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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 26.08.2011

Eine sommerliche Kulturgeschichte jüdischen Lebens

Das Buch "Nächstes Jahr in Marienbad" erinnert an das verlorene Paradies der westböhmischen Kurbäder

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

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Blick aus dem Kurpark auf Gebäude im Zentrum von Marienbad. (picture alliance / dpa /  Frank Baumgart)
Blick aus dem Kurpark auf Gebäude im Zentrum von Marienbad. (picture alliance / dpa / Frank Baumgart)

Die Orte Marienbad, Karlsbad und Franzensbad galten lange Zeit während der Sommermonate als Zentren jüdischen Lebens. Die Münchner Historikerin Mirjam Triendl-Zadoff hat diese "sommerlichen jüdischen Orte" untersucht.

Nun ja, das Kurorchester spielte zwar schon, obwohl man eher vermuten konnte, dass die Musiker noch übten. Ein paar verschüchterte Schneeglöckchen oder Narzissen mögen auch schon hier und da die Köpfe gereckt haben - aber ansonsten muss es zum Auswachsen langweilig gewesen sein! Da man sich in der sogenannten "Vorsaison" befand, war man von einem munteren Kurbetrieb noch meilenweit entfernt:

"An einem Frühlingstag des Jahres 1904 wurde die Wirtin der "Villa Imperial", einem eleganten Hotel am Franzensbader Kurpark, von der Ankunft eines unerwarteten Gastes überrascht. Der bärtige Herr aus Wien war der erste Kurgast der Saison und sie musste ihm erst ein Bett in sein Zimmer stellen lassen. Noch am selben Tag bat er darum, zwei Briefe zur Post bringen zu lassen. Von denen sich einer an seine Mutter und der andere an seine Frau richtete."

Der nun, so berichtet die Münchner Historikerin Mirjam Triendl-Zadoff, versicherte der Briefschreiber darin, sie müsse sich nicht sorgen, dass der in der Regel für gynäkologische Krankheiten empfohlene Kurort "mit Frauen jeden Alters überfüllt sei", denn:

"Überhaupt bin ich hier derzeit nicht nur der einzige Mann, sondern auch die einzige Frau. Die Kurmusik spielt zwar schon, aber da nicht sicher war, dass ich kommen würde, hörten sie schon um halb fünf auf."

Irgendwann stieg die Zahl der verfrühten Kurgäste auf sieben. Und schließlich, so spottete der Schreiber im nächsten Brief an die Gattin, habe es für diese sieben doch noch etwas Zerstreuung gegeben: Der Kursaal sei nämlich abgebrannt.

Der Schreiber dieser Briefe war ein Mann, der die Welt bewegt hatte, als er 1897 zum Ersten Zionistischen Weltkongress nach Basel rief: der österreichische
Journalist und Schriftsteller Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus. Sein Hausarzt hatte kurz zuvor ein Herzleiden festgestellt und den arbeitswütigen Patienten zur Kur nach Franzensbad geschickt. Ein Ort - ganz sicher mit Bedacht gewählt, denn:

"Das westböhmische Bäder-Dreieck mit den Kurorten, Karlsbad, Marienbad und Franzensbad, galt um 1900 als einer der erfolgreichsten sozialen und medizinischen Treffpunkte Europas - wenn nicht der Welt. Inmitten dichter Laubwälder und weitläufiger Parks waren seit den 1880er-Jahren urbane Inseln entstanden, die nichts mehr mit den schlichten Kurorten des frühen 19. Jahrhunderts gemein hatten. Zwischen den Palastbauten der Bäder und Kolonnaden, die berühmte Architekten und Kunsthandwerker aus der Hauptstadt Wien entworfen und gebaut hatten, waren zwei- und dreistöckige Stadthäuser entstanden - stucküberladen, schönbrunner-gelb und mit allem Luxus und Komfort ausgestattet, der zu jener Zeit zu haben war. Eine künstlich verlangsamte, begrünte, geordnete Welt, die den gehetzten und überforderten Städtern Erholung versprach und nicht zuletzt auch Genesung von den unheilbaren Krankheiten der Moderne."

Allerdings auch eine recht privilegierte Art, diese Heilung zu suchen, denn damals, vor dem Ersten Weltkrieg, konnten sich nur etwa 11 Prozent der deutschen Bevölkerung überhaupt eine Urlaubsreise leisten. "Ins Bad" reisten nur Menschen, "die Gott mit Geld gesegnet und mit Leibesfülle gestraft" hatte, wie der Schriftsteller Scholem Alejchem bissig anmerkte.

Über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren verwandelten sich die westböhmischen Kurbäder im Sommer in Zentren jüdisch-europäischen Lebens. Juden aus allen Teilen der Habsburgermonarchie, aber auch aus vielen Ländern Westeuropas fanden hier in der heiteren und leichtlebigen Atmosphäre dieser Sommertage einen ganz eigenen Raum des Austauschs, der Kommunikation und der Begegnung.

Natürlich zerfiel die große Gruppe jüdischer Kurgäste in zahllose kleinere Grüppchen, die sich nachhaltig durch ihren geographischen, sozialen intellektuellen und religiösen Hintergrund unterschieden. Es kamen Wohlhabende und Ärmere, Fromme und weniger Fromme, Orthodoxe, Reformierte, Liberale, Professoren, Kaufleute und Handwerker und - natürlich - Familien mit heiratsfähigen Töchtern:

"Nicht zuletzt lag das romantische Image der Bäder in ihrer Bedeutung als Heiratsmärkte... Einer der beliebtesten Orte, um Bekanntschaften in die Wege zu leiten, war der sorgsam ausgewählte Kurort, in dem man nicht nur viele jüdische potentielle Partner, sondern auch ausreichend romantische Plätze vorfand, die als Hintergrund für öffentliche, aber doch intime Treffen taugten. Um den Markt zu kontrollieren, gab es Heiratsvermittler, die sich auf Badeorte spezialisiert hatten, die von Juden frequentiert wurden."

Mirjam Triendl-Zadoff beleuchtet die Geschichte dieser Kurbäder als Schnitt-stellen zwischen Kultur-, Literatur- und Medizingeschichte. Mit einer Fülle unterhaltsamer Details schildert sie höchst anschaulich die Entwicklung und Veränderung dieser "temporären jüdischen Orte" vom späten 19. Jahrhundert über den Ersten Weltkrieg bis zu ihrem Ende in den späten 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Deutlich macht die Autorin aber auch, dass dieses Sommeridyll
keineswegs frei von judenfeindlichen Ressentiments war. Die Liebe der jüdischen Gäste zu diesen Orten wurde wohl nur selten erwidert, fehlte es doch nicht an antisemitisch gesinnten Hotelinhabern und Cafébetreibern. Die allerdings trennten Geschäft und Gesinnung sorgfältig voneinander und pflegten ihre antisemitischen Ressentiments und Aktivitäten außerhalb der Kursaison - im Winter. Weshalb man bereits seit den 1890er-Jahren vom "böhmischen Winter-Antisemitismus" sprach:

"Während des Sommers... funktionierte die Zweckgemeinschaft zwischen jüdischen und anderen Karlsbadern recht harmonisch. In dem Moment jedoch, in dem der letzte Kurgast die herbstliche Stadt verließ, radikalisierte sich die Situation und die bis dato tolerante Stadt kanalisierte ihren Deutschnationalismus. Gerade in Karlsbad hatte der Antisemitismus seit dem Karlsbader Judenprivileg Tradition. Tatsächlich scheint es so, als habe sich der Ort gegen den Willen seiner nichtjüdischen Bewohner zum Lieblingsort des europäischen Judentums entwickelt. Und obwohl gerade diese Liebe die Karlsbader so wohlhabend machte, hatten sie den Antisemitismus zutiefst verinnerlicht."

Dieser Antisemitismus wurde jedoch wieder sorgsam versteckt, als im Spätsommer 1921 der 12. Zionistenkongress in Karlsbad tagte. Es war der erste Kongress nach der schmerzlichen Erfahrung des Ersten Weltkrieges und nach der Balfour-Deklaration, in der die britische Regierung sich erstmals öffentlich zu einer "nationalen Heimstätte" des jüdischen Volkes in Palästina bekannte.

Der berühmte Franzensbader Kurgast von 1904 hat das alles
nicht mehr erlebt. Theodor Herzl starb 44-jährig an seinem Herzleiden -
nur sechs Wochen nach seiner Kur in Franzensbad.

Aus der jüdischen Welt

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