"Eine schillernde Figur"
Der Journalist Jörg Blech hat vor einer Vorverurteilung des angeklagten Transplantationsmediziners Christoph Broelsch gewarnt. Allerdings gehöre es wohl zu Broelschs Naturell, sich manchmal über Dinge hinwegzusetzen.
Katrin Heise: Der Essener Transplantationschirurgen Christoph Broelsch muss sich ab heute vor Gericht verantworten, Bestechlichkeit, Betrug und Steuerhinderziehung werden ihm vorgeworfen. Eine Schuld hat er bislang weit von sich gewiesen, denn die Spendengelder seien schließlich der Forschung zugute gekommen. Der Journalist Jörg Blech hat einige Male mit Christoph Broelsch zu tun gehabt, er berichtet zum Beispiel für den "Spiegel" über fragwürdige Nierentransplantationen, die Broelsch durchgeführt hat. Herr Blech, ich grüße Sie recht herzlich!
Jörg Blech: Guten Tag, Frau Heise!
Heise: Was man jetzt im Zusammenhang mit diesen Fällen über bar bezahlte Operationen Todkranker hört, das hört sich für mich nach einem ziemlich, ja, nach einem verheerenden Persönlichkeitsbild dieses Arztes eigentlich an, nach einem skrupellosen Menschen, so was höre ich da raus. Sie kennen ihn, was für ein Typ ist er?
Blech: Ja, ich glaube, man muss natürlich in jedem Fall mit Vorverurteilungen ganz vorsichtig sein und ich glaube, mir würde auch nicht zustehen, da ein Urteil zu fällen. Ich habe den Professor Broelsch als jemanden kennengelernt, der unglaublich meinungsfreudig ist, eine schillernde Figur, und ich kann mir eben auch vorstellen, dass er in der Tat immer eigentlich seine Patienten und die Medizin im Vordergrund sieht und dass es aber auch zu seinem Naturell gehört, dass er dann sich manchmal über Dinge hinwegsetzt. Ich rede jetzt gar nicht über legale oder rechtliche Dinge, dass er einfach sagt, ich als Arzt, ich mache das jetzt. Und der erste Kontakt kam zustande, als Christoph Broelsch gefordert hat, man möge doch Organspender bezahlen, das heißt also entweder Leute, Hinterbliebene, die sagen, der Verstorbene aus der Familie, der hatte wohl den mutmaßlichen Willen, ein Organ zu spenden und er hat immer gesagt, diese Leute sollten doch Geld dafür bekommen. Dann kann man zum Beispiel die Beerdigungskosten davon begleichen und die Familie hat was davon. Und er hat eben auch gesagt, ganz ähnlich sollte man bei Leuten vorgehen, die zum Beispiel eine Niere spenden, also Lebendspender, die überleben das ja. Und das fand ich immer interessant, weil, viele andere Ärzte neigen eher dazu, sich dann damit abzufinden und sagen, in Deutschland gibt es eben restriktive Regelungen und die sind so, und Broelsch tickt anders, der kommt aus den USA, der ist da sozialisiert worden und er hat immer gesagt: Ich möchte versuchen, die Dinge zu verändern. Er sagte eben damals im Gespräch mit uns, die Nächstenliebe allein und den Dank des Vaterlandes können Sie vergessen, wir müssen den Leuten einfach Geld anbieten, damit die Spendenbereitschaft höher wird.
Heise: Natürlich macht man das auch, um Organhandel vorzubeugen. Also, er begibt sich in eine Diskussion und er scheut offenbar nicht, Positionen einzunehmen, mit denen man nicht unbedingt einverstanden sein muss. Jetzt hier diese Spendengelder für Forschungszwecke, für die er todkranke Patienten eben teilweise nur dann bereit war zu operieren – was für ein Motiv sehen Sie dahinter?
Blech: Erstens muss man einfach sagen, das ist ja nur eine Behauptung und die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Wenn es so wäre, dass er Geld sammelt und für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, dann passt das einfach zu seinem Naturell. Ich glaube, er tickt einfach so, er möchte die Medizin weiterbringen, so wie ich ihn kennengelernt habe, ist für ihn dann wohl wichtiger der eigene Ruhm, er möchte wichtig sein, das ist etwas, was für ihn, glaube ich, ganz entscheidend ist, und er möchte auch Gutes tun und die Welt davon wissen lassen.
Heise: Wenn Sie jetzt so davon hören, wundern Sie sich, warum Kollegen da nicht mal eingegriffen haben, die ja sicherlich davon gehört haben?
Blech: Das ist auch so eine Mutmaßung. Das weiß man nicht, ob man davon gehört hat, ich glaube das eigentlich nicht. Solche Dinge laufen ja innerhalb eines Lehrstuhls ab, das ist nicht sehr transparent, ich denke, es gibt aber jetzt so – ganz generell gesprochen – natürlich die Aufsichtspflicht des Krankenhauses, und in diesem Fall ist die Sache ja auch publik geworden. Aber wie gesagt, man weiß ja nicht, in welche Richtungen die Ermittlungen laufen werden.
Heise: Wobei, soweit ich weiß, eher publik geworden durch die Patienten. Günther Jonitz, der Präsident der Berliner Ärztekammer, macht den Chefarztabsolutismus dafür verantwortlich, dass der Chefarzt zum Beispiel am Ende alle beurteilt und sich deswegen schon ein Kollege gar nicht weiter vorwagen würde.
Blech: Das ist eine sehr richtige und interessante Beobachtung, und egal, wie jetzt dieser konkrete Fall ausgeht – er ist ja eigentlich gar nicht erstaunlich. Wir haben einfach in Deutschland die Situation: Es gibt Chefärzte, die oftmals das Recht haben, Privatpatienten zu behandeln, also wir haben im Grunde, wenn man so möchte, eine Zwei-Klassen-Medizin. Warum ist es eigentlich so, dass einige Patienten bevorzugt behandelt werden? Eigentlich sollten wir sagen, wir haben ein solidarisches Gesundheitssystem, das ist nicht so. Es ist sogar so, dass Chefärzte, wenn sie eine Stelle aushandeln, verhandeln, wie die Stelle ausgestattet ist, dann haben sie eben das Recht, privat zu liquidieren, höhere Einnahmen zu haben und nichts anderes ist in diesem Fall ja passiert. Es ist rechtlich völlig legal, dass Patienten unterschiedlich behandelt werden, und offenbar war es so, dass in diesem Fall jetzt hier Krankenkassenpatienten gesagt haben, ich möchte aber auch wie ein Privatpatient behandelt werden und wie auch immer muss da offenbar Geld fließen, um eben das zu erreichen.
Heise: Herr Blech, also, Sie sehen das quasi in diesem Zwei-Klassen-System der Medizin hier in Deutschland, ja, inbegriffen, dass so etwas vorkommen kann?
Blech: Ja, wir sehen ja hier an einem kleinen Beispiel, das Gesundheit, medizinische Betreuung zu einem Geschäft wird. Das ist es, da muss man auch ganz realistisch sein. Man sieht, es gibt ganz viele Beispiele in der Medizin, sobald eine Art und Weise der Behandlung besonders lukrativ ist, wird sie häufiger durchgeführt. Man muss auch dazu sagen, das Recht, Privatpatienten zu behandeln, das kommt nicht nur dem Professor oder der Professorin, also dem Lehrstuhlinhaber, zugute, sondern auch dem Krankenhaus, die kriegen nämlich auch was davon ab.
Heise: Das heißt, sie sind zum Teil auch darauf angewiesen, dass da noch Privatgelder eingenommen werden?
Blech: Es gehört dazu, und das Problem ist einfach, man hat eben zwei Sorten von Patienten in Deutschland und damit fangen die Probleme an. Wie krass die Auswüchse sein können, wenn Medizin zu einem Geschäft wird, das sieht man jetzt in den Vereinigten Staaten. Da sind ja die Leute meistens privat versichert und es wird immer teurer und immer teurer, die Beiträge zu bezahlen und ganze Teile der Bevölkerung können es sich nicht mehr leisten.
Heise: Ja, man sieht es hier jetzt aber durchaus auch, Stichwort Fangprämie, also, wenn Medizin zum Geschäft wird, dann werden Prämien gezahlt, um die Leute eben irgendwo hinzuschicken.
Blech: Genau. Ja, noch mal Beispiel USA: Die teuerste Nacht in Boston ist, wenn man im Emergency Room, also in der Notaufnahme im Kinderhospital übernachtet. Die wollen dann mehr als 8000 Dollar dafür haben. Das zeigt einfach das Riesenproblem, wenn Medizin zum Geschäft wird. Man weiß nicht, wie teuer diese Ware ist. Und dann sieht man das Phänomen: Behandlungen werden nicht nur aus medizinischen Gründen durchgeführt, sondern eben auch aus finanziellen Interessen.
Heise: Auch das könnte man bei diesem Fall ja vielleicht auch sogar anmerken, denn die Transplantationen haben den Todkranken zwar das Leben verlängert, zum Teil aber nicht sehr lang und zu einem sehr qualvollen Leben werden lassen. Das heißt, es ist durchaus die Frage, ob so was eine sinnvolle Behandlung ist, aber die scheint da gar nicht mehr gestellt zu werden.
Blech: Amüsanterweise lassen sich ja viele Argumente ins Feld führen, zu sagen: Lasst euch bloß nicht vom Chefarzt selber operieren, oft sind die Oberärzte viel besser, und es ist in der Tat so, es gibt überhaupt keine Belege dafür, dass der Professor besser operiert und es gibt eben auch oft Operationen, wie in diesem Fall, wo zwar gesagt wird, jemand ist todkrank und wenn ich das mache, dann leben Sie vielleicht länger, das kann aber keiner nachprüfen. Also, es ist letztendlich eine unbeweisbare und unbewiesene Behauptung, die wir als Patienten, wenn wir krank sind, wir sind in dieser Notsituation, wir greifen wirklich nach jedem Strohhalm und sind dann eben auch bereit, dafür Geld zu bezahlen.
Heise: In welche Richtung soll es denn gehen? Ich meine, zum Beispiel so Ethikkommissionen und so weiter gibt es an Krankenhäusern, die ja darauf auch gucken sollen, wie sinnvoll bestimmte Dinge sind.
Blech: Ja, generell, denke ich, sollten Patienten skeptischer sein. Man sagt, dass 20 bis 40 Prozent aller Patienten, die im Krankenhaus irgendwelchen Prozeduren ausgesetzt werden, davon überhaupt keinen Nutzen haben. Und ich glaube, man sollte mal zurücktreten und sich generell besser informieren über auch die Grenzen der Medizin. Interessanterweise gibt es ja eine ganze Reihe von Operationen, die innerhalb der Ärzteschaft und auch der Familie von den Ärzten seltener durchgeführt werden, als im Rest der Gesamtbevölkerung. Das ist auch ein schöner Hinweis darauf, dass viele Operationen überhaupt nicht notwendig sind. Die werden aber oft dann nur deshalb durchgeführt oder gerade besonders häufig, weil man sie gut abrechnen kann. Also, ein konkretes Beispiel, die Herzkatheteruntersuchung, die vor allen Dingen in Deutschland boomt, weil sie hier schon traditionell gut abgerechnet werden kann. Da ist aber die große Frage, inwiefern der Patient überhaupt einen Nutzen von diesen Untersuchungen hat.
Heise: Jörg Blech, Medizinjournalist beim "Spiegel" und Autor mehrerer Bücher über eben unser Gesundheitssystem. Ich danke Ihnen recht herzlich für das Gespräch!
Blech: Vielen Dank!
Jörg Blech: Guten Tag, Frau Heise!
Heise: Was man jetzt im Zusammenhang mit diesen Fällen über bar bezahlte Operationen Todkranker hört, das hört sich für mich nach einem ziemlich, ja, nach einem verheerenden Persönlichkeitsbild dieses Arztes eigentlich an, nach einem skrupellosen Menschen, so was höre ich da raus. Sie kennen ihn, was für ein Typ ist er?
Blech: Ja, ich glaube, man muss natürlich in jedem Fall mit Vorverurteilungen ganz vorsichtig sein und ich glaube, mir würde auch nicht zustehen, da ein Urteil zu fällen. Ich habe den Professor Broelsch als jemanden kennengelernt, der unglaublich meinungsfreudig ist, eine schillernde Figur, und ich kann mir eben auch vorstellen, dass er in der Tat immer eigentlich seine Patienten und die Medizin im Vordergrund sieht und dass es aber auch zu seinem Naturell gehört, dass er dann sich manchmal über Dinge hinwegsetzt. Ich rede jetzt gar nicht über legale oder rechtliche Dinge, dass er einfach sagt, ich als Arzt, ich mache das jetzt. Und der erste Kontakt kam zustande, als Christoph Broelsch gefordert hat, man möge doch Organspender bezahlen, das heißt also entweder Leute, Hinterbliebene, die sagen, der Verstorbene aus der Familie, der hatte wohl den mutmaßlichen Willen, ein Organ zu spenden und er hat immer gesagt, diese Leute sollten doch Geld dafür bekommen. Dann kann man zum Beispiel die Beerdigungskosten davon begleichen und die Familie hat was davon. Und er hat eben auch gesagt, ganz ähnlich sollte man bei Leuten vorgehen, die zum Beispiel eine Niere spenden, also Lebendspender, die überleben das ja. Und das fand ich immer interessant, weil, viele andere Ärzte neigen eher dazu, sich dann damit abzufinden und sagen, in Deutschland gibt es eben restriktive Regelungen und die sind so, und Broelsch tickt anders, der kommt aus den USA, der ist da sozialisiert worden und er hat immer gesagt: Ich möchte versuchen, die Dinge zu verändern. Er sagte eben damals im Gespräch mit uns, die Nächstenliebe allein und den Dank des Vaterlandes können Sie vergessen, wir müssen den Leuten einfach Geld anbieten, damit die Spendenbereitschaft höher wird.
Heise: Natürlich macht man das auch, um Organhandel vorzubeugen. Also, er begibt sich in eine Diskussion und er scheut offenbar nicht, Positionen einzunehmen, mit denen man nicht unbedingt einverstanden sein muss. Jetzt hier diese Spendengelder für Forschungszwecke, für die er todkranke Patienten eben teilweise nur dann bereit war zu operieren – was für ein Motiv sehen Sie dahinter?
Blech: Erstens muss man einfach sagen, das ist ja nur eine Behauptung und die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Wenn es so wäre, dass er Geld sammelt und für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, dann passt das einfach zu seinem Naturell. Ich glaube, er tickt einfach so, er möchte die Medizin weiterbringen, so wie ich ihn kennengelernt habe, ist für ihn dann wohl wichtiger der eigene Ruhm, er möchte wichtig sein, das ist etwas, was für ihn, glaube ich, ganz entscheidend ist, und er möchte auch Gutes tun und die Welt davon wissen lassen.
Heise: Wenn Sie jetzt so davon hören, wundern Sie sich, warum Kollegen da nicht mal eingegriffen haben, die ja sicherlich davon gehört haben?
Blech: Das ist auch so eine Mutmaßung. Das weiß man nicht, ob man davon gehört hat, ich glaube das eigentlich nicht. Solche Dinge laufen ja innerhalb eines Lehrstuhls ab, das ist nicht sehr transparent, ich denke, es gibt aber jetzt so – ganz generell gesprochen – natürlich die Aufsichtspflicht des Krankenhauses, und in diesem Fall ist die Sache ja auch publik geworden. Aber wie gesagt, man weiß ja nicht, in welche Richtungen die Ermittlungen laufen werden.
Heise: Wobei, soweit ich weiß, eher publik geworden durch die Patienten. Günther Jonitz, der Präsident der Berliner Ärztekammer, macht den Chefarztabsolutismus dafür verantwortlich, dass der Chefarzt zum Beispiel am Ende alle beurteilt und sich deswegen schon ein Kollege gar nicht weiter vorwagen würde.
Blech: Das ist eine sehr richtige und interessante Beobachtung, und egal, wie jetzt dieser konkrete Fall ausgeht – er ist ja eigentlich gar nicht erstaunlich. Wir haben einfach in Deutschland die Situation: Es gibt Chefärzte, die oftmals das Recht haben, Privatpatienten zu behandeln, also wir haben im Grunde, wenn man so möchte, eine Zwei-Klassen-Medizin. Warum ist es eigentlich so, dass einige Patienten bevorzugt behandelt werden? Eigentlich sollten wir sagen, wir haben ein solidarisches Gesundheitssystem, das ist nicht so. Es ist sogar so, dass Chefärzte, wenn sie eine Stelle aushandeln, verhandeln, wie die Stelle ausgestattet ist, dann haben sie eben das Recht, privat zu liquidieren, höhere Einnahmen zu haben und nichts anderes ist in diesem Fall ja passiert. Es ist rechtlich völlig legal, dass Patienten unterschiedlich behandelt werden, und offenbar war es so, dass in diesem Fall jetzt hier Krankenkassenpatienten gesagt haben, ich möchte aber auch wie ein Privatpatient behandelt werden und wie auch immer muss da offenbar Geld fließen, um eben das zu erreichen.
Heise: Herr Blech, also, Sie sehen das quasi in diesem Zwei-Klassen-System der Medizin hier in Deutschland, ja, inbegriffen, dass so etwas vorkommen kann?
Blech: Ja, wir sehen ja hier an einem kleinen Beispiel, das Gesundheit, medizinische Betreuung zu einem Geschäft wird. Das ist es, da muss man auch ganz realistisch sein. Man sieht, es gibt ganz viele Beispiele in der Medizin, sobald eine Art und Weise der Behandlung besonders lukrativ ist, wird sie häufiger durchgeführt. Man muss auch dazu sagen, das Recht, Privatpatienten zu behandeln, das kommt nicht nur dem Professor oder der Professorin, also dem Lehrstuhlinhaber, zugute, sondern auch dem Krankenhaus, die kriegen nämlich auch was davon ab.
Heise: Das heißt, sie sind zum Teil auch darauf angewiesen, dass da noch Privatgelder eingenommen werden?
Blech: Es gehört dazu, und das Problem ist einfach, man hat eben zwei Sorten von Patienten in Deutschland und damit fangen die Probleme an. Wie krass die Auswüchse sein können, wenn Medizin zu einem Geschäft wird, das sieht man jetzt in den Vereinigten Staaten. Da sind ja die Leute meistens privat versichert und es wird immer teurer und immer teurer, die Beiträge zu bezahlen und ganze Teile der Bevölkerung können es sich nicht mehr leisten.
Heise: Ja, man sieht es hier jetzt aber durchaus auch, Stichwort Fangprämie, also, wenn Medizin zum Geschäft wird, dann werden Prämien gezahlt, um die Leute eben irgendwo hinzuschicken.
Blech: Genau. Ja, noch mal Beispiel USA: Die teuerste Nacht in Boston ist, wenn man im Emergency Room, also in der Notaufnahme im Kinderhospital übernachtet. Die wollen dann mehr als 8000 Dollar dafür haben. Das zeigt einfach das Riesenproblem, wenn Medizin zum Geschäft wird. Man weiß nicht, wie teuer diese Ware ist. Und dann sieht man das Phänomen: Behandlungen werden nicht nur aus medizinischen Gründen durchgeführt, sondern eben auch aus finanziellen Interessen.
Heise: Auch das könnte man bei diesem Fall ja vielleicht auch sogar anmerken, denn die Transplantationen haben den Todkranken zwar das Leben verlängert, zum Teil aber nicht sehr lang und zu einem sehr qualvollen Leben werden lassen. Das heißt, es ist durchaus die Frage, ob so was eine sinnvolle Behandlung ist, aber die scheint da gar nicht mehr gestellt zu werden.
Blech: Amüsanterweise lassen sich ja viele Argumente ins Feld führen, zu sagen: Lasst euch bloß nicht vom Chefarzt selber operieren, oft sind die Oberärzte viel besser, und es ist in der Tat so, es gibt überhaupt keine Belege dafür, dass der Professor besser operiert und es gibt eben auch oft Operationen, wie in diesem Fall, wo zwar gesagt wird, jemand ist todkrank und wenn ich das mache, dann leben Sie vielleicht länger, das kann aber keiner nachprüfen. Also, es ist letztendlich eine unbeweisbare und unbewiesene Behauptung, die wir als Patienten, wenn wir krank sind, wir sind in dieser Notsituation, wir greifen wirklich nach jedem Strohhalm und sind dann eben auch bereit, dafür Geld zu bezahlen.
Heise: In welche Richtung soll es denn gehen? Ich meine, zum Beispiel so Ethikkommissionen und so weiter gibt es an Krankenhäusern, die ja darauf auch gucken sollen, wie sinnvoll bestimmte Dinge sind.
Blech: Ja, generell, denke ich, sollten Patienten skeptischer sein. Man sagt, dass 20 bis 40 Prozent aller Patienten, die im Krankenhaus irgendwelchen Prozeduren ausgesetzt werden, davon überhaupt keinen Nutzen haben. Und ich glaube, man sollte mal zurücktreten und sich generell besser informieren über auch die Grenzen der Medizin. Interessanterweise gibt es ja eine ganze Reihe von Operationen, die innerhalb der Ärzteschaft und auch der Familie von den Ärzten seltener durchgeführt werden, als im Rest der Gesamtbevölkerung. Das ist auch ein schöner Hinweis darauf, dass viele Operationen überhaupt nicht notwendig sind. Die werden aber oft dann nur deshalb durchgeführt oder gerade besonders häufig, weil man sie gut abrechnen kann. Also, ein konkretes Beispiel, die Herzkatheteruntersuchung, die vor allen Dingen in Deutschland boomt, weil sie hier schon traditionell gut abgerechnet werden kann. Da ist aber die große Frage, inwiefern der Patient überhaupt einen Nutzen von diesen Untersuchungen hat.
Heise: Jörg Blech, Medizinjournalist beim "Spiegel" und Autor mehrerer Bücher über eben unser Gesundheitssystem. Ich danke Ihnen recht herzlich für das Gespräch!
Blech: Vielen Dank!