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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.03.2018

Eine Studienreise ins KrisengebietMein Bild vom Krieg

Von Azadê Peşmen

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Peschmerga-Kämpfer halten nahe Kirkuk im Nordirak die Stellung. (imago/Backhaus)
Welcher Eindruck entsteht, wenn man ein Kriegsgebiet selbst besucht? (imago/Backhaus)

Syrien, Irak, Afghanistan: Kriegsgebiete sind geografisch weit weg und dennoch durch die Bilder aus den Nachrichten und sozialen Netzwerken allgegenwärtig. Aber welcher Eindruck entsteht, wenn man die Krisenregion selbst besucht? Azadê Peşmen ist in den Nordirak gereist und hat eine Reisegruppe begleitet.

"Hallo! Habt ihr den Bus genommen, oder nicht? Den Bus müsst ihr nehmen, zum Meet and Greet! Ja, genau. Also rausgehen, dann in den Bus einsteigen und Azadê und ich sind schon hier. Es gibt nur eine Station. Ihr kommt aus dem Flughafengebäude raus und dann geht ihr in den Bus rein, wenn der gerade nicht da ist, dann müsst ihr kurz warten und das nächste Terminal ist das, wo ihr aussteigen müsst. Ok. Ciao."

Die Ankunftshalle, das "Meet and Greet" in der Nähe des Flughafens von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Annika, die eigentlich anders heißt, holt die Teilnehmenden einer Studienreise ab - auch mich, die Autorin dieses Features.

"Du reist gerne? Du möchtest neue Kulturen kennenlernen und fremde Gegenden entdecken? Oder: Du verfolgst das Weltgeschehen in den Nachrichten und hast doch das Gefühl, dass das nicht reicht, um die Welt zu verstehen? Nahostkonflikt, arabischer Frühling, ISIS und Flüchtlingskrise sind Begriffe, die man täglich in den Nachrichten hört. Man könnte meinen, im Nahen und Mittleren Osten gibt es nichts anderes als Krieg, Gewalt und Terrorismus – aber das ist nur die halbe Wahrheit. Neben den Konflikten und Auseinandersetzungen in der Region gab es auch politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich starke Veränderungen in den vergangenen sieben Jahren und bestimmte Gegenden im Nahen und Mittleren Osten haben insbesondere in dieser Zeit ihre Stärke, Sicherheit und Stabilität bewiesen."

So bewirbt ein Verein, der nicht genannt werden möchte, seine politische Studienreise. Zweimal im Jahr geht es in die Autonome Region Kurdistan. Also in das Gebiet, indem die Peschmerga, die kurdischen Streitkräfte gegen Daesh, den sogenannten islamischen Staat kämpften. Heute ist allerdings eine andere Gruppierung das größere Problem: Die Al-Haschd asch-Schaʿbī-Milizen, eine bewaffnete, schiitische Gruppe, die den Kurden im Irak ihre Autonomie nicht zugestehen. Ihre Präsenz ist sicherlich mit ein Grund, weshalb das Auswärtige Amt vor einer Reise in die Kurdengebiete warnt:

"Vor Reisen nach Irak wird gewarnt. Dies gilt mit Einschränkungen auch für die Region Kurdistan-Irak (Provinzen Dohuk, Erbil und Sulaymaniyah/Halabja). [...] Aufenthalte können in dieser Region nur nach sorgfältiger Prüfung der aktuellen örtlichen Sicherheitslage und mit den dann jeweils notwendigen Sicherheitsmaßnahmen in Betracht gezogen werden. [… ] Die Sicherheitslage im gesamten Irak bleibt volatil."

Kriege und Krisen sind allgegenwärtig

Krisengebiete wie der Irak sind zwar geografisch weit weg, aber angesichts der Masse an Nachrichten, die auf uns einströmen, kann kaum einer mehr behaupten, nichts von den Kriegen, die auf der Welt stattfinden mitzubekommen.

Nachrichten:
"Nach Einschätzungen der Vereinten Nationen hat der Bürgerkrieg in Syrien die schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren ausgelöst."

"Seit zwei Wochen schon führt die Türkei Krieg gegen kurdische Milizen in Nordsyrien, die Kämpfe in der Region Afrîn werden immer härter."

"Die kurdischen Peschmerga haben mit Hilfe von Luftschlägen der internationalen Koalition die IS-Milizen an entscheidender Stelle zurückgedrängt."

Wie formt sich unser Bild vom Krieg und von Krisenherden? Es ist in jedem Fall nicht einheitlich, meint Marion Müller, Professorin für Massenkommunikation an der Jacobs University Bremen. Sie ist Expertin für visuelle Kommunikation und erforscht die Wirkung von Bildern, vor allem im Kontext von Kriegsschauplätzen und Terrorismus.

Marion Müller: "Ich würde erstmal sagen, es ist schwierig zu sehen, ob es überhaupt das Bild vom Krieg gibt, sondern es sind verschiedene Bilder von Kriegen, die wir in den Köpfen haben und in den Vorstellungen und es ist erstaunlich was davon überlappt und dann zu einem kollektiven Bild, wie sie das auch bezeichnet haben, führt."

Trümmer in Jindaris, Afrin, im Norden Syriens nach einem türkischen Artillerieangriff (dpa / Sputnik)Trümmer in Jindaris, Afrin, im Norden Syriens nach einem türkischen Artillerieangriff (dpa / Sputnik)

Sich ein eigenes Bild machen

Die Zugänge zu diesen Bildern haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Möglichkeiten sich Informationen über Kriegshandlungen und Konfliktregionen zu beschaffen, erscheinen endlos. Und trotzdem reicht es einigen nicht, sich aus der Ferne über das Internet, über journalistische Medien und Bücher zu informieren. Sie wollen sich ein eigenes Bild machen.

Marion Müller: "Vor dem Bild kommt erst mal eine Empfänglichkeit dafür, um über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken aus einem saturierten Lebensgefühl heraus, indem wir uns ja hier glücklicherweise in Europa befinden und diese Bereitschaft ist gewachsen. Das hat sehr viel mit den Medien und den sozialen Medien zu tun und insofern würde ich eher von Bildern sprechen, als von dem einen einzigen Bild."

Diese Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand zu blicken und das gewohnte Umfeld zu verlassen, von der Professorin Marion Müller spricht, ist bei vielen Menschen vorhanden. Immerhin gehört Deutschland zu den Ländern, in denen schon seit Generationen keine kriegerischen Auseinandersetzungen stattfinden. Die meisten Menschen kennen den Krieg und die Regionen, in denen dieser stattfindet oder vor kurzem stattgefunden hat, nur vom Bildschirm. Die Region, die die Liste mit den bewaffneten Auseinandersetzungen aktuell anführt, ist der sogenannte Nahe Osten, mit zwölf Konflikten. Eines der Länder ist der Irak, also dort, wo die Studienreise im September vergangenen Jahres stattfindet. Zehn Deutsche fahren mit einem eigens angemieteten weißen Bus durch die autonomen Gebiete Kurdistans. Die Reise beginnt in der Hauptstadt, Erbil oder Hewlêr, wie es auf Kurdisch heißt.

Reiseleiter: "Wir fahren erst mal zur KSU, KSU ist die Kurdistan Studentenunion, so eine Art Juso, Junge Union, die ist KDP-nah. In Kurdistan gibt es verschiedene studentische Gruppen, die zwei großen, einmal KDP-nah, einmal PUK-nah und jetzt besuchen wir die KSU, die in Erbil sind. Die helfen uns auch mit Terminen. Gehen wir? - So, Einsteigen bitte!"

Eine Studienreisen in die autonomen Gebiete Kurdistans

Der Reiseleiter, der nicht namentlich genannt werden möchte, organisiert Studienreisen in die autonomen Gebiete Kurdistans - den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zum Trotz. Auch als Mosul vom sogenannten Islamischen Staat besetzt wurde, hat er die Reise durchgeführt - allerdings sei die Zahl der Teilnehmenden mit einem Mal merklich geschrumpft.

Reiseleiter: "Du hast auch am Flughafen gesehen, wie viele Europäer hier sind, ne? Wir achten auf die Reisewarnungen, wo man sich aufhält zum Beispiel. In die umstrittenen Gebiete fahren wir nicht. Kirkuk vermeiden wir. Khanaqin zum Beispiel, wo gerade Unruhen herrschen zwischen schiitischen Milizen und Peschmerga. Die vermeiden wir."

Wer interessiert sich für eine Region, die in erster Linie in den Schlagzeilen auftaucht, wenn es um Waffenlieferungen aus Deutschland oder aber um den sogenannten Islamischen Staat geht? Eine Region, deren Sicherheitslage das Auswärtige Amt als "volatil" bezeichnet? 

Reiseleiter: "Also was ich bisher von allen Reisen sagen kann, die Frauen sind immer mehr dabei. Manchmal sage ich, die sind mutiger als die Männer. Letztes Mal hatten wir viele Journalisten dabei. Das nehmen die als Einstieg. Da fängt man mit so was an. Dann ist man einmal an der Front und denkt: Ist das etwas für mich oder nicht? Man sieht das von sicherer Seite erst einmal und ist nicht auf sich alleine gestellt. Dann kann er auch entscheiden, ob es etwas für ihn ist oder nicht."

Die meisten sind Studierende, die sich für die Region interessieren oder aber Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit Geflüchteten zu tun haben und sich deshalb für die Reise angemeldet haben. Um zu verstehen und um die Zusammenhänge zu begreifen.

Die Teilnehmen kennen das Gebiet nur aus den Nachrichten

Max: "Ich studiere Islamwissenschaften im Master in Berlin und bin hoffentlich mal bald fertig, damit ich mal Geld verdienen kann. Ich bin bei uns im Uni-Verteiler drin und da kam das Angebot und dann dachte ich: Hey, ich habe für die Sommerferien nichts vor, das klingt verdammt gut."

Erklärt Max, ehemaliger Bundeswehrsoldat und derzeit Student, bei einem Tee, Joghurt und Weißbrot, - das Frühstück vor dem ersten offiziellen Termin bei einer kurdischen, der Regierungspartei nahestehenden Studentenvereinigung. Die wenigsten Teilnehmer möchten sich interviewen lassen und über ihre Motivation sprechen, weshalb sie an dieser Reise teilnehmen, auch nicht in anonymisierter Form. Max stimmt zu, unter der Bedingung, dass sein Nachname nicht genannt wird.

"Was sind deine Erwartungen?"
"Muss ich ganz ehrlich sagen: Keine Ahnung."
"Du weißt nicht, was dich erwartet?"
"Ich habe eine gewisse Ahnung, aber ich weiß, dass es ein komplett neues Erlebnis sein wird. Das war der Reiz daran."

Wie die meisten Teilnehmenden ist auch er noch nie im Irak gewesen und kennt das Land nur aus den Nachrichten. Angst, dass etwas passieren kann, hat er keine.

Max: "Also ich sage mal, ich habe nicht Bedenken, dass mir etwas in Kurdistan passiert, aber ich denke mal die Chance, dass mir, ich bin danach noch eine Woche in Istanbul musst du wissen, ich denke, die Chance, dass man in Istanbul verhaftet wird ist größer als das einem in Kurdistan was passiert."

Auf der Studienreise stehen viele politische und kulturelle Termine auf dem Programm: Das kurdische Parlament wird besucht, die Bergregion an der irakisch-iranischen Grenze, ein Besuch in Lalish, dem Heiligtum der Êziden. Es bleibt aber auch Zeit zum Wasserpfeife rauchen, auf der Dachterrasse des Cafés Qala, von der aus man den Blick auf die Zitadelle Erbils hat. Daniel, Physikstudent aus Münster erklärt, weshalb er mitfährt:

"Am spannendsten ist hier die Kultur und Geschichte des Landes. Natürlich auch das große Spannungsfeld zwischen Sunniten und Schiiten. Natürlich auch der IS hat ne große Rolle gespielt sich das auch vor Ort anzuschauen. Was man sonst nur in den Medien, im Internet oder auch im Fernsehen sieht. Sich mal selbst vor Ort ein Bild zu machen."

Außenansicht des beigefarbenen Gebäudes mit der Kurdenflagge davor. (AFP / SAFIN HAMED)Das kurdische Regionalparlament am 29.10.2017 in der nordirakischen Stadt Erbil.  (AFP / SAFIN HAMED)

Die Realität mit eigenen Augen sehen

Sich ein eigenes Bild machen, sich vor Ort die Realität mit eigenen Augen ansehen - das wollen die meisten Mitreisenden. Aber was heißt es in diesem Kontext genau, sich "ein eigenes Bild zu machen?"

Marion Müller: "Tatsächlich ist dieses ‚sich ein Bild machen‘ ein ganz wichtiges Movens, wir sehen in vielen sprachlichen Wendungen, dass das Visuelle und das Bild eine Rolle spielen, weil das eben eine viel holistischere Herangehensweise ist, also man guckt auf die Gesamtheit. Das Bild zeigt alles, die Details, aber auch den Überblick und das beschreibt eben dann dieser Versuch sich ein Bild zu machen."

Die Menge an Bildern, die kriegerische Auseinandersetzungen abbilden, hat zugenommen, meint Marion Müller. Auch durch die sozialen Medien. Aber gerade das führt eher dazu, dass man sich selbst überzeugen möchte, was wahr ist und was nicht, denn das Misstrauen wächst.

Daniel: "Also es ist ja so das in den sozialen Medien oder auch im Fernsehen immer der Reporter immer das wiedergibt, was er selbst wahrnimmt, das ist ja immer eine subjektive Wahrnehmung, nie eine objektive. Bei mir ist es ja genauso eine subjektive Wahrnehmung. Dann kann man das natürlich schlecht differenzieren, ob der Reporter das genauso sieht wie ich. Für mich macht das schon einen großen Unterschied, ob ich aus der Ferne zuschaue oder mir ein Bild selbst vor Ort mache."

Die latente Skepsis gegenüber "den Medien" kommt nicht von ungefähr. 2017 war das Jahr der Fake-News, die nicht nur über den Twitteraccount des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump verbreitet wurden, sondern auch in professionalisierter Form über Nachrichtenportale. Soziale Medien bieten mittlerweile Bilder aus so gut wie allen Regionen der Welt, auch von Kriegsschauplätzen. Nutzer richten ihr Handy direkt auf Kampfhandlungen und verbreiten die Bilder per Livestream. Kameras werden an die Panzer montiert, um so Aufnahmen aus der günstigsten Perspektive zu bekommen und dank modernster Drohnen-Technik und GoPro-Kameras lässt sich das Ausmaß der Zerstörungen aus Vogelperspektive zeigen. Die Menge an Bildern, deren Echtheit und Quellen zu überprüfen, dafür bleibt selten Zeit und nicht alle wissen sich dabei zu helfen. Der Wunsch "sich selbst ein Bild zu machen" liegt also nahe.

Ein Tee mit dem Peschmerga-Chef

Das Kommandobüro in Hazir. Wie bei jedem offiziellen Termin bekommen alle zuerst Wasser in Plastikbehältern gereicht. Es ist warm, sagt Peschmerga-Befehlshaber Dedewan Tofeq, der die Gruppe aus Deutschland in seinem Büro in Empfang nimmt. Bei einem Glas Schwarztee erklärt er zunächst etwas zur militärischen Strategie der kurdischen Streitkräfte und über den Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat.

Dedewan Tofeq: "Wer nicht ihrer Religion angehört, lebt unter ihrer Kontrolle gefährlich. Wer nicht mit ihrer Religion einverstanden ist, gilt als Feind. Die Sunniten sind Daesh, die Schiiten gehören zur Al-Haschd asch-Schaʿbī Miliz. Der Unterschied ist, wir beschützen nicht nur diejenigen, die unserer Religion oder Nation angehören, wir beschützen alle Menschen, die in diesem Gebiet leben. Sunniten, Schiiten, Christen, Êziden, wir beschützen alle."

Auch der Vater von Dedewan Tofeq und sein Sohn sind Teil der kurdischen Streitkräfte, der Kampf für ein freies Kurdistan ist eine Familienangelegenheit. Der Kommandeur hat viel zu erzählen und ist geübt mit westlichen Gästen, vor allem mit Medienvertretern. Das ZDF und der Spiegel waren auch schon bei ihm. Die Gruppe aus Deutschland sitzt im Kreis in seinem Büro und hört Dedewan Tofeq interessiert zu, der seinen Gästen reichlich Obst anbietet. Währenddessen erzählt er mit ruhiger, routinierter und fester Stimme von den Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates.

Dedewan Tofeq: "Ich bin schon mein ganzes Leben ein Peschmerga, ich habe viele Kriege hinter mir, aber so etwas wie Daesh bin ich zum ersten Mal begegnet, um ehrlich zu sein. Sie haben ganz neue Tötungsmethoden angewandt, zum Beispiel haben sie Menschen aus dem zehnten Stock eines Gebäudes heruntergeschubst oder sie haben jeweils ein Bein ihrer Opfer an ein Auto festgebunden und sind dann in entgegengesetzter Richtung losgefahren. Sie haben die Menschen enthauptet. Es tut mir leid, dass ich diese Sachen so klar benenne, ich weiß, dass das keine schönen Sachen sind, aber ich möchte die Realität vermitteln."

Nachdem die Gäste die Möglichkeit bekommen ein paar Fragen zu stellen, begleitet Dedewan Tofeq die Gruppe, steigt mit in den Bus und erklärt weiter, was in dem Gebiet in der Nähe von Mosul passiert ist.

Dedewan Tofeq: "Das waren kurdische Dörfer hier. Die kompletten Häuser wurden von ISIS mit Sprengfallen weggebombt. Die sind aber zurück, teilweise."

Übersetzt der Reiseleiter und meint damit die Bewohner, die sich in den von Daesh befreiten Gebieten wieder ansiedeln.

Neun Milizionäre in Tarnuniformen sitzen auf einem Panzer, der auf einem Lastwagenanhänger steht. Dahinter sieht man Steppe. (DPA / EPA / AHMED JALIL)Kurdische Peschmerga-Milizionäre am 18.10.2016 während der Offensive zur Vertreibung der IS-Terrormiliz aus der irakischen Stadt Mossul. (DPA / EPA / AHMED JALIL)

Fototermin an der ehemaligen Front

Reiseleiter: "Austeigen bitte!"

Damit sich die Teilnehmer der Reise selbst ein Bild machen können, findet der nächste Termin an der Front statt, die mittlerweile aber keine mehr ist, weil die kurdischen Streitkräfte Daesh bereits zurückdrängen konnten. Es sind aber nach wie vor Soldaten dort stationiert, die die Gruppe begrüßen. Die ockerfarbenen Sandsäcke, die aufeinander gestapelt eine kleine Mauer bilden, stellen die Kulisse dar, in der sich vor kurzem noch kriegerische Auseinandersetzungen abspielten. Die Studienreisendenden schießen Fotos mit den Peschmerga-Soldaten. Vor allem bei Max, dem ehemaligen Bundeswehrsoldaten hinterlässt der Besuch einen starken Eindruck.

Max: "Aufregend. Also was heißt aufregend, ich fand‘s spannend zu sehen, wie die da, eigentlich muss man sagen, hausen, weil ein Leben ist das definitiv nicht. Ja und ich fand das interessant auch, weil, dafür, dass sie ja auch an der Frontlinie sind quasi, machten die einen sehr entspannten Eindruck. So ein kleines MG-Nest hatten die, also ein MG-Nest ist ein Maschinengewehr-Nest, das ist eine Stellung, wo ein Maschinengewehr vorhanden ist und das war nicht besetzt, also als wir zum Beispiel das Gruppenfoto gemacht haben, da waren die alle völlig entspannt und haben uns angeguckt und wir haben die angeguckt."

Auch Daniel zeigt sich begeistert von den Peschmerga, den Gesprächen und dem Besuch im Kommandobüro Hazir.

Daniel: "Die Auswahl der Termine und Gesprächspartner finde ich absolut treffend und hochspannend. Beeindruckend war gestern der Besuch bei der Peschmerga-Einheit an der Grenze zur aktuellen Front gegen den IS in der Nähe von Mosul und wenn man sich so die Geschichten dieser Soldaten anhört, die die jetzt seit 2014 erlebt haben, da bekommt man einen ganz anderen Eindruck, wie wenn man sich die Bilder aus dem Fernsehen anguckt, die meistens auf Handyvideos oder auf Satellitenaufnahmen basieren und nicht wirklich die subjektive Meinung der Soldaten wiedergeben können, also was sie persönlich vor Ort erlebt haben und wie die das ganze Geschehen wahrgenommen haben."

Daniel hätte aber gerne mehr gesehen, als "nur" die ehemalige Front.

"Also ich hätte mir gerne den Ort angeguckt, wo das Kalifat 2014 von Baghdadi ausgerufen worden ist, die Kirche wurde ja leider gesprengt, aber ich hätte trotzdem gerne den Ort gesehen, nicht um das als Pilgerstätte wahrzunehmen, sondern um diesen historischen Ort zu besichtigen, zwar mit einem sehr traurigen Hintergrund aber trotzdem, um da mal live vor Ort gewesen zu sein und vielleicht auch Teile von Mosul sich selber anzugucken, ist ja auch eine weitgehend zerstörte Stadt."

Der Physikstudent wäre aber nicht nur gerne in Mosul gewesen, sondern fände es auch mal spannend …

"… Anhänger vom IS persönlich zu treffen und sich zu unterhalten. Ob das wirklich so ne radikale Meinung ist oder ob da nicht der Faktor Angst eine große Rolle spielt. Dass sie da überhaupt mitmachen oder was sie motiviert."

Terroristen betreiben professionelle Medienarbeit

Wie formt sich unser Bild vom Krieg? Sicherlich nicht nur durch staatliche, sondern auch durch nichtstaatliche Akteure. Auch sie produzieren Medien, Nachrichten und Bilder. Terrororganisationen wie Daesh haben eine eigene Nachrichtenagentur und nutzen popkulturelle Mittel, um ihre Inhalte zu verbreiten. Es sind keine verborgenen Informationen und Bilder, an die man nur schwer herankommt. Die unüberschaubare Menge an Nachrichtenmaterial ist für so gut wie jeden zugänglich.

Marion Müller: "Eines der problematischsten Dinge, woran ich auch gerade forsche, ist die Professionalisierung der Terroristen. Die Videos sind dermaßen professionell produziert, die Bilder sind wirklich, da ist eine ganz, ganz starke Spannung in diesen Bildern und in diesen Videos drin und es sind zum Teil wirklich schlimme Foltervideos."

Der Car-Crash Effekt. Also der Effekt, dass ein Ereignis so schlimm ist, dass man eigentlich nicht hingucken möchte, das Schreckliche einen aber so sehr anzieht, dass man es doch tut.

Marion Müller: "Ja und das sind die Punkte die finde ich sehr interessant herauszuarbeiten, weil der Journalismus und die Medien nur noch einen Bruchteil der Bilder kontrollieren, die die Menschen täglich sehen."

Der Krieg mit seinen Auswirkungen macht sich auch in Deutschland bemerkbar, spätestens seit der Ankunft von Geflüchteten, die auch aus der Region stammen, die die Gruppe aus Deutschland bereist. Um zu erfahren, was dort passiert ist und wie es jetzt ausschaut muss man selbstverständlich nicht erst in den Norden des Irak reisen. Aber an den Ort zu reisen und die Geschehnisse selbst, ohne den Filter eines Journalisten und durch die eigenen Augen zu sehen, macht einen Unterschied für die Reisenden. Auch wenn sie diesen nicht unbedingt in Worte fassen können, so wie Max, der ehemalige Bundeswehrsoldat:

"Definitiv ist das anders. Also ich sage es mal so, wenn man jetzt eine Dokumentation über Kurdistan im Nordirak sieht, dann sieht man so, aha. Und wenn man da ist, dann erlebt man das ja einfach. Das ist halt … keine Ahnung, wie man das beschreiben soll. Mir fällt dazu jetzt kein passendes Beispiel ein."
"Unbeschreiblich?"
"Ja nicht unbeschreiblich, aber … ich finde jetzt gerade trotzdem nicht die passenden Worte. Also es ist halt schon etwas anderes, ob man vor Ort ist oder ob man das im Fernsehen sieht. Kann man vielleicht so nachvollziehen."

Flüchtlingslager im Nordirak (picture alliance/dpa/Foto: Kay Nietfeld)Ein Flüchtlingslager im Nordirak (picture alliance/dpa/Foto: Kay Nietfeld)

Bilder und Reize, die überfordern können

Geschäftiges Treiben im größten Flüchtlingscamp im Nordirak. Domiz war ursprünglich als Zeltstadt für 30.000 Geflüchtete geplant, heute leben mehr als doppelt so viele in dem Flüchtlingslager, das auch als "klein Syrien" bezeichnet wird. Das daraus mal eine kleine Stadt entstehen wird, war nicht geplant, es sieht aber sehr danach aus: Die Straße ist gesäumt von Geschäften und Restaurants. Die Bewohner fahren auf Fahrrädern oder Fahrzeugen vorbei, die aussehen, wie eine Mischung zwischen Truck und Moped. Mittendrin die Gruppe der Touristen, die sich für diesen Programmpunkt, den Besuch des Flüchtlingslagers, aufgeteilt hat, um nicht zu sehr aufzufallen. Obwohl eine deutsche Gruppe natürlich trotzdem auffällt. Max fühlt sich damit nicht ganz wohl.

"Im Vorfeld habe ich ein Unwohlsein gefühlt, die Vorstellung zu haben, in so ein Flüchtlingslager zu gehen, weil es mir so vorkommt wie, ‚ich gehe jetzt mal hier in den Zoo‘ und guck mir in dem Fall Menschen an. Aber das war … als wir da durchgelaufen sind, du warst ja dabei, … die haben uns auch angeguckt und das war eine interessante Erfahrung auf jeden Fall. Ob ich das nochmal machen muss, also wenn ich da nicht arbeiten muss, muss ich das nicht nochmal haben, weil, ich fand diese Situation sehr surreal."

Auch der Besuch in Bashiqa ist sehr surreal. Eine Stadt, die vom sogenannten Islamischen Staat besetzt wurde und seit einem Jahr wieder frei ist. Der weiße Bus fährt durch die Straßen, vorbei an zerstörten Häusern, deren Eingänge vom grauen Betonschutt begraben sind. Einige Gebäude werden wieder aufgebaut, darunter auch eine syrisch-orthodoxe Kirche, die die Gruppe besichtigt. Auch die Eröffnung eines êzidischen Gemeindehauses, das in Teilen noch eine Ruine ist, steht auf dem Tagesprogramm. Es wirkt so, als wären diese Termine etwas ganz Gewöhnliches, in einem Bus zu sitzen, um einen herum die Kulisse einer Stadt, die in Teilen noch in Schutt und Asche liegt, erscheint als etwas Normales. Routine. Jemand fragt den Busfahrer, ob er die Musik anmachen könne. Spätestens an diesem Punkt wird es mir als mitreisender Journalistin ein wenig zu viel der zumindest nach außen so wirkenden Selbstverständlichkeit.

Die Schwere der Themen, die Menge an Reizen kann auch auf den ein oder anderen überfordernd wirken.

Max: "Es gab ja viele sehr schreckliche Zeiten wie 88 der Angriff auf Halabja zum Beispiel."

Auch dieser Teil der kurdischen Geschichte ist Teil der Reise. Bei dem Giftgas-Angriff in der Stadt Halabja am 16.März 1988 starben 5000 Menschen. Einer der Überlebenden führt die Gruppe durch das Museum, das als Gedenkstätte dient und erzählt seine Geschichte, zwischen unzensierten, schrecklichen Bildern, die in der Ausstellung tote Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern zeigen. Nicht nur Max ist sehr bewegt davon. Einer Teilnehmerin kommen die Tränen.

Die Macht der Bilder

Menschen reagieren sehr unterschiedlich darauf, wie sie mit solchen Bildern umgehen, meint die Professorin Marion Müller.  

"Da gab es einige Studien in der Folge, gerade nach 9/11, die belegt haben, dass selbst Menschen, die nicht in irgendeiner Form direkt betroffen waren, also die keine Verwandten, Freunde oder ähnliche Personen hatten, die bei Terrorangriffen oder der Flut verletzt wurden oder sogar getötet wurden und die nichts von den Ereignissen mitbekommen haben, als Vergleichsgruppe, denen wurden Texte vorgelegt und andere, denen wurde ausschließlich Bildberichterstattung gezeigt. Und die Gruppe mit der Bildberichterstattung wies eindeutige Schlafstörungen, depressive Symptomatik und ähnliches, also was man mit posttraumatischen Belastungsstörungen in Verbindung bringt, auf."

Empathie funktioniert also nicht zwingend über eine eigene Betroffenheit, sie sei weder gut, noch böse, vielmehr gebe es unterschiedliche Formen der Empathie. Marion Müller:

Marion Müller: "Die erste ist: Es passiert eine stellvertretende Traumatisierung, d.h. der Gefühlshaushalt des Individuums ist massiv überfordert und es treten dann auch wie beim originärem Trauma die typischen Symptome auf. Die zweite ist dann die leere Empathie und das ist das, was man als Abstumpfung bezeichnen kann. Das heißt, Personen schauen sich das Ganze an, zeigen aber gar keine Reaktion nach außen hin, aber letztendlich steckt dahinter auch ein Ohnmachtsgefühl, was geht mich das an, was kann ich da tun, ich kann nichts tun, also gucke ich mir das erst gar nicht an und steigere mich da nicht rein. Es ist eigentlich eine antiempathische Reaktion, wird aber als leere Empathie begriffen."

Max: "Klar, ich weiß, dass wir durch ein kriegszerrüttetes Land fahren, aber man merkt es nicht wirklich. Wir haben ja jetzt nicht so viel Kontakt zur Bevölkerung. Die leben halt ganz normal ihr Leben. Das ist ja ähnlich wie wenn man nach Israel reist, die Leute sind da auch glücklich, weißt du wie ich meine? Die sind ja nicht die ganze Zeit depressiv, weil jederzeit ein Angriff sein könnte oder jeder wahrscheinlich in jeder Familie schon mal jemanden verloren hat. Das ist für die Menschen hier Alltag."

Die Zitadelle Erbil im Jahr 2010 (picture alliance / dpa / Tracey Shelton)Die Zitadelle Erbil im Jahr 2010 (picture alliance / dpa / Tracey Shelton)

Ein Stück Normalität im Kriegsalltag

Der Krieg als Teil des ganz normalen Alltags, so erlebt Max die Reise. Die Berichterstattung erweckt nicht selten den Eindruck, eine ganze Region sei ausschließlich ein Schlachtfeld, im dauerhaften Ausnahmezustand.

Ähnliche Eindrücke wie Max nimmt auch Daniel mit von der Reise, als er am letzten Tag die Ereignisse Revue passieren lässt:

"Ansonsten hat man ja hier gesehen, wenn man vor Ort ist, dass die politische und gesellschaftliche Lage eigentlich gar nicht so brisant ist, wie das in den Medien immer dargestellt wird. Das ist auf jeden Fall einer der Eindrücke, die ich mitnehme."

Auch ihm fällt es schwer, sich vorzustellen, dass er durch ein Gebiet fährt, in dem vor nicht allzu langer Zeit noch Krieg herrschte.

Daniel: "Man sieht ja jetzt nur die Rückstände dieser zwei-drei-jährigen Herrschaft von den Terroristen und ja es ist ja trotzdem schwer, wenn man jetzt zerbombte und zerstörte Häuser sieht, sich da reinzudenken, wie die Menschen wirklich hier gelebt haben, wie die unterdrückt wurden und wie das Zusammenleben in den letzten zwei, drei Jahren hier war. Also nicht so friedlich, wie es jetzt der Fall ist."

Auch wenn nach wie vor im Irak, auch im vergleichsweise sichereren Nordirak nicht an ein friedliches Zusammenleben zu denken ist. Die Verfasstheit einer Gesellschaft in einer einwöchigen Studienreise zu begreifen ist kaum möglich. Selbst wenn sicherlich in Krisengebieten ein gewisses Maß an Normalität herrscht und auch wenn Menschen versuchen ihren Alltag zu leben, so hinterlassen Kriege, auch Jahre danach noch Spuren. Auch dann, wenn es sich für den Betrachter als Normalität darstellt. Aber muss man in ein Krisengebiet fahren, um den Krieg zu begreifen? Kann man das überhaupt begreifen?

Marion Müller: "Ich denke nicht. Ich denke, man muss möglicherweise kein einziges Bild gesehen haben, um den Krieg zu begreifen und zu verstehen. Es gibt die inneren Bilder, die Imagination und über Jahrhunderte, Tolstoi ist ein gutes Beispiel, haben Autorinnen und Autoren geschrieben über den Krieg und den Schrecken des Krieges und es ist manchmal viel stärker, wenn solche inneren Denkbilder vorhanden sind, als wenn es bei dem reinen spektakulären Abbild bleibt."

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