gestreiften Hemd, das lässig über der Jeans flattert, nur durchschnittlich sportlich aus, aber das täuscht.

Seit fünf Jahren spielt er im linken Mittelfeld der deutschen Autoren-Nationalmannschaft, unter anderem mit Kollegen wie Albert Ostermaier, Moritz Rinke und Thomas Brussig. Sein größter Erfolg? Der zweite Platz bei der Autoren-WM in Italien.

Eilenberger: "Natürlich ist es auch so, dass das ein verlorener Kindertraum ist. Wir sind ja alle offenbar keine Fußballer geworden, aber wenn wir dann da in einem Nationaltrikot stehen und die Hymne erklingt, ist das natürlich, dass bei allen das Herz aufgeht und wir diesen Kindertraum noch mal durchleben auf leicht abseitige und vielleicht sogar lächerliche Weise, aber immerhin."

Mit der Autonama, so die Abkürzung für die Autorennationalmannschaft, reist Eilenberger ebenfalls um die Welt. Unter anderem nach Saudi-Arabien und Israel. Dann wird nicht nur gespielt, sondern auch gelesen, oft vor Schulklassen.

Eilenberger: "Weil eben sehr viel junge Menschen, insbesondere junge Männer, den Fußball sehr lieben und eine gewisse Scheu haben, sich zur Literatur zu bekennen. Und wir versuchen eben, über die Faszination des Fußballs die Literatur zu vermitteln und zu verkörpern, dass das kein Widerspruch ist, sondern dass man beides zur gleichen Zeit lieben kann und darf."

Bei all seinen Reisen, seien sie konkret oder geistig, zieht es den Sohn eines Juristen und einer Krankengymnastin immer wieder nach Finnland. Im "Mökki", dem Sommerhaus seiner Familie, schreibt er in seinem "Pömpeli", dem Raum, der exklusiv dem Mann der Familie gehört, an seinen Büchern.

14 Jahre mit einer finnischen Frau, insgesamt fünf Jahre Leben in Finnland und die Herausforderungen der finnischen Sprache haben Eilenberger auch philosophische Einsichten beschert.

Eilenberger: "Zum Beispiel die wunderbare Metapher, mit der Finnen die Lage ihres eigenen Landes beschreiben. Das heißt 'Yumala Selentakana', und das heißt 'Hinter dem Rücken Gottes'. Was mich angeht, so hoffe ich, dass sich der liebe Gott niemals umdrehen möge und Finnland immer in seinem Rücken behält."

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