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Profil / Archiv | Beitrag vom 12.09.2012

"Einen Kornkäfer, bitte!"

Am Kunst-Imbiss in Hamburg gibt es keine Currywurst, sondern Kunst

Von Katrin Albinus

Das Künstlerpaar Kohl und Reiß hat über 100 Werke von Künstlern an Bord seines Imbisswagens. (tranquilium, 2007)
Das Künstlerpaar Kohl und Reiß hat über 100 Werke von Künstlern an Bord seines Imbisswagens. (tranquilium, 2007)

Katharina Kohl und Detlef Georg Reiß aus Hamburg sind der Meinung, dass der Mensch im konsumorientierten, hektischen Alltag auch geistige Nahrung braucht. Mit ihrem Kunst-Imbiss, bestückt mit kleineren Werken verschiedener Künstler, suchen sie Stadtteile auf, die chronisch unterversorgt sind mit Kunst und Kultur.

Der neue Wagen ist in maritimem blau und weiß gehalten und war zuvor im Besitz der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Über der Klappe, die an keinem Imbisswagen fehlen darf und den Blick in das Innere frei gibt, leuchtet in roten Lettern die Aufschrift: Kunst-Imbiss.

Kohl: "Was auch mal sehr lustig war, dass jemand gedacht hat, das wäre ein normaler Imbiss, aber der Besitzer würde mit Nachnamen Kunst heißen."

Werke von über 100 Künstlern hat der Imbiss an Bord, entsprechend fallen die Arbeiten eher klein aus. Im Wagen steht Katharina Kohl hinter dem Tresen, langes weiß-blondes Haar, dunkelgraue Strickjacke. Vor ihr in der Auslage liegen auf Würstchen-Pappen Kunstwerke aller Art, hinter ihr sind sie an der Rückwand des Wagens in Regalen zu sehen: Zeichnungen, Bilder, Skulpturen. Einige von ihnen spielen mit der Idee von Essen, in der Auslage ist etwa eine blau-rote Waffel zu sehen, die allerdings keinen Appetit anregt bei den Besuchern.

Frau: "Ne, die sieht zu giftig aus. Nee, nee, dann würd ich noch lieber das Autobrötchen essen, das sieht noch vernünftiger aus." Kohl: "Das Autobrötchen, ist auch gut..." Frau: "Ist doch ein Auto, oder?" Kohl: "Ja, ist ein Käfer."

Bei dem "Autobrötchen" handelt es sich um eine Arbeit des Künstlers Harald Finke, die aussieht, wie ein Spielzeugauto aus Getreidekörnern.

"Das ist ein Hafer, also Kornkäfer, so nennt er das, und Bienenwachs. Zusammengeführt. Sozusagen als VW-Figur. Er hat den VW, den Käfer gewählt eben, um auf dieses Wortspiel 'Kornkäfer' zu kommen. Andererseits, in vielen Ausstellungen hat er auch mit Korn und so natürlichen Materialien gearbeitet und mit Bienenwachs usw. Das ist ein Beuys-Schüler, da färbt das ab."

DG Reiß steht vor dem Wagen und erklärt die Auslage - ein 1,90-großer Mann mit grauem, schulterlang gewelltem Haar, in dunkler Windjacke, grauen Jeans und schwarzen Lederschuhen. Der Kornkäfer ist beliebt bei den Besuchern, da der Volkswagen sofort erkannt wird. Andere Kunstwerke sind nicht auf Anhieb verständlich, was Imbissbesucher verunsichern und abschrecken kann. Doch genau da beginnt eines der Hauptanliegen von Katharina Kohl und DG Reiß: mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die meinen, sie könnten mit zeitgenössischer Kunst nichts anfangen.

Kohl: "Das ist Manfred Eichhorn. Der arbeitet immer sehr speziell eigentlich. Er hat immer solche Wesen, die sind eigentlich immer wie so unter Wasser... "
Frau 2: "Nee, ich dachte, es sieht aus wie ne Nervenzelle, so mit diesen.... "

Die Kunden können aber nicht nur etwas über Kunst erfahren, sondern sie auch kaufen. Die Preise liegen zwischen einem und 400 Euro.

Der Kunstimbiss ist eine große, zeitaufwändige Leidenschaft des Teams Kohl und Reiß, die auch privat ein Paar sind. Doch der Imbiss ist bei weitem nicht ihr einziges künstlerisches Projekt.

DG Reiß ist Fotograf, Katharina Kohl ist Videokünstlerin und Malerin. Reiß ist Jahrgang 1946, stammt aus der Nähe von Würzburg, Kohl wurde 1956 auf einem Bauernhof in einem kleinen hessischen Dorf geboren.

Beide studierten an der Kunsthochschule in Hamburg und arbeiten seitdem als freischaffende Künstler, heute in einer Ateliergemeinschaft in Hamburg Altona. Katharina Kohl malt schwerpunktmäßig Portraits.

"Ich hab ja viele Jahre jetzt in meiner künstlerischen Zeit eigentlich damit zugebracht rauszufinden, was sehe ich eigentlich, wenn ich einen Menschen sehe, welche Annahmen mache ich sofort oder welche Informationen bekomme ich, die hinterher sofort wieder verdeckt sind."

Die Künstlerin versucht, genau diese flüchtigen Wahrnehmungen, die sich im ersten Moment einer Begegnung ereignen, bildnerisch festzuhalten und dadurch mehr über eine Person zu erfahren.

"Wie eine Person überhaupt in der Welt steht, ich glaube, das ist das Entscheidende und darüber kann ich mit dem Kopf nicht so weit kommen, wie über die Malerei."

Dass Katharina Kohl Künstlerin werden würde, war ihr als Bauerntochter nicht in die Wiege gelegt. Ihr Interesse wurde durch einen Nenn-Onkel geweckt.

"...ein Herrenschneider aus Kassel, der aus dem ausgebombten Kassel bei uns auf den Hof gekommen war und über Jahre immer noch zu Besuch kam und der hatte eine ausgeprägte künstlerische Ader und hat mir gezeigt damals, wie moderne Kunst geht und lauter solche Sachen."

Während ihres Kunststudiums war sie durch den Tod ihres Vaters gezwungen, auf dem Hof zu helfen und pendelte zwischen der Hochschule in Hamburg und dem Bauernhof in Hessen, zwischen der Welt der Kunst und der ihrer Eltern, die nur eine einfache Volksschule besucht hatten.

"Und da hab ich eigentlich immer, immer ne Verbindung gesucht und die würde ich sagen, ist eigentlich mit dem Kunstimbiss dann direkt passiert."

Auch DG Reiß stammt aus einer Familie, in der zunächst nichts auf eine Zukunft als Künstler hinweist, sein Vater ist Tischler. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst Volontariate bei Fotografen, studierte dann an der Kunsthochschule und arbeitete anschließend als Pressefotograf für den NDR, schoss vor allem Politiker-Portraits. Das Thema, was ihm jedoch am meisten am Herzen liegt, sind Stadtansichten. Und die sind auch sein Verbindungsstück zum Kunstimbiss.

"Durch fotografische Arbeiten wollte ich schon zur Reflexion anregen und zur Veränderung von Stadt, sie sichtbar machen - es war ja gerade so die Zeit, wo die Stadt größer, kühler und unpersönlicher wurde, es gab so eine Zäsur, das hat mich sehr beeindruckt und das hab ich thematisiert."

Das war Ende der 1960er-Jahre und ist auch heute noch ein Anliegen des Künstlers: den öffentlichen Raum zu zeigen - und zu verändern. Und genau das gelingt auch mit dem Kunstimbiss, besonders wenn er abends erleuchtet in einer Betonsiedlung steht. Ein schönes Bild, besonders für einen Fotografen.

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