Eine zweite Chance
Sie kommen aus Guinea, Tschetschenien, Bangladesch oder Afghanistan. Sie sind vor Kriegen, Gewalt, Armut oder drohender Versklavung geflohen und auf der Suche nach einem besseren Leben in Deutschland angekommen. Manche sind erst 10 oder 12, die meisten 14 bis 16 Jahre alt. Kinder ohne Eltern, allein in einem fremden Land.
Die Sozialpädagogin: "Viele Kinder und Jugendliche kommen hier in einem schwer traumatisierten Zustand an. Diese Traumata wurden begründet durch entsetzliche Erlebnisse, die sie in ihrem Heimatland erlebten."
Der Vormund: "Wir hatten vorher nie irgendeinen einen Kontakt mit ausländischen Flüchtlingskindern oder, dass es dieses Phänomen überhaupt gibt in Deutschland minderjährige, unbegleitete Flüchtlingskinder ich hätte das nicht ausgeschlossen, aber in dem Umfang und hier in Berlin, das war mir nicht klar."
Ein Flüchtlingskind: "Für uns ist es eine zweite Chance. Denn meine Freundinnen, die ich zurücklassen musste, sind jetzt in einer misslichen Lage, sie wurden gezwungen zu heiraten. Sie haben es nicht geschafft zu fliehen, aber ich, ich habe es geschafft und bin jetzt an einem besseren Ort."
In der Berliner S-Bahn drängeln sich die Fahrgäste. An ein Fenster gelehnt, sitzt ein schwarzes Mädchen mit auffällig großen Augen und hoher Stirn. Graue Häuser und Autokolonnen rauschen an ihr vorbei. Am Horizont blinkt der Fernsehturm.
Hannah ist 15 Jahre alt. Vor einem Jahr kam sie nach Deutschland. Allein. Ohne Eltern.
Im Bezirk Pankow steigt sie aus. Hier kam Hannah damals an. Nur mit einer Plastiktüte und den Kleidern, die sie am Körper trug. Hannah ist vor Beschneidung und Zwangsheirat aus Afrika geflohen.
Hannah: "Meine Idee war wegzulaufen. Wo auch immer ich landen würde, wäre der beste Ort, um nicht beschnitten und mit einem älteren Mann verheiratet zu werden. Ja, für mich, für mich war es eine Rettung."
Hannah biegt in eine ruhige Seitenstraße ein, bleibt vor einem ockerfarbenen Haus mit einem schmiedeeisernen Tor stehen.
Hannah betritt einen breiten Flur mit buntem Glasfenster. Die Treppenstufen bedeckt ein dicker, roter Teppich. Hier wohnen Martina Diegelmann und Chris Preston. Sie haben damals das Mädchen auf der Straße gefunden.
In der Tür im ersten Stock steht Martina Diegelmann 50 Jahre alt, die grauen Haare zu einem Pagenkopf geschnitten. Neben der Frau, ihr Ehemann Chris Preston. Beide umarmen Hannah. Hinter ihnen erstreckt sich eine Fünf-Zimmer-Wohnung, 170 Quadratmeter groß. Auf dem Boden Parkett im Fischgrätenmuster, an den Wänden antike Holzschränke, Bücherregale und gerahmte Bilder.
Während Chris Preston in die Küche verschwindet, gehen Hannah und Martina Diegelmann ins Wohnzimmer, setzen sich auf das breite Stoffsofa mit den dunkelroten Rosen. Die gegenüberliegenden Fenster geben den Blick auf den Park frei. Es regnet. Nicht weit von hier sind sie sich damals begegnet. An einem Sonntagnachmittag im Herbst 2007.
Martina Diegelmann: "Mein Mann und ich wir sind spazieren gegangen, wir sind durch den Schlosspark gegangen, haben da so eine Runde gedreht, nach dem Mittagessen und da stand sie an der Straße und hat uns angesprochen und hat gesagt: I’m looking for a camp. Und ich hab gedacht, ein Studentencamp oder so etwas. Nein, sagte sie, ein Refugee-Camp.
Ich hab gesagt: Hier in Pankow? Nein, wir haben kein Flüchtlingslager in Pankow. Und wir haben dann überlegt, was wir machen, wir haben sie noch gefragt, woher sie kommt? Da hat sie gesagt aus Kenia.
Nein, woher sie jetzt kommt? Ja, ja, jetzt kommt sie aus Kenia. Und dann haben wir gedacht: irgendein grandioses Missverständnis liegt hier vor und wer sie hierher gebracht hat? Ob sie wieder abgeholt wird? Nein, sie wird nie wieder abgeholt."
Was Martina Diegelmann damals nicht wusste: Hannah suchte die Aufnahmestelle für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die sogenannte Clearingstelle. Dort werden alle Kinder, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, zunächst versorgt, während Polizei und Behörden versuchen, Identität und Hintergründe der Flucht zu klären. Die Person, die Hannah nach Deutschland bringt, setzt sie damals einfach in der Nähe der Aufnahmestelle ab.
Hannah: "Ich habe Angst, wer hat mich hierher gebracht ist nicht mehr da und ich finde nicht dieses Heim. Wohin soll ich gehen? Ich weiß niemanden und ja ..."
Hannah, gerade mal 1,50 m groß, kaum schwerer als 45 Kilo, versinkt beinahe in dem plüschigen Sofa. Mit nach vorne geklappten Schultern sitzt sie da, die Hände unter den Oberschenkeln versteckt. Ihre großen, braunen Augen blicken ängstlich, sie atmet schwer. Martina Diegelmann streichelt ihr beruhigend über die Hand.
Martina Diegelmann: "Genug Grund Angst zu haben, mein Gott, wenn ich mir das vorstelle, dass ich mit 15 in einem fremden Kontinent stehe, die Sprache nicht spreche und niemanden kenne, das ist doch gruselig, oder? Ich habe mir immer überlegt, wenn sie an die falschen Leute geraten wäre ... Niemand hätte sie vermisst ... also es wusste ja niemand, dass sie hier ist."
Schließlich fanden die drei die Aufnahmestelle. Hannah wurde gleich da behalten. Später, als sie in eine betreute Jugendeinrichtung zieht, übernimmt das Ehepaar ehrenamtlich ihre Vormundschaft. Zusammen mit dem Jugendamt kümmern sie sich um alles, wofür sonst Eltern verantwortlich sind: Schulzeugnisse unterschreiben, in Operationen einwilligen, ein Konto eröffnen.
Martina Diegelmann und Hannah: "Ja, genau, so machen wir das. Aber diese Hosen sind doch neu?
Nein, die sind nicht neu. Es war zu groß, aber jetzt passt es mir. Guck, es ist alt ..."
Die erste Zeit in Deutschland war nicht leicht für Hannah - ohne Familie und Freunde. Sie magerte stark ab. Mittlerweile hat sie wieder etwas zugenommen. Aber die ständige Angst vor Abschiebung ist geblieben. Als sie davon erzählt, springt sie vor Aufregung ins Englische.
Hannah: "Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich müsste zurückgehen. Denn es war schwer, der Prozess der Legalisierung und der Prozess mit der Ausländerbehörde war schwer ..."
Zusammen mit ihrem Vormund hat Hannah einen Asylantrag gestellt, aber die Chancen, diesen bewilligt zu bekommen, sind gering. Noch kommt Hannah ein besonderer Schutz zu. Im Gegensatz zu erwachsenen Asylbewerbern fällt sie unter das Kinder- und Jugendhilfegesetz, hat Anspruch auf eine intensive Betreuung, darf zur Schule gehen. Doch bald wird sie 16. Wenn sie dann kein Asyl oder wenigstens eine zeitlich begrenzte Duldung bekommt, darf sie abgeschoben werden.
Martina Diegelmanns Ehemann kommt aus der Küche und setzt sich zu den beiden. Zeit für die wöchentliche Deutschstunde. Immer wenn Hannah zu Besuch ist, üben die Kenianerin und der Engländer zusammen Lesen. Chris Preston lebt seit 30 Jahren als Mathematik-Professor in Deutschland. Der grauhaarige Mann in Cordhose und bunter Strickjacke schlägt einen Katalog für Studienreisen nach Afrika auf.
Sie blättern sich durch die vielen farbigen Fotos von Elefanten in freier Wildbahn, sonnendurchglühten Savannen, dichtem Urwald und schneebedeckten Bergkuppen.
Hannahs Erinnerungen an ihr altes Leben in Kenia sind weniger touristentauglich. Nachdem ihr Vater sie beschneiden lassen und zwangsverheiraten wollte, lief sie von zu Hause weg und lebte einige Zeit auf der Straße. Hannah sah nur einen Ausweg: Kenia verlassen. Eine Touristin half ihr bei der Flucht, sagt sie.
Über Details ihrer Flucht spricht sie, wie fast alle Kinder, nicht. Die meisten kommen mit Schleppern nach Deutschland. Auf eigene Faust oder von ihren Verwandten geschickt. Wochenlang sind sie ihren Schleppern ausgeliefert und bekommen immer wieder eingebläut, kein Wort über ihre Flucht zu verlieren.
Martina Diegelmann und Chris Preston respektieren ihr Schweigen, fragen nicht nach Einzelheiten aus der Vergangenheit. Sie möchten ihr in ihrem jetzigen Leben zur Seite stehen.
Martina Diegelmann zieht eine Plastiktüte hervor. Schüttet sie über dem Sofa aus. Zwei Dutzend Fläschchen, Tuben und Tiegelchen mit goldfarbenen Deckeln landen zwischen Hannah und ihr.
Hannah packt die Seifen und Lotionen in ihre Tasche. Einen Teil sollen ihre Freundinnen bekommen, die mit ihr in einer betreuten Jugendeinrichtung leben. Jetzt macht sie sich auf den Weg dorthin.
Wieder sitzt Hannah in der S-Bahn, schaut aus dem Fenster. Berlin ist alles, was sie von Deutschland kennt. Für die Dauer des Asylverfahrens hat sie nur eine Aufenthaltsgestattung. Mit der darf sie die Stadtgrenzen nicht verlassen.
Hannah: "Aber ich finde Berlin gut, ich habe keine Lust draußen zu gehen, weil gibt’s alles, gibt’s Kino, gibt’s Schule, gibt’s Freunde, ich sehe Fluss, ich sehe Schiff, ich sehe alles."
Hannah geht eine breite Straße mit Kopfsteinpflaster entlang. Ein türkischer Gemüsehändler bietet Mandarinenfilets an, vor einer Telefonzelle mit der Aufschrift "Weltweit günstig telefonieren” stehen drei junge Afrikaner Schlange. Hannah ist auf dem Weg nach Hause. Das ist momentan "Die Zwischenstation”, eine betreute Jugendeinrichtung für junge Flüchtlinge in einem typischen Berliner Altbau.
Hannah betritt das Ladenlokal, das Büro und Aufenthaltsraum zugleich ist. In dem langen Raum stehen vier Schreibtische mit Computern. Daneben Regale, vollgestopft mit gespendetem Spielzeug und Kleidung, eine bunte Sofalandschaft und ein alter Billardtisch. Hier arbeiten vier Sozialpädagogen fast rund um die Uhr. Momentan ist viel zu tun, alle 42 Plätze der Station sind belegt.
Hannah setzt sich zu zwei anderen Kindern auf eines der drei durchgesessenen Sofas. Jedes Jahr fliehen Hunderte minderjährige Flüchtlinge vor Krieg, Naturkatastrophen, Armut alleine nach Deutschland. Aus dem Irak, Afghanistan, Zentralafrika und anderen Krisengebieten. 2008 waren es rund 600 Kinder.
Gisela Treuner: "Aber ich finde es sehr schön, dass sie das jetzt machen, ich bin auch sehr beschäftigt gerade."
An einen Schreibtisch gelehnt steht Gisela Treuner die Leiterin der Zwischenstation und telefoniert.
Die Sozialpädagogin winkt Hannah kurz zu, hat aber keine Zeit für ein persönliches Gespräch. Sie muss sich um die Kinder kümmern, die erst seit einigen Wochen in Deutschland sind. Hannah steht vom Sofa auf und verschwindet durch eine Tür nach oben in ihre Wohnung, will Schulaufgaben machen.
Während des Gesprächs streicht sich die groß gewachsene Frau immer wieder ihre glatten dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, spielt mit ihrer Roth-Händle Zigarettenschachtel. Gisela Treuner bietet den jungen Flüchtlingen nicht nur einen Platz zum Wohnen, sondern organisiert auch Arzt- und Therapiebesuche, Behördengänge und Schulplätze.
Gisela Treuner beendet ihr Telefonat und wendet sich einem Kollegen zu.
Fünf bis sechs Tage die Woche ist Gisela Treuner in der Zwischenstation. Auch per Handy ist sie rund um die Uhr erreichbar. Nicht immer sind es normale Teenagerprobleme, wie Schulstress und Liebeskummer, um die sie sich kümmert. Viele Kinder leiden unter Verfolgungswahn, Schlafstörungen und Angstzuständen.
Treuner: "Viele Kinder und Jugendliche kommen hier in einem schwer traumatisierten Zustand an. Diese Traumata wurden begründet durch entsetzliche Erlebnisse, die sie in ihrem Heimatland erlebten. Diese Traumata sind für sie so bestimmend und füllen sie so aus, dass sie sich auf die hiesigen Zustände und auf die Anforderungen kaum einlassen, können. Sie sind mit ihrer Vergangenheit total beschäftigt und können sich eigentlich nicht auf die Gegenwart einlassen."
Eines dieser schwer traumatisierten Kinder steht mitten im Raum, an dem großen Billardtisch. Seinen wirklichen Namen will der Junge nicht preisgeben. Nennen wir ihn Peter. Peter ist erst seit wenigen Tagen in der Zwischenstation. Fast immer steht er am Billardtisch, spielt stundenlang, meistens alleine.
Sein schlaksiger Jungen-Körper wirkt angespannt, während er mit beiden Händen den Queue umklammert und versucht eine Kugel nach der anderen in den schwarzen Löchern zu versenken.
Peter kam vor zwei Monaten aus Westafrika nach Deutschland. Seine Eltern und seine Geschwister wurden bei einem Rebellenangriff auf sein Heimatdorf ermordet, er selber von ihnen verschleppt, gefoltert und als Kindersoldat missbraucht. In seiner Akte steht: Zuletzt wohnhaft: Rebellengruppe im Busch, genauer Ort unbekannt.
Treuner: "Nur jemand, der einen Ort verlassen hat, kann irgendwo ankommen. Und wir haben immer wieder Kinder und Jugendliche, die haben ihr Herkunftsland nicht verlassen, das lebt in ihnen total fort, mit den ganzen Schrecken und auch den Verlusten, von Eltern, Geschwistern, die sie geliebt haben und nach denen sie Sehnsucht haben und die sie fürchterlich vermissen. Und solange sie diese Traumata und diese Verluste nicht aufgearbeitet haben, können sie hier nicht ankommen."
Der Junge ist vertieft in sein Spiel. Er will nicht über sich und seine Geschichte reden. Zu groß ist die Angst, dass die Rebellen, die ihn damals verschleppt haben, ihn auch hier in Deutschland finden könnten.
Plötzlich nimmt ein anderes Kind einen Queue und schlägt eine Kugel laut polternd gegen die Bande.
Peter zuckt mit dem ganzen Körper unkontrolliert zusammen, reißt die Augen auf. Gisela Treuner beobachtet ihn.
Treuner: "Diesem Jungen, dem muss man etwas Zeit geben, sich hier in Deutschland, in Berlin und bei uns zurechtzufinden. Aber ich bin sicher, dass wir ihn in etwa ein, zwei Monaten mal im Behandlungszentrum für Folteropfer vorstellen werden, weil er nicht über die Grausamkeiten, die ihm widerfahren sind und die Schrecken gar nicht sprechen kann. Also er ist nicht in der Lage, darüber zu reden und es zu benennen, was ihm widerfahren ist."
Vier Stockwerke höher legt Hannah ihre Schulaufgaben beiseite und fängt an zu kochen. Ihre Wohnung - zwei Räume, Küche, Bad - teilt sie sich mit einem anderen Flüchtlingsmädchen.
Heute ist Hannahs beste Freundin Sarah zum Essen gekommen. Sie lebt auch in der Zwischenstation, geht mit Hannah in die neunte Klasse der Hauptschule. Zusammen decken sie den Küchentisch. Es gibt Reis mit Gemüse und Mangosoße.
Die Mädchen setzen sich an den kleinen, weißen Plastiktisch und fangen an zu essen.
Sarah, 16 Jahre, kräftiger Körperbau, glatte, streng nach hinten gesteckte Haare ist seit Dezember 2007 in Berlin. Auch sie flüchtete aus Afrika nach Deutschland. Nach dem AIDS-Tod ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester, wollte ihr Vater sie verheiraten: mit ihrem HIV-positiven Schwager, gut zehn Jahre älter als sie. Die Flucht organisierte der Arzt ihrer Schwester, sagt Sarah.
Sarah: "Meine Mutter ist 2000 gestorben und meine Schwester ist letztes Jahr am 11. September gestorben. Es war wie ein … ein Fluch in der Familie, weil meine Mutter hatte auch AIDS und mein Vater, ich weiß nicht, vielleicht er ist auch schon gestorben, das weiß ich nicht."
Immer wieder fingert Sarah an dem Reißverschluss ihres Sweatshirts herum, zieht ihn bis unters Kinn. Mehrmals streicht sie sich mit der flachen Hand übers Gesicht - so als könne sie die quälenden Erinnerungen an ihr Leben in Afrika einfach wegwischen.
Sarah: "Jetzt bin ich hier alleine, (aber) ich habe meine Freiheit. Ich brauche momentan keine Angst zu haben. Da ist niemand, wie mein Vater, der mir im Nacken sitzt. Ich kann einfach Ich sein, ohne jemanden, der mir sagt, wer ich sein soll. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. In Afrika wird den Kindern nicht so viel Wahl gelassen."
Hannah und Sarah räumen schnell den Tisch ab, stapeln die schmutzigen Teller in der Spüle. Sie sind spät dran. Gleich müssen sie zur Probe. Beide singen dreimal die Woche in einem Gospelchor, obwohl ihr täglicher Tagesablauf mit Schule, Deutschunterricht, Nachhilfe schon mehr als voll gestopft ist. In Afrika sah ihr Leben anders aus.
Sarah: "Bei mir, ich musste zu viel arbeiten, Wasser holen und waschen und wir haben auch nicht so gut gelebt, wir sind in Kibera Slums gewohnt, das ist ein großer Slum in Kenia."
Hannah: "Für uns ist es eine zweite Chance. Denn meine Freundinnen, die ich zurücklassen musste, sind jetzt in einer misslichen Lage, sie wurden gezwungen zu heiraten. Sie haben es nicht geschafft zu fliehen, aber ich, ich habe es geschafft und bin jetzt an einem besseren Ort."
Die beiden Mädchen gehen in Hannahs Zimmer, um ihre Jacken aus dem Kleiderschrank zu holen. Vor dem Fenster steht Hannahs Bett, daneben ein Schreibtisch, ein Bücherregal und ein großes schwarzes Sofa. An den Wänden keine Fotos, keine Bilder. Außer einer kleinen kenianischen Papierfahne erinnert hier nichts an Afrika. Ob Hannah manchmal Heimweh hat?
Hannah: "Ja, ich vermisse meine Mama und meine Freunde und auch unsere Kultur."
Sarah, Hannah und zwei andere Flüchtlingsmädchen laufen im Dunkeln zur Probe. Für sie ist der Chor ein Stück Heimat in Deutschland, einem Land von dem sie in Afrika noch nie gehört hat.
Sarah. "Ich wusste nicht, dass es gibt Deutschland und Amerika und so was, ich dachte nur, die weißen Leute wohnen in einem Land, ich dachte alle Leute sprechen die gleiche Sprache: Englisch."
Als die vier am Gemeindesaal ankommen, hat die Chorprobe bereits begonnen. Sechs Mädchen, die meisten von ihnen schwarz, haben sich vor einem ebenfalls schwarzen Pfarrer aufgestellt. Hinter ihnen hölzerne Stuhlreihen, an der Decke Neonlicht, auf den zitronengelben Wände Bibelzitate.
Die Mädchen stellen sich dazu. An der Wand vor ihnen hängt ein Kreuz. "I stand at the door and knock” steht darauf. In der "International Christian Revival Church” treffen Hannah und Sarah Menschen mit der gleichen Hautfarbe und ähnlichen Schicksalen.
Hannah und Sarah wippen im Takt von einem Fuß auf den anderen, reißen bei dem Wort "Higher" rhythmisch die Arme hoch. Sie singen und beten, lachen und klatschen bevor sie wieder hinausgehen in die Berliner Nacht.
Der Vormund: "Wir hatten vorher nie irgendeinen einen Kontakt mit ausländischen Flüchtlingskindern oder, dass es dieses Phänomen überhaupt gibt in Deutschland minderjährige, unbegleitete Flüchtlingskinder ich hätte das nicht ausgeschlossen, aber in dem Umfang und hier in Berlin, das war mir nicht klar."
Ein Flüchtlingskind: "Für uns ist es eine zweite Chance. Denn meine Freundinnen, die ich zurücklassen musste, sind jetzt in einer misslichen Lage, sie wurden gezwungen zu heiraten. Sie haben es nicht geschafft zu fliehen, aber ich, ich habe es geschafft und bin jetzt an einem besseren Ort."
In der Berliner S-Bahn drängeln sich die Fahrgäste. An ein Fenster gelehnt, sitzt ein schwarzes Mädchen mit auffällig großen Augen und hoher Stirn. Graue Häuser und Autokolonnen rauschen an ihr vorbei. Am Horizont blinkt der Fernsehturm.
Hannah ist 15 Jahre alt. Vor einem Jahr kam sie nach Deutschland. Allein. Ohne Eltern.
Im Bezirk Pankow steigt sie aus. Hier kam Hannah damals an. Nur mit einer Plastiktüte und den Kleidern, die sie am Körper trug. Hannah ist vor Beschneidung und Zwangsheirat aus Afrika geflohen.
Hannah: "Meine Idee war wegzulaufen. Wo auch immer ich landen würde, wäre der beste Ort, um nicht beschnitten und mit einem älteren Mann verheiratet zu werden. Ja, für mich, für mich war es eine Rettung."
Hannah biegt in eine ruhige Seitenstraße ein, bleibt vor einem ockerfarbenen Haus mit einem schmiedeeisernen Tor stehen.
Hannah betritt einen breiten Flur mit buntem Glasfenster. Die Treppenstufen bedeckt ein dicker, roter Teppich. Hier wohnen Martina Diegelmann und Chris Preston. Sie haben damals das Mädchen auf der Straße gefunden.
In der Tür im ersten Stock steht Martina Diegelmann 50 Jahre alt, die grauen Haare zu einem Pagenkopf geschnitten. Neben der Frau, ihr Ehemann Chris Preston. Beide umarmen Hannah. Hinter ihnen erstreckt sich eine Fünf-Zimmer-Wohnung, 170 Quadratmeter groß. Auf dem Boden Parkett im Fischgrätenmuster, an den Wänden antike Holzschränke, Bücherregale und gerahmte Bilder.
Während Chris Preston in die Küche verschwindet, gehen Hannah und Martina Diegelmann ins Wohnzimmer, setzen sich auf das breite Stoffsofa mit den dunkelroten Rosen. Die gegenüberliegenden Fenster geben den Blick auf den Park frei. Es regnet. Nicht weit von hier sind sie sich damals begegnet. An einem Sonntagnachmittag im Herbst 2007.
Martina Diegelmann: "Mein Mann und ich wir sind spazieren gegangen, wir sind durch den Schlosspark gegangen, haben da so eine Runde gedreht, nach dem Mittagessen und da stand sie an der Straße und hat uns angesprochen und hat gesagt: I’m looking for a camp. Und ich hab gedacht, ein Studentencamp oder so etwas. Nein, sagte sie, ein Refugee-Camp.
Ich hab gesagt: Hier in Pankow? Nein, wir haben kein Flüchtlingslager in Pankow. Und wir haben dann überlegt, was wir machen, wir haben sie noch gefragt, woher sie kommt? Da hat sie gesagt aus Kenia.
Nein, woher sie jetzt kommt? Ja, ja, jetzt kommt sie aus Kenia. Und dann haben wir gedacht: irgendein grandioses Missverständnis liegt hier vor und wer sie hierher gebracht hat? Ob sie wieder abgeholt wird? Nein, sie wird nie wieder abgeholt."
Was Martina Diegelmann damals nicht wusste: Hannah suchte die Aufnahmestelle für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, die sogenannte Clearingstelle. Dort werden alle Kinder, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, zunächst versorgt, während Polizei und Behörden versuchen, Identität und Hintergründe der Flucht zu klären. Die Person, die Hannah nach Deutschland bringt, setzt sie damals einfach in der Nähe der Aufnahmestelle ab.
Hannah: "Ich habe Angst, wer hat mich hierher gebracht ist nicht mehr da und ich finde nicht dieses Heim. Wohin soll ich gehen? Ich weiß niemanden und ja ..."
Hannah, gerade mal 1,50 m groß, kaum schwerer als 45 Kilo, versinkt beinahe in dem plüschigen Sofa. Mit nach vorne geklappten Schultern sitzt sie da, die Hände unter den Oberschenkeln versteckt. Ihre großen, braunen Augen blicken ängstlich, sie atmet schwer. Martina Diegelmann streichelt ihr beruhigend über die Hand.
Martina Diegelmann: "Genug Grund Angst zu haben, mein Gott, wenn ich mir das vorstelle, dass ich mit 15 in einem fremden Kontinent stehe, die Sprache nicht spreche und niemanden kenne, das ist doch gruselig, oder? Ich habe mir immer überlegt, wenn sie an die falschen Leute geraten wäre ... Niemand hätte sie vermisst ... also es wusste ja niemand, dass sie hier ist."
Schließlich fanden die drei die Aufnahmestelle. Hannah wurde gleich da behalten. Später, als sie in eine betreute Jugendeinrichtung zieht, übernimmt das Ehepaar ehrenamtlich ihre Vormundschaft. Zusammen mit dem Jugendamt kümmern sie sich um alles, wofür sonst Eltern verantwortlich sind: Schulzeugnisse unterschreiben, in Operationen einwilligen, ein Konto eröffnen.
Martina Diegelmann und Hannah: "Ja, genau, so machen wir das. Aber diese Hosen sind doch neu?
Nein, die sind nicht neu. Es war zu groß, aber jetzt passt es mir. Guck, es ist alt ..."
Die erste Zeit in Deutschland war nicht leicht für Hannah - ohne Familie und Freunde. Sie magerte stark ab. Mittlerweile hat sie wieder etwas zugenommen. Aber die ständige Angst vor Abschiebung ist geblieben. Als sie davon erzählt, springt sie vor Aufregung ins Englische.
Hannah: "Es gab eine Zeit, da dachte ich, ich müsste zurückgehen. Denn es war schwer, der Prozess der Legalisierung und der Prozess mit der Ausländerbehörde war schwer ..."
Zusammen mit ihrem Vormund hat Hannah einen Asylantrag gestellt, aber die Chancen, diesen bewilligt zu bekommen, sind gering. Noch kommt Hannah ein besonderer Schutz zu. Im Gegensatz zu erwachsenen Asylbewerbern fällt sie unter das Kinder- und Jugendhilfegesetz, hat Anspruch auf eine intensive Betreuung, darf zur Schule gehen. Doch bald wird sie 16. Wenn sie dann kein Asyl oder wenigstens eine zeitlich begrenzte Duldung bekommt, darf sie abgeschoben werden.
Martina Diegelmanns Ehemann kommt aus der Küche und setzt sich zu den beiden. Zeit für die wöchentliche Deutschstunde. Immer wenn Hannah zu Besuch ist, üben die Kenianerin und der Engländer zusammen Lesen. Chris Preston lebt seit 30 Jahren als Mathematik-Professor in Deutschland. Der grauhaarige Mann in Cordhose und bunter Strickjacke schlägt einen Katalog für Studienreisen nach Afrika auf.
Sie blättern sich durch die vielen farbigen Fotos von Elefanten in freier Wildbahn, sonnendurchglühten Savannen, dichtem Urwald und schneebedeckten Bergkuppen.
Hannahs Erinnerungen an ihr altes Leben in Kenia sind weniger touristentauglich. Nachdem ihr Vater sie beschneiden lassen und zwangsverheiraten wollte, lief sie von zu Hause weg und lebte einige Zeit auf der Straße. Hannah sah nur einen Ausweg: Kenia verlassen. Eine Touristin half ihr bei der Flucht, sagt sie.
Über Details ihrer Flucht spricht sie, wie fast alle Kinder, nicht. Die meisten kommen mit Schleppern nach Deutschland. Auf eigene Faust oder von ihren Verwandten geschickt. Wochenlang sind sie ihren Schleppern ausgeliefert und bekommen immer wieder eingebläut, kein Wort über ihre Flucht zu verlieren.
Martina Diegelmann und Chris Preston respektieren ihr Schweigen, fragen nicht nach Einzelheiten aus der Vergangenheit. Sie möchten ihr in ihrem jetzigen Leben zur Seite stehen.
Martina Diegelmann zieht eine Plastiktüte hervor. Schüttet sie über dem Sofa aus. Zwei Dutzend Fläschchen, Tuben und Tiegelchen mit goldfarbenen Deckeln landen zwischen Hannah und ihr.
Hannah packt die Seifen und Lotionen in ihre Tasche. Einen Teil sollen ihre Freundinnen bekommen, die mit ihr in einer betreuten Jugendeinrichtung leben. Jetzt macht sie sich auf den Weg dorthin.
Wieder sitzt Hannah in der S-Bahn, schaut aus dem Fenster. Berlin ist alles, was sie von Deutschland kennt. Für die Dauer des Asylverfahrens hat sie nur eine Aufenthaltsgestattung. Mit der darf sie die Stadtgrenzen nicht verlassen.
Hannah: "Aber ich finde Berlin gut, ich habe keine Lust draußen zu gehen, weil gibt’s alles, gibt’s Kino, gibt’s Schule, gibt’s Freunde, ich sehe Fluss, ich sehe Schiff, ich sehe alles."
Hannah geht eine breite Straße mit Kopfsteinpflaster entlang. Ein türkischer Gemüsehändler bietet Mandarinenfilets an, vor einer Telefonzelle mit der Aufschrift "Weltweit günstig telefonieren” stehen drei junge Afrikaner Schlange. Hannah ist auf dem Weg nach Hause. Das ist momentan "Die Zwischenstation”, eine betreute Jugendeinrichtung für junge Flüchtlinge in einem typischen Berliner Altbau.
Hannah betritt das Ladenlokal, das Büro und Aufenthaltsraum zugleich ist. In dem langen Raum stehen vier Schreibtische mit Computern. Daneben Regale, vollgestopft mit gespendetem Spielzeug und Kleidung, eine bunte Sofalandschaft und ein alter Billardtisch. Hier arbeiten vier Sozialpädagogen fast rund um die Uhr. Momentan ist viel zu tun, alle 42 Plätze der Station sind belegt.
Hannah setzt sich zu zwei anderen Kindern auf eines der drei durchgesessenen Sofas. Jedes Jahr fliehen Hunderte minderjährige Flüchtlinge vor Krieg, Naturkatastrophen, Armut alleine nach Deutschland. Aus dem Irak, Afghanistan, Zentralafrika und anderen Krisengebieten. 2008 waren es rund 600 Kinder.
Gisela Treuner: "Aber ich finde es sehr schön, dass sie das jetzt machen, ich bin auch sehr beschäftigt gerade."
An einen Schreibtisch gelehnt steht Gisela Treuner die Leiterin der Zwischenstation und telefoniert.
Die Sozialpädagogin winkt Hannah kurz zu, hat aber keine Zeit für ein persönliches Gespräch. Sie muss sich um die Kinder kümmern, die erst seit einigen Wochen in Deutschland sind. Hannah steht vom Sofa auf und verschwindet durch eine Tür nach oben in ihre Wohnung, will Schulaufgaben machen.
Während des Gesprächs streicht sich die groß gewachsene Frau immer wieder ihre glatten dunkelblonden Haare aus dem Gesicht, spielt mit ihrer Roth-Händle Zigarettenschachtel. Gisela Treuner bietet den jungen Flüchtlingen nicht nur einen Platz zum Wohnen, sondern organisiert auch Arzt- und Therapiebesuche, Behördengänge und Schulplätze.
Gisela Treuner beendet ihr Telefonat und wendet sich einem Kollegen zu.
Fünf bis sechs Tage die Woche ist Gisela Treuner in der Zwischenstation. Auch per Handy ist sie rund um die Uhr erreichbar. Nicht immer sind es normale Teenagerprobleme, wie Schulstress und Liebeskummer, um die sie sich kümmert. Viele Kinder leiden unter Verfolgungswahn, Schlafstörungen und Angstzuständen.
Treuner: "Viele Kinder und Jugendliche kommen hier in einem schwer traumatisierten Zustand an. Diese Traumata wurden begründet durch entsetzliche Erlebnisse, die sie in ihrem Heimatland erlebten. Diese Traumata sind für sie so bestimmend und füllen sie so aus, dass sie sich auf die hiesigen Zustände und auf die Anforderungen kaum einlassen, können. Sie sind mit ihrer Vergangenheit total beschäftigt und können sich eigentlich nicht auf die Gegenwart einlassen."
Eines dieser schwer traumatisierten Kinder steht mitten im Raum, an dem großen Billardtisch. Seinen wirklichen Namen will der Junge nicht preisgeben. Nennen wir ihn Peter. Peter ist erst seit wenigen Tagen in der Zwischenstation. Fast immer steht er am Billardtisch, spielt stundenlang, meistens alleine.
Sein schlaksiger Jungen-Körper wirkt angespannt, während er mit beiden Händen den Queue umklammert und versucht eine Kugel nach der anderen in den schwarzen Löchern zu versenken.
Peter kam vor zwei Monaten aus Westafrika nach Deutschland. Seine Eltern und seine Geschwister wurden bei einem Rebellenangriff auf sein Heimatdorf ermordet, er selber von ihnen verschleppt, gefoltert und als Kindersoldat missbraucht. In seiner Akte steht: Zuletzt wohnhaft: Rebellengruppe im Busch, genauer Ort unbekannt.
Treuner: "Nur jemand, der einen Ort verlassen hat, kann irgendwo ankommen. Und wir haben immer wieder Kinder und Jugendliche, die haben ihr Herkunftsland nicht verlassen, das lebt in ihnen total fort, mit den ganzen Schrecken und auch den Verlusten, von Eltern, Geschwistern, die sie geliebt haben und nach denen sie Sehnsucht haben und die sie fürchterlich vermissen. Und solange sie diese Traumata und diese Verluste nicht aufgearbeitet haben, können sie hier nicht ankommen."
Der Junge ist vertieft in sein Spiel. Er will nicht über sich und seine Geschichte reden. Zu groß ist die Angst, dass die Rebellen, die ihn damals verschleppt haben, ihn auch hier in Deutschland finden könnten.
Plötzlich nimmt ein anderes Kind einen Queue und schlägt eine Kugel laut polternd gegen die Bande.
Peter zuckt mit dem ganzen Körper unkontrolliert zusammen, reißt die Augen auf. Gisela Treuner beobachtet ihn.
Treuner: "Diesem Jungen, dem muss man etwas Zeit geben, sich hier in Deutschland, in Berlin und bei uns zurechtzufinden. Aber ich bin sicher, dass wir ihn in etwa ein, zwei Monaten mal im Behandlungszentrum für Folteropfer vorstellen werden, weil er nicht über die Grausamkeiten, die ihm widerfahren sind und die Schrecken gar nicht sprechen kann. Also er ist nicht in der Lage, darüber zu reden und es zu benennen, was ihm widerfahren ist."
Vier Stockwerke höher legt Hannah ihre Schulaufgaben beiseite und fängt an zu kochen. Ihre Wohnung - zwei Räume, Küche, Bad - teilt sie sich mit einem anderen Flüchtlingsmädchen.
Heute ist Hannahs beste Freundin Sarah zum Essen gekommen. Sie lebt auch in der Zwischenstation, geht mit Hannah in die neunte Klasse der Hauptschule. Zusammen decken sie den Küchentisch. Es gibt Reis mit Gemüse und Mangosoße.
Die Mädchen setzen sich an den kleinen, weißen Plastiktisch und fangen an zu essen.
Sarah, 16 Jahre, kräftiger Körperbau, glatte, streng nach hinten gesteckte Haare ist seit Dezember 2007 in Berlin. Auch sie flüchtete aus Afrika nach Deutschland. Nach dem AIDS-Tod ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester, wollte ihr Vater sie verheiraten: mit ihrem HIV-positiven Schwager, gut zehn Jahre älter als sie. Die Flucht organisierte der Arzt ihrer Schwester, sagt Sarah.
Sarah: "Meine Mutter ist 2000 gestorben und meine Schwester ist letztes Jahr am 11. September gestorben. Es war wie ein … ein Fluch in der Familie, weil meine Mutter hatte auch AIDS und mein Vater, ich weiß nicht, vielleicht er ist auch schon gestorben, das weiß ich nicht."
Immer wieder fingert Sarah an dem Reißverschluss ihres Sweatshirts herum, zieht ihn bis unters Kinn. Mehrmals streicht sie sich mit der flachen Hand übers Gesicht - so als könne sie die quälenden Erinnerungen an ihr Leben in Afrika einfach wegwischen.
Sarah: "Jetzt bin ich hier alleine, (aber) ich habe meine Freiheit. Ich brauche momentan keine Angst zu haben. Da ist niemand, wie mein Vater, der mir im Nacken sitzt. Ich kann einfach Ich sein, ohne jemanden, der mir sagt, wer ich sein soll. Ich kann meine eigenen Entscheidungen treffen. In Afrika wird den Kindern nicht so viel Wahl gelassen."
Hannah und Sarah räumen schnell den Tisch ab, stapeln die schmutzigen Teller in der Spüle. Sie sind spät dran. Gleich müssen sie zur Probe. Beide singen dreimal die Woche in einem Gospelchor, obwohl ihr täglicher Tagesablauf mit Schule, Deutschunterricht, Nachhilfe schon mehr als voll gestopft ist. In Afrika sah ihr Leben anders aus.
Sarah: "Bei mir, ich musste zu viel arbeiten, Wasser holen und waschen und wir haben auch nicht so gut gelebt, wir sind in Kibera Slums gewohnt, das ist ein großer Slum in Kenia."
Hannah: "Für uns ist es eine zweite Chance. Denn meine Freundinnen, die ich zurücklassen musste, sind jetzt in einer misslichen Lage, sie wurden gezwungen zu heiraten. Sie haben es nicht geschafft zu fliehen, aber ich, ich habe es geschafft und bin jetzt an einem besseren Ort."
Die beiden Mädchen gehen in Hannahs Zimmer, um ihre Jacken aus dem Kleiderschrank zu holen. Vor dem Fenster steht Hannahs Bett, daneben ein Schreibtisch, ein Bücherregal und ein großes schwarzes Sofa. An den Wänden keine Fotos, keine Bilder. Außer einer kleinen kenianischen Papierfahne erinnert hier nichts an Afrika. Ob Hannah manchmal Heimweh hat?
Hannah: "Ja, ich vermisse meine Mama und meine Freunde und auch unsere Kultur."
Sarah, Hannah und zwei andere Flüchtlingsmädchen laufen im Dunkeln zur Probe. Für sie ist der Chor ein Stück Heimat in Deutschland, einem Land von dem sie in Afrika noch nie gehört hat.
Sarah. "Ich wusste nicht, dass es gibt Deutschland und Amerika und so was, ich dachte nur, die weißen Leute wohnen in einem Land, ich dachte alle Leute sprechen die gleiche Sprache: Englisch."
Als die vier am Gemeindesaal ankommen, hat die Chorprobe bereits begonnen. Sechs Mädchen, die meisten von ihnen schwarz, haben sich vor einem ebenfalls schwarzen Pfarrer aufgestellt. Hinter ihnen hölzerne Stuhlreihen, an der Decke Neonlicht, auf den zitronengelben Wände Bibelzitate.
Die Mädchen stellen sich dazu. An der Wand vor ihnen hängt ein Kreuz. "I stand at the door and knock” steht darauf. In der "International Christian Revival Church” treffen Hannah und Sarah Menschen mit der gleichen Hautfarbe und ähnlichen Schicksalen.
Hannah und Sarah wippen im Takt von einem Fuß auf den anderen, reißen bei dem Wort "Higher" rhythmisch die Arme hoch. Sie singen und beten, lachen und klatschen bevor sie wieder hinausgehen in die Berliner Nacht.
