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Religionen | Beitrag vom 14.06.2020

Eine spirituelle Reise nach ChartresDie Kathedrale als Kraftort

Von Anke Schaefer

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Blick aus der Ferne auf die Kathedrale Chartres (imago / Dr. Martin Schulte-Kellinghaus)
Hier suchten viele Generationen nach spirituellen Kräften: In der flachen Landschaft ist die Kathedrale von Chartres schon von weitem zu sehen. (imago / Dr. Martin Schulte-Kellinghaus)

Die gotische Kathedrale von Chartres zieht jährlich – außer in Coronazeiten – mehr als eine Million Besucher an. Für manche von ihnen ist das Gotteshaus ein ganz persönlicher Kraftort, an dem sich Seele, Körper und Geist verbinden.

"Es ist ein alter, weiblicher Kraftplatz, der ganz viel mit dem Körper zu tun hat, in seiner Ursprünglichkeit", sagt Marianne Quast, mit der ich eine Reise nach Chartres in Frankreich gemacht habe. Weiblicher Kraftplatz, der mit dem Körper zu tun hat? Seltsame Herangehensweise an eine Kathedrale. Vier Tage haben wir im Mai 2019 Zeit, um uns diesem Ort anzunähern. Wir wohnen unterhalb, in der Maison St. Ives, einer Pilgerherberge in einem alten Kloster. Aus meinem Fenster sehe ich die beiden mächtigen Türme.

Schon die alten Kelten haben hier gebetet

Wir wohnen also – im "Kraftfeld" der Kathedrale, wie Reiseleiterin Marianne Quast es formuliert: "Die sogenannten Kraftfelder bauen sich über Jahrtausende auf. Oftmals ist das ein Hügel in einer Ebene. Die Ebene in Chartres besteht aus Kalkstein und der Hügel beinhaltet die Grotte, wo die alten Kelten eine weibliche Figur angebetet haben. Dann kommen die Römer und beten den Sonnengott an, und dann kommen irgendwann die Christen und bauen ihre erste Kapelle drauf – und so weiter. Und in Chartres ist dieser Ort nie gestört worden."

Daher sei die Energie hier auch für Menschen, die im Erspüren von Orten nicht so geübt sind, wahrnehmbar. Spüren statt denken. Erleben statt erklären - haben Kathedralen und Madonnen aber nicht eher mit dem Geist zu tun als mit dem Körper?

Dreiheit von Körper, Geist und Seele

Marianne Quast meint: Ohne Körper kein Geist, er sei die Basis der Erfahrung. "Wenn der Körper sich rundum wohl fühlt, kann auch der Geist und die Seele dort landen, sich zuhause fühlen. Und diese Dreiheit von Körper, Geist und Seele kann dann – mit Hilfe von so einem alten Kraftort wie Chartres – auch in dir oder in allen, die dort in einer meditativen Form andocken, wirklich spürbar werden, so dass man sich ganz und heil fühlt."

Die Reiseleiterin Marianne Quast schaut hinter einer Säule der Kathedrale von Chartres hervor. (privat)Die Kraft des Ortes spüren: Reiseleiterin Marianne Quast an der Kathedrale von Chartres. (privat)

Marianne Quast ist von Beruf Astrologin und systemischer Coach. Seit vielen Jahren organisiert sie Kraftort-Reisen. Ist die Astrologie nicht Scharlatanerie, und sind "Kraftorte" nicht die Domäne von lila-gewandeten Esoterikern?

Mit dem Christentum vereinbar?

Ich frage einen katholischen Theologen und Kirchenhistoriker für ein Interview an, weil mich sein Blick auf diese Fragen interessiert. Er sagt mit folgender Begründung ab: "Danke für Ihre Nachricht und die Erläuterungen! Offen gestanden bin ich etwas überrascht von dem, was Sie mir schreiben. Ich hatte mit Fragen zur Baugeschichte, zur Interpretation der Kathedrale im Kontext mittelalterlicher Kirchbau-Theologie oder zur Schule von Chartres gerechnet, nicht aber mit Druiden und 'Kraftorten'. Und eine Astrologin als Reiseleiterin - das scheint mir innerhalb der Theologie eher ein Fall für diejenigen zu sein, die sich um zeitgenössische Spiritualitätsformen außerhalb des Christentums kümmern, weniger für einen Kirchenhistoriker."

Bin ich für die katholische Theologie eine nicht erst zu nehmende Reisende – außerhalb des Christentums? Das wundert mich. Ich bin getauft und empfinde mich als Christin. Und als Christin bin ich Teil dieser Reise-Gruppe, die "auf der seelischen Ebene versucht, diese unglaubliche Tiefe des Ortes wahrzunehmen, zu verstehen und auch zu schauen: Was hat dieser Platz mit mir zu tun?", wie es Marianne Quast ausdrückt.

In Stein gemeißelte Geschichten

Vom Fuße des Hügels, auf dem sich die Kathedrale erhebt, beginnen wir unseren Aufstieg durch die Gässchen der Altstadt. Langsam. Schritt für Schritt. Dann stehen wir vor dem riesigen Westportal, unter den beiden Türmen. Auf dem linken, gotisch verzierten blinkt eine Sonne; auf dem rechten, ganz schlichten Turm winkt die Mondsichel.

Blick auf die imposante Fassade der Kathedrale von Chartres (imago )Unter den Türmen: Blick auf eines der Portale der Kathedrale Notre-Dame de Chartres. (imago )

Unzählige Geschichten erzählen die in Stein gemeißelten Figuren in den Portalen der Kathedrale. Marianne Quast weist uns auf eine besondere Szene hin. Sie zeigt die Maria in einer Kiste, darauf das Christuskind: "Es ist eine sehr seltene Darstellung, dass die Maria in einem Bett oder in einer Kiste liegt, und das Christuskind gar nicht mit ihr in Berührung ist, das liegt nämlich als abgetrenntes kleines Bündel oben drauf. Und die Maria hat den Kopf abgestützt und man weiß nicht genau, träumt sie, schläft sie, wie geht es ihr überhaupt?

Durch die Dunkelheit ans Licht

In der Psychologie wird das oft als ‚die dunkle Nacht der Seele‘ bezeichnet, die hier symbolisch dargestellt wird: Dass jemand also durch eine Krise, durch eine Zeit der Dunkelheit hindurch gehen muss, bevor er diesen Geist, diesen sonnigen Impuls entdeckt und dann in sich verwirklichen kann."

Weiter oben sehen wir eine klassische Madonnendarstellung. Da sitzt Christus auf dem Schoß seiner Mutter. Symbol für die Welt, in der sich der Christus-Geist nun materialisiere – durch die Kraft der Seele, durch die Kraft des Körpers, erklärt Marianne Quast: "Und immer wieder taucht diese Dreiheit auf in Chartres – Körper, Geist und Seele, die in allen Mysterienkulten zu finden ist. Und das ist das, was die Menschen so berührt: Dass Chartres wie so eine Art Lehrmeister ist, der uns zeigt, über diese Bilder – wie kann ich denn als Mensch ganz werden in der Seele, im Geist und im Körper."

Analogie zum menschlichen Körper

Endlich ist es so weit. Wir treten unter dem Mondturm durch die große Eingangstür. Mein Blick verliert sich im Kirchenraum. Es ist überwältigend. So groß, so weit. Für Marianne Quast ist dies auch ein Eintritt in den eigenen Körper: "Die Kathedrale ist gebaut wie ein liegender Mensch. Das ist in der Gotik in allen Kathedralen so gemeint. Das ist für viele der Christus, für andere ist es der Körper der Maria oder auch der eigene heilige Körper, der heilige Raum der Kathedrale."

Der französische Bildhauer Auguste Rodin hat es so empfunden: "Beim Eintritt in diesen Tempel ist mir, als beträte ich meine Seele." Durch die bunten Fenster fällt gedämpftes Licht – sofort zieht mich das Chartreser Blau in seinen Bann.

Rundes Bleiglasfenster Rosette in der Kathedrale Notre Dame von Chartres (imago / Peter Seyfferth)Christus in der Mitte: Rosette mit farbigen Bleiglasfenstern. (imago / Peter Seyfferth)

"Chartres ist die Königin aller Kathedralen", sagt Joachim Negel, Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Fribourg. Er ist bereit, über Chartres zu sprechen, obwohl auch eine Astrologin im Bericht vorkommt. Negel hat als Student eine Wallfahrt nach Chartres mitgemacht, die ihn tief beeindruckt hat: "Das Blau von Chartres ist weltberühmt, un bleu éblouissant, also ein strahlendes Blau, blau ist Kobalt, ist einer der kostbarsten Farbstoffe im Mittelalter gewesen, stand für das Göttliche schlechthin. Die Symbolik von Chartres ist ganz elementar und wenn Sie so wollen, ist das so etwas wie eine Stein gewordene summa theologica – die ganze mittelalterliche Theologie ist in dieser Kathedrale ablesbar."

Mit dem Begriff "Kraftort" hat der Fundamentaltheologe Joachim Negel kein Problem: "Für mich ist Chartres ein Kraftort! Natürlich ist Chartres für mich ein Kraftort. Weil das mit meiner Lebensgeschichte elementar verbunden ist. Und: Seit als 800, 900 Jahren wird an diesem Ort gebetet – täglich. Wo so viel gebetet worden ist, kann das Göttliche nicht fern sein."

Durch das Labyrinth zur Mitte

Ich stehe nun in der Kathedrale und versuche sie als Symbol für mein Inneres zu erspüren. Ich taste mich langsam vor und befinde mich plötzlich am Eingang zum berühmten Labyrinth. Es hat viele begehbare Labyrinthe gegeben in gotischen Kathedralen. Dieses hat als einziges die Jahrhunderte in dieser runden Form überlebt. Ich ziehe die Schuhe aus und dicke Socken an. Auf dem kalten Steinboden setze ich behutsam einen Fuß vor den anderen.

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Insgesamt hat das Labyrinth nur einen Durchmesser von zwölf Metern, aber der Weg ist verschlungen. Jemand vor mir geht plötzlich unglaublich langsam, ich möchte vorbei, will aber nicht überholen, will endlich ankommen - und plötzlich, unerwartet stehe ich in der Mitte.

Ich schaue hoch. Ich sehe die Fensterrosette in der Mitte des Hauptportals und weiß: Die Maße, nach denen diese Kathedrale gebaut ist, sind exakt. Würde man die Wand des Westportals herunterklappen, dann würde die Rosette genau hier auf dem Labyrinth liegen. Der Christus in der Mitte träfe genau auf die Mitte des Labyrinths. Das heißt, ich stehe in Christus. Ich bleibe.

Ankommen bei sich selbst

"Das ist für mich das wichtigste Geschenk gewesen, das Chartres mir gegeben hat, 2001, als ich zum ersten Mal dort war. Dass ich bei mir selbst wirklich angekommen bin", erzählt Marianne Quast. Sie hat aus dieser Erfahrung ihre Kraftort-Reisen entwickelt und verdient so ihr Geld.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich dieser Kathedrale anzunähern. Für manche mag sie einfach ein Glanzstück mittelalterlicher Baukunst sein, für andere die Verkörperung des katholischen Glaubens. Für mich ist Chartres seit dieser Reise vor allem zu einem inneren Ort geworden. Aber sobald es geht, will ich ganz real wieder hin, durch die Gassen der Altstadt laufen und die alten Steine der Kathedrale wieder mit Händen berühren.

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