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Zeitfragen | Beitrag vom 16.11.2020

Einsamkeit im AlterKonzepte gegen das Alleinsein

Von Natalie Putsche

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Die Hände einer älteren Frau halten ein Mobiltelefon. (Symbolfoto) (imago images / Panthermedia / Ada Tom)
"Jetzt trifft es die Alten wieder besonders hart", sagt Elke Schilling von der Initiative Silbernetz. (Symbolfoto) (imago images / Panthermedia / Ada Tom)

Kontakte beschränken ist das Gebot der Stunde: In der Pandemie wird Alleinsein so besonders für ältere Menschen zu einem noch größeren Thema als sonst. Es gibt aber Initiativen, die Angebote gegen die Einsamkeit entwickelt haben.

Brigitte ist 87 Jahre alt, lebt allein in ihrer Berliner Wohnung und leidet unter Einsamkeit.

"Es ist eigentlich ganz schlimm", sagt sie. "Ich krieg manchmal Anwandlungen, dass ich denke: Das halt ich nicht mehr aus. Mein Kopf rattert ständig. Ich ziehe mir meine Sofadecke über den Kopf und tue so, als wenn ich schon tot bin."

Echte Hilfe und Abwechslung hat sie durch Silbernetz (0800 4 70 80 90, kostenlose Telefonnummer von 8 bis 22 Uhr) gefunden. Eine Initiative, die Elke Schilling ins Leben gerufen hat.

"Die Themen haben sich zugespitzt"

"Acht Millionen potenziell Menschen mit Einsamkeitsgefühl über 60", sagt sie, "das ist einfach eine Zahl, die greift deutschlandweit. Ziemlich viel Verzweiflung am Telefon, ziemlich viel Zorn oder auch Ergebenheit. Das ist im Laufe des Sommers wieder abgeklungen, und jetzt mit dem neuen, auch wenn es nur ein leichter Lockdown ist, trifft es die Alten wieder besonders hart. Die Themen haben sich zugespitzt im Vergleich zum Frühjahr, weil jetzt die Angst vor Weihnachten dazu kommt."

Seit sechs Jahren baut Elke Schilling, ehemalige Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt, das Silbernetz auf, ein Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter. Über das Silbertelefon, einer kostenlosen Hotline, können ältere Menschen 14 Stunden täglich anonym anrufen.

Sie bekommen auf Wunsch einen Silbernetz-Freund oder eine Silbernetz-Freundin vermittelt. Dann folgen regelmäßige Telefonate miteinander, die den ersten Schritt raus aus der Isolation ermöglichen sollen. Außerdem informiert Silbernetz über Angebote vor Ort. Bis vor einem Jahr nur in Berlin.

Seit März deutschlandweit freigeschaltet

"Als wir das vor einem Jahr geplant haben, wollten wir eigentlich einen Kongress, der unsere Skalierung begleitet, die Ausbreitung von Silbernetz über ganz Deutschland. Dann kam Corona und ab 16. März waren wir bereits skaliert. Wir haben unsere Hotline deutschlandweit freigeschaltet, vermitteln auch Silbernetz-Freundschaften deutschlandweit. Und wir informieren natürlich über Angebote, egal ob das in Berchtesgaden oder in Berlin ist. Corona hat uns in der Folge klargemacht, dass es noch etwas viel Wichtigeres gibt: Das Thema Einsamkeit, in Deutschland, in Europa, weltweit zu vernetzen, um Daten, Wissen und Initiativen zusammenzubinden, damit es wirksam wird, wenn man etwas gegen Einsamkeit tut." 

Gut 190 Menschen aus ganz Deutschland und Europa nahmen in der letzten Woche an der Web-Konferenz teil. Wissenschaftler, Referenten und Projekte aus ganz Deutschland, Großbritannien, Niederlanden und Rumänien: ein "Netzwerk gegen Einsamkeit im Alter".

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Wie schafft man mehr Öffentlichkeit für das Tabuthema Einsamkeit und wie erreicht man vor allem die, die es betrifft?

"Seit Corona haben wir eine völlig andere Klientel dran, zusätzlich zu unseren üblichen Anrufern", erzählt Elke Schilling. "Das sind Menschen, die mit Corona plötzlich in die Einsamkeit gestürzt sind. Die vorher gut vernetzt in ihrer Familie, in ihrem Bekannten und Freundeskreis, mit ihren Kulturveranstaltungen unterwegs waren. Und dann plötzlich fiel ihnen die Decke auf den Kopf, weil sie durften nicht mehr raus. Sie glaubten, nicht mehr raus zu dürfen."

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist der Einladung zum Silbernetz-Kongress gefolgt. Hat er Lösungen im Gepäck? Spahn kündigt an, eine Art Kreativkonferenz abzuhalten. Hier soll Platz sein für Ideen, die Menschen helfen können ihre Einsamkeit zu überwinden.

Die Silbernetz-Freundin – ein Volltreffer

Brigitte aus Berlin ist durch Plakate auf das Silbernetz aufmerksam geworden: "Dann habe ich die Hotline angerufen, das ist aber jetzt schon zwei Jahre her. Dann haben die gesagt, sie werden für mich eine Silbernetz-Freundin raussuchen, und das war so ein Volltreffer. Die ist 48 Jahre und ruft mich einmal in der Woche für eine Stunde an."

Autorin: "Und warum ist das das Richtige für Sie?"
Brigitte: "Weil ich jemanden zum Reden brauche!"

Brigitte hat einen Sohn und eine Schwiegertochter, auch Enkel, die ab und an zu Besuch kämen. Aber es sei selten, alle hätten wenig Zeit. Die Silbernetz-Freundin kann von Brigitte auf Eigeninitiative nicht angerufen werden. So wären beide Personen geschützt.

Autorin: "Bedauern Sie das?"
Brigitte: "Ja und nein. Die hat ja auch Familie und Kinder. Aber manchmal habe ich auch so viel im Kopf, was ich ihr erzählen will." 

Noch vor einem Jahr habe sie regelmäßig etwas unternommen, erzählt sie. Jetzt verlasse sie kaum die Wohnung, sei auf einen Rollator angewiesen.

Autorin: "Können Sie mir sagen, wann das mit dem Thema Einsamkeit bei Ihnen begonnen hat?" 
Brigitte: "Seitdem ich eben nicht mehr laufen kann. Ich bin ja seit über 50 Jahren alleine. Und Berlin hat so viel zu bieten: Theater, Kino, Ausstellungen. Als ich das alles noch konnte, habe ich mich nicht einsam gefühlt."

Digitale Informationen übers Telefon bereitstellen

Information und Unterhaltung sind gerade für Ältere ohne Internetzugang schwer zu erhalten- abgesehen von Radio und Fernsehen. Hier will eine weitere Initiative helfen: Silberdraht. Projektleiterin ist Susanne Steigler.

"Es ist die Idee, Menschen, die keinen Internetzugang haben, eine Chance zu geben, die Inhalte, die digital zur Verfügung stehen, einfach übers Telefon bereitzustellen", erklärt sie.

Silberdraht ist ein Team von vier Leuten aus den Bereichen Informatik und Marketing, die den Service im Frühjahr, als durch Corona das Problem noch sichtbarer wurde, entwickelt haben. Sie arbeiten ehrenamtlich.

"Es ist uns sehr wichtig, ein möglichst breit gefächertes Angebot anzubieten", sagt Projektleiterin Susanne Steigler. "Nämlich zwischen den Nachrichten einer Tagesschau, aber auch Podcasts, wie zum Beispiel von Herrn Drosten, auch unterhaltende Beiträge oder Musikbeiträge. Wir möchten die Menschen aus der Isolation holen, sie können ein bisschen Zerstreuung bekommen, durch die Infos."

Auch bei Silberdraht habe die bundesweite Zusammenarbeit mit Städten und Kommunen begonnen, um auch über regionale Angebote informieren zu können. Vernetzung und Reichweite, darum geht es.

Es brauche eine Plattform, wo sich Helfer und Betroffene auch wirklich erreichen können, deutschlandweit, europaweit und am liebsten weltweit, wünscht sich Elke Schilling vom Silbernetz aus Berlin: "Damit wir nicht alle einsam und allein in unseren Kommunen vor uns hin grübeln."

Brigitte jedenfalls, die Einsamkeit schmerzlich kennt, hat die Hilfe erreicht. Durch die Vermittlung der Silbernetz-Freundin, mit der sie regelmäßig telefonieren kann.

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