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Religionen / Archiv | Beitrag vom 03.03.2012

Eine Stimme für Europas liberale Muslime

Publiszistin Irshad Manji hat den Tabubruch zu ihrem Markenzeichen gemacht

Von Christoph Dreyer

Manji arbeitet in Brüssel am Aufbau eines Netzwerks liberaler Muslime in Europa. (AP)
Manji arbeitet in Brüssel am Aufbau eines Netzwerks liberaler Muslime in Europa. (AP)

Mit "Der Aufbruch: Plädoyer für einen aufgeklärten Islam" landete Irshad Manji einen Bestseller. Sie kämpft für Frauenrechte und lebt ihre Homosexualität offen. Gemeinsam mit anderen will sie ein europäisches Netzwerk liberaler Muslime aufbauen.

Zu behaupten, dass Irshad Manji keinen Streit scheut, wäre eine glatte Untertreibung. Sie sucht die Kontroverse. Man muss ihr nur ein passendes Stichwort geben.

Manji: "Gott schütze die Atheisten! Wir brauchen ganz verschiedene Überzeugungen um uns herum, damit wir uns immer wieder fragen: Warum glaube ich, was ich glaube - und sollte ich es überhaupt glauben? Zum Glück gibt es diese Menschen. Bindet sie ein, liebt sie! Wo ist das Problem?"

Irshad Manji, geboren 1968 in Uganda als Tochter indisch-ägyptischer Eltern und aufgewachsen in Kanada, hat den Tabubruch zu ihrem Markenzeichen gemacht. Seit Jahren reist die Journalistin und Autorin mit einer einzigen Botschaft um die Welt: Die Muslime sollten sich ihren Problemen offen stellen, anstatt sie zu leugnen - der weit verbreiteten Gewalt gegen Frauen zum Beispiel, dem Mangel an Meinungsfreiheit und der Judenfeindlichkeit.

Manji: "Ich fordere meine Mit-Muslime heraus: Wenn es wahr ist, dass die meisten Probleme, die im Namen Allahs geschehen, kulturelle und nicht religiöse Ursachen haben, dann müssen wir uns auch endlich so verhalten, als ob das zutrifft."

Manji kritisiert die Glaubenspraxis der Muslime ausdrücklich nicht als Außenstehende, sondern als Gläubige - aber als eine Gläubige, die sich weigert, ihre Religion von Buchstaben treuen Konservativen definieren zu lassen. Dafür erntet sie regelmäßig Anfeindungen und Drohungen, und gelegentlich stürmen Fundamentalisten schon mal eine ihrer Lesungen. Doch davon lässt sich Manji nicht beeindrucken. Sie will ganz bewusst die Konfliktlinien sichtbar machen:

Manji: "In moralischen Krisenzeiten festigt Mäßigung bloß den Status quo. Sie rüttelt letztlich nicht an den Macht-Ungleichgewichten. Wenn man nur behauptet, 'Nein nein, der Islam ist Frieden, glaubt uns doch', und es dabei belässt, dann ist das eine Mäßigung, die nutzlos ist."

Um einem reformerischen Islam zum Durchbruch zu verhelfen, arbeitet Manji nun in Brüssel mit der Europäischen Stiftung für Demokratie am Aufbau eines Netzwerks liberaler Muslime in Europa. Mittlerweile haben sich die rund 20 Gründer auf gemeinsame Grundsätze verständigt: etwa dass Glaubensfreiheit ausdrücklich auch das Recht umfasse, an keinen Gott zu glauben, und dass es keine Rechtfertigung für Zwang und Gewalt in der Familie gebe. Auch einen Namen hat sich die Gruppe gegeben: Netzwerk für eine Neue Europäische Generation.

Eines der ersten Mitglieder in Deutschland ist der Berliner Psychologe Ahmad Mansour. Im Hauptberuf zeigt er muslimischen Jugendlichen Alternativen auf zu einem Verständnis von Ehre, das Jungfräulichkeit überhöht und Zwangsheirat rechtfertigt. Von den etablierten islamischen Verbänden fühlt sich Mansour nicht repräsentiert.

Mansour: "Das sind Muslime, mit denen ich nichts anfangen kann. Das sind Muslime, mit denen ich keine Werte teilen will, besonders weil sie nicht kritisch gegenüber ihrer eigenen Community sind, weil sie nicht in der Lage sind, schwere Fragen zu stellen und etwas Neues zu wagen."

Mit eindeutig liberalen Standpunkten, wie sie Manji vertritt - so hofft Mansour - könnte es gelingen, das vorherrschende Bild von Muslimen in Deutschland zu korrigieren.

Mansour: "Sie sehen nur die Menschen, die aktiv, die ganz laut sind. Und die Menschen, die laut sind, das sind die Menschen, die eigentlich dem Diskurs oder dem Kontakt zwischen Mehrheit und Minderheit in diesem Land nicht gut tun."

Gegenstimmen wie Ahmad Mansour Gehör zu verschaffen, darin sieht Roberta Bonazzi ihre Aufgabe, die Mitbegründerin der Europäischen Stiftung für Demokratie.

Bonazzi: "Im Laufe der Jahre haben wir von so vielen Politikern quer durch Europa gehört, ihnen sei zwar bewusst, dass sie es in den Verbänden mit Radikalen zu tun haben, die nicht unbedingt für alle Muslime sprechen - aber wo seien die anderen? An wen sonst könnten sie sich wenden? Daher kam die Idee, dass es sehr wohl alternative Stimmen gibt. Das Problem ist, dass niemand weiß, wer sie sind."

Bonazzi arbeitete jahrelang als Wirtschaftslobbyistin und PR-Beraterin in Brüssel. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wollte sie etwas dazu beitragen, die Klischees in der öffentlichen Debatte über Terrorismus, Einwanderung und Muslime aufzubrechen. Eine mühsame Angelegenheit, stellte sie fest - bis sie sich auf ihr Handwerkszeug als Lobbyistin besann:

"Ich hatte nicht begriffen, dass man sogar diese komplexen Debatten wie jedes andere Thema behandeln kann - genau so, wie ich früher für die Industrie gearbeitet habe. Es geht um Kommunikation, darum zu verstehen, wie man im richtigen Moment die richtigen Leute zum passenden Publikum bringt."

Inzwischen sind Vertreter des Netzwerks bei den Anhörungen zu einem EU-Gesetz gegen Zwangsheirat aufgetreten und werden von Institutionen wie dem italienischen Islam-Ausschuss zu Rate gezogen, der Entsprechung zur Deutschen Islamkonferenz. Auch in ihren jeweiligen Ländern suchen sie weitere Mitstreiter. In Deutschland wandten sie sich zum Beispiel an den 2010 gegründeten Liberal-Islamischen Bund - doch der habe kein Interesse an einer Kooperation gezeigt, sagt Psychologe Mansour. Noch dieses Jahr will die deutsche Netzwerk-Gruppe nun mit einer Konferenz eine breitere Öffentlichkeit suchen.

Mansour: "Wir wollen über Islamismus reden, wir wollen über Salafiten reden. Das kommt immer vom Verfassungsschutz und ich weiß nicht was, aber wir wollen das als Muslime machen. Weil, es betrifft uns. Wir und Irshad werden als Ungläubige beschimpft und bespuckt. Nicht nur die Mehrheitsgesellschaft leidet darunter, sondern wir auch, die Liberalen. Deshalb muss etwas getan werden."

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