Eine zweite Chance fürs Leben

Der Sommer 2009 hat die Realität vieler iranischer Künstler verändert, sagt Shirin Neshat. © AP
Shirin Neshat im Gespräch mit Britta Bürger · 29.06.2010
Der Film "Women without men" basiert auf den Erzählungen der mehrfach inhaftierten iranischen Schriftstellerin Shahrnush Parsipur, die die unterschiedlichen Lebenswege von Frauen in einem surrealen Garten zusammenführt. Regisseurin Shirin Neshat erhielt dafür beim Internationalen Filmfestival von Venedig den Silbernen Löwen für die Beste Regie.
Britta Bürger: Der Film verknüpft die Schicksale von vier sehr unterschiedlichen Frauen. Was verbindet diese Figuren, was teilen sie an Leid, an Ängsten, aber auch an Hoffnungen?

Shirin Neshat: Das ist eine gute Frage. Ich denke, diese Frauen sind sehr, sehr verschieden. Sie kommen aus vollkommen unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen, sie haben verschiedene Probleme. Aber sie haben eins gemeinsam, und das ist ihr Mut, ihr Mut, den Kampf aufzunehmen, den Kampf für Veränderung. Ich denke, das ist es, was sie gemeinsam haben.

Bürger: Der Film basiert auf den Erzählungen der mehrfach inhaftierten iranischen Schriftstellerin Shahrnush Parsipur, die die unterschiedlichen Lebenswege dieser Frauen an einem gemeinsamen Ort zusammenführt, in einem surrealen, paradiesischen Garten, einer Art Märchenwald. Das ist ja ein geschützter, aber zugleich auch ein unheimlicher Ort. Was symbolisiert der?

Neshat: Der Garten steht hier für die Idee vom Exil, die Idee einer Zuflucht, eines Ortes, der den Frauen eine zweite Chance für ihr Leben bietet. Wie auch der Garten Eden ist es ein utopischer Raum, eine Art Paradies. Und genau wie dort steht dort das Gesetz, wer eine Sünde begeht, fliegt wieder raus. Also es ist ein temporärer Ort. Es ist zeitlich begrenzt. Es ist sozusagen ein Ort, der das Innenleben der Frauen zeigt. Es zeigt sozusagen eine Phase der inneren Welt.

Bürger: Sie versetzen uns mit diesem Film ja nicht zufällig ins Teheran des Jahres 1953. Damals wurde der Staatsstreich gegen Premierminister Mossadegh vorbereitet, der schließlich zu einer neuen Regierungsbildung durch den Schah führte. Inwieweit versuchen Sie damit jetzt Parallelen aufzuzeigen, von der damaligen zur heutigen politischen Lage im Iran?

Neshat: Als ich den Film machte, war das noch vor den Ereignissen von 2009, also vor den Wahlen von 2009. Aber insbesondere seit dem 11. September gibt es ja diesen Gegensatz, der immer wieder besprochen wird, zwischen Islam und dem Westen, und die Gegensätze werden immer wieder betont. Und wenn man dann zurückgeht zum Jahr 1953, als die CIA mit Macht den Präsidenten, den rechtmäßig gewählten Präsidenten Mossadegh vertrieb, einen Coup gegen ihn startete, denke ich, dass damit die Grundlage für die islamische Revolution erst gelegt wurde.

Dass man, wenn man in der Geschichte zurückblickt, dies objektiv betrachtet, dann muss man sehen, dass der Iran heute nicht dort wäre, wo er ist, wenn dieser Coup nicht stattgefunden hätte, wenn Mossadegh nicht von der CIA mit vertrieben worden wäre. Und für mich ist es auch selbst wichtig, in der Geschichte zurückzublicken bis zu diesem Jahr 1953, um dies klarzustellen.

Bürger: Sie haben "Women without Men" im vergangenen Jahr fertiggestellt und wurden dann beim Filmfestival in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet, zu einer Zeit, in der es im Iran eben große Hoffnungen auf Veränderungen gab, die sich dann, wie wir wissen, zerschlagen haben. Inwieweit hat dieses vergangene Jahr Sie selbst noch mal neu politisiert?

Neshat: In der Vergangenheit war ich ein sehr ruhiger Mensch. Ich habe mehr meine Arbeit sprechen lassen und bin nicht politisch in Erscheinung getreten. Aber dieser Sommer letzten Jahres, der veränderte die Realität für viele iranische Künstler. Wir haben einfach gespürt, dass wir die gleichen Ideale hatten, und wir wollten diese jungen Leute unterstützen, die auf den Straßen in Teheran ihr Leben riskierten. Das Prinzip der Solidarität wurde mit einem Mal sehr, sehr wichtig. Und somit bin ich auch zum ersten Mal wirklich aktiv geworden. Ich bin kein ideologischer Mensch, ich folge keiner Ideologie, ich glaube aber an Frieden und Demokratie. Und das hat mich aktiver gemacht, als ich es zuvor war.

Bürger: Sie tragen hier bei uns im Interview wunderschöne, große, silberne Ohrringe, Sie tragen aber auch am Arm die grünen Bänder, die die grüne Bewegung von dem Oppositionsführer Mussawi symbolisieren. Wie gehen Sie mit der Niederlage vom vergangenen Jahr um?

Neshat: Ich nenne es nicht eine Niederlage. Ich glaube nicht, dass es wirklich eine Niederlage war. Es gab natürlich viele Versuche der Einschüchterung durch die Regierung und effektive Einschüchterungen durch die iranische Regierung, aber ich denke, dass dies alle Iraner in irgendeiner Weise mobilisiert hat. Und ich denke, dass die Bewegung nach wie vor sehr stark ist. Es ist das erste Mal, dass die iranische Gemeinschaft im Inland und im Ausland so stark vereint wurde, wie es in 30 Jahren nicht der Fall war. Also ich würde es nicht so sehen, dass die Bewegung eine Niederlage erlitten hat, und ich würde nicht sagen, dass sie niedergeschlagen wurde.

Bürger: Welche Form der Unterstützung aus dem Westen halten Sie für richtig und wichtig und welche nicht? Gerade konnte man ja erleben, dass internationale Kritik anscheinend mitbewirkt hat, dass der iranische Filmemacher Jafar Panahi nach wochenlanger Haft freigelassen wurde.

Neshat: Die wichtigste Hilfe der internationalen Gemeinschaft besteht für mich darin, dass sie nicht vergessen, dass der Kampf des iranischen Volkes weitergeht, dass man sich nicht nur auf diese nuklearen Konflikte konzentriert, und ich denke, das ist auch wichtig, aber das ist nicht das Einzige und es darf nicht das Wichtigste sein, sondern man sollte vor allem die Menschen verteidigen und für sie eintreten, die immer wieder auf die Straße gegangen sind und ihr Leben riskiert haben und die damit die Demokratie verteidigt haben. Also wenn man die iranische Demokratie schützen möchte, dann muss man sich für diese Leute einsetzen.

Und man sollte sich immer wieder daran erinnern, dass viele von diesen jungen Leuten nach wie vor im Gefängnis sitzen und Druck auf die Regierung ausüben, sie wieder freizulassen, also auch diejenigen, die jetzt nicht prominent sind, sondern die ganz normalen Menschen, auf deren Freilassung hinzuwirken. Und ich weiß, dass das im Fall von Jafar Panahi sehr erfolgreich war und es sehr hilfreich war. Es ist ein Freund von mir, darum habe ich mich darüber sehr gefreut.

Bürger: Auf der anderen Seite haben Sie sich sehr eindeutig in der Debatte um die umstrittenen Mohammed-Karikaturen positioniert, die Veröffentlichung der Karikaturen, das sei ein Ausdruck von Arroganz, so etwas werfe die Iraner, die sich für Veränderungen engagieren, eher zurück. Wo also liegt die Grenze für Sie, was die Meinungsfreiheit betrifft?

Neshat: Meine Kritik daran bestand vor allem darin, dass es eine Tendenz im Westen gibt zu sagen, unsere Rationalität, unsere Wirklichkeit ist die einzig wahre und sie gilt für die ganze Welt. Aber ich denke, dass auch der Westen lernen muss, die Unterschiede zu respektieren, dass es verschiedene Ideen gibt, verschiedene Rationalitäten auf der Welt, und dass man beiden Seiten Respekt gegenüber aufbringen muss. Ich denke, dass der Westen denkt, die Welt ist in dieser Hinsicht eine Einheit, aber wir müssen halt auch lernen, diese Unterschiede zu respektieren, die es nun einmal gibt.

Das heißt nicht, dass ich gegen freie Meinungsäußerung bin, natürlich nicht. Ich als Künstlerin, die ich aufgrund auch meiner freien Meinungsäußerungsmöglichkeiten im Exil lebe, ich bin natürlich dafür, dass man sich frei äußern kann. Aber ich denke, im Sinne der Lücke, die zwischen dem Westen und dem Islam besteht, müssen wir versuchen, diese durch einen Dialog zu schließen. Wir müssen versuchen, diese Lücke durch respektvollen Dialog kleiner werden zu lassen.