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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.10.2012

Eine unheimliche Liebe

Zoran Feric: "Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr", Wien/Bozen 2012, 538 Seiten

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Ein Kreuzfahrtschiff (AP Archiv)
Ein Kreuzfahrtschiff (AP Archiv)

Die Bücher von Zoran Feric sind kurz und drastisch, zuweilen regelrechte Schocker. Sein neuer Roman dagegen hat epische Dimensionen. Erzählt werden die Irrungen und Wirrungen einer in die Jahre gekommenen Abiturklasse, die sich nach 50 Jahren wiedertrifft.

Auf 540 Seiten und voller Sympathie für die verrenteten Hauptpersonen erzählt der wohl beste lebende kroatische Schriftsteller die Geschichte einer lebenslangen Liebe, und je mehr der Leser erfährt, desto unbegreiflicher und abgründiger werden ihm Liebe und Liebende.

50 Jahre nach dem Abitur wiederholen die zwölf noch lebenden ehemaligen Klassenkameraden ihre Abschlussfahrt: Sie fahren mit dem Motorsegler "Tramuntana" die dalmatinische Küste entlang, besuchen Städte und Inseln, darunter Titos berüchtigte Lagerinsel Goli Otok, kämpfen mit Blase und Blutdruck, miteinander und mit einem Sturm. Die nostalgische Stimmung wird durch die beginnende Senilität oft skurril eingefärbt, aus alten Konflikten ergeben sich neue:

Jugana sieht mit Schrecken, wie in einem der ersten angelaufenen Häfen ihr 50-jähriger Sohn an Bord kommt. Der eifersüchtige Mislav will den Geliebten seiner seit langem verwitweten Mutter vertreiben, weshalb Franco bei größter Hitze unter Deck versteckt wird.

"Das Alter..." ist ein Abgesang auf die Liebe. Im Wechsel mit den Schiffsszenen um die gealterten Rassefrauen und Schwerenöter erinnert sich der 68-jährige Gynäkologe Tihomir Romar an sein Leben und seine große Liebe Senka, die er vor 40 Jahren aus den Augen verlor.

Glücklicherweise ist Senka nun auch an Bord und teilt sogar die Kabine mit ihm, dem glücklich verheirateten Großvater. Aber Tihomir, das zeigen die Erinnerungen, konnte Senka nur lieben, wenn er an Prostituierte dachte – und Senka, das enthüllt Ferić nach und nach, konnte Tihomir nur lieben, weil sie ohne sein Wissen mit dessen bestem Freund Roman schlief.

Zoran Ferić verknüpft Liebe und Tod auf irritierende, unheimliche Weise. Seine Figuren können nur mit Hilfe eines Dritten lieben: Schon der jugendliche Tihomir trägt das Geld, das für seine todkranke Mutter bestimmt ist, zu einer Prostituierten. In den 1970-er Jahren, als Tihomir, Senka und Roman um die 35 sind, ermöglicht die sexuelle Befreiung, dass der Dritte mittut: Die Liebenden treiben es regelmäßig zu dritt. Der Roman wird zu einem freizügigen Sittenbild eines jugoslawischen Kroatien. Doch als Roman stirbt, trennen sich Senka und Tihomir.

"Der Kalender der Maya", der Originaltitel des Romans, bezieht sich auf das Motto aus Malcolm Lowrys "Unter dem Vulkan": Die Mayas waren in der Astronomie bewandert, heißt es dort, kannten aber das kopernikanische System nicht. Tihomir ist ein Maya, der eine kopernikanische Wende erlebt: seine große Liebe wird zu einer unheimlichen. Allerdings nimmt das Buch langsam Fahrt auf, die ersten Szenen auf dem Schiff wirken wie aus einer Vorabendserie für ältere Zuschauer. Fesselnd ist dagegen die Lebensgeschichte Tihomirs, der beängstigend wenig von sich und von anderen weiß, jedoch ständig voller Lustangst in vieldeutig schillernde Situationen gerät.

Besprochen von Jörg Plath

Zoran Ferić: Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr
Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof
Folio Bibliothek, Wien/Bozen 2012
538 Seiten, 24,90 Euro


Weitere Rezension zu Zoran Ferić auf dradio.de:

Was sind Granaten schon gegen innere Qualen? - Zoran Ferić: "Die Kinder von Patras", Folio Verlag, Wien 2006, 171 Seiten

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Was sind Granaten schon gegen innere Qualen?

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